sich, die weißen Häuser von Echternacherbrück wurden eben rosig
bestrahlt, als auch schon wieder Prozessionen eintrafen. Die waren die
Nacht durch gewandert von ihren Ortschaften her; nun begrüßten sie das
St. Willibrorduskreuz, unweit des schwarzweißen Grenzpfahls, wo die
Kanzel errichtet ist und der Priester die Gläubigen segnet zu Beginn
der Springprozession. Sie begrüßten Kreuz und Kanzel mit frommem Gesang:
»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir,
Kyrie eleison,
All unsre Not wir klagen dir,
Alleluja, alluja,
Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«
Der Niklas hatte sich auf den Ellenbogen gestützt und betrachtete im
goldhellen Morgenlicht das Gesicht des schlafenden Mädchens neben
sich. Gestern hatte er ihr Gesicht nicht mehr gut erkennen können, er
hatte nur die junge zitternde Stimme gehört und das dankbare Schmiegen
an seine Seite gefühlt, heute sah er erst, wie hübsch Bäreb war. Er
betrachtete sie lange und mit Wohlgefallen: das war ein liebes Mädchen,
ein arg hübsches Mädchen, eines, wie er daheim noch keins gesehen
hatte!
»Bärbche!« Flüsternd sprach er ihren Namen aus; aber sie schlief
noch fest, sie rührte sich nicht. Was sie für schöne Bäckchen hatte,
zartgelblich und ein Rot drauf in einem Flaum, wie die Frucht ihn
hat, wenn sie reifen will. Und lange Wimpern hatte sie wie schwarze
Seide; schwarze Augen mußte sie haben. Die mochte er gern. Er konnte
nicht erwarten, daß sie sie aufschlug. Vorsichtig nahm er die wärmende
Joppe von ihr und dem Knaben und sprach leise: »Bärbche, stieh up, et
is eweil höchste Zeit!« Er wagte es, ihr mit seiner Hand die Wange zu
streicheln.
Da schauerte sie zusammen, seufzte, schlug die Augen auf und sah ihn
an. Ihre schwarzen Augen erglänzten: oh ja, sie wußte gleich, wo sie
war, da war ja der Klos! Sie lachte ihn an, sie war so froh, ihn zu
sehen: nun war sie nicht mehr allein in aller Christenheit, sie waren
zu zweien.
»Jute Morje, Klos!«
»Gude Morge, Bärbche!«
Dann bekreuzte sich Bäreb und sprach ein Morgengebet, und der Bursche
bekreuzte sich auch und sprach mit, sie froh betrachtend:
»Es segne mich die Jungfrau rein
Mit ihrem lieben Kindelein!
Amen!«
Er half ihr, den Dores wach machen. Der Knabe sah blaß aus und schlief
wie ein Toter; unter seinen geschlossenen Äugelchen lagerten die
Schatten schwarzblau, und sein Mund war schmerzlich verzogen.
»Wenn et eso ’ne heiße Dag wierd, dann es hen immer nit eso jot,«
seufzte Bäreb. Aber dann lächelte sie: ob heiß oder kalt, bald würde er
ja keinen Unterschied mehr empfinden, bald war er gesund! Sie machte
das Zeichen des Kreuzes über dem Brüderchen: »Bitt für ihn, heiliger
Willibrord! Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erlöse ihn!« Dann
wusch sie ihn mit dem Wasser des Flusses und wusch sich auch selbst
Gesicht und Hände.
Ohne Scheu vor dem gaffenden Burschen löste sie ihr langes Haar und
strählte es mit dem Kamm aus ihrem Bündel. Puh, wurde es aber mächtig
heiß! Sie lüftete sich das Kleid am Halse. O weh, schon stach die
Sonne, als wollte es ein Gewitter geben!
Hinter der Berglinie starrten Wolken wie Spitzen. Das Sauertal war voll
von glimmerigem Duft.
Als die Maximiliansglocke ihr Dröhnen anhub, und man aus der Stadt das
Veni Creator der Geistlichkeit schallen hörte, die von der Kirche zur
Brücke hinabzog, war es noch zeitig am Morgen, aber schon trockneten
sich viele den Schweiß ab, und man sah große Regenschirme aufgespannt
zum Schutz gegen den Sonnenbrand. Doch der Gendarm befahl, sie
zuzumachen.
