Selbst der Süßchenbäcker hatte sein lautes Prahlen gelassen, er

hatte sich zu dem Schuster auf den Bettrand gesetzt; die Köpfe

zusammensteckend, tuschelten sie ganz heimlich miteinander.

Der Landstreicher neigte sich zu Jacobs hinüber: »Rotfuchs,« sagte er,

»warum bist du hier?«

»Darum!« sagte der patzig.

Aber der Alte ließ nicht locker. »Nu sag doch, sag ens! Haste jetippelt

wie ich? Haste Schlamassel gehabt in der Besoffenheit – haste einen

jestoch?«

Als Antwort kam nur ein dumpfes Knurren.

»Sag ens! Et sind’r auch welche hier, dat sind Linker und Freischupper.

Der Ohligs is wegen Meineid hier. Der hat noch Jlück jehabt –

fahrlässigen Meineid – sonst säß de im Zuchthaus. Un einer is hier, de

hat Wechsel gefälscht, de is janz vornehm. Jung, sag et doch, warum

bist du dann hier? Mir kannste et ruhig sagen!« Der alte Kunde war sehr

neugierig, um so neugieriger, je hartnäckiger der andere schwieg. »Ich

bin soviel erumjekommen auf der Walze, oh, ich weiß Bescheid!«

»Paragraph hundertsiebenundsiebzig,« murmelte der Blasse zwischen

zusammengebissenen Zähnen. Er wußte selbst nicht, warum er es nun doch

sagte; er hatte es nicht sagen wollen, aber der alte Kerl reizte ihn

ja dazu. Was würde der zudringliche Pracher nun wohl für ein Gesicht

schneiden?!

»Ah so!« Der Vagabond hatte keine Ahnung von Paragraph

hundertsiebenundsiebzig, aber die Blöße wollte er sich doch nicht

geben, das einzugestehen. »Ah, so,« machte er noch einmal, ganz

befriedigt.

Der andere verwunderte sich. Wie, es graute dem Alten nicht? Und ihm

graute es doch vor sich selber. Nicht immer, aber heute, heute in

dieser Mondscheinnacht, in der von weit her das Quarren der Frösche

kam in leidenschaftlichem Chor; in dieser Nacht, in der die Gedanken

wanderten, immer hinter dem Manne her, der jetzt wohl längst schon bei

dem Weibe war. Das Weibsbild – das Weibsbild!

Der Rotfuchs hätte aufschreien mögen in Wut und Qual, er warf sich mit

einem Ruck auf die andere Seite herum und unterdrückte ein Wimmern.

Aber es wurde doch hörbar in der totstillen Nacht.

»Halt dein Bonum,« schrie einer, der jetzt schlafen wollte, »ich

schmeiß dir sonst meine Holzklumpen druf!« Es polterten ein paar

Holzschuhe nieder.

»Bet dich, bet dich, meine Jung,« flüsterte der alte Landstreicher,

»dann kannste jut schlafen!« Er selber bekreuzte sich und legte sich

dann zurecht, die Hände auf der Brust gefaltet. »Morjen is Feiertag, da

krieje wer Wurst oder Speck bei die Linsensupp, un nachmittags Schmalz

auf et Brot – un vielleicht ’ne Kaffee!«

Das letzte hatte er schon undeutlich gemurmelt wie in einem glücklichen

Traum; nun schlief er bereits, halb im Sprechen noch, schon fest wie

ein Kind.

Aber der Rotfuchs konnte den Schlaf nicht finden; bei allen anderen

war der, nur nicht bei ihm. Zitternd, frierend und doch glühend, sich

schüttelnd in Fieberschauern kauerte der Sträfling unter seiner Decke.

Der Mond war weiter gegangen hinter den dunklen Rand des Hahnheister

Busches; nun war es stockfinster im Schlafsaal, aber der Schlaf kam

und kam nicht zu Jacobs. Es packte ihn wie Verzweiflung: schlafen,

schlafen, nicht mehr den Mann sehen, der über das Venn rannte! Nicht

mehr das Weib sehen, das dem Mann am Halse hing! Im Schlaf Ruhe finden,

vergessen, was sich gar nicht mehr vergessen ließ!

Aber der Schlaf kam nicht. Sollte er beten, wie der alte Paternapgacker

es ihm angeraten hatte? Pah, das half ja doch nicht! Und fluchen, sich

mit den Fäusten gegen die Stirn schlagen, gegen die Brust, sich mit

scharfen Zähnen in die emporgestreckten Arme beißen, sich verbeißen

darin wie ein wildes Tier, das half auch nicht.

Bittere Tränen fing der Ruhelose an zu weinen. Wie weh ihm die Brust

tat! Kein Atemholen ohne Stich. Der trockene Husten hatte die anderen

schon manche Nacht gestört, heute kam ein ganz besonders starker

Hustenreiz. Mit fliegender Brust, hoher Röte auf den Backenknochen

kauerte der Sträfling halbaufgerichtet. Wenn doch der Morgen käme!

Wurde es denn nie, niemals mehr Tag?!

Er erwartete das Licht mit sehnsüchtiger Gier.

VII

Gegen die Stunde des Sonnenaufgangs ist es kalt auf dem hohen Venn,

mag der Tag auch noch so warm werden. In einer bleichen Kühle, vom Tau

genäßt, lagen Strafkolonie und Heiderücken, Weide und Dorf und die

ragenden Hainbuchen. Hinter den Hecken hervor tönte das Muhen der eben

aus dem Schlaf erwachten Kühe, ein Ochse brüllte, ein Hahn krähte, ein

Kalb blökte.

Beim Bauer Adams am grünen Klee war die ganze Nacht Licht gewesen, und

auch jetzt, da das ganze übrige Dorf noch schlief, war man dort schon

auf den Beinen. Man erwartete den Tierarzt, der Knecht war schon vor

Morgengrauen hinuntergefahren, den Dreiborn zu holen. Der Hausherr

selber war im Stall aufgeblieben, aber noch zeigte sich kein Absehen

der Qual. Sollte die Braune, das schönste Stück Vieh, eingehen? Ihr

schmerzliches Muhen ging den Menschen durch Mark und Bein.

Bis hinüber zu Huesgens war es gut zu hören, trotzdem die Stalltür

geschlossen blieb und die Hecke, die der stolze Bauer als

Trennungsschranke auch an der Nebenseite seines Hofes aufrechthielt,

hoch und stark und dicht war. In die schmalen Lücken ihres knorrigen

Astgefüges hatten sich die kleinen Huesgens eingezwängt; ihre schmalen

Körper schlüpften überall durch. Sie waren früh vom Strohsack

geklettert und lauschten nun mit ängstlich-neugierigen Augen. Ihre Kuh,

die liebe Maiblum, die sollte auch bald kalben, wenn es der nur nicht

auch so schlecht erging wie der großen braunen beim Bauer Adams!

»Du,« sagte das Kathrinchen zum Bruder Tönnes und zum Drückchen und

tupfte den kleineren Geschwistern einem nach dem anderen auf den Kopf:

»Du, bet dich für oß Maiblum! Wie dat arm Dier sich quäle moß!«

Nebenan ging das dumpfe Brüllen und Angstgestöhn immer weiter und

erfüllte die Herzen der lauschenden Kinder mit banger Furcht. Mitunter

kam eine Pause, aber dann setzte das Angstgebrüll um so stärker wieder

ein.

»De Mathes is der Doktor holle,« sagte der Tönnes. »Mir ha ke Jeld, für

der Dokter zu holle!«

Kathrinchen nickte bekümmert: freilich, die Mutter hatte schon so viel

gekostet! Sie konnten nichts weiter tun als beten. Unter dem dünnen

Schürzchen, das sich im Morgenwind blähte, faltete die Kleine die

Hände: ach ja, das würde sie der Bäreb recht ans Herz legen, wenn die

heut nach Echternach springen ging für die Mutter und den Dores, daß

sie auch mitbetete für die liebe Maiblum! Wie von einem glücklichen

Gedanken freudig erregt, ließ das Kathrinchen die Geschwister an der

Hecke zurück und lief hinein ins Haus zu Mutter und Schwester.

Drinnen bei Huesgens war rege Bewegung. Auch hier hatte fast die

ganze Nacht das Lämpchen gebrannt. Bäreb hatte noch, als sie aus der

Fabrik heimgekommen war, die Kirche besucht und dann die halbe Nacht

in der Küche aufgesessen, geflickt, genäht und sich gerüstet. Wenn

sie auch keinen großen Staat machen konnte mit ihrem Anzug, sauber

und ganz mußte der Rock wenigstens sein – wie sollte sie sonst wohl

bestehen vorm heiligen Willibrord?! Auch auf die Hosen des Dores, die

er immer durchscheuerte bei seinem Rutschen, hatte sie einen neuen

Flick aufgesetzt und die Flecken verwaschen und gebürstet, so gut es

anging. Kaum eine Stunde hatte sie bei den Geschwistern gelegen, beim

Morgenrot weckte sie schon wieder das Brüllen der Kuh von nebenan.

Bange Sorge erfüllte ihr Herz: auch die Maiblum war die letzten Tage

so unruhig, brüllte so viel und fraß nicht wie sonst! Jesus Maria, es

würde doch nicht schlimm werden mit der Kuh?! Es war ihr recht, daß die

Geschwister hinausliefen, um an der Hecke zu lauschen. Der Tönnes war

schlau, der würde schon dahinter kommen, wie’s mit der Kuh vonstatten

ging!

Bäreb vergaß fast ihre Reise darüber und was sie alles vorhatte am

heutigen Tag. Mit der Bahn mußte sie heute noch bis Ettelbrück kommen,

da hatte die Mutter eine Base wohnen, bei der kam sie wohl unter

mit dem Dores für eine Nacht. Und morgen würde sie aufbrechen nach

Echternach, so früh, daß sie dort eintraf zu rechter Zeit, schon zur

Vorfeier in der Pfarrkirche, die oben an der steilen Treppe liegt, die

man Pfingstdienstag hinaufspringen muß. Oh, sie wußte so genau Bescheid

zu Echternach, als wäre sie zehnmal schon dort gewesen! Mit großer

Sorgfalt kleidete Bäreb sich heute an, wusch und kämmte sich dreimal so

tüchtig als sonst. Aber der Dores wollte sich durchaus nicht waschen

lassen, sein Geschrei weckte die Mutter.

Frau Huesgen kam angeschlichen im Unterrock; man sah es, wie schwach

sie war, sie hielt sich kaum auf den Füßen. Sie weinte, als sie den

Dores sich wie ein Tier gebärden sah; er wälzte sich auf dem Estrich

und stopfte sich brüllend Sand in den Mund, und was er sonst fand an

Unrat. Jesus, barmherziger Heiland, würde es denn nie besser werden mit

ihm? Niemals?! Sie jammerte laut.

»Motter,« sagte die Tochter vorwurfsvoll, »ich jonn jo springe!«

Aber Frau Huesgen war heute kleinmütig. Die Kraft, die die wundersame

Begegnung ihr verliehen hatte, hielt nicht immer vor; wenn es auch

besser, viel besser mit ihr geworden war, heute fühlte sie doch wieder

die Schwäche. Das schreckliche Brüllen der Kuh nebenan verstörte sie

ganz. Wenn’s mit der Maiblum nun ebenso ging, Jesus Maria! Die war ihr

einziges Hab und Gut.

Das Kathrinchen kam herein, hinter ihr her stürmte der Tönnes.

»De Doktor ös do,« kreischte er atemlos, »nu jeht er in der Stall. Ich

moß kicke!« Wie der Wind fegte er wieder hinweg, um draußen an der

Hecke abermals zu lauschen.

Kathrinchen aber faßte die große Schwester um den Hals und flüsterte

ihr eifrig etwas ins Ohr, und Bäreb horchte und nickte verständnisinnig

und lächelte dann. Sie lächelten beide. Dann lauschten sie alle;

selbst der Dores, als ob er die ängstliche Spannung, die Erwartung,

verstünde, ließ jetzt sein Schreien. – – –

Der Bauer Adams kraute sich in Verzweiflung den Kopf: das Kalb lag

verkehrt herum, drum kam’s nicht heraus. Es hatte sich mit den Beinen

verfangen, es verletzte die Kuh.

Frau Adams hielt sich die Schürze vor und weinte wie bei einer Leiche.

»Eso ’n fing Kuh, oß fingste Kuh! Jesesmarijusep!«

Ihr Gejammer machte den Tierarzt nervös. »Schmeißt Euer Frau eraus!«

sagte er grob zu dem Bauer.

Das tat der nicht mehr wie gern. Hatte er ihr nicht schon zehnmal

gesagt, sie sollte in die Stube gehen?! Er selber war auch kaum fähig,

andere Hilfe zu leisten, als daß er im dunklen Stall die Laterne hielt

und dabei stand mit leis sich bewegenden Lippen, während der Doktor und

der Knecht an der stöhnenden Kuh hantierten.

Der Dreiborn war ein geschickter Mann, geschickter als mancher

Menschendoktor. Aber während er fast blindlings sein Geschäft

verrichtete, denn zu sehen war kaum etwas bei dem erbärmlichen

Lichtgefunzel, räsonierte er laut: längst hätten sie ihn holen müssen,

aber immer erst kamen sie, wenn’s zu spät war! Diese Bauern, diese

verdammten Dickschädel, nichts weiter konnten sie als beten und

plärren! »Halt dat Licht ruhig,« brüllte er den Adams an, »wenn Ihr so

dermit wackelt, komm ich nit zu Stand. Wat hatt Ihr dann mit der Kuh

jemacht? Dat Kalb stirbt ab, dat krieg ich nu un nimmer lebendig eraus.

Dämliches Bauernpack!«

Der kleine Mann pustete vor Wut; er war komisch anzusehen, aber heute

hatte der große Bauer doch Respekt vor ihm. »Mir han nühst =jemaat=,

mir han nur jebet,« sagte er ganz kleinlaut.

»Äh wat, jebet – nur jebet, dat is et ja jrad!« Dreiborn pustete immer

zorniger; er war ein aufgeklärter Mann, ›ein Mann der Wissenschaft‹,

wie er sich selber nannte. »Leben wir im neunzehnten Jahrhundert oder

im Zeitalter des dunkelsten Aberglaubens? Fast möchte man dat Letztere

meinen. Aber so seid Ihr, alles wird bebetet, un dann seid Ihr ruhig:

so, da sorgt nu der liebe Jott für! Der hätt viel zu tun, wenn der Euer

Jeplärr immer hören wollt. Heut betet Ihr um Regen und morgen wollt Ihr

schon wieder Sonnenschein, oder umjekehrt, – akkurat wie Ihr’t braucht.

Dat wär ja ne nette Jeschicht, wenn Euer Beten immer jehört werden

würd! Paßt auf, lernt wat, nützt die Zeit und stellt Euch auf Euch

selber – dat andere all is Unsinn!«

Der Knecht riß das Maul auf und grinste dumm: das war was ganz Neues,

was er da zu hören kriegte! Der Bauer kniff die Lippen zusammen, am

liebsten hätte er dem Dreiborn eins auf den Mund gegeben: sich so was

anhören zu müssen, noch dazu im eigenen Stall! Aber seine kostbare Kuh

stöhnte so kläglich; er konnte nur schweigen und still die Heiligen

bitten, ihm das Anhören dieser Gottlosigkeiten nicht als Sünde

anzurechnen. – – –

Es war um die zehnte Stunde, als Dreiborn den Hof am grünen Klee

verließ. Das Kalb hatte er nicht mehr retten können, die Kuh hoffte

er jedoch durchzubringen; aber das arme Tier war gewaltig matt. »So’n

Unverstand, so’n Unverstand,« brummte er vor sich hin, als er aus der

Hecke trat, und brummte noch immer weiter, als er sie schon längst

hinter sich hatte.

Schon geriet er in den Strom der Kirchgänger, und das besserte seine

üble Laune nicht. Mit seinen scharfen Augen musterte er die einzelnen

Gestalten. Da, der zitternde Alte, der am Stecken schlorrte, täte

auch besser, sich daheim ins Bett zu legen! Und da die Frau, die alle

Augenblicke niederkommen konnte, gehörte auch nicht mehr in die

überfüllte Kirche! Und hier die Kinder, Dreikäsehochs, die sollte

man lieber draußen herumspringen lassen beim schönen Sonnenschein,

als ihnen mit unverständlichem Singen, mit barem Unsinn den klaren

Kinderverstand zu verwirren!

Den Kopf vorgestreckt, die Augen herausgedrückt, hochrot im Gesicht,

rannte der Cholerische weiter.

Die Leute grüßten ihn, sie kannten alle den Doktor Dreiborn. Schon

manches Stück Vieh hatte er ihnen gerettet, aber sonst war er ein

komischer Herr! Sie tippten auf die Stirn und warfen sich bedeutsame

Blicke zu, als er vor ihnen herlief mit seinen dicken Beinchen, die

Hände, die den Hut hielten, auf den Rücken gelegt, nur durch ein kurzes

Nicken die Grüße erwidernd, die ihm zuteil wurden. Nach jedem scharfen

Blick, den er um sich warf, räsonierte er aufs neue halblaut vor sich

hin.

Der unterbrochene Strom der Kirchgänger, aus dem es ihm nicht gelang,

herauszukommen, versetzte ihn in immer größere Erregung. Dieses

verdammte Gerenne! Konnten sie nicht ruhig daheim bleiben und ihre

Wirtschaft beschicken? Aber das Vieh konnte brüllen, die Kinder weinen,

der Vater bettlägerig sein, die Mutter im Sterben liegen, wenn die

Glocken zu läuten anfingen, mußte gelaufen werden!

Der Bürgermeister kam ihm gerade zu paß. Leykuhlen war eilig, Mariechen

war schon voraufgegangen, aber nun hielt der Tierarzt ihn am Rockknopf

fest. Es gab kein Loskommen.

Leykuhlen kannte den Mann seit Jahren schon und schätzte ihn als

tüchtig in seinem Beruf, nun aber wurde er ungeduldig. Ins feierliche

Getön der Glocken hinein, in die Lautlosigkeit der andächtigen Waller,

die wie Wellen dem Felsen der Kirche zuströmten, sprudelte der ihm

seine ganze törichte Lebensauffassung ins Gesicht! Er aber wollte sich

nicht den heiligen Pfingsttag verkümmern lassen. »Ich muß jehen, ich

komm sonst zu spät,« sagte er und suchte sich freizumachen.

Aber der andere hielt ihn fest: »Ich sag Ihnen, Bürjermeister, Sie sind

auch so en Art Doktor: für die geistigen Schäden unserer Gemeinde sind

Sie verantwortlich wie ein Arzt für die Gebrechen des Körpers. Sie

müssen ran! Sie haben doch auch an der Wissenschaft Brüsten jesogen,

nu immer ran un die Leut aufjeklärt, damit wir kein Heer von Idioten

züchten, sondern von denkenden Wesen!«

»Da fangen Sie nun erst mal bei =Ihren= Patienten mit an, Herr

Tierarzt,« sagte Leykuhlen. Jetzt nahm er den kleinen Viehdoktor nur

noch komisch: nein, über den konnte man sich wirklich nicht ärgern! Er

legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und patschte ihn

scherzhaft: »Un ich sag Ihnen, Dreiborn, behalten Sie Ihre Weisheit für

sich oder tragen Sie die Ihren Ochsen un Kühen vor – wir sind hier kein

Rindvieh!« – – – – –

Derweilen saß die Bäreb im Eisenbahnzug und fuhr durch Gegenden, die

sie längst nicht mehr kannte. Das war wohl noch Venn, aber nicht mehr

so, wie es sich um Heckenbroich dehnte. Die Ginstersträucher, die jetzt

um die Ley und am Truppen-Übungsplatz überall wie goldene Flammen

leuchteten, standen hier schwarz, so weit das Auge sehen konnte.

Hatte man sie angebrannt, um sie dann umzugraben, mit ihrer Asche den

Weideboden zu düngen? Nein, auch die vielen kleinen Schonungen waren

angekohlt, die Nadeln, sofern noch welche an den Tännchen hafteten,

dürr und rostbraun. Über dem Strich Venn, den ein Waldbrand abgerast

hatte, flimmerte ein Sonnenglast, der ihn noch viel trauriger machte.

Bäreb seufzte: es war doch viel schöner um Heckenbroich. Hier gab es ja

gar kein Weideland mehr!

Langsam keuchend und bimmelnd kroch der Zug immer bergan, immer noch

weiter so hinauf bis St. Vith. Da hieß es ein paar Stunden warten.

Bäreb hatte nichts davon gewußt, daß sie umsteigen mußte; alle

Mitfahrenden in der vierten Klasse waren ausgestiegen, sie aber saß

noch immer geduldig am einen Ende der Bank, ihr Bündel zu Füßen, den

Dores auf dem Schoß. Es war ein Glück, daß der Schaffner noch einmal in

den Wagen sah.

»Echternach?« hatte sie schüchtern gefragt. Sie war des Fahrens schon

herzlich satt. War es noch weit bis dahin? War man nun bald da?

Der Mann hatte sie ganz empört angeschrieen: »Aussteigen,« und hatte

sie am Arm gegriffen, sie gerade noch herausgerissen, sie und das Kind

und das Bündel, ehe der Zug abfuhr, der sie mit davongeführt hätte,

weiß Gott, wohin in die fremde Welt.

In den Wartesaal traute sich Bäreb nicht, da mußte man was verzehren;

auch schrie der Dores, den das »Aussteigen!« des Schaffners erschreckt

hatte, so mörderlich, daß sich das Mädchen gar nicht in Menschennähe

wagte. So ging sie den Bahnsteig zu Ende bis zum Güterschuppen, setzte

sich da auf eine der umherliegenden Kisten, lehnte den Rücken gegen die

beschienene Schuppenwand und sonnte sich.

Allmählich beruhigte sich der Dores; sie gab ihm zu essen aus ihrem

Bündel, und er beschmierte sich ganz und gar, aber er war doch

wenigstens zufrieden. Unbekümmert um das Fremde, was um ihn war, kroch

er zu ihren Füßen im Kies des Bahnsteigs, steckte von den weißen

Steinchen, die in der Sonne blinkerten, in den Mund, probierte, ob das

ein Zückerchen sei, spuckte den Stein dann wieder aus, um ihn wiederum

ins Händchen zu nehmen und zur Schwester emporzuhalten: »Pä, pä!« Das

war sein gewöhnlicher Ausdruck für alles, was ihn verwunderte oder

erfreute; mehr sagte er nicht.

Bäreb wurde sehr müde; nun spürte sie doch die durchwachte Nacht.

Sie liebkoste den Bruder und versuchte, mit ihm zu spielen, aber der

Schlaf war stärker als der gute Wille. Wie im Traum hörte sie plötzlich

die Mutter sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister schreien

– vor ihr lag das Haus hinter der Hecke – ein Gefühl der Wohligkeit

durchrieselte sie, die Augen fielen ihr zu. – – –

Als sie erwachte, lag der Dores vor ihr im Kies und schlief. Die Sonne

war fort, aber auch ihr Zug.

»Nach Echternach, nach Echternach?!« Der Mann mit der roten Mütze,

gegen den sie verzweifelnd anrannte, zuckte die Achseln: ja, da hätte

sie eben besser aufpassen müssen, der Zug dahin war schon eine Weile

fort!

»Jesus Maria!« Sie brach in heiße Tränen aus: was nun?! Ach, sollte

sie nicht lieber umkehren? Es ging doch gewiß noch ein Zug zurück nach

Heckenbroich. Aber dann schämte sie sich und nahm sich zusammen: sie

mußte ja springen gehen, sie hatte so vieles zu erbitten, sie durfte

nicht umkehren. Ganz vernünftig erkundigte sie sich, ob’s denn nicht

noch einen weiteren Zug nach Ettelbrück gäbe? Ei gewiß, auf den Abend

noch. Da ward sie wohlgemut. Ach, wenn sie nur hinkam, wenn sie nur

hinkam! Keinen Gedanken mehr schickte sie zurück in die verlassene

Heimat, all ihr Sinnen, ihr Herz und ihren Verstand richtete sie voran.

Sie hatte ein Büchlein bei sich, das »St. Willibrordus Büchlein«,

enthaltend das Leben des Heiligen, die Gebete zu seiner Verehrung

und zur Wallfahrt nach Echternach. Das hatte die Frau Bürgermeister

der Mutter für sie gegeben. Nun las sie darin. Sie las vom heiligen

Willibrord, dem Vorbild der Demut, dem Muster des Gehorsams; vom

Glaubenseifer des heiligen Willibrord, von seiner Liebe zu Gott und

seiner Nächstenliebe, von seinem Gebetseifer, von seinem Bußgeist,

von seiner Sanftmut und endlich von der reinen Absicht des heiligen

Willibrord bei allen seinen Werken. Mußte das ein guter Heiliger sein!

Sie las mit leuchtenden Blicken, las sich immer mehr und mehr in die

feste Überzeugung hinein, daß er allen half, die zu ihm kamen nach

Echternach. ›Heiliger Willibrord, bitt für uns‹ – das schwebte ihr

immerfort auf den Lippen.

Sie hatte ihren alten Platz auf der Kiste wieder eingenommen und las

eifrig, halblaut jedes Gebet, das sie herausbuchstabierte, leise

mitmurmelnd. Erst als ihr die Sonnenstrahlen nicht mehr aufs Büchlein

fielen, merkte sie, daß es Abend ward.

Es war kühl hier auf dem Bahnsteig der höchstgelegenen Station; von

allen Seiten konnte der Wind ankommen, hohe Zäune aus Latten mußten

die Schienenstränge schützen gegen die Schneewehen des Winters. Es

tat nicht gut mehr, auf der Kiste zu sitzen. Nun Bäreb nicht mehr

vom heiligen Willibrordus las, fühlte sie sich auf einmal allein und

verlassen; der Dores war doch so gut wie niemand.

»Pä, pä,« sagte er jetzt und riß sie am Kleide. Sie gab ihm eine

Semmel, dann hob sie ihn auf aus dem Kies und ging langsam mit ihm zum

Bahnhofsgebäude. Es half nichts, nun mußte sie doch in den Wartesaal

hinein, es war für das Kind zu kalt und zugig draußen. Ein Glück, daß

der Dores heute so lieb war; er hatte sich noch nicht seine Hosen

beschmutzt, er spielte mit ein paar Steinchen ganz stillvergnügt und

schrie nicht.

Den Bruder an sich pressend betrat sie den Wartesaal. Sie konnte nichts

sehen vor Qualm und Tabaksrauch; mit niedergeschlagenen Blicken tappte

sie zum entlegensten Plätzchen.

Mit großen Augen starrte der Dores drein. »Pä pä,« sagte er wiederholt

und riß die Schwester am Ohrzipfel. Ein Soldat hatte ihm vom Nebentisch

mit einem Bierglas gewinkt. Er strebte hin, er wollte einmal trinken:

»Pä, pä, pä!«

Die Soldaten, die um den Tisch saßen, lachten laut. Es waren vier

muntere stramme Kerle, die Urlaub hatten über die Pfingstfeiertage und

die sich nun freuten, nach Hause zu kommen. »Komm, komm her,« sagte der

eine und winkte dem Kind mit dem Finger.

»Pä, pä, pä!«

Bäreb konnte den Jungen kaum halten, er wollte von ihrem Schoß, und als

sie ihm wehrte, biß er sie.

»Fräulein, lassen Sie doch das Kind,« sagte der Soldat. Und als sie den

strampelnden Jungen doch nicht losließ, war der hübsche Soldat mit zwei

Schritten bei ihr im Winkel zwischen Ofen und Wand und nahm ihr eins,

zwei, drei, das Kind vom Schoß und ließ es an seinem Bierglas trinken.

Ei, wie der Bengel schmatzte! Die Vier wollten sich ausschütten vor

Lachen.

Bäreb wurde blutrot. Aber böse konnte sie doch nicht sein: die waren ja

so freundlich! Verstohlene Blicke ließ sie zu dem Tisch hinübergleiten.

»Fräulein, wohin reisen Sie dann?« fragte wieder einer.

Sie wollte erst nicht antworten, aber dann besann sie sich: das wäre

doch zu grob, die hatten ihr ja nichts getan. So antwortete sie

verschämt-leise: »No Echternach!«

»So, Sie wollen wohl springen da?«

Sie nickte.

Die Soldaten zwinkerten sich zu; drei von ihnen hatten Lust, zu

lachen, aber der vierte, der allerhübscheste, sagte ernsthaft: »Aber,

Fräulein, da kommen Sie heut abend ja jar nit mehr hin!«

Ja, das wußte sie wohl! Sie erzählte von ihrem Malheur mit dem Zug.

Ach, es tat ihr so gut, mit einem freundlichen Menschen zu sprechen!

Sie genierte sich gar nicht mehr; das waren ja welche, die ihre Heimat

kannten. Sie waren vom Platz.

Das Kreuz im Venn · 第 9 / 27 段