ganz verdutzt an.
Der Landrat wurde blutrot, aber dann faßte er sich gewandt: nur es
nicht mit dem Mann verderben, der war doch zu wichtig! Einlenkend legte
er dem Erregten die Hand auf den Ärmel: »Lieber Herr Bürgermeister, Sie
scheinen zu glauben, daß mir das Wohl und Wehe des Bauern hierzulande
nicht ebenso am Herzen liegt, wie Ihnen? Da sind Sie sehr im Irrtum.
Ich denke Tag und Nacht darüber nach, wie man glückliche Wandlungen
schaffen könnte. Es ist nötig, glauben Sie’s nur! Sie selbst sind
doch von einer viel zu hohen Intelligenz, um nicht einzusehen, daß
der Eifler nicht so fortwirtschaften kann wie vor dreißig Jahren. Um
Gottes willen, nur keine Mißverständnisse, lieber Leykuhlen!« Er nahm
sein Glas und führte es an das Glas des anderen. »Wir alle sind hier ja
Pioniere, Apostel, wie Sie’s nennen wollen, wir alle wollen das Beste
bringen. Das öde Venn, es wandle sich in fruchtbarere Gefilde! Prosit!
Auf unser Vennland!«
Der Bürgermeister konnte nicht anders, er mußte anstoßen, aber er tat
es mit einem so starken Stoß, daß er Wein verschüttete. Die Frau kam
rasch mit einem Tuch, das Naß von der Decke zu wischen, er wies sie
zurück: »Laß nur, Mariechen!«
Er war blaß geworden; man sah es trotz des gesunden Braunrots, das
sein Gesicht so gleichmäßig überzog. Er biß sich auf die Lippen.
»Herr Landrat,« sagte er dann ruhiger, aber man spürte in seinem
Ton noch den Groll, »Sie sind redejewandter als ich, Sie wissen Ihre
Worte zu setzen. Herr Landrat, aber janz herausreden können Sie sich
doch nit. Jewiß, Sie mögen et jut meinen, ich verkenn dat jar nit;
Sie denken darüber nach, wat besser sein könnte hier – vieles, dat
sag ich auch. Aber wir hängen nu mal am Herjebrachten; dat hängt auch
viel zu sehr mit dem zusammen, wat unser Teuerstes ausmacht, als daß
sich dat herausreißen ließ ohne Schaden. Sie sagen, Sie lieben unser
Land – jut, Herr Landrat, Sie lieben es, aber mit dem Verstand. Sie
wollen schaffen, erneuern, sich betätigen, ausjestalten, Ihre Ideen
ins Werk setzen. Ich, Herr Landrat,« – er schlug sich auf die Brust
mit Heftigkeit – »ich aber lieb es mit der Seele. Und dadrin liegt der
Unterschied. Und darum versteh ich Sie manchmal nit und Sie mich nit.
Nühst für unjut, Herr Landrat!« Ein Beben war in seine starke Stimme
gekommen; er streckte, sich selber überwindend, dem soviel jüngeren
Manne die Hand hin.
Mühlenbrink schlug ein und lächelte, wenn auch mit einer gewissen
Bittersüße. Sie schüttelten sich die Hände.
Die Debatte war geschlossen, aber eine angenehme Unterhaltung wollte
doch nicht in Fluß kommen. Die Herren tranken aus und empfahlen
sich; sie hatten heute noch viel zu tun, in einem Tage war’s ohnehin
kaum zu schaffen. Der Landrat begleitete sie, er forderte auch den
Bürgermeister auf, mitzukommen. Dieser lehnte ab; aber als sie eine
halbe Stunde fort waren und er am Fenster gestanden hatte und auf das
Glas getrommelt, ging er ihnen doch nach. – – –
Es wurden mehr Brunnen im Dorfe geschlossen, als man anfänglich
vermutet hatte; gut die Hälfte der vorhandenen. Die Heckenbroicher
waren außer sich: nun mußten sie, Gott weiß wie weit laufen und die
schweren Eimer Wasser schleppen, während sie es sonst so bequem gehabt
hatten, gleich hinter dem Stall. Und das war noch weniger angenehm,
immer beim Nachbar drum ansprechen zu müssen – jeder für sich – man
mochte bei aller getreuen Nachbarschaft es auch nicht gern, wenn einem
immer einer hinter die Hecke gelaufen kam.