»Paaß up, dat de mich nit verlierst,« flüsterte Niklas noch rasch Bäreb
zu im wilden Gedränge. »Nach der Prozession, unner de Trepp am St.
Willibrordus-Brunnen, lao stiehn ech!«
Sie nickte nur, sie wagte nicht mehr zu sprechen.
Das war etwas Gewaltiges, etwas Herrliches, etwas nie Geahntes!
Voran mit blitzenden Pieken drei Männer in langen, leuchtend-roten
Gewändern, ein Trupp von Chorknaben hinter ihnen mit Kreuz und Fahne.
Und dann singend und betend viel tausend Männer:
»Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,
Heiliger Willibrord, ein eifriger Ausleger der Lehre Christi,
Heiliger Willibrord, ein sanfter Wegweiser der Irrenden,
Heiliger Willibrord, eine wahre Stimme Gottes,
Heiliger Willibrord, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des
Herrn,
Heiliger Willibrord, hell glänzender Stern unsres Landes, eine
unerschütterliche Grundsäule des wahren Glaubens,
Heiliger Willibrord, bitte für uns!«
»Erhöre uns, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Hohe Weiberstimmen
mischen sich zeternd ein, gellende Kinderstimmen kreischen im höchsten
Diskant.
»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!«
Mächtiger schwellen die Stimmen der Psalmodierer, ein Strom von
Anrufungen wälzt sich vor den Geistlichen her; mit der Fahne des
heiligen Willibrord, mit der prächtig strahlenden, folgt die den
Sängern.
Geistliche Herren, und immer wieder geistliche Herren, ihr Zug nimmt
kein Ende. Große und kleine, dünne und dicke, schwarze und blonde, alte
und junge; von weit her, von nah her, aus Klöstern, aus Kirchen, aus
Städten, aus Dörfern, aus Deutschland, aus Frankreich, aus Belgien, aus
England, aus Holland, aus Italien, aus aller Herren Ländern, aus aller
Welt. Lauter Brüder in Christo, Söhne der Kirche, verstreut über die
ganze Erde, heut sich zusammenfindend unter dem Banner des heiligen
Willibrord.
»Heiliger Willibrord! Heiliger Willibrord!«
Von den Bergen hallt es im Echo, alle Glocken der Stadt rufen es
dröhnend, durch die heiße Luft zittert es in stetem Vibrieren, im Auf-
und Abschwellen, bald hoch und bald tief, bald laut und bald leise,
bald jauchzend, bald klagend, bald freudig, bald schmerzvoll; hundert-
und tausend- und abertausendfach, und zum hundertsten und tausendsten
und abertausendsten Male: »Heiliger Willibrord, bitt für uns!«
Die Stadtmusik hebt den Springprozessionsmarsch an:
›Adam hatte sieben Söhn’
Sieben Söhn’ hatt Adam‹ –
Wer könnte da stille stehn?!
Bäreb fühlte sich mit fortgerissen im hüpfenden Wirbel. Fünf Schritte
vor, wieder drei Schritt zurück – so sprangen alle.
In langen Reihen hüpften die Schulkinder, die Waisenkinder, die
Zöglinge aus all den Klöstern; die Knaben in Hemdärmeln, wie zum Spaß,
wie Bachstelzen zierlich die Mädchen. Ihnen wird es leicht, noch zieht
die Bürde von Leib und Seele sie nicht zu Boden.
›Sieben Töchter muß er han,
Eh er sie bestaden kann!‹
Das ist eine Musik! Sie dreht einem die Seele im Leibe herum, sie
lockert alle Gelenke, die Füße heben sich wie von selber im Takt; es
geht gar nicht anders, man muß mit, muß hüpfen, springen, da hilft kein
Widerstand. Alte werden zu Jungen, Gichtgeplagte zu munteren Böcklein.
Fünf Schritte vor und drei zurück – man kommt nicht aus der Stelle und
springt doch so hoch, springt, springt, springt – fünf vor und drei
zurück. »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Bitte für uns, heiliger
Willibrord!«
»Heiliger Willibrord!« Hinter Bäreb schrie eine gellend laut. Das war
die Blonde! Bäreb erkannte die Stimme gleich; sie mußte sich wenden,
sie verfehlte dadurch einen Sprung, sie kam aus der Reihe – nun war
sie nahe der Schreienden. Widerwillig guckte sie hin und war doch
gezwungen, unverwandt hinzusehen. Was schrie die so laut, was sprang
die so hoch?!
Über das rote Gesicht der Blonden lief stromweis der Schweiß, den Hut
hatte sie verloren. Alle die großen Haarnadeln spießten ihr aus dem
Haar; jetzt fielen die mächtigen Zöpfe herunter, bei jedem Sprung
patschten sie auf den Rücken. Die Eifrige hatte keine Zeit, sie wieder
aufzustecken; sie hatte sich mit Mutter und Tante angefaßt, aber nicht
an den Händen, sie hielten je ein leinenes Handtuch zwischen sich.
Und Bäreb sah, daß es viele so machten; die Schuljungen hielten die
Kittelchen zwischen sich, die Mädchen Taschentücher, viele Männer
benutzten ihre Röcke dazu, die Weiber ihre Schürzen; was sie gerade
hatten, nur mußte es stark sein, daß es nicht riß beim gewaltigen
Zupfen und Zerren. Wie in einer Schaukel ging’s auf und nieder. Bald
schwuppte die Welle der Springer zur Linken und bald zur Rechten.
Straff wurden die Tücher gespannt, wo einer strauchelte, riß man ihn
daran wieder in die Höhe.
Bäreb sprang ganz allein; sie hatte sich mit niemandem angefaßt, sie
hatte ja auch gar keine Hand frei gehabt, der Dores hing ihr am Halse.
Schon wurde ihr der rechte Arm, auf dem er saß, schwach, sie mußte die
linke Hand noch stützend unterhalten. Fünf Schritt vor und drei zurück.
Sie machte gewissenhaft den vorgeschriebenen Sprung – ach, daß sie nur
besser dabei beten könnte! »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Wir
bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Ihre Lippen bewegten
sich; sie murmelte, wie alle unausgesetzt murmelten, aber ihre Gedanken
fuhren umher. Sie hatte den Heiligen so inbrünstig bitten wollen, dem
Dores zu helfen, der Mutter zu helfen, – nun dachte sie gar nicht
daran. Die Schreie der Blonden gellten ihr im Ohr.
War die denn nicht recht bei Trost, daß sie so hopste?! Von Mutter
und Tante hatte sie sich losgerissen, Sprünge machte sie eine halbe
Elle hoch; den Mund hielt sie offen, die Augen drückte sie heraus, wie
Schaum trat der Speichel ihr auf die Lippen. Die Zöpfe waren ihr jetzt
ganz aufgegangen, die losen Haarsträhnen züngelten wie Schlangen bei
jedem Sprung. Oh, das war gräßlich anzusehen!
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
Ah, sieh da, die ganz alte Frau mit dem uralten Mann! Bäreb blieb
vor Staunen der Mund offen. Ein altes Pärchen überholte sie. Sie mit
schlohweißem Haar, und er mit schlohweißem Haar; sie hielten sich an
den Händen, sie sprangen so sicher im gleichen Takt, sie brauchten
keinen anderen verbindenden Halt. Ordentlich schön sah sich das an; die
alten Gesichter unterm weißen Haar stachen so freundlich ab gegen die
glühenden, verschwitzten rund um sie her. Ei, die konnten es gut, die
sprangen gewiß schon zum hundertsten Mal!
Bäreb fühlte sich lahm werden. So jung sie war, sie war doch müde,
der Dores war schwerer, als sie gedacht hatte. »Heiliger Willibrord!«
Sie tat einen Stoßseufzer. Das blonde Mädchen war ihr schon aus dem
Gesicht, auch der Greis und die Greisin; andere Gesichter tauchten auf
und tauchten unter um sie her, andere Gestalten.
Mit Schnedderengdeng spielte die Musik den Springprozessionsmarsch.
Die Gemeinden hielten sich zusammen, vorn ein Musikkorps, hinten ein
Musikkorps, keines stimmte zum andern; wenn das eine den Anfang blies,
fiedelte das andere gerade den Schlußsatz. Aber im Wirrwarr der Töne,
im Durcheinander der Instrumente – Pfeife und Geige, Trompete und
Flöte, Trommel und Harmonika, Pauke und Cymbel – rang doch die Melodie
sich siegreich durch, sprangen doch die tausend und abertausend Füße
gemeinsam:
›Adam hatte sieben Söhn’,
Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹
An den Fenstern der Häuser drängten sich Zuschauer; sie hingen zu
den Fenstern hinaus, förmlich übereinander. Bäreb sah nicht hinauf
zu ihnen, sah nicht, daß viele nach ihr hingafften. Es blieb ein
wenig Platz hinter ihr und ein wenig vor ihr, sie sprang so ganz für
sich allein; das willenlose Haupt des Knaben baumelte ihr über die
Schulter, in einem schmerzlichen Erstaunen waren ihre Augen weit
aufgetan. Sie bemerkte es gar nicht, daß sich blitzgeschwind mehr als
ein Kodak auf sie richtete. Man photographierte einzelne Gruppen der
Springprozession, man photographierte auch sie.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Mit starkem Anruf stürmten neue
Springer heran.
Ein Brummen von Tönen, ein Summen von Gebeten umschwirrte Bäreb. Sie
sah bekannte Gesichter: da war die Frau mit dem Kropf! Da der dicke
Mann! Die Frau mit dem Kropf sprang an der linken Flanke einer Reihe
von Weibern, ihren Henkelkorb hatte sie noch am Arm, mit der freien
Hand hielt sie sich an der Nachbarin; sie jappte und ächzte, ihr dicker
Kropf schütterte bei jedem Sprung, er baumelte ihr am Hals wie ein
schweres Säckchen. Ah, und der Dicke! Josef Maria, wie sah der denn
aus?! Bäreb fühlte ein heftiges Mitleid; sie hätte ihm gern ihren Arm
zur Stütze geboten, aber sie konnte ja nicht, sie hatte genug am Dores
zu schleppen.
Sie kam dem Dicken jetzt vor, aber sie wendete den Kopf noch ein paar
Mal nach ihm. Ach, der freundliche Mann, der sie mit Bier und Wurst
traktiert hatte, jetzt sah er gar nicht mehr freundlich aus! Den Kragen
riß er sich vom Hals, als würge ihn der, den Rock riß er voneinander,
als quetsche der ihm den Leib ein. ›Heili – ger – Willi – brord!‹ Sie
hörte ihn stöhnend beten. Er stammelte immer nur eine Silbe zwischen
zwei schnappenden Atemzügen. Er trocknete sich nicht einmal das Gesicht
ab; das rotgelbe Sacktuch hielt er wohl in der Hand, aber gebrauchen
tat er’s nicht mehr, er ließ das rinnen, was wie ein Bächlein von ihm
ablief an Angstschweiß. Auch Bäreb schwitzte.
Wer sollte heute nicht schwitzen? Wie Feuer fällt es vom Himmel, hinter
den Wolken sticht die Sonne herab und sengt durch die Kleider. In
einen undurchdringlichen Dunst von Staub und Schweiß gehüllt, hüpfen
die Springer. In den engen, überfüllten Gassen, die die Prozession
durchwogt, fächelt kein Lufthauch. Bleischwer die Luft, bleischwer die
Glieder, dumpfer das Beten.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns,
Erlöse uns, heiliger Willibrord!«
Schon versagen ein paar. Eine junge Frau schwankt, schwach werdend, aus
der Reihe; man lehnt sie gegen ein Haus, man labt sie, man setzt ihr
einen Stuhl vor die Haustür, aber sie nimmt ihn nicht an, sie rafft
sich auf. Schon springt sie wieder, sie schließt sich einer neuen Reihe
von Weibern an.
Fester umklammern die verschwitzten Hände die verbindende Brücke,
zu Stricken sind Röcke und Tücher zusammengedreht; die gesteiften
Hemdärmel der Männer sind schlapp geworden, die Hüte der Frauen sind
ins Genick gerutscht, das Haar hängt in Strähnen. Erschöpfung, Ermüdung
auf allen Gesichtern, aber –
›Adam hatte sieben Söhn’,
Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹
fünf Schritte vor, drei Schritt zurück. Wer den Sprung nicht
gewissenhaft tut, findet keine Erhörung. Und noch sind so viele Sprünge
zu springen, ehe man vom Vulpert her durch die Schulergasse den
Willibrordusbrunnen erreicht hat und die Treppe zur Pfarrkirche, die der
steilen Stufen dreiundsechzig zählt. Ein Weg, zwölfhundertundfünfzig
Meter lang, dreifach, nein, fünffach zu machen!
Wenn die Musikanten Luft schöpfen, den Speichel aus ihren Trompeten
schütteln, wenn das sinnverwirrende Chaos von Tönen ein paar
Augenblicke schweigt, dann verschnaufen sich die Springer. Sie ringen
nach Luft, sie stöhnen beim Atmen, sie zittern, sie ächzen: »Heiliger
Willibrord!« Wasser und Wein in Krügen und Eimern, Limonade in Kübeln
wird gereicht aus den Häusern; die Bürger von Echternach laben die
Springer. Mit Gier reißt man dem Spender den Krug aus der Hand, man
schluckt, man schüttet das Naß in sich hinab, man säuft wie ein Tier,
das am Verschmachten ist, ohne Besinnen; man gießt sich das Wasser
schier über den Kopf. Volle Eimer sind in Augenblicken geleert, nichts
ist kühlend genug, nichts ist durstlöschend. Feuer vom Himmel, Feuer in
der Kehle, Feuer im ganzen Gebein; aber auch Feuer im Herzen.
›Adam hatte sieben Söhn’ –‹
Kaum daß die Melodie sich wieder erhebt, so tritt man auch schon wieder
zum Tanze an; man ist entbrannt, zu springen, man ist entflammt zum
heiligen Willibrord.
Lauter erheben sich die Gebete. Je matter die Füße werden, desto
inbrünstiger die Litaneien. Die Sonne gibt keinen Schein mehr, unter
dem bleiernem Himmel gellen die Anrufe: »Heiliger Willibrord, höre uns!
Heiliger Willibrord, erhöre uns! Heiliger Willibrord, erlöse uns!«
Die Röte der Gesichter ist verblichen; heiß sind sie noch, aber blaß
sind sie geworden, sehr blaß. Hier wankt einer halb ohnmächtig, vom
Nebenmann rechts und vom Nebenmann links unterm Arme gehalten; er hat
die Augen geschlossen, er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, aber er
springt – er springt.
Dort hat ein Epileptiker seine Zuckungen wieder, er rollt mit den
Augen, seine Glieder schlenkern, noch springt er im Takt. »Heiliger
Willibrord!« Mit schäumendem Mund stürzt er jäh hin aufs Pflaster. Man
läßt ihn liegen, es rasen die Waller an ihm vorbei, sie treten ihn fast
unter die Füße.
›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹
Man muß springen, springen. Weiter, immer weiter im Takt – fünf
Schritte vor, drei wieder zurück – heiliger Willibrord, heiliger
Willibrord!
Bäreb fühlte ihr Herz klopfen, als hämmere ein Hammer darin. »Heiliger
Willibrord!« Sie schrie es laut vor Angst. Kam denn noch immer der
Brunnen nicht? Und dann die Treppe? Wie lange sollte das Springen
noch währen? Sie konnte nicht mehr. Wie Blei drückte der Bruder auf
ihrer rechten Schulter, sie warf ihn auf ihre linke herum. Heiliger
Willibrord, hilf! So ging’s wieder ein Weilchen. Wie Schwalben im
eiligen Flug den Gewitterhimmel durchqueren, so durchschossen Gedanken
ihr betäubtes Hirn: warum sprangen denn alle die Leute hier wie die
Tollen? Tat’s denn nicht ein Wallen zum Gnadenbild auch, oder ein
frommes Gebet zu Gott oben im Himmel? Nein, nein – fünf vor und drei
zurück – heiliger Willibrord, heiliger Willibrord – Adam hatte sieben
Söhn’, sieben Söhn’ hatt’ Adam – wer nicht sprang bis zuletzt, die
Treppe hinauf, zur Kirche hinein, durchs linke Schiff bis zum Chore
hin, bis zum Grabe des Heiligen und um dieses herum, und weiter, immer
weiter, durchs rechte Schiff der Kirche wieder hinaus, und unter
die Kastanien und Linden, die draußen stehen, und dreimal ums große
Missionskreuz herum, der hatte seine Wallfahrt nicht wohlgetan!
Bäreb nahm all ihre Kräfte zusammen; jetzt zog nichts, weder rechts
noch links, weder vor noch hinter ihr, ihre Gedanken mehr ab.
An ihrem Hals greinte der Bruder. Sie preßte ihn krampfhaft mit beiden
Armen fest. So wollte sie ihn emporheben, so dem Heiligen hinhalten,
daß der ihn auch sah!
»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Der Schrei steckte an; sie
schrie wie die anderen. Wie Rasende stürmten die Weiber dahin, sie
wollte die Letzte nicht sein. Voran, zum heiligen Willibrord, wer sich
ihm naht, den erlöst er! Einer Trunkenen gleich stolperte sie sinnlos
weiter; sie waren alle im Rausch. Die schwirbelnde Tanzmusik hatte
alle erfaßt, die riß auch die zum Tod Matten mit weiter. Da – einen
Augenblick stockte der tanzende Marsch.
Ein Mann lag am Boden; er lag wie gefällt, blaurot im Gesicht. Oh, der
Dicke! Von einem flüchtigen Bedauern durchzuckt, erkannte ihn Bäreb.
Aber –
›Adam hatte sieben Söhn –‹
schon hüpfte sie weiter; sie dachte seiner nicht mehr.
Sie konnte nichts denken, sie konnte nichts fühlen, sie konnte nur
springen. Keine Ermattung empfand sie mehr, und nicht mehr die Last
des Dores, federleicht dünkte der Knabe sie schier, sie sprang wie ein
Fohlen.
Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord! Jetzt war sie ihm nahe!
Abgetreten schleppte ihr Kleidersaum, ihre Schuhbänder schleiften. So
wie die Blonde mußte man’s machen! Jetzt sah Bäreb wieder. Aber was sie
vordem entsetzt hatte, das bestaunte sie nun. Oh, so wie die, die rief
den Heiligen gewaltig auf sich herab!
Wie eine Mänade flog das blonde Geschöpf. Es hatte sich die Taille
aufgerissen, die Brüste quollen über den Leibchenrand, das rosige volle
Fleisch glühte in zuckender Brunst. Mutter und Tante beteten laut, es
beteten alle rund um sie her, sie übertönte alle: »Heiliger Willibrord,
heiliger Willibrord!« Ihre Augen glühten in irrsinniger Lust. Ein
Satz, und sie war am Brunnen vorbei – ein Satz, und sie flog die Stufen
hinan. Hoch sprang sie, höher als alle, bis ans Knie schwuppten ihr
die Röcke hinauf, als Mähne flatterte das gelöste Haar um sie her.
Jetzt ein gellender Schrei, fast klang’s wie ein Brüllen: »Heiliger
Willibrord!« Sie streckte die Hände aus – jetzt war sie fast oben – da
– ein Gurgeln, ein Bäumen – Mutter und Tante packten noch gerade zu: da
lag sie in Krämpfen.
›Heiliger Willibrord, bitte für uns,
Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹
* * * * *
Um acht Uhr am Morgen hatten die Springer zu springen angefangen,
jetzt war es zwei Uhr Nachmittagszeit; die Prozession war zu Ende, die
unruhig hüpfende, antreibende, anfeuernde, beschwörende, betörende
Melodie verstummt. Zwanzigtausend und mehr waren gesprungen. Nun
sprangen sie nicht mehr, aber der Rausch war noch nicht verflogen.
In den Wirtschaften am Markt drängte es sich; solche, die sonst kaum
einen Groschen hatten fürs Allernotdürftigste, heute hatten sie Geld.
Sie aßen, sie tranken, sie ließen sich’s wohl sein, St. Willibrordus,
der Wunder tut, der hatte auch sie erhört an seinem Feste. Wo war alles
Leid? Es war vergangen.
Am St. Willibrordusbrunnen stand Bäreb und kühlte mit dem Wasser
ihr erhitztes Gesicht und schlürfte mit brennenden Lippen. Auch dem
weinenden Dores gab sie zu trinken, und er ward still. Vor ihr hatte
ein Vater geschöpft und seinem Kinde den häßlichen Grind am Brunnen
gewaschen; ihr ekelte nicht. Köstliches Wasser, heiliges Wasser! Es
heilte alle Gebrechen. Feuerwehrleute schleppten einen Körper herbei,
sie trugen ihn vorüber ins Kloster zum Guten Kind Jesu. Ach, der Dicke!
Bäreb erkannte plötzlich den, den sie trugen. Und sie schöpfte rasch
mit der hohlen Hand und rannte der Leiche nach und besprengte sie mit
dem erlösenden Wasser.
Und dann dachte sie an den Klas. Er war noch nicht am Brunnen.
Stundenlang hatte sie nicht seiner gedacht, nun aber; und noch in
demselben Rausch wie vordem bebten ihre entflammten Sinne. Wenn er doch
käme! Es verlangte sie heiß nach ihm. Sie mußte sich mitteilen, ihr
Herz war zu übervoll. Heiliger Willibrord – Klas, Klas – wo blieb er
denn?! Ah, da stand er ja! Sie stürzte auf ihn zu.
Er hatte schon lange hier gestanden und auf sie geharrt, sie hatten
sich nur nicht gesehen in der strömenden Menschheit. Sie preßten sich
jetzt die Hände, froh, sich wiedergefunden zu haben. Er war heiß
und erregt und froh wie sie. Er hatte ja gut gesprungen, er war so
gewiß, daß der Heilige ihn gehört hatte. Im Schatten der Kirche, in
einem Winkelchen, zog er sie an sich. Sie ließ sich gern streicheln –
heiliger Willibrord! Der segnete sie heut.
Sie flüsterten, sie tuschelten, die Wangen nah zu einander geneigt.
»Biste müd?« fragte er zärtlich.
Sie verneinte lachend. Oh nein, müde war sie nicht, nur ein Beben in
den Knieen war ihr geblieben, ein Rieseln durch den ganzen Leib.
Er trug ihr den Dores, sie hatte sich in seinen anderen Arm eingehenkt.
Ihr Herz war so leicht, so voll seliger Lust: nun war es vorüber, es
war geschafft! Aber noch einmal hätte sie springen können, so frisch
war sie jetzt. Sie schwatzte in aufgeregter Heiterkeit; auf ihren
Wangen flammten zwei Rosen. Soviel hatte sie sonst nicht in Wochen
gesprochen, die Worte sprudelten ihr vom Mund, sie war eine andere.
Fromme Gedanken und Gedanken der Lust rüttelten ihr die Sinne. Zum
Markt, zum Markt!
Er wollte ihr etwas kaufen. Glückstrahlend nahm sie von ihm ein
Pfefferkuchenherz; sie aß die Hälfte, er aß die Hälfte, nun waren sie
wie verlobte Leute, nichts konnte sie trennen. Aber weiter wollte sie
nichts von ihm annehmen, er hatte ja auch nicht viel, sie mußten doch
heute noch leben. Heute, nur heute noch; an das Morgen dachte keines
von ihnen beiden. Heut war der große Tag, der größte ihres Lebens
vielleicht – was ging sie das Morgen an?
Auch an Heimat oder Heimkehr dachte jetzt Bäreb nicht; die Stunden
flogen, es ging auf den Abend schon. Aber keine Kühlung war zu finden
in der Stadt des heiligen Willibrord; noch dunsteten die Gassen, die
Pflastersteine sprühten die Hitze aus. Bier um Bier schüttete sie
hinab, es löschte den Brand nicht. Er hatte sie auf dem Karussell
fahren lassen, hoch vom sich bäumenden Schimmel lachte sie herunter zu
ihm und dem Dores, der auch hinauf wollte und die Ärmchen ausstreckte:
»Pä, pä!« Zuletzt, damit der Kleine nicht gar zu sehr weinte, gingen
sie fort mit ihm; ihr war ohnehin schwindelig.
Wie von geheimer Beängstigung getrieben, lenkten sie ihre Schritte
in entlegenere Gäßchen; zwischen dunkelnden Mauern küßten sie sich.
Und dann gingen sie weiter und weiter dem Parke zu. Noch war er nicht
geschlossen. Ah, hier war Kühlung! Lechzend vor Glut, die Nasenflügel
gebläht, mit offenen Lippen traten sie ein.
Aber hier unterm dichten Laubdach war’s doch auch stickig – oder war
ihnen, nur ihnen allein so verbrennend heiß?!