Der Dores wollte schlafen, er verdrehte die Äugelchen schon und sagte

kein ›Pä‹ mehr. Sie mußten ein Plätzchen suchen; und wenn sie auch hier

eingeschlossen wurden, was schadete das? Waren sie nicht zu zweien?

Klas war noch nicht hier gewesen, sie zeigte ihm die weißen Frauen im

Gebüsch, die nackten Leiber der Nymphen, und er verwunderte sich. Was

taten die hier? Ah, hier war’s mal schön!

Von der Stille und der Einsamkeit kühn gemacht, umschlang er sie

heftig. Den Dores legten sie in das Gras. Fern grollte ein Donner, sie

hörten ihn nicht. Die Bäume waren so hoch, das Dickicht stand so dicht,

die Stimmen des Himmels durchdrangen nicht das grüne Gewirr des Gartens.

Und rings erhob sich ein Schlagen der Nachtigallen in den dunkelnden

Büschen, ein Locken und Schmettern, ein triumphierendes Lied, das

alles andere verdeckte. Es versetzte sie in Entzücken. Sie hatten

beide bisher nie solchen Vogel gehört; in der Eifel gibt’s keine

Nachtigallen. Sie lauschten, im Grase sitzend, unweit des schlafenden

Kindes, die Arme sich um die Schultern legend; beide bleich im

wachsenden Dämmerlicht, und in der immer und immer wachsenden

inneren Benommenheit. Achtzehn Jahr, und soviel gebetet, und so weit

hergekommen, und soviel gesprungen, und nun endlich die erste selige

Rast!

Betäubend rochen Jasmin und Flieder, die schwüle Nacht hatte alle

Blüten erschlossen; von dem Lindenbaum kam es wie Fluten von Duft, aus

der Erde stieg es wie Opferrauch.

Sie taumelten auf – heiliger Willibrord! Ah, sie hatten schon geträumt.

Sie wehrten sich gegen eine erschlaffende Mattigkeit, sie taumelten

weiter. Da war der Pavillon. Schwül ward es um sie, immer schwüler. Da

drinnen mochte es besser sein! Ferne Blitze leuchteten ihnen und die

hunderte von Glühwürmchen im verlassenen Park.

Horch, jetzt ein Donnerschlag! »Heiliger Willibrord!« Erschrocken barg

Bäreb ihren Kopf an des Beschützers Brust.

Aber sie flohen doch nicht. Süß lächelte über ihnen, aus der

zerfallenen Kuppel herab, die Göttin der Liebe.

Die kannten sie noch nicht. – – –

IX

Dem ›Weißen Schwan‹ hatten die Pfingsttage keinen geringen Trubel

gebracht. Seit die Automobile aufgekommen waren, schien es bei den

Belgiern Mode geworden, von Verviers über die Baraque in sausendem

Tempo über Heckenbroich bis hinunter zur Kreisstadt zu fahren. Gegen

diese Geschwindigkeit konnten selbst die Herren Offiziere in ihrem

Krümperwagen nicht an, und wenn die Burschen noch so auf die Pferde

peitschten.

Leykuhlen hatte während des Festes viel Ärger gehabt. Nicht nur, daß

tagsüber das Gerassel in einem fort abwärts ging, auch nachts fand er

vorm Rollen der Räder, vorm Rumoren der Heimkehrenden, vorm Hallo der

Angeheiterten, vor ihrem lauten Sprechen und Durcheinanderschreien

und vor dem huschenden Laternenschein nicht Ruhe. Oder quälte ihn

etwas anderes so, daß er nicht schlafen konnte? Wenn er die Kirche

ansah, ärgerte er sich erst recht. Noch war kein endgültiges Ergebnis

der Wasseruntersuchung eingetroffen – nun, sie würden ja auch nichts

finden, das Heckenbroicher Wasser war gut!

Er verschloß seine Ohren, wenn er hörte, daß nachts an den Brunnen

hantiert wurde; die Eimer rappelten, die Kette, die sie heraufzog,

klirrte, die verrosteten Angeln der Tür quietschten. Wer konnte es den

Leuten verdenken, daß sie sich heimlich ein paar Eimer voll ins Haus

holten, um nicht am Festtag das Wasser so weither schleppen zu müssen?!

Zudem war es sehr warm; es drohte ein heißer Sommer zu werden, und ein

heißer Sommer heißt ein trockener fürs Vennland.

Es waren selten klare und warme Pfingsten. Sonst hatte man immer noch

den ganzen Tag heizen müssen, diesmal bedurfte es nur am Morgen eines

leichten Feuerchens. Die Mittage waren auch hier oben schon heiß,

doppelt heiß erst unten im Städtchen.

Der Kellner und der Aushilfskellner, der Hausknecht und die Magd

im Schwan konnten nicht genug Getränke herzuschleppen. Wer Selters

verlangte, dem machte die schöne Wirtin ein unfreundliches Gesicht,

selbst Bier schenkte sie nicht gern aus. Wein: Moselwein, Rheinwein,

Bowle und Sekt; so war sie’s von ihren Stammgästen, den Herren

Offizieren, gewohnt. Einen kleinen Chartreuse, einen echten Cognac oder

Benediktiner hinten nach, das ließ sie auch gelten. Es waren Erdbeeren

aus Metz zur Bowle gekommen und französische Treibhauspfirsiche, in

Watte verpackt. O, die kostbaren Früchte wurde sie schon alle los,

darum war ihr nicht bange! Sie hatte sich zum Pfingstfest in Aachen

ein neues Kleid machen lassen, bei einer guten Schneiderin mit

Brüssler Geschmack; sie konnte doch hier nicht in dem Nest schneidern

lassen, wenn der Heinrich Schmölder auch die Geschmacklosigkeit besaß,

seine Tochter solche Kleider anziehen zu lassen. Wie er die Kleine

verschimpfierte! Und die sollte nun bald die Braut des eleganten von

Scheffler sein?!

»Hihi!« Die schöne Helene lachte hinter Schmölder her, der, wie

fast täglich, beim Frühschoppen bei ihr gesessen und ihr sein Herz

ausgeschüttet hatte. Der Scheffler, der würde das Geld schon unter

die Leute bringen! Sie wußte nicht recht, warum sie das dem Heinrich

eigentlich gönnte. Er war doch ihr ältester Freund, er hatte ihr schon

die Backen gekniffen, als sie noch in die Schule ging. Sie zuckte die

Schultern, die unter dem neuen schwarzen Kleid, das dünn wie ein Flor

war, glatt und weiß in ihrer appetitlichen Fülle durchschimmerten. Ihr

Rock, auf Seide gearbeitet, rauschte und raschelte; sie lehnte die

Arme auf das rote Kissen im geöffneten Speisesaalfenster und gaffte

ihrem langjährigen Verehrer nach. Hm, der Heinrich wurde alt! Wie

vorsichtig er zutrat, die Jagd machte ihn steif in den Beinen. Den Hut

trug er in der Hand, es war ihm heiß, obgleich die Haare dünn waren.

»Hihi!« Sie kicherte wieder. Warum saß er denn nicht in der Kirche

bei seiner Frau und der Hedwig, da war’s ja hübsch kühl. Einen Bauch

kriegte er auch, bah! Sie hielt eine grausame Musterung. Dabei zog sie

die kurze Oberlippe noch kürzer herauf, daß man hinter dem feuchten

Rot die spitzigen Zähne sah. Wenn der sich einbildete, daß sie ihn

leiden möchte! So ein Alter! Immer hatte er etwas zu grämeln. Auf den

Scheffler schimpfte er: »Ein Windhund!« Ja, ein Windhund war der, da

mußte sie ihm recht geben, aber ein hübscher. Ein famoser!

Frau Helene nahm’s dem schönen Adjutanten weiter nicht übel, daß er

von ihr abgeschwenkt war zu dem kleinen Goldfisch – so was wurde man

mit der Zeit gewohnt – im Gegenteil, sie behielt immer eine gewisse

Fürsorge für ihren früheren Verehrer. Warum wollte der Heinrich dem

schneidigen Menschen denn eigentlich seine Tochter nicht geben? Na

warte, sie würde die Sache mal in die Hand nehmen, sie würde es schon

fertig bringen! Das hatte sie auch dem Scheffler versprochen.

»Warum willst du denn nicht?« hatte sie vorhin zu ihrem ältesten Freund

gesagt und ihn mit ganz bösen Augen angeblitzt. »Bist du denn kein

Windhund? Deine Frau redste wat vor, janz notwendig haste immer wat zu

tun. Nach Ostende jehste auch nit mit, deine Jesundheit verträgt die

See nit – haha – nu denn sitzte bei mir! Och du!« Sie zupfte ihn am

Ohrläppchen. »Mach du dich nit mausig, lieber Mann!«

Er hatte auffahren wollen, aber eins, zwei, drei saß sie ihm auf den

Knieen.

Sie waren allein im großen Speisesaal, in dem die Tische noch mit

saucenbefleckten Tüchern vom vorhergehenden Abend gedeckt waren, und

ganze Massen von Tellern und ungewaschenen Gläsern umherstanden. Es war

noch nicht aufgeräumt. Wer sollte auch sonst wohl so früh kommen?

Heinrich Schmölder, der zu Hause jede kleinste Abweichung von der

gewohnten Ordnung streng rügte, sah hier nichts von Unordnung. Er

schmunzelte, als die flinken Finger der molligen Frau ihm auf dem

Schädel herumkrabbelten. »Du kriegst en Jlatz!« sagte sie, spitzbübisch

lachend.

Er wurde verlegen. »Laß, Lenchen, laß! Laß die Dummheiten!« Aber dabei

hielt er sie doch fest; es kostete ihr Mühe, sich ihm zu entwinden. Ihr

neues Kleid, das sich so prall über den Busen spannte, zog seine Blicke

unwiderstehlich an; und auch seine Finger. Er war rot und heiß. Sie

hatten in aller Frühe schon einer schweren alten Flasche Rheinwein den

Hals gebrochen und einen Cognac vorabgeschickt.

»Wat sagste dann, wenn du nu nach Haus kömmst, woher du so heiß bist?«

fragte sie boshaft und schlug ihm auf die Finger. Sie gab sich dann

selber die Antwort, indem sie ihm nachäffte, wobei sie das Kinn und die

Mundwinkel herabsinken ließ und die Stirn krauste: »Jeschäfte. Selbst

am Sonntag hat man keinen freien Moment!«

Er wußte nicht, sollte er lachen oder böse werden. Lachen war das

Gescheitere, so lachte er denn: in der Tat, so pflegte er zu seiner

Frau zu sagen! Heinrich Schmölder war nicht ohne Humor; den hatten die

Schmölders alle, dafür waren sie aus dem Rheinland gebürtig. »Frech

Dingen,« sagte er schmunzelnd. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen. Ja,

das Lenchen! Wenn er daran dachte, daß er einmal seinen Frühschoppen

ohne sie trinken müßte, konnte ihm jede Lust dazu vergehen; das ganze

Nest war leer und öde ohne diesen lustigen Vogel. O, und Verstand hatte

sie auch! Sie traf den Nagel auf den Kopf.

Die schöne Helene hatte nicht geflunkert, wenn sie behauptete,

Heinrich Schmölder bespräche alles mit ihr. In der Tat war es so; sie

gab an, was für Anordnungen in der Fabrik getroffen wurden – was für

Bestimmungen im Hause getroffen wurden – ob Hedwig in Pension kommen

sollte oder nicht in Pension – ob Frau Schmölder ins Bad reisen sollte

oder nicht ins Bad – ob sie ein neues seidenes Kleid bekommen sollte

oder keins – ob andere Kutschpferde gekauft werden sollten oder nicht

– und jetzt endlich, ob Hedwig Frau Oberleutnant von Scheffler werden

sollte oder nicht.

»No, nu mal ernsthaft, Lenchen, wat rätst du mir?« hatte Schmölder

besorgt gefragt. »Man will doch nit seine einzige Tochter so wegjeben,

sie nur jeheiratet sehen des Jeldes wegen! Man will sie doch jeliebt

wissen, wirklich jeliebt!«

»Jeses, er liebt sie ja!« Sie schrie es lachend. »Du altes Schaf, er

liebt sie ja, siehste dat dann nit?«

Nein, das hatte er nicht gesehen. Galant war Scheffler gegen die Hedde,

aber das war doch noch keine Liebe!

»Lehr du mich die Liebe kennen!« schrie sie ganz erbost und lachte

sich doch gleich darauf eins. Ja, dumm war der Heinrich noch lange

nicht, er hatte es im Gefühl, daß es seinem Beutel galt. Aber wart,

sie wollte ihn schon dumm machen! Beide Grübchenellenbogen, die der

kurze Ärmel frei ließ, auf den Tisch stemmend, das Gesicht in die Hände

stützend, so sich nahe, ganz nahe zu ihm hinüberneigend und ihm einen

Blick zuwerfend, unter dem es ihm heiß wurde, sagte sie weich, fast

träumerisch: »O, ich weiß, wat Liebe is! Und ich sag dir, der Scheffler

liebt sie. Er hat sie janz schrecklich jern. Hier –« sie zeigte auf

irgend einen Stuhl – »hier hat er jesessen, abends, als sie alle

fortwaren, janz allein –«

»So – janz allein?« Er unterbrach sie eifersüchtig. »Und wo warst du?«

»Jott im Himmel, laß mich doch ausreden! Hier –« sie verfiel wieder

in den vorigen pathetischen Ton – »hier hat er jesessen, janz allein,

und hat jeseufzt, dat sich mir dat Herz im Leib erumjedreht hat. Wir

waren müd, wir wollten jern zumachen. ›Herr von Scheffler,‹ sag ich zu

ihm – er hört nit. ›Herr Oberleutnant,‹ sag ich zu ihm – er hört nit.

Ich wurd schon kribbelig. ›Herr Adjutant‹ – er hört wieder nit. ›Herr

Hauptmann‹ – da hört er endlich. ›Haben Sie Zahnping?‹ ›Nein!‹ Er wird

janz rot. ›Herzping?‹ Ich hab ihn jenau beobachtet, ich wußt doch von

dir die Jeschicht mit der Hedwig. Ich sag dir, man sah et ihm an, wie

schlecht dat et ihm zu Mut war! ›Herzweh!‹ – er nickt. ›Ach, werte

Frau, was bin ich so unglücklich!‹ Und dann legte er los, er hat mal

ordentlich sein Herz ausjeschüttet. Nee, die Hedwig wär so reizend,

so süß, und er möcht sich so schrecklich jern mit ihr verloben, et

wär ihm so, als könnt jede Stund ’ne andere kommen, der sie ihm

wegschnappt. Und sie wär ihm auch so jut, dat wüßt er wohl. Weißte dat

dann, Heinrich?« – sie beobachtete den verdutzten Vater unter halb

zusinkenden, blinzelnden Lidern – »wenn er sie ansieht, schlägt sie die

Augen nieder, wenn er ihr die Hand drückt, drückt sie wieder, wenn er

sie auf den Fuß tritt, tritt sie –«

»Dat is nit wahr,« brüllte Schmölder und schlug auf den Tisch, daß die

Gläser zu klirren anfingen. »Dat tut meine Tochter nit! Dat denkst du

dir aus – dat tust du bloß!«

»No, denn – –!« Sie zuckte die Achseln; sie sah ein, sie hatte da etwas

Dummes gemacht und zog geschwind wieder zurück. »Wat du dir auch jleich

denkst,« schmollte sie, »wenn du mich nit ausreden läßt! Ich sag dir,

er sprach so, als ob sie ’ne Engel vom Himmel wär! ›So jut, so rein, so

unschuldig – riesig wohlerzogen‹ – ich sag dir, zum Heulen schön! Aber

du, du wärst immer so jarstig zu ihm, so abwesend, so mißtrauisch, als

wollt er dich bestehlen – und dann hat er jeweint!«

»Och, Dummheit! ’ne Mann, der weint, den mag ich nit,« sagte Heinrich

Schmölder trocken. »Tränen – ich pfeif drauf! Da steckt nix hinter als

die Angst: wie krieg ich meine Schulden bezahlt?!«

»Dat is aber jemein von dir!« Nun wurde sie wirklich böse: sollte all

ihre Mühe an dem Dickkopf hier so verschwendet sein?! Wütend stieß sie

gegen den Tisch, daß die geleerte Flasche herunterpolterte und auf der

Diele zerklirrte. »Dann jeh wo anders hin, wenn du mir nit mehr jlauben

willst – ich bin beleidigt.« Sie warf die Lippen auf und den Kopf in

den Nacken. Ihr Kleid raschelte der Saaltür zu.

»Wat fällt dir denn ein, wat tu ich dir denn? Lenchen!« Er schrie

hinter ihr her, sprang auf und wollte sie halten, aber sie war

geschwinder. Fort war sie.

Erst als Schmölder gegangen war, unwirsch, unzufrieden mit sich selber

und verstimmt über diesen unangenehmen Abschluß seines gewohnten

Frühschoppens, war sie wieder zum Vorschein gekommen. Sie machte eine

lange Nase hinter ihm drein: was der jetzt lief! Er wollte gewiß noch

vor seiner Frau zu Haus sein! Sie lachte in sich hinein: als ob das

was machte, wenn die es merkte, daß er hier bei ihr gesessen hatte!

Freilich, zuerst hatte die sie geschnitten, den Kopf weggedreht, wenn

der Weg sie am Schwan vorüberführte, aber nun –!

Die Glocken fingen an zu läuten, das Hochamt war aus. Helene blieb im

Fenster liegen und ließ die Kirchgänger bei sich vorüber passieren.

Alles mußte hier vorüber, das breite Eckhaus des Weißen Schwans

beherrschte zwei Straßen, die beiden Hauptstraßen der Stadt; außer

diesen gab’s nur noch ein paar winzige Gäßchen, durch die niemand ging.

Die Wirtin vom Schwan bekam viele Grüße; da war nicht einer unter den

Herren, der nicht den Hut gezogen hätte.

Auch der Landrat grüßte, ein wenig steif, ein wenig förmlich; wie

immer korrekt. Sie errötete leicht – oh, sie konnte auch grüßen wie

eine Dame, nicht nur nicken! Aber dabei stieß es sie inwendig vor

Lachen: den hatte sie auch schon anders gesehen, nicht immer war er so

unnahbar! Ein schöner Mann, ein feiner Mann. Wenn kein Militär oben

lag, den langen Winter durch, war er die einzige Erholung!

Jetzt kam Frau Heinrich Schmölder vorüber. Aha, sie rauschte in Seide!

Puh, wie nobel, aber doch kleinstädtisch! Die Blicke der beiden Frauen

trafen sich. Jede zögerte einen Augenblick: wer mußte nun zuerst

grüßen? Dann nickte die Besitzerin des Schwans und Frau Heinrich

Schmölder nickte wieder, ganz gleichgültig – nein, nicht gleichgültig,

recht freundlich, so daß Helene sich gedrungen fühlte, zu rufen:

»Anjenehme Feiertage, Frau Schmölder!«

»Danke sehr, gleichfalls!«

Hedwig war nicht bei der Mama. Sie kam erst ein ganzes Weilchen

später, sie war noch beim Konditor gewesen, um an die Rahmtorte für

heute mittag zu erinnern. Ach, wer weiß, vielleicht machte ›Er‹

heute am Feiertage einen Besuch! Papa konnte ihn dann doch unmöglich

hinauswerfen, Mama würde ihn sicherlich auffordern, zum Essen

dazubleiben. Hedwigs rundes Kindergesicht war ein bißchen schmäler

geworden; wenn sie sich in dem Spiegel sah, seufzte sie immer. Ach, er

war doch so nett – warum Papa nur eigentlich durchaus nicht wollte?

Onkel Josef war auch so eklig. Früher hatte sie ihn schrecklich gern

leiden mögen, förmlich für ihn geschwärmt – er war doch so besonders,

ganz anders wie Papa – aber nein, nun mochte sie ihn gar nicht mehr.

Er hatte neulich zu Papa gesagt, als der so loswetterte über den

unvermuteten Abendbesuch des Herrn von Scheffler: ›Du hast ganz recht,

Heinrich. Diesmal bin ich deiner Meinung!‹ Wie scheußlich von Onkel

Josef, ganz greulich, daß er nun auch noch gegen sie Partei nahm. Ach,

lieben heißt leiden. Ach ja, alles war gegen ihre Liebe! Sie hatte

schon so viele Tränen darum vergießen müssen.

Hedwig Schmölder glaubte oft, sehr unglücklich zu sein. Und dazu kam

noch die Ungewißheitsqual: liebte er sie denn wirklich? Papa war so

gräßlich verletzend, er sagte: ›Ach was, Liebe! Dein – will sagen,

=mein= Geld hat er im Auge!‹ Und Onkel Josef sagte Ähnliches, wenn

auch nicht ganz so grob; aber es schmerzte darum nicht weniger. Die

Siebzehnjährige seufzte im strahlenden Pfingstsonnenschein, als sie

niedergeschlagenen Blickes über das spitzige Pflaster der uralten Gasse

schritt, im blaßblauen Kleid zarter erscheinend als sonst, zart wie die

blaue Blume des Flachses im goldenen Korn, und blütenjung.

»Nanu, Hedchen?«

»Guten Tag!« Hedwig errötete. Eigentlich mochte sie die da, die aus

dem Fenster so lustig auf sie herunterlachte, gar nicht leiden; aus

verschiedenen Gründen nicht. Erstens war die immer so dreist – Onkel

Josef hatte sie mal mit einem schrecklichen Wort benannt – zweitens

war es eine Unverschämtheit, immer noch ›Hedchen‹ zu sagen, und

drittens hatte Scheffler einmal gesagt: ›die schöne Frau im Weißen

Schwan!‹ Schön, schön, die war doch nicht schön?! Und viertens – nun,

viertens mochte sie sie überhaupt ganz und gar nicht leiden. Warum

eigentlich nicht? Darüber wurde sich Hedwig nicht ganz klar, aber es

stieß sie immer etwas zurück von der blonden Frau, die von aller Welt

gekannt und eigentlich von aller Welt gut gelitten war. Aber heute

konnte sie nicht mit knappem Gruß vorüber. Die Frau sah sie mit einer

so bedeutungsvollen Miene an, als habe sie ihr etwas zu sagen. Wie

bezwungen trat Hedwig dem Fenster näher, erwartungsvoll hob sie ihr

junges Gesicht.

Helene lehnte sich weiter hinaus, das volle Weiß des Busens quoll fast

zum Ausschnitt des Kleides heraus. »No, Hedchen, so traurig heut?«

Hedwig wurde rot, sie fühlte es und ärgerte sich über sich selber;

unwiderstehlich schossen ihr Tränen in die Augen.

»No, no,« tröstete die andere, »man macht doch kein so ’n trübseliges

Jesicht, wenn die Sonn so hell scheint! Hat der Papa als emal wieder

jeschimpft? Laß doch den Alten reden – wat de will!« Sie schlug ein

Schnippchen. »Jegen die Lieb is nix zu machen, die setzt doch ihren

Kopf durch!«

»Meinen Sie?« Unsicher sah das junge Mädchen zu der Frau empor.

Jetzt lachte Helene spöttisch hell auf: war die noch dumm! Aber dann

kam ihr die Gutmütigkeit: wahrhaftig, ein lieb Dingelchen, mit der

würde der Scheffler grad machen können, was er wollte! Sie streckte

ihre weiße Hand aus, an der die zwei Eheringe breit-golden glänzten,

und streichelte das erwartungsvoll zu ihr aufgehobene Gesichtchen.

»Besuch mich doch mal, Hedchen – pardon, besuchen =Sie= mich doch mal!«

Sie lachte neckend: »Ich muß doch nu ›Sie‹ sagen, wenn eine bald Braut

wird, nit wahr?«

»Ich – ich bin ja gar nicht bald Braut,« stammelte die Verwirrte.

Die lachende Frau gab ihr einen freundschaftlichen Nasenstüber: »Tu

dich nit so, mir macht ihr kein X für ’n U. Ich weiß Bescheid. Ich kenn

doch den Scheffler als lang jenug – de brennt lichterloh!«

Hedwig stockte der Atem: war das wahr, wirklich wahr, liebte er sie

wirklich so sehr? Ein freudiger Schreck durchrieselte sie. Sie fragte

nicht, woher die blonde Frau das wußte, es fiel ihr auch gar nicht

ein, sich darüber zu wundern. Glückselig, von einem Rosenschimmer

überstrahlt, der ihr unbedeutendes Gesichtchen verschönte, sagte sie

leise: »Ist das auch wirklich wahr?«

»Auf Ehre!« Die warme, mollige Frauenhand drückte kräftig die ganz kalt

gewordenen Mädchenfinger. »Ich jratuliere, Kind! Der Scheffler ist

reizend, so jibt’s jar keinen zweiten mehr!«

»Aber Papa will doch nicht!« Schon wieder senkte die Kleine betrübt den

Kopf. »Er schilt immer so, wenn Egon Besuch macht. Ach, wann soll sich

Egon denn erklären?«

»Och, der!« Die schöne Witwe schlug eine helle Lache auf. »Der findt

schon en Jelejenheit!« Und dann flüsterte sie vertraulich: »Heut kommt

er her – janz bestimmt – um zwei Uhr hat er Diner bestellt – kannste

nit mal vorkommen, so janz wie von unjefähr?«

Er kam, er kam! Selig strahlte Hedwig. Aber hier herkommen?! Nein, das

tat sie nicht.

Helene zuckte die Achseln: »Jott nee, so etepetete?! Aber wat tut man

nit für verliebte Leut! Der Scheffler is ja ’ne alte Freund von mir,

und – weißte wat, Hedchen?« Flüsternd neigte sie ihr hübsches Gesicht

auf das des jungen Mädchens herunter, daß dieses den ganzen warmen

Duft, den ganzen süßlichen Parfümgeruch einatmete, der die schöne Frau

immer umwogte. »Weißte wat, sei heut nachmittag, so um fünf erum, in

eurem Jarten – mach die Jattertür auf, dat er nit zu schellen braucht

– ich schick ihn hin – dann könnt ihr euch jut aussprechen. Wenn

=ihr= erst emal einig seid, muß der Alte auch ja sagen. Haste mich

verstanden? Um fünf, nach dem Diner – dat is heut sehr fein, Sekt

trinkt er auch – ich schick ihn – –«

Sie fuhren auseinander. Es kamen gerade Bekannte die Straße entlang,

und der erste Wagen mit Gästen fuhr beim Schwan vor. Hedwig hatte nur

noch gerade Zeit, bedeutungsvoll ›Ja‹ zu nicken. Jetzt gab’s keine

Bedenken mehr. –

Eine Stunde später strömten die Gäste schon. Wagen auf Wagen, und die

verhaßten Automobile. Wie Ungetüme saßen die Automobilisten darauf,

um sich dann zu entpuppen als elegante Kavaliere aus Belgien, die mit

ihren schicken Damen hier das Pfingstfest zu feiern gedachten.

»Hören Sie mal, Donnerwetter, Helene, so hören Sie doch mal!«

Die Herren vom Lager fühlten sich heute etwas hintenangesetzt: es waren

zu viel Fremde da, die auch gut dinierten und Sektpropfen springen

ließen. Die schöne Frau Wirtin wußte nicht, wem sie zuerst ihr Lächeln

schenken sollte.

»Die Frau muß ’nen Docht haben, ’nen höllschen Docht!« Der Stabsarzt

konnte nicht umhin, dies bewundernd anzuerkennen. Nun ging es schon

auf fünf Uhr, und sie war noch auf keinen Sitz gekommen. Bald hierhin,

bald dorthin; bald wurde da was gewünscht, bald da. Der ganze Saal

rappelvoll, Tisch eng an Tisch gerückt; kaum zum Durchwinden, und dabei

eine Hitze, ein Lärm, ein Geklapper! Und sie immer mitten dazwischen,

immer lächelnd, immer fidel, nicht ein bißchen müde, appetitlich, zum

Anbeißen nett in dem klaren Kleid, das unter seinem dünnen schwarzen

Flor den Busenansatz und die weiße Atlashaut schimmern ließ.

Wo’s not tat, griff Frau Helene, sie, die sonst so träge war, selber

mit an; heute galt’s. Das war eine Ernte, nicht nur an Geld, nein,

auch an bewundernden Blicken. Mit ihren schönen Armen hob sie eine

Schüssel, reichte sie über Tische und Stuhllehnen und trug sie, ein

wenig erhoben, trotz ihrer Schwere. Sie fühlte es, daß sie sich so gut

machte, und das gab ihr die Lust, selber mit einzugreifen. Ihre Blicke

jagten die Kellner.

Wie eine Königin, dachte Abeking. Nein, wie ein Bild! Er stieß den

Stabsarzt an: »Sieht sie nicht aus wie Tizians Tochter?«

»Nanu!« Der gemütliche Stabsarzt lachte sich eins. »Die Dicke, in der

Tat, die haben beide gemeinsam!«

»Von wem reden Sie denn eigentlich?« Scheffler wußte nichts von Tizians

Tochter; er war im Kadettenkorps erzogen, er hatte nicht Zeit gehabt,

Galerien zu besuchen.

»So so, ganz recht,« sagte er zerstreut, als Abeking, empört über den

Stabsarzt, der von ›Dicke‹ sprach, den Streitfall vorlegte. »Sehr nett,

ja ja!«

Das Kreuz im Venn · 第 13 / 27 段