Die Höfen, die halbblinde Witwe, fiel den Bürgermeister förmlich an,
als er eines Tages an ihrem Hause vorbeiging und sie, gerade vom
Nachbar kommend, einen Eimer Wasser hinter ihre Hecke schleppte. Da
hatte der Gendarm ihr gestern einen Brief ins Haus gebracht – »Maria
Jusep! So ’n Onjlöck, so ’n Onjlöck!« Nun sollte sie ihren Brunnen
ausschachten lassen und ummauern, sonst blieb er für immer geschlossen
und sie durfte nie, nie mehr daraus trinken. Ihr Brunnen! Ihr Josef
selig hatte das Wasser immer so gerühmt, er hatte sich noch daran
gelabt, ehe er mit dem Gaul ins Venn gefahren war. Ihre Mutter selig
hatte daraus getrunken – ihr Sohn, ihre Tochter, die an der Krankheit
gestorben war – die Lieben alle, die sie auf dem Kirchhof liegen hatte,
und der Lennerd auch, der jetzt in Amerika war, und ihre Bill, die
nach Köln weggeheiratet hatte. Und nun sollte sie nicht mehr daraus
trinken?! Aus ihren erblindenden Augen flossen Tränen.
Es erbarmte Leykuhlen. Aber was sollte er machen? Überall der gleiche
Verdruß. Aus diesem Haus und aus jenem gingen ihn die Besitzer an, er
sollte doch machen, daß die Sperre aufgehoben würde. Man brauchte das
Wasser, jetzt, da Pfingsten so nahe war, doppelt; man wollte waschen
und scheuern und Brotteig einmachen, man hatte zu tun und konnte das
Wasser nicht so von weither schleppen.
Aber der Landrat blieb fest: »Mein lieber Bürgermeister, dabei kann ich
gar nichts machen, so gern ich Ihnen auch gefällig sein möchte.«
»Und daran sind Sie schuld,« grollte Leykuhlen. Er war sehr verstimmt;
er hatte sogar Stunden, in denen er sich Vorwürfe machte, doch nicht
lieber die Wasserleitung statt der Kirche gebaut zu haben. Aber wenn er
sie dann aus dem Giebelfenster seines Hauses wieder ansah, war es ihm,
als habe er in seinen Gedanken ein Unrecht begangen. Das Geläut der
Glocken dröhnte ihm wie eine Mahnung – zu bezahlen waren sie ja noch,
aber wenn man die Gemeindejagd gut verpachtete, trug man die Schuld
schon ab. Sie läuteten ihm Friede und Freude ins Herz.
Sie läuteten das heilige Pfingstfest ein. Überall war geschmückt mit
Maien. Am Kircheneingang standen zwei ganze Bäume, ihre silbrigen
Stämme und das zarte Blattgrün zierten wunderschön das dunkle Portal.
Birken gabs genug auf den Ödländereien von Heckenbroich, auf hungrigem
Boden, wo kein anderer Baum mehr fortkommen wollte. Nach dem
Schießplatz zu waren ganze Trupps zu finden, die ihre langen Haare im
streichenden Winde wehen ließen.
Etwas erhöht, auf einer Erdwelle stand eine besonders große Birke, ganz
einsam, weit hinragend, hoch wie eine Stange. Den einzigen starken Ast,
der sich vom Wipfel abkrümmte wie ein gebogener Arm, streckte sie weit
von sich. Hier war immer der Platz des Kommandierenden, wenn auf der
weiten Heidefläche sich die Parade entwickelte, und die verschiedenen
Truppenkörper in ihren verschiedenen Uniformen die endlose Monotonie
belebten. Hier standen auch die Offiziere, um die Wirkung der neu zu
erprobenden Geschütze zu konstatieren. Und hier, ›am krummen Ast‹,
stand auch oft Hans Abeking, am Abend des großen Schießens, wenn seine
Leute das Gelände nach verlorenen Geschossen und auf Blindgänger
absuchten.
Er starrte träumerisch in den sinkenden Sonnenball. Von hier aus
gesehen war die Heide ein Meer mit Wellen und Wellchen, und die Sonne
tauchte unter wie ins große Wasser, die ganze Flut rotfärbend mit ihrer
Glut. Die Augen gingen ihm über. Heut dachte er an seine Mutter und an
seine Schwester, die mit einem ebenso jungen Leutnant, wie er einer
war, verlobt war, und er ärgerte sich, daß er unten bei Helene so viel
Geld ausgab, sich gänzlich verausgabte und doch noch Schulden hatte
bei seinem Freund Scheffler und sogar bei dem dicken Stabsarzt. Das
war scheußlich! Die Mutter knappte sich die Zulage ab; er wußte das,
wenn sie’s ihm auch nie sagte. Er machte sich die größten Vorwürfe:
wahrhaftig, er war es wert, an diesem krummen Ast aufgehängt zu werden!
Mit verschleierten Blicken maß er den einsamen Baum.
Aber dann sah er hinüber zum Lager, dessen Wellblech-Baracken jetzt
im sinkenden Licht all ihre Nüchternheit verloren hatten. Die
platten Dächer sprühten nicht mehr Funken wie unterm erbarmungslosen
Mittagsstrahl, sie erglänzten jetzt gleich mattem Silber, und
freundlich aus den paar Tannen heraus blinkte das weiße Kasino. Bei
aller Knappheit war es doch famos, Offizier zu sein!
Abeking seufzte auf: nein, er hätte sich doch in keinen anderen Beruf
hineindenken können. Sein verstorbener Vater war Militär gewesen,
Großpapa auch – warum sollte nicht auch er Karriere machen, wie die
beiden sie bei verhältnismäßig jungen Jahren doch schon gemacht
hatten?! Und Schulden würden sie auch gehabt haben – überhaupt, was
machte das, so ein paar kleine Schulden? Es ging gar nicht anders.
Sein Blick strahlte auf: morgen, Pfingstsonntag, fuhren sie wieder
hinunter. Es waren jetzt immer noch ein paar Kameraden mit von
der Gesellschaft, in Helenens Zimmer wurde zuweilen ein Spielchen
gemacht, ein höchst harmloses; aber man konnte doch höllisch dabei
verlieren. Helene gewann immer; sie setzte oft da und dort, geschwind
hineinguckend und sich für ein paar Augenblicke über die Schulter
dieses und jenes Herren beugend. Aber an seiner Schulter hatte sie doch
am längsten gelehnt! Noch glaubte er den Schlag ihres warmen Herzens
zu fühlen; sie hatte sich vor Freude über den Einsatz den er für sie
getan, dicht, ganz dicht über ihn geneigt und mit lachenden Augen den
Fall der Karten beobachtet. Sie war so ganz beim Spiel, sie hatte gar
nicht acht, daß sie ihn fast zerdrückte mit ihrer weichen Fülle – aber
– ah, es war sehr schön so gewesen!
Der junge Mann seufzte wieder: nein, morgen würde er doch nicht
mittun! Und wenn es nur zehn Mark waren, die man verlieren konnte. Die
Feiertage würden ohnehin viel verschlingen. Lieber Gott, man konnte
doch das Fest nicht hier in der Heide vertrauern! Es war ja nicht immer
die Stunde des Sonnenuntergangs, die alles verklärte, und in dieser
Öde, in der sie alle seufzten und in der man gewaltsam Zerstreuung
suchen mußte, um nicht melancholisch zu werden, Bilder zeigte, so
reizvoll-lockend, wie den Wandrern der Wüste die Fata Morgana.
Röter und röter erglühte die Heide. Ihr Braun ward jetzt tiefpurpurn,
von einer solchen Kraft des Leuchtens, daß der Himmel blaß und farblos
dagegen erschien. Von dem Sonnenball war nichts mehr zu sehen, er war
gesunken; aber röter, noch immer röter flammte das Heidekraut, und alle
Lachen im Venn flammten mit. Wie in einem gewaltigen Brand lohte das
ganze Moorland. Und nun stieg auch Dampf auf; schier ein Rauch wie bei
einem Brande. Er wurde dicht und dichter, schnell und schneller sich
aus kriechender Stellung zu Mannshöhe erhebend.
Der Leutnant gab das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt war die geeignetste
Stunde, sich das Fieber zu holen, die Kerls sahen ja ohnehin nichts
mehr. Teufel, wie schneidend kalt es auf einmal war!
Fröstelnd, unwillkürlich in einen starken Trab verfallend, trottete die
Kolonne in die Baracken zurück.
* * * * *
Es war Nacht. Eine Nacht, so bitterkalt, daß man kaum glauben konnte,
im Juni zu sein. Als könnte es frieren, so hell-weiß schimmerte der
Mondenschein und machte die dunklen Lachen zu blitzblanken Schilden,
mit denen das Moorland die Pfeile des Himmels auffing. Wie grausame
Augen, unbarmherzig, spähten die Sterne herab auf den Hahnheister
Busch und auf das Haus, das, toteinsam und gemieden wie ein Pesthaus
zu mittelalterlicher Zeit, vor den struppigen Kusseln des Buschrandes
liegt.
Das Venn fror es nicht, und weder das saure Gras noch seine Blumen, die
gelbe Narzisse, die weiße Maiglocke, die rote Orchis mit den schwarzen
Flecken und die zarten rosa und weißen Glöckchen der Venn-Erika froren.
All das blühte hier zusammen, nicht so streng geschieden nach Sippe und
Blütezeit wie anderswo; es war froh, überhaupt erblühen zu können, und
hart gewohnt.
Nur die Menschen fror es unter dem Ziegeldach des einsamen Hauses.
Das heißt, Simon Bräuer fror es nicht, der war ins Dorf gegangen,
der kalte, harte Mann heut heiß vor Freude. Sein Weib war heute im
Wirtshaus von Heckenbroich abgestiegen. Nun ging er, sie zu küssen. Sie
war gekommen für die paar Feiertage; es gab dann weniger Arbeit für
ihn, ein Hilfsaufseher konnte ihn dann wohl einmal vertreten, und im
übrigen schloß er seine Vierzig ein.
In langen, ungeduldigen Sätzen sprang der frohe Mann in der gradesten
Richtung durchs eiskalt betaute Kraut. Und wenn er es auch sonst nicht
so zeigte, er liebte sie doch. Und gerade weil er sie so lange hatte
entbehren müssen, liebte er sie doppelt; viel mehr denn je. Er glaubte
es jetzt kaum länger ertragen zu können, von ihr getrennt zu sein.
Es half nichts, sie mußte her, und wenn sie auch anfänglich nicht
wollte! Bei der Höfen war Platz zu finden, die blinde Witwe brauchte
nur ein Stübchen vom Haus, da konnte die Therese gut unterkommen
mit den Kindern. Ach ja, die Kinder! Ein weiches Gefühl faßte den
Dahinstürmenden: wie lange hatten sie den Vater entbehrt! Den Vater,
der sie zwar streng hielt und oftmals prügelte, und dem sie doch
teurer waren als sein Herzblut. Ob das Johannchen auch brav lesen und
schreiben lernte in der Schul’? Ob der Anna Zöpfchen schon ein Stück
länger gewachsen war? Ob das Peterchen schon die ersten Hosen anhatte?
Und ob das Kleine, das ganz Kleine, etwa schon »Pappa« sagen konnte?!
Im einsamen Venn, in der eiskalten Nacht, glaubte der Vater ein
lallendes Stimmchen zu hören.
Hätten die Sträflinge jetzt Simon Bräuers Gesicht gesehen, sie hätten
sich nicht mehr geduckt in hündischer Furcht – jetzt war er einer,
dessen Mund lächelte. – – – – – –
Im Schlafsaal, dem langgestreckten Schuppen-Anbau, wälzten sich die
Vierzig unterm tiefhängenden Dach. Seine Ziegel schlossen nicht fest
aufeinander, sie ließen Hitze und Kälte gleich ungehindert durch. Die
Vierzig konnten nicht Ruhe finden, obgleich sie todmüde waren. Der
Aufseher hatte heut mehr denn je kommandiert. Sie hatten das neue Haus
scheuern müssen vom obersten Dachsparren herab bis zur untersten Stufe
des Eingangs, er hatte mit scharfen Augen jedes Stäubchen gesehen,
jedes Fleckchen. Die einen hatten Wasser geschleppt, weither aus dem
Tümpel, darinnen die Frösche sprangen und heute quarrten, als wär’s
eine Sommernacht; andere hatten gefegt mit den Birkenbesen, die sie
selber gebunden hatten, wieder andere mußten Maien schneiden und
mit ihnen das Haus rund umstecken. So sah es viel weniger kahl und
unfreundlich aus.
Sie hatten alle weidlich geschafft. Einen Kalender hatten sie nicht,
aber an der verdoppelten Arbeit hatten sie gemerkt, daß morgen
Pfingsten war. Den besseren Weg, den sie begonnen hatten, hatten
sie noch vollends geschwind abstechen müssen und ausschaufeln und
festtreten vom Haus bis nach der Chaussee hin. Eine Pferdearbeit war
das gewesen im beschleunigten Tempo; am Mittag hatte die Sonne auf den
Buckel geprickelt wie mit Nadeln, morgens und abends hatten die steifen
Finger kaum Spaten und Hacke regieren können.
Und all das für das Fraumensch, das er erwartete! Sie hatten wohl
gehört, was der eilfertige Bote, der Hütejunge, gestammelt hatte: »Se
is nu do! Se läßt Uech jrüße!« Sie hatten das glühende Rot gesehen,
das über sein Bronzegesicht schoß. In den Schlafsaal hatte er sie
früher denn je getrieben, sie da eingesperrt ganz ohne Licht; nur der
Mond, der durch die Ziegel fiel und durch die Ritzen zwischen den
rohbehauenen Steinen, gab ein wenig Helle. Er selber war davongerannt.
Wie grinsende Affen hinter Käfigstäben hatten sie am Gitter des
Fensterchens ihm nachgeglotzt. Wie er rannte, wie er rannte! Er konnte
es nicht abwarten, bis er bei seinem Frauensmensch war!
Mit höhnischem Lachen drehte Jacobs, der Rotfuchs, sich vom Fenster
ab und hüstelte heiser. Er war hier oben immer erkältet, die Vennluft
tat ihm nicht gut und auch nicht die Landarbeit. Er war seines
Zeichens Kunsttischler. Drei Jahre hatte er gekriegt – viel, viel zu
viel! Was hatte er denn der Trine groß getan, die er antraf, als er
die Landstraße auf Köln zutippelte? Sie war am Rübenausziehen im
Feld. Warum war sie denn so allein und nicht mit Vater oder Bruder?
Verwünschtes Weibsbild! In den Graben hatte er sie geworfen. Erst
hatte sie sich gar nicht gemuckt, dann aber hatte sie geschrieen,
ganz mörderlich. Es war ihm blutrot vor den Augen geworden. Er hatte
gefühlt, wie es in seinen Händen zuckte, wie es ihn hinriß gegen seinen
Willen – ha, zupacken, zudrücken, die kalten, zitternden Hände um die
weiße Kehle klammern! Fest – noch fester – warum schrie die Trine auch
so?! So –! Sie würde das verdammte Schreien jetzt wohl sein lassen! –
– – Aber er hatte sie ja gar nicht gewürgt. Leute waren hinzugekommen,
er hatte sich auf die Flucht gemacht, aber laufen konnte er nicht so
rasch wie die Verfolger, