Es dauerte nicht lange, so saß Bäreb bei den Soldaten am Tisch. ›Kommen

Sie nur eraus, aus Ihrem Loch da,‹ hatte der hübscheste gesagt. Einer

so freundlichen Aufforderung hatte sie nicht widerstehen können. Und

Durst hatte sie auch. Sie ließen sie alle einmal trinken. Der Dores

wanderte von Schoß zu Schoß. Ei, es war doch ganz schön, auf Reisen zu

gehen! Das Bunt der Uniformen, das Rot der Kragen, die blanken Knöpfe

zogen Bärebs Blicke unwiderstehlich an. So nah hatte sie noch nie

einen Soldaten gesehen. Und als der allerhübscheste sagte, nun wäre er

ganz zufrieden, den ersten Zug, der aus der Lausegegend hier fortfuhr,

wo man nachts frieren und mittags braten müßte, versäumt zu haben,

lächelte sie glücklich und litt es, daß er den Arm auf ihre Stuhllehne

legte und ihr näher rückte.

Schade, daß sie nicht =einen= Weg zusammen hatten! Nur eine Strecke

konnten sie noch zusammen fahren.

Bäreb fühlte eine lebhafte Freude: Gott sei Dank, nun brauchte sie

nicht so ganz allein in die Dunkelheit hinein! Die Lustigkeit der Vier

steckte sie an; solch eine Fröhlichkeit hatte sie noch nie kennen

gelernt in ihrem Leben. Die berauschte sie ganz. Zu Haus war man so

anders, da hatte man immer zu sorgen und zu bedenken, man war still

und ernsthaft. Als habe sie nicht vor sechs Stunden noch das Kreuz

der Marienley über die Tannen ragen sehen, so war ihr jetzt zumute.

Das lag jetzt alles so weit, so weit. Sie hörte nicht mehr die Mutter

sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister spektakeln – der Arm des

Burschen, der bis jetzt auf ihrer Stuhllehne geruht hatte, legte sich

nun um ihre Schultern. Sie trank aus seinem Glase und lachte aufgeregt.

Sie wurde so hübsch in ihrer strahlenden Freude, daß alle Vier ihr

zutranken: »Prost, Schätzchen,« und sich darum rissen, aus wessen Glas

sie trinken sollte. Sie machten ihr Komplimente, die feinsten waren es

nicht; aber sie nahm’s nicht so genau damit. Wer sie unterm Tisch auf

den Fuß trat, den trat sie wieder, und wenn einer zu ihr sagte: »Du,

Mädchen, ’ne Kuß krieg ich aber von dir,« antwortete sie frischweg:

»Morjen öm dies Zitt,« und zeigte lachend ihre gesunden Zähne.

Hätte das ein Mensch von der Kleinen gedacht, daß die so fidel sein

könnte! Erst hatte sie kein Auge aufgeschlagen, nun ging sie auf jeden

Spaß ein. Sie fragten neckend: »Fräulein, dat is doch Ihre Jung?« und

sie antwortete blitzgeschwind, gar nicht um die Antwort verlegen:

»Dafür bin ich noch vill zu jung. De Dores es als sibbe un ich achzehn,

ich hatt jrad minge Namensdag!«

Wer hätte gedacht, daß hinter den Hecken von Heckenbroich so was

stecken könnte! Die Vier, die lange mit keinem Mädchen poussiert

hatten, zeigten sich heftig entflammt; besonders der hübscheste,

Lohgerber seines Zeichens, machte ihr Augen, daß es Bäreb überrieselte

in einem Schauer von Glück.

›Heiliger Willibrord, bitt für uns,‹ betete sie heimlich. Wenn der es

zu allem noch vermochte, daß sie einen hübschen und braven Schatz von

der Wallfahrt mitbrachte?! –

Das war eine Fahrt durch die dämmerig und mild werdende Höhenlandschaft

zwischen Venn und Ardennen! Der Dores schlief auf der Bank, und Bäreb

bekam soviel Schönes und Liebes zu hören, daß ihr die Ohren summten

und der Kopf schwirbelig wurde. Aber es war ein seliger Schwirbel. Sie

erwachte auch noch nicht aus ihm, als die Vier in Ulflingen ausstiegen,

um ihre Straße zu ziehen. Die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit

den geschlossenen Augen, wie in die Ferne lauschend, gehoben, saß sie

ganz still. Noch immer fühlte sie die verliebten Küsse, die sie ihr

aufgedrückt hatten, noch immer hörte sie das schmeichelnde Flüstern:

›Lieb Mädchen‹, ›Schön Schätzchen‹, ›Allerschönst Bärbchen auf der

Welt‹! Sie saß kerzengerade auf der Bank. Jesus, sie hörte in süßem

Schrecken das alles noch – und dazwischen: ›Heiliger Willibrord, bitt

für uns – heiliger Willibrord – heiliger Willibrord!‹

Nein, das war keine Täuschung mehr! Längs des Bahnstrangs hin, auf dem

der Zug jetzt langsamer fuhr, rannte es mit eiligem Beten. Sie fuhren

in einen Bahnhof ein, die Türen der vierten Klasse wurden aufgerissen,

herein stürzte sich in Hast ein Menschenschwall. Man trat sie auf die

Füße, man stupste den kreischenden Dores von der Bank; alle fanden

nicht Platz, man drängte sich, man stand fast aufeinander, es war schon

spät Abend, man mußte bis Ettelbrück, um morgen beizeiten in Echternach

zu sein.

Bäreb erschrak: das waren ja so viele, so viele Menschen, es war ja

fast gar kein Platz mehr für sie da! Man bedrängte sie hart. Auf einem

Knie hielt sie den Dores, auf dem andern saß ihr ein dicker Mann. Eine

Frau mit riesigem Kropf ihr gegenüber stieß mit dem großen Henkelkorb,

den sie auf dem Schoß hatte, immerfort gegen sie an. Selbst im Rücken

spürte die Eingeklemmte das Gedränge. Man lehnte sich von hinten fest

gegen sie, man drängte sie so fast vom Sitze herab. Sie klebte nur mehr

noch am Bankrand. Und so ungebärdig war der Dores noch nie gewesen.

Er strampfte der Frau mit dem Kropf mit seinen Füßen gegen den

Henkelkorb, und diese fing an, sich empört zu beklagen.

»Haald Eier Könd doch bei Euch, Framensch! Es dat en Manier, fremde

Leit zu troten, ei’m de Saachen zu runjenieren, dat Sonndagsklaad?!

Esu’n Biwak, esu’n frech Könd!«

Bäreb verstand die Frau nicht recht, die sprach anders, als man

daheim zu sprechen pflegte, aber sie merkte doch, daß die Frau mit

dem Kropf ihrem Doreschen böse war. »Bis still, Doresche, bis still,«

flüsterte sie dem Bruder ins Ohr und hielt seine strampelnden Beinchen

mit ängstlicher Hand fest. Der Traum war verflogen. Sie hätte weinen

mögen, fassungslos, hilflos; aber der heilige Willibrord machte ihr

wieder Mut. Sie hörte ringsum seinen Namen. Alle Mitreisenden sprachen

von ihm. Es waren einige darunter, die waren schon voriges Jahr oder

vor Jahren bei ihm gewesen, und sie belehrten jetzt die Neulinge, die

zum ersten Mal zu ihm gingen. Oh, der Wunder, die da geschahen, waren

unzählig viele!

Der dicke Mann auf Bärebs Knie, der schwerer war wie ein Sack von zwei

Zentnern Gewicht, wußte was zu erzählen: nach einer Krankheit war er

so dünn geworden, so dürr wie eine Hopfenstange. Das Fleisch war ihm

von den Knochen gefallen, kein Essen schmeckte ihm, so schwach war

er geworden, daß er nicht mehr allein gehen konnte. Selber springen

hatte er nicht können, aber seine Frau war hingefahren nach Echternach

und war für ihn gesprungen, und als sie wieder heimkehrte von der

Pilgerfahrt, da hatte er ihr schon entgegengehen können bis vor das

Haus, und Fleisch hatte er auch wieder ein paar Pfündchen gekriegt, so

daß er doch nicht war wie lauter Knochen. Das nächste Jahr hatte er

wieder springen lassen – das heißt, seine Frau war nicht hingefahren,

die war gestorben derweil – aber er hatte jemanden dort gedungen, zwei

Mark kostete das. Geholfen hatte das auch wieder sehr!

Bäreb schielte ihn von der Seite an: ja, der war gut bei Leibe!

»On eweil,« fuhr der dicke Mann ganz glücklich fort, »eweil sein eich

kerngesund, eich sein stark on dick. Eweil giehn eich zum Dank sälwer

springen!« Er pustete und rang nach Luft, die hastige Erzählung hatte

ihm gänzlich den Atem genommen, förmlich blaurot wurde sein glänzendes

Fett; er wischte sich immer wieder den Schweiß ab.

Pah, das war noch gar nichts! Die Erzählung des Dicken schien den

Hörern noch gar nicht so wunderbar, die wußten noch ganz anderes zu

berichten. Es war einmal eine gewesen, die war lahm und krumm und litt

grausige Schmerzen, die ließ sich tragen an des Heiligen Grab und

betete daselbst fünfzigmal die Litanei zum heiligen Willibrord, und da

konnte sie auf einmal ihre Glieder wieder bewegen und sprang sogar mit

in der Prozession im nächsten Jahr. Und ein Jüngling aus Steinheim,

der mit allen Gliedern geschlenkert hatte, den Kopf nicht hatte in die

Höhe halten können, sondern ihn baumeln lassen mußte bald rechts und

bald links, der war voriges Jahr auf der Stelle, als er nur das braune

Bußkleid des Heiligen, das hinter Glas beim Altar der Pfarrkirche

hängt, angesehen hatte im stummen Gebet, geheilt worden. Den würde

man sicher auch dieses Jahr wieder zu sehen kriegen, aber kerzengrad

aufrecht und ohne Schlenkern.

Bäreb riß Augen und Ohren auf. Den Mund konnte sie kaum mehr zubringen,

ein Ruf wollte sich ihm entringen, ein Schrei der Entzückung und der

inbrünstigen Bitte: ›Heiliger Willibrord, bitt auch für uns!‹ Den

Dores drückte sie fest, ganz fest an ihr heftig pochendes Herz: ach,

die garstigen Krämpfe, die er zuzeiten so oft gehabt hatte, und die

auch jetzt noch zuweilen wiederkehrten, diese Krämpfe, die ihm alle

Glieder durcheinander warfen, in denen er die Daumen einkniff, die

Augen verdrehte, die Zähne aufeinanderbiß, diese Krämpfe würden ihn nun

bald nicht mehr plagen! Er würde bald nicht mehr so blöde dreinschauen,

ein gesunder Junge würde er sein, wie die Brüder auch. Auch der

geschwächten Mutter wurde wieder neue Kraft gegeben – ach, und alles,

alles wurde gut! –

Bäreb hatte die hübschen Soldaten, ihre zärtlichen Worte und das Glück,

das sie dabei empfunden, jetzt gänzlich vergessen. Ihre schwarzen

Augen ließ sie rundum gehen in dem dunklen, verqualmten, nur von einer

erbärmlichen Deckenflamme notdürftig beleuchteten Waggon. So viele,

so viele, und allen sollte der Heilige helfen oder hatte ihnen schon

geholfen! Sie spähte in jedes Gesicht: wenn sie doch weiter erzählen

möchten! Sie hörte so gern zu.

Die Frau mit dem Kropf und dem Henkelkorb riß den Mund weit auf: das

war alles noch nichts gegen das, was sie wußte! Sie kam von Roth,

in ihrem Dorf waren reiche Leut – ein großer Bauer und seine Frau –

zwanzig Kühe hatten sie auf der Weide, vier Pferde im Stall, eine

richtige Ackerwirtschaft – und denen ihre Tochter war blind. Aber sie

waren mit der nach Echternach gefahren und hatten ihr mit dem Wasser

des St. Willibrordusbrunnens die Augen gewaschen, hatten auch ein

Dutzend Flaschen am Brunnen gefüllt und mit heimgebracht und sich

darangehalten, dem Mädchen alle Morgen und Abend die Augen damit

zu waschen. Am dritten Morgen schon sprach das Kind: ›Ich sehe was

glimmern‹ – das war die Sonne, die sah es wie hinter grauen und dichten

Wolken. Am dritten Abend aber sprach es: ›Ich sehe was flimmern‹ – das

war die Sonne, die goldig-rot unterging. Am vierten Morgen sprach es:

›Es tut mir weh in den Augen, was sticht da so?‹ – das war die Sonne,

die vom Himmel strahlte. Am fünften Morgen sprach es: ›Ich sehe es

flammen, was brennt da so?‹ Am sechsten Morgen sprach es: ›Ich sehe was

leuchten – ah, wie ist das so schön!‹ Aber am siebenten Morgen schrie

es laut: ›Ich sehe, ich sehe – da steht sie, die Sonne!‹

›Seit dat sich zujedraon hat in unsem Dorf, giehn mir ahl nao

Echternach,‹ schloß die Frau. ›On eweil giehn eich aach für zo springe.

Kucktelhei!‹ Sie band das Tuch ab, das sie um den Hals trug, und

entblößte ihren ganzen schrecklichen Kropf: ›Dän gänn eich eweil quitt!

Bitt für uns, heiliger Willibrord!‹

Irgend eine Stimme hob mit der Litanei des heiligen Willibrord an, und

bald vereinten sich alle Stimmen im Wagen:

»Heiliger Willibrord, bitt für uns!

Heiliger Willibrord, ein Lehrer der Wahrheit,

Heiliger Willibrord, ein Zertrümmerer der Götzen,

Heiliger Willibrord, eine Zierde der römischen Kirche –«

und immer noch weiter:

»Heiliger Willibrord, eine Blume der Demut,

Heiliger Willibrord, ein Spiegel der Reinigkeit,

Heiliger Willibrord, eine Lilie der Keuschheit,

Heiliger Willibrord, ein Muster der Geduld,

Heiliger Willibrord, ein Heil der Kranken,

Heiliger Willibrord, ein Vater der Armen,

Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

Bäreb wunderte sich im stillen, wie die Leute das alles so auswendig

wußten. Ja, so mußte man’s können! Wenn nur ein wenig mehr Licht

im Wagen gewesen wäre, sie hätte gern ihr Büchlein hervorgeholt

und daraus die Litanei mitgebetet, so aber mußte sie sich darauf

beschränken, nachzumurmeln, was die anderen vorbeteten.

»Heiliger Willibrord, ein Schild deiner aufrichtigen Verehrer,

Heiliger Willibrord, ein mächtiger Fürsprecher im Himmel,

Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

In demütigem Glauben, in Liebe und Hoffnung wendete Bäreb ihr Herz dem

Heiligen zu.

Die Fahrt wurde ihr gar nicht lang. Als ob das gemeinsame Gebet

sie alle miteinander bekannt gemacht hätte und freundlicher und

verträglicher gesinnt, so wurden die vorhin Rücksichtslosen

teilnehmender. Der dicke Mann sagte: »Exkusört, eich drücken Euch

wohl,« und rutschte zur Seite, und die Frau mit dem Kropf stellte

ihren Henkelkorb zu Boden und zog dafür die Beine des Dores, der gern

schlafen wollte, sich auf den Schoß: »Lägt dat schwer Könd noren

unscheniert heihin – esu – der Läng lang, dat dat arm Könd eweil ebbes

Schlaof kriet!«

Die Sterne standen am Himmel. Je weiter sie abkamen von den Eifelhöhen,

desto weicher wurde die Luft. Es fuhr sich schön mit dem Bummelzug in

die Sternennacht hinein. Der Dores schlief, der Bäreb Kopf war dem

Dicken nebenan auf die Schulter gesunken; er ließ sie ruhig da liegen.

»Ob dat dat Könd von dem Mädche lao is?« fragte eine Neugierige und

zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Dores hin.

»Ihr seid wohl geckig?« Der dicke Mann wurde ordentlich grob. Sah sie

denn nicht, was für ein junges Blut das noch war, die konnte doch

nicht so einen Jungen schon haben? Er taxierte ganz richtig: das war

ihr Brüderchen, das brachte sie hin zum heiligen Willibrord, man sah’s

ja gleich auf den ersten Blick: der Junge war krank, er hatte seinen

richtigen Verstand nicht.

Alle setzten die Augen ein. Viel neugierige Blicke hefteten sich auf

das schlafende Geschwisterpaar. Bäreb mit ihrem hübschen Gesicht, das

noch schmaler erschien in der Müdigkeit, mit den schwarzen Wimpern,

die wie Schatten auf den Wangen lagen, fand Gnade vor den Augen der

Männer. Den Frauen gefiel der Dores besser, trotz seines dicken Kopfes

und der hängenden Unterlippe. Sie bedauerten ihn: warum war seine

Mutter nicht bei ihm? So eine ledige junge Person weiß ja gar nicht

mit einem Kind umzugehen. Wie ungeschickt sie es hielt – da – beinahe

hätte sie’s fallen lassen! Bäreb hatte von den hübschen Soldaten

geträumt, unwillkürlich hatte sie die Arme geöffnet, der Dores wäre

ihr vom Schoße gerutscht, hätten nicht barmherzige Hände zugegriffen.

Und so lange wurde nun am Dores gezupft und gezogen, zurechtgerückt

und gestreichelt, bis er die müden Augen aufriß, die fremden Gesichter

entsetzt anstarrte und in ein lautes Gekreisch ausbrach. Das wollte

nicht enden, trotz allen Zuredens. Die freundlich Besorgten wurden

zuletzt unwillig, und die arme Bäreb wußte nicht, wo hinsehen vor

Verlegenheit. Sie fühlte, wie der Junge sie durchnäßte in seiner Angst

– ach, wären sie nur erst an Ort und Stelle!

Da – der Zug verlangsamte jetzt seinen Lauf, er pfiff und verschnaufte

sich – Ettelbrück! Der Schaffner riß die Wagentüren auf. Gottlob,

Ettelbrück, Ettelbrück! Aber Echternach noch so weit! – – –

Es war einmal vorgekommen, daß Leute, die gelobt hatten, zu springen

vorm heiligen Willibrord, ihr Gelübde nicht hielten. Da wurden ihre

Kinder und ihr Vieh im Stall von einer Krankheit befallen, in der sie

die Köpfe warfen und mit den Gliedern schlenkerten, unfreiwillig alle

die Sprünge und Bewegungen machen mußten, alle Gebärden der Springer

zu Echternach.

Aber wenn Bäreb auch diese Erzählung nie gehört hätte, sie wäre doch

ihrem Gelübde nicht untreu geworden; sie wäre nicht umgekehrt und wäre

es ihr noch viel schlechter ergangen als heute nacht. Es war viel

zu spät gewesen, die Base der Mutter aufzusuchen, alle Häuser von

Ettelbrück lagen dunkel in der Ferne, man sah nirgend ein Licht mehr

glänzen. Wie die meisten der Wallfahrer war auch sie auf dem Bahnhof

geblieben; in eine Herberge zu gehen, kostete zu viel, und wo wäre denn

auch eine gewesen? Sich der Frau mit dem Kropf anzuschließen, die noch

in den Ort hineinging, traute sie sich nicht, sie hielt sich lieber an

den Dicken, der war so gutmütig; er kaufte ihr sogar am Morgen, als

sie fröstelnd und übernächtig recht erbärmlich dasaß, am Büfett einen

tüchtigen Kornschnaps. Sie wollte ihn erst nicht annehmen, sie hatte

noch nie Schnaps getrunken; aber nun trank sie doch, und er tat ihr

gut. Wenigstens glaubte sie so; denn daß ihr der Kopf schwer wurde,

das kam nicht vom Schnaps. Das kam von all dem Ungewohnten, von dem

schlechten Schlafen auf der Bahn, von der Hitze und Fülle im Wartesaal.

Selbst auf den Boden hatten sich welche hingestreckt, das Bündel unter

dem Kopf.

Wenn Bäreb geglaubt hatte, das seien schon viele Menschen, die sich

im Wartesaal versammelt hatten, so wurde sie jetzt noch eines anderen

belehrt. Draußen auf dem Perron: Menschen, Menschen, Menschen. Hier kam

wohl die ganze Welt zusammen?!

Seit es Morgen war, rasselten immer wieder neue Züge auf dem

Bahngeleise vor. In den Wartesaal war nicht mehr hineinzukommen,

draußen auf dem Bahnsteig stand es Kopf an Kopf. Mit Fahnen, mit

Kreuzen, mit ihren Musikchören und ihren Geistlichen standen da ganze

Dorfgemeinden.

»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,

Heiliger Willibrord, ein besonderer Schützer hiesiger Gegend!«

Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord, wohin man sah, wohin man

hörte. Nur =ein= Gedanke belebte all diese Köpfe, all diese müden

Gesichter, all diese Seelen: Echternach.

Bäreb sah auch manchen Kranken, vor dessen Anblick ihr grauste. Es

kamen Blöde und Taube, Stumme und Lahme, Blinde und mit Geschwüren

Behaftete; und solche, die äußerlich nicht so ihre Krankheit zeigten,

zeigten ihr Leid doch in blassen, abgezehrten, verhärmten Gesichtern.

Bäreb ging abseits, um all das nicht zu sehen. Oh, so schlimm war es

mit ihrem Dores doch noch nicht! Sie küßte ihn, und er patschte sie mit

den welken Händen ins Gesicht; je näher sie Echternach kamen, desto

lieber wurde er.

Besonders eine war in der Menge, vor der es Bäreb graute; sie wußte

nicht recht, warum, aber es gruselte sie. Und doch glitten ihre Blicke

immer wieder hin in ängstlicher Neugier. Was fehlte der nur?! Die sah

ja so gesund aus, stark und dick; sie mochte im gleichen Alter mit ihr

stehen, aber sie hatte mehr Fleisch an sich. Auf einer Seite wurde sie

von ihrer Mutter geführt, einer behäbigen Bäuerin, auf der anderen von

einer ältlichen Frau, wohl auch einer Anverwandten.

Mit unruhig-flackernden Augen sah das Mädchen um sich, es drängte immer

voran, die Frauen konnten es kaum zurückhalten. Und in Absätzen schrie

es ganz laut: »Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Beinahe wäre

es unter die Räder gekommen; vor den nun einlaufenden Zug drängte es

sich hin, es wollte durchaus zuerst hinein, vor allen anderen. Es

konnte es gar nicht abwarten.

In einem Tumult, der etwas Beängstigendes hatte, stürmten die

Wallfahrer die Coupés. Es war ein Durcheinanderschreien, ein Trappeln,

ein Stoßen, ein Stürmen, ein Drängen, ein Drohen, ein Brüllen, ein

Schelten und ein Sich-beklagen, daß Bäreb selber nicht wußte, wie sie

eigentlich auch in einen Wagen gekommen war. Zu ihrem Schrecken sah

sie das Mädchen sich gegenüber. Es hatte starke hellblonde Zöpfe um

den Kopf liegen und war gut gekleidet – ei, war die blaue Taille fein

mit dem Sammetbesatz, und der Rock mit den Volants! Das Mädchen war

eigentlich sehr hübsch. Es lächelte Bäreb an, aber diese traute sich

nicht, wieder zu lächeln: Jesus Maria, das blonde Mädchen lächelte

wohl freundlich, aber seine Augen blieben so leer dabei, als wären die

Gedanken weit weg.

Mit großer Gesprächigkeit fing die Mutter, die behäbige Bauerfrau,

eine Unterhaltung an. Sie fragte Bäreb, ob sie auch springen wolle

zu Echternach? Sie und ihre Angela und die Base Piette wollten auch

springen; sie kamen aus dem Luxemburgischen, der Knecht hatte sie

gefahren bis zur Bahnstation, sie hatten Wagen und Pferd. Die Angela

war krank. Von Kind an war sie anders gewesen als andere Mädchen,

selbst bei den lieben Nönnchen, wohin man sie zwei Jahre in »Penßjohn«

getan hatte, war es nicht besser geworden mit ihr. Einen teueren Arzt

in der Stadt hatte man auch zu Rat gezogen, der hatte die Krankheit mit

einem gelehrten Namen benannt.

»Aber dat is all nit wahr, uns Anschela« – die Frau dämpfte die Stimme

und raunte der lauschenden Bäreb ganz geheimnisvoll ins Ohr: »der is

wat angedahn!«

Bäreb riß ihre dunklen Augen weit auf und hielt sich unwillkürlich

zurück, daß der Atem der Blonden sie nicht streifte. Sie hatte wohl

schon gehört, daß, wenn die Kühe keine Milch gaben, man sagte, denen

sei was angetan. Aber bei Menschen, o nein, das hatte sie noch nicht

gewußt! Scheu richtete sie ihre Augen auf das Mädchen.

Das war aber sehr vergnügt; es schwatzte in einem fort und preßte mit

beiden Händen seine blaue Taille herunter, damit sie straff und glatt

über der vollen Brust saß. Ab und zu betete es auch ein Sätzchen. Aber

dann wurde sein rundes, blühendes Gesicht jedesmal ein ganz anderes.

Zwischen den Brauen grub sich eine tiefe Falte ein, die vollen Lippen

wurden schmäler und erschienen blässer, die flackernden Augen hoben

sich empor und starrten unbeweglich auf einen Punkt:

»Herr, erbarme dich unser,

Christe, erbarme dich unser!«

Die Blonde stöhnte laut, ihre Züge verzerrten sich wie bei einem

heftigen Schmerz; sie schlug sich an die Brust, unruhig scharrten ihre

Füße.

»Heiliger Willibrord, bitte für uns!« –

Leiernd fielen Mutter und Base ein: »Wir bitten dich, heiliger

Willibrord, erhöre uns!«

Unwillkürlich fing auch Bäreb mit an; wenn alle beteten, sollte sie da

nicht mitbeten? Der ganze Wagen, alle Leute, die darin saßen, nahmen

Teil.

Wie eine Vorbeterin, mit erhöhtem Ton, begann das Mädchen aufs neue.

Es hatte etwas Heißes, etwas gewaltsam mit sich Fortreißendes, Bäreb

konnte nicht widerstehen. Mit Mühe nur hielt sie an sich; wenn sie sah,

wie das Mädchen an allen Gliedern zuckte, wie es sich bäumte in seinem

Gebet, konnte auch sie kaum ruhig bleiben. Aufspringen hätte sie mögen

von der Bank, wie jetzt das Mädchen tat, hineinschreien in das Rasseln

und Schnauben des Zuges, es überbieten mit der Stimme:

»Heiliger Michael,

Heiliger Gabriel,

Heiliger Raphael,

Heiliger Josef,

Heiliger Petrus,

Heiliger Paulus,

Heiliger Thomas,

Heiliger Philippus,

Heiliger Bartholomäus,

Heiliger Matthäus,

Heiliger Markus,

Heiliger Stephanus,

Heiliger Laurentius, Vincenzius, Fabian und Sebastian,

Alle heiligen Chöre seliger Geister, bittet für uns!«

Die blonde Angela schrie alle Engel und Erzengel, alle Jünger des

Herrn, alle Propheten und Märtyrer, alle heiligen Bischöfe und

Beichtiger, Priester und Leviten, Mönche und Einsiedler in unendlicher

Reihe auf sich herab.

Es schwindelte Bäreb. Wie war es möglich, die ganze Litanei zu allen

Heiligen im Kopf zu behalten?! Sie fing an, das Mädchen zu bestaunen.

Auch die anderen Waller hefteten bewundernde Blicke auf die Beterin.

Wahrhaftig, das war keine Kranke, das war eine besonders Begnadete!

Die Mutter, die erst verlegen dareingeschaut und versucht hatte, durch

ein Zupfen am Ärmel die Tochter zu leiserem Beten zu bestimmen, verzog

nun den Mund in geschmeicheltem Stolz. Ja, das war wahr, ihre Angela

war ein sehr frommes Kind, die sollte auch ins Kloster gehen, sowie sie

gesund war. Und wenn’s auch ihre einzige Tochter war, die gelobte sie

Gott. Jetzt ermunterte sie die Tochter zu weiterem Beten noch.

Wo die nur all diese Worte her hatte?! Das war ein Schwall, ein Erguß,

ein Strömen, ein Fließen von heiligen Worten, daß es schier betäubte.

Bäreb, der schon am Morgen der Kopf schwer gewesen war, fühlte ihn

immer schwerer werden. Sie war wie im Rausch, wie am Tage vorher, da

die hübschen Soldaten ihr soviel Verliebtes ins Ohr geflüstert hatten.

Gestern so wie heut – heut so wie gestern! Sie konnte gar nicht mehr

klar denken.

* * * * *

Wo war der Tag geblieben? Die Stunden waren so rasch verronnen wie ein

Traum. War das Echternach? Ja, das war Echternach.

Willenlos, gedankenlos war Bäreb der führenden Menge ins Städtchen

hineingefolgt. Sie sah nicht, wie lieblich das lag zwischen Gärten, in

denen Apfel- und Birnbäume eben abgeblüht hatten und Kirschbäume schon

sich rötende Früchte zeigten, die daheim nie reiften.

An die Spitze der einziehenden Wallfahrer hatte sich ein Musikkorps

gestellt, dahinter reihten sich die Gemeinden; die geistlichen Hirten

ordneten ihre Herden. Viele, viele gläubige Schäflein aus vielen

Ortschaften, aus Nähe und Ferne; Staub auf den Kleidern, aber im Herzen

Seligkeit. Nun war es erreicht, zu Fuß und zu Wagen, mit Not und

Ermüdung, mit Anstrengung und Kosten. Hier war gelobtes Land, hier war

man endlich in Echternach!

Das vorderste Musikkorps spielte, andere Musikkorps wollten nicht

zurückbleiben – jede Gemeinde hatte ihren Ehrgeiz – sie spielten zum

Einzug das Willibrorduslied, und tausend Kehlen stimmten jubelnd an:

Das Kreuz im Venn · 第 10 / 27 段