Herab auf die Scharen der Beter,
O sei uns des Landes mächtiger Hort,
Beschirme den Glauben der Väter.
O heil’ger Patron, komm, hilf uns in Not,
In Ängsten, Gefahren und Leiden,
Und stehe uns schützend bei in dem Tod,
Daß siegreich von hinnen wir scheiden!«
Die abgespannten Gesichter wurden erwartungsvoll rot: hah, da ragte
vom höchsten Punkt der Stadt die Pfarrkirche, darinnen unterm
Hauptaltar der wundertätige Heilige begraben liegt! Glocken läuteten.
Aus allen Giebeln wehende Fahnen, um alle Mauern grüne Girlanden;
in allen Fenstern der heilige Willibrord, als Bild, als Statue, als
Photographie, und sei’s nur auf Postkarten. Die Echternacher empfangen
die Waller, die ihnen Ruhm und Gewinn und Verdienst und Getriebe ins
sonst so weltabgelegene Städtchen bringen.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!«
»»Bitte für uns, heiliger Willibrord!««
Das ist der Gruß, mit dem Städter und Waller sich begrüßen. Von Gasse
zu Gasse pflanzt sich das Gemurmel fort. Nun ist man am Marktplatz:
Schaubude, Würfelbude, Schießbude, Schaukel, Karussell, Glücksrad,
Pfefferkuchenstand, Menagerie, Wahrsagerin. Ei, was gibt’s da alles
zu sehen, zu kaufen, zu naschen, zu belachen! Und dazwischen Kinder,
Knaben und Mädchen, und auch viele erwachsene Leute, die sich an den
Fremden heranmachen, ihn förmlich bedrängen:
»Wellt’ er mech dangen,
Fir met ze sprangen?«
Unsanft fühlte sich Bäreb vom Bruder an der Nase gerissen, sonst hätte
sie noch lange gestanden und mit verwirrten Augen in das Marktgewimmel
gestarrt. So etwas hatte sie noch nie gesehen, so etwas gab’s nicht in
Heckenbroich, nicht einmal in der Kreisstadt. Eine neue Welt war das.
Noch konnte sie sich nicht hineinfinden.
Die Herrlichkeiten des Marktes waren es weniger, die ihren Sinn
verwirrten, als das Läuten der Glocken, die geschmückten Straßen, die
Fahnen, die Kränze, die brennenden Lichter um Heiligenbilder. Und dann
die Melodie, diese unruhig hüpfende Melodie, die, von Querpfeifen
gepfiffen, von Trompeten geblasen, von Leierkasten gedudelt, überall zu
vernehmen war.
Ein Trupp spielender Kinder kam jetzt gezogen; ein Kleiner voran, den
Mund beschmiert mit Kirmeskuchen, schlug den Takt, und die Kameraden
pfiffen und parpten, schlugen mit Deckeln und sangen dazu:
»Adam hatte sieben Söhn’,
Sieben Söhn’ hatt’ Adam,
Sieben Töchter muß er han,
Eh er sie bestaden kann!«
Aus einem geöffneten Fenster drang in rauschender Reihenfolge von
Tönen, auf die Tasten getrommelt, die gleiche Weise an Bärebs Ohr. Und
wenn das Stück zu Ende war, fing es wieder von vorne an; immer von
neuem, immer von neuem, und immer dasselbe.
Bäreb hätte sich die Ohren zuhalten mögen. Nun fiedelte irgendwo noch
eine Violine. Ein Quinkelieren ohne Ende, ein Hämmern, ein Tuten, ein
Dudeln, ein Kratzen; man wurde taub davon. Was war das?! Man konnte
nicht sagen, woher es kam – Bäreb drehte sich wie ein Kreisel, bald
hierhin, bald dorthin – ganz Echternach war voll der Melodie. Von den
schwarzgrauen Dächern kam sie nieder, aus dem zerstampften Pflaster
stieg sie auf, um alle Ecken zog sie, aus allen Fenstern flog sie, die
Luft war dick von ihr.
»Pä, pä!« Dores hob lauschend das Fingerchen; er mochte Musik gern
leiden, er fing an zu hüpfen auf der Schwester Arm.
Was war das, was war das?! Bäreb riß die erschrockenen Augen noch
größer auf; in ihren Schläfen stach es, in ihren Ohren surrte es, ihr
Kopf dröhnte, als schlüge darin einer mit Hämmern auf Eisen, und in
ihren Füßen zuckte es. Jesus Maria, was war das denn? Das quälte ja so!
Sie wollte entfliehen und war doch froh, daß sie gegen den dicken
Mann anrannte, den sie kannte. »Wat es dat? Hört doch!« sagte sie und
drängte sich an ihn.
Er lachte froh: »Dat is der Springprozessionsmarsch, Mädche, da
springen mir all morjen nach! Adam hatte sieben Söhn,« fing er an
zu trällern und probierte mit seinen dicken Beinen einen flotten
Hüpfschritt.
War der nicht recht bei Trost oder hatte er sich betrunken? Ganz scheu
guckte Bäreb ihn an.
Er aber strich ihr freundlich die Wange: »No, Mädche, du kuckst ja ganz
verdattert? Wo giehste eweil hin mit ’m Brüderche? Komm noren, eich
will dech traktieren!«
Gutmütig führte er die Willenlose mit sich fort. Ja, essen wollte sie
gern etwas, und sie war auch sehr müde. Er führte sie in ein Bierhaus
am Markt. Da gab’s den ganzen Tag warme Würste, und dem Dores, der
schon alles mit den Augen verschlang, ließ er eine Suppe bringen und
ein großes Stück Kirmeskuchen. Bäreb aß und trank, trank mehr als
sie aß; Hunger hatte sie eigentlich doch nicht, sie hatte Brot genug
gehabt, aber Durst quälte sie, ein furchtbarer Durst, der ihre Kehle
ganz austrocknete. All der Staub, den sie hatte schlucken müssen, saß
ihr noch darin. Auch der Dicke hatte einen gewaltigen Durst, und so
alle, die um sie her saßen.
Wie durch einen Schleier sah Bäreb die roten Gesichter. Und dann sah
sie an den Wänden Gestalten sich drehen, Frauen mit Hauben, Ritter mit
Schwertern, langzopfige Mädchen von jungen Burschen umschlungen –
Adam hatte sieben Söhn’,
Sieben Söhn’ hatt’ Adam –
die tanzten alle im Marsch der Springprozession, und St. Willibrordus,
die Fahne im Arm, die Bischofsmütze auf dem Kopfe, hob zwei Finger
seiner Rechten und segnete sie. So war es an die Wände gemalt, aber
Bäreb sah es, als wäre es wirklich.
Mechanisch führte sie die Hand ans Glas, mechanisch hob sie das Glas
an den Mund, mechanisch dankte sie dem Dicken, mechanisch nickte sie,
als er ihr anempfahl, sich nach einer Herberge umzusehen. Die Stadt war
voll, an Dreißig- bis Vierzigtausend kamen hier zusammen, wo wollte sie
nächtigen, wenn sie nicht Verwandte am Ort hatte, oder gute Bekannte?
Stumpf trottete sie von dannen. Sie irrte durch die Straßen; der Dores
schlief schon, schwer lastete er auf ihrer Schulter. Unwillkürlich
suchte sie einsame Wege. Sie war das nicht gewohnt hinter ihren Hecken;
das Lärmen, die Musik waren zuviel für sie. Ganz betäubt wankte sie
einem grünen Dickicht zu, das sie sah am Ufer der Sauer.
Sie trat durch ein Gatter, verschlossen war es nicht; ein alter Park
mit Bäumen, die höher waren als die Tannen im Venn, umrauschte sie.
Ah, hier war’s gut sein! Sie fragte nicht: ist’s erlaubt? Sie sah
sich nicht weiter um – gepriesen sei der Schutzengel, der sie hierher
geführt! Das Lärmen war verstummt, sie legte den Bruder ins Gras und
sich dicht daneben; bald schlief sie fest.
In dem einsamen Park, der abends verschlossen wird, weil die
Liebespaare sich sonst drein verkriechen und die Landstreicher, alle,
die das heimliche Dunkel lieben, schliefen die müden Geschwister. Um
sie flatterten Schmetterlinge, gaukelten im Liebesspiel und setzten
sich ermattet auf die wilden Blumen im Schatten. Jasminbüsche dufteten
berauschend, wie weiße gewölbte Glocken standen sie mit der Blütenlast
ihrer hängenden Zweige im dunkelnden Laubgewirr. Hier war eine Wildnis.
Faune mit abgeschlagenen Nasen grinsten aus dichtverwachsenen Bosketts,
Nymphen mit ausgestreckten Armen fingen mit dem Marmorweiß ihrer
nackten Leiber verstohlene Sonnenstrahlen auf. Verschlafen rauschte die
Sauer vorüber am verfallenen Pavillon; dessen Stuck war abgefallen,
seine Malereien entblättert, aber noch schützte das Dach, und noch
sah man innen im Kuppelgewölbe die Amoretten sich tummeln um die
schaumgeborene Göttin der Liebe.
Fern war das Treiben des Marktes, fern waren die vielen Füße. In der
Stille der schützenden Bäume schlief Bäreb tief, aber nicht sanft. Es
verfolgte sie etwas in ihrem Traum, das saß ihr im Ohr; das quälte
sie selbst im Schlafen. Sie warf sich unruhig, atmete laut und zog
die Stirn kraus. War es der Jasminduft, der sie belästigte, oder eine
Erinnerung? Mit einem Schrei wachte sie auf. Grau-dämmerig war’s
im Blättergewirr – wo war sie? Mit beiden Händen faßte sie sich an
den Kopf. Ein Läuten hub an, das sie erschreckte. Sie riß den noch
schlafenden Dores auf: zur Vesper, zur Vesper! Es läutete schon!
Die Maximiliansglocke läutete mit feierlichem Dröhnen das Fest des
heiligen Willibrord ein; sie lud die Pilger zur Abendandacht an
seinem Grabe. Von allen Seiten kam das gelaufen, was schon in der
Stadt versammelt war; Scharen, Scharen, Scharen. Bäreb sah viele, die
sie schon gestern und am Morgen gesehen hatte, aber noch hundert und
aberhundert neue Gesichter dazu.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns, –
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
Da war es wieder, das gewohnte Gemurmel. Mit ausgeruhter Stimme fiel
Bäreb ein. Dabei glitten ihre Augen rastlos umher: es gab so viel, zu
viel zu sehen beim heiligen Willibrord.
Da waren Buden am Fuß der großen Treppe, Buden über Buden mit
Rosenkränzen – solche aus weißen Perlen, solche aus blauen Perlen
und duftende braune aus Rosenholz – und Weihwasserkesselchen gab
es da, und Betbücher, und Heiligenlegenden mit bunten Bildern, und
Willibrord-Statuen aus Porzellan und Stuck; und noch viel mehr der
heiligen Andenken an Echternach.
Sie raffte sich gewaltsam aus ihrer Zerstreuung auf. In die Pfarrkirche
sich drängend zwischen allem Volk, kniete sie nieder, wo es gerade war,
schlug ihr Büchlein auf und begrüßte den Heiligen demütig:
»Sei mir gegrüßt, großer Freund Gottes, heiliger Willibrord, der du von
den Gläubigen in dieser Kirche besonders verehrt und angerufen wirst.
Dir zu Ehren bin ich hierher gewallt und hoffe zuversichtlich, ich
werde durch deine Fürsprache von Gott Gnade und Erlösung erlangen.«
Rote und blaue zuckende Lichter fielen durch die bunten Kirchenfenster
auf das St. Willibrordus Büchlein. Geblendet stierte Bäreb hinein, sie
konnte nicht weiterlesen. Ach, das war keine Andacht, die war ja hier
nicht möglich! Mit Scharren und Trappeln, mit Murmeln und Seufzern
zogen tausend bei ihr vorüber. In endloser Prozession zu zweien und
dreien; Väter und Mütter mit ihren Kindern, Greise und Greisinnen
wankend am Stabe, Arme und Kranke, Junge und Alte, Aufrechte und
Verkrüppelte, alle zogen sie hintereinander durchs Kirchenschiff zum
Grab des heiligen Willibrord.
Bäreb stellte den Dores auf die Beine: hin, hin! Er stolperte eilig
auf seinen wackligen Füßchen, er kam sich selber nicht rasch genug
voran. »Pä, pä!« Er riß sie vorwärts mit ungeduldigem Straucheln.
Da lag St. Willibrordus auf seinem vergoldeten Sarg, aus Holz
geschnitzt, wie ein Bischof angetan, ein wenig aufgerichtet, gerade so,
als wäre er lebend. Im Schauer der Ehrfurcht neigte sich jedermann.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns,
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
Das Schiff der Kirche war erfüllt vom steigenden Murmeln, hundertfach,
tausendfach; die Wölbung, gegen die es anstieß, hallte es noch dreifach
zurück. Um das Grab herum, hinter dem Altar her, immer:
»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!«
Bäreb hätte noch gern länger am Grabe verweilt. Ach, wenn der Dores nur
das äußerste Eckchen des Sarges anrühren könnte! Aber die Menge stieß
sie weiter, um das Grab herum, hinter dem Altar her, und hinein in die
Sakristei.
Da saßen am Tische die Priester, feierlich ernst, ohne Wort und ganz
vertieft in ihr Geschäft. Hunderte, tausende von Händen streckten
sich – eine Hand nach der anderen legte die Opferspende dem heiligen
Willibrord fromm auf den Tisch.
»Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!«
Zur einen Tür herein, zur anderen Tür heraus; es entstand kein
Gedränge. Alles ging still vor sich, nur das Geld klapperte und
klingelte auf dem Tisch.
Auch Bäreb nahte dem Tische. Nah vor ihr war die Frau mit dem Kropf,
sie konnte gut sehen, was die opferte: einen harten Taler! Und andere
gaben nicht weniger. Da, die Frau mit dem blonden Mädchen legte ein
blinkendes Goldstück hin, und dort ein Herr gab gar ein paar solcher
goldenen Dinger! Bäreb erschrak bis ins innerste Herz: soviel hatte sie
nicht. Was sollte sie tun?! Aber am Ende besann sie sich: wer nicht
viel hat, kann nicht viel geben, auch geringere Scherflein nahm der
heilige Willibrord.
»Heiliger Willibrord, bitte für uns!«
Mit Mut und Entschlossenheit fuhr sie in die Tasche – da hatte sie die
Mark, ihre einzige Mark, die ihr noch übrig geblieben war, erfaßt. Mit
der Linken ihr Brüderchen an sich ziehend, trat sie vor und legte mit
der zitternden Rechten ihre Mark auf den Opfertisch. Die klimperte
nicht hell wie ein größeres Silberstück. Bäreb wurde rot und dann blaß;
ihr war es, als habe der geistliche Herr sie einen Augenblick streng
angesehen. Hatte sie denn nichts, gar nichts mehr, hatte sie denn auch
alles, alles geopfert? Heiliger Willibrord! Noch einmal fuhr sie mit
Hast in die Tasche – da, noch ein Fünfzigpfennigstück! Sie gab auch
dieses.
Zur einen Tür herein, zur anderen Tür heraus; alles ging wohl geordnet,
ohne Gedränge. Bäreb stand draußen, sie wußte selber nicht, wie
rasch. Innen verhallten die Klänge; die Vesper zu Ehren des heiligen
Willibrord war zu Ende. Sie faltete die Hände beim Bimmeln des
Betglöckleins, das von unten aus dem Kloster ›Zum guten Kinde Jesu‹
zur mächtigeren Schwesterglocke heraufrief. Und noch andere Glöckchen
fielen ein; es waren soviel geistliche Stifte zu Echternach.
Bäreb fühlte jetzt auf einmal ihre ganze Verlassenheit. Der Bruder
weinte vor Müdigkeit, auch ihr kamen beinahe die Tränen. Wo sollte
sie hin?! Der Abend brach herein, um das alte Gemäuer der Pfarrkirche
wischten die Fledermäuse. Und Menschen, Menschen, Menschen eilten in
Scharen mit lautem Geschwatz, in hastiger Eilfertigkeit die steile
Treppe zur Stadt hinab. Das waren Tausende, und alle wollten sie
unterkommen.
Jetzt beschleunigte auch Bäreb ihre Schritte; wie aus einer Erstarrung
erwacht, eilte sie flüchtigen Fußes die Treppe hinab. Sie hatte das
Kind wieder auf den Arm genommen, sie durchirrte mit ihm die Gassen.
War es denn so schwül, so unerträglich schwül in der Enge zwischen den
grauen Häusern, oder trieb nur der rasche Lauf ihr den Schweiß auf die
Stirn – oder die Angst? Überall Herbergen; fast jedes Haus hatte seine
Tür geöffnet, die Fenster waren erleuchtet, Stimmengewirr schallte
heraus, alles war voll, voll bis unters Dach. Auf dem Markte Gedudel,
da ging es laut her. Das Karussel drehte sich mit seinen Flittern und
glitzernden Glasbehängen bei Drehorgelmusik, am Schießstand zerkrachten
die Tonpfeifen, und der große Löwe, das Hauptziel der Schützen, sperrte
brüllend den Rachen auf. Auf der Rampe der Schaubude schwang ein wilder
Mann mit Geheul seine Keule – er fraß Feuer – und eine dicke Frau, die
Arme und Beine ganz nackend hatte, die nichts, gar nichts an hatte als
ein rotes Atlasmieder und ein kurzes Sammetröckchen, zeigte sich der
Menge.
Junge Burschen hatten sich untergefaßt und versperrten in breiter Reihe
die Straße; ängstlich wich Bäreb den Halbtrunkenen aus und quetschte
sich dicht an den Häusern vorbei. Wo es ihr nicht so überfüllt
erschien, fragte sie schüchtern um Nachtquartier an. Sie hatte kein
Glück; die einen achteten ihrer gar nicht, hörten kaum ihre Frage, die
anderen zuckten die Achseln: längst alles besetzt. Endlich, todmüde
und ganz verzagt, fand sie eine Alte in einem winzigen Kramlädchen,
die ihr wohl Unterkunft geben wollte für die Nacht: sie könnte auf dem
Stuhl vorn im Laden sitzen, wenn zugemacht war, und das Kind unter den
Ladentisch legen, aber eine Mark kostete das, und im voraus.
Schon fuhr Bäreb in die Tasche: ja, ja, nur unterkommen, nur ein Dach
über sich haben, was es auch kostete! Da fiel ihr plötzlich ein: sie
hatte ja kein Geld mehr! Entsetzt starrte sie drein, das Herz stand ihr
still. O weh, wenn sie nicht schon die Eisenbahnkarte zur Rückfahrt
gehabt hätte, sie wäre nicht einmal mehr nach Haus gekommen! Plötzlich
hörte sie die Maiblum brüllen, die Mutter sprechen, die Geschwister
spektakeln, und eine heiße Sehnsucht fiel sie an nach der Stille der
Heimat, nach dem Geborgensein hinter der Hecke.
Sie stolperte fort übers Pflaster, blind vor rinnenden Tränen. Ach,
wenn ihr doch nur ein Mensch begegnen würde, den sie kannte! Wo war
der gutmütige dicke Mann, der sie heute mittag so freundlich gespeist
hatte?! Er war nicht zu finden. Aber ein Tuten kam jetzt vom Marktplatz
her, das sie entsetzte. Die dunkle Gasse ward plötzlich hell. Brannte
es wo? Das war ja Feuerschein! Um die Ecke bog’s ihr entgegen –
johlende Jungen vorauf, johlende Jungen hinterdrein – der wilde Mann,
jetzt ohne Keule, aber lodernde Fackeln hochschwingend, daß die Funken
flogen, fletschte grinsend die Zähne, und das dicke Weibsbild im kurzen
Sammetröckchen verzog das traurige Gesicht zu einem Lächeln, winkte mit
den Augen und warf Kußhände. Auf dem Markt war die Bude geschlossen,
sie luden ein verehrliches Publikum zur Vorstellung im Freien am Platz
vor der Brücke ein: gleich würden sie dort beginnen.
Auch Bäreb folgte, willenlos, getrieben von der Menge. Aber sie sah
nichts von dem, was der Mann verschlang – nicht bloß Feuer, nein, auch
Glas und Eisen hatte er versprochen zu fressen, rostige Nägel und
zerbrochene Fensterscheiben – sie sah kaum das Seil, das weit über
mannshoch von der Erde zwischen zwei Pfählen gespannt war, auf dem die
berühmteste Seiltänzerin der Welt, die dicke Frau, ihre Kunst jetzt
zeigen wollte. Ein Trupp junger Burschen hatte Bäreb aufgespürt und
umkreiste sie beständig. Sie ließen ihr keine Ruhe, sie neckten sie
unablässig. Und sie, so zag heute abend in ihrer Obdachlosigkeit, floh.
Jesus Maria, nur ein Mensch, ein Mensch, bei dem sie sich sicher
fühlte! Es brauchte ja gar nicht einmal ein Bekannter zu sein.
An den Ufern der Sauer hinab und hinauf nächtigten viele. Wie Schatten
bewegten sich Gestalten um lodernde Feuerchen; ganze Familien
kampierten da. Sie kochten Kaffee; in Hotten und Kärrchen und Bündeln
hatte man das Nötigste mitgebracht. Weit, weit kamen sie her zu Fuß,
sie hatten nicht Geld gehabt, um zu fahren. Ein Geruch der Armut
durchwehte die Sommernacht, ein Geruch, der stärker war, als der weiche
Duft des Jasmins und der Lindenblüte, ein Geruch des Elends, ein Geruch
der bittersten Leibes- und Seelennot.
Heiliger Willibrord, bitt für uns, bitte für uns, heiliger Willibrord!
Da waren manche, die kein Dach über sich hatten diese Nacht. Bäreb
fühlte schon etwas wie Trost: ei, so konnten sie ja auch draußen
schlafen. Vertrauend näherte sie sich einem Feuerchen. Doch sie wurde
aufs neue gescheucht; ein verwildert aussehender Mann schrie sie grob
an, und ein Weib kreischte in höchsten Tönen: »Hei, dat is unsen
Plaatz! Wat will dat Frechmensch hei?!« Auch hier war ihres Bleibens
nicht.
Verwirrt, verstört, von überall verjagt, rannte Bäreb sinnlos weiter.
Wohin, wohin?! Schon glaubte sie wieder die Quälgeister von vorher
hinter sich zu vernehmen – ›Hetz, hetz, hussa, fangt sie, die Katz,
kß kß‹ – sie rannte davon, atemlos, rannte, daß sie keuchte, rannte
vom Ufer hinauf, wieder den Straßen zu. Menschenleer lagen sie jetzt,
still, wie ausgestorben, alle Läden geschlossen. Blindlings rannte sie
gegen die Ecke einer Mauer an, prallte zurück und rannte dann – einem
Mann in die Arme.
VIII
Die Sauer rauschte sanft gegen die Ufer, die Sterne schienen nieder auf
die Stadt des heiligen Willibrord. Flußauf, flußab tiefes Schweigen.
Erschöpft, ermüdet von Wanderung, Gebet und Marktgetriebe schliefen die
Pilger.
Auch Bäreb schlief, den Dores im Arm; sie schlief sanft und
wohlbehütet. Die dunklen Wimpern schienen noch feucht von den Tränen,
die sie in ihrer Verlassenheit geweint hatte, aber ihr Mund lächelte.
Sie hatte es ja so gut getroffen, St. Willibrord hatte sie in seiner
Stadt doch nicht zu Schanden werden lassen. Nun hatte sie einen
Beschützer gefunden, einen, der jung war wie sie selber, einen, der
gekommen war, gläubig wie sie: warum sollte der heilige Willibrord
nicht auch dazu verhelfen können, daß man nicht zu dienen brauchte beim
Militär? Es hatte zwar noch keiner gehört, daß St. Willibrord sich auch
ums Nicht-Soldat-werden-müssen verdient gemacht hätte, aber wer Wunder
vollbringt, so große Wunder, kann auch dieses vollbringen.
Treuherzig, offen und der Mitteilung froh, hatte der Jüngling das dem
Mädchen erzählt. Er war auch ganz fremd in der Stadt, hatte keine
Bekannte; und sehr viel mehr Geld als Bäreb hatte auch er nicht in
der Tasche. Flüsternd tauschten die beiden jungen Menschen ihre
Geschichten aus. Sie war aus der Eifel, er war aus der Eifel, wenn
Bäreb auch niemals früher den Namen seiner Ortschaft gehört hatte;
auch jetzt hörte sie den kaum, er war nur ein Schall, an ihrem Ohr
vorübergleitend. Aber den Namen des jungen Burschen behielt sie:
Niklas. So hießen auch viele in Heckenbroich – Klos. Man war gleich
gut bekannt miteinander. Niklas hatte ihr den Dores abgenommen, und
der ließ sich auch willig von ihm tragen, als ob er’s gefühlt hätte in
seiner Schlaftrunkenheit, wie gut der Klos war. Und Bäreb selber hatte
der freundliche Bursche an die Hand genommen und gesprochen: »So, eweil
komm, Bärbche, eweil suche mir uns en Platz für zo schlaofen. Brauchst
keen Angst mieh zu han, ech schützen dech!«
Er war noch so jung, nicht viel älter als achtzehn; er fühlte sich
stolz, eines Mädchens Beschützer zu sein. Sie teilte ihm von dem
Brot mit, das sie noch in ihrem Bündel verwahrte; er hatte noch ein
Stück Wurst. Mit ihren jungen Zähnen bissen sie in das vertrocknete
Brot und in die Wurst, die im Rauchfang so lange gedörrt hatte, bis
sie hart genug geworden war, um den ganzen Sommer zu halten. So gut
hatte es Bäreb heute mittag in dem großen Wirtshaus am Markt lange
nicht gemundet; sie fühlte sich jetzt so sicher. Schulter an Schulter
saßen sie platt auf der Erde, hinter sich die schlafende Stadt, vor
sich den im Sonnenlicht leise gleitenden Fluß. Er hatte sie ein wenig
abseits geführt, noch weiter den Fluß hinauf dem Parke zu, aus dessen
umfriedetem Dickicht in langen Trillern die Nachtigall schlug. Zu
trinken hatten sie nichts, aber mit geblähten Nasenflügeln, den Mund in
eifrigem Kauen halb geöffnet, sogen sie zu Brot und Wurst den feuchten,
laulichen Wasserdunst ein und den Tauduft des Grüns und den süßen
Geruch des Jasmins. Unablässige Duftwellen strömten vom Parke her,
der die Schatten seiner uralten Bäume schwer und schwarz über den Fluß
hin legte. Wie Glühwürmer glimmten die Feuerchen der Pilger hüben und
drüben, an den beiden Ufern der Sauer; mählich verlöschten sie. Eine
Turmuhr in der Stadt schlug dumpfschnarrend Zwölf.
»Schlaof eweil, schlaof,« hatte Niklas gesagt. »Leg dich der Läng lang,
dat de de Glidder ruhst, morje müsse mir springen!«
Sie seufzte auf; sie litt es in wohligem Behagen, daß er eine
Flauschjoppe, die er bei sich führte, über sie und den Dores breitete
und sich dann selber dicht neben sie streckte. Sein Atem bestrich sie.
Jedes von ihnen hatte seinen Kopf auf seinem Bündel; das Gesicht zu den
Sternen gekehrt, lagen sie ganz gut. Sehr gut, dachte Bäreb.
Plötzlich fiel’s ihr ein: »Ich han mich noch nit jebet!«
»Bet doch, bet doch,« flüsterte er.
Sie bekreuzte sich:
»O heiliger Schutzengel mein,
Laß mich dir stets empfohlen sein,
In allen Nöten steh mir bei
Und halte mich von Sünden frei.
In dieser Nacht, ich bitte dich,
Bewahre, schütze, führe mich!«
Der Bursche kannte das Abendgebet, er hatte es halblaut mit ihr
gebetet. Nun bekreuzten sie sich noch einmal.
»Aomen. Schlaof wohl, Bärbche!«
»Aomen. Du ooch, Klos!«
Und sie hatten die Gesichter von den Sternen abgewendet und sie,
lächelnd im Dunkeln, einander zugekehrt. – – –
Noch war die Sonne nicht lange aufgegangen, als der Bursche erwachte.
Er war das Frühaufstehen gewohnt, er arbeitete als Knecht, sein Vater
und seine Mutter waren arme Leute – wenn er zum Militär müßte, müßten
sie hungern!
»Bitt für uns, heiliger Willibrord!«
Schon hörte man wieder das alte Gemurmel, die Eintönigkeit des
gleichen, des immerwährenden Anrufs. An den Ufern der Sauer war schon
Bewegung; die dort gelagert hatten, wuschen und kämmten sich und
packten ihre Habseligkeiten zusammen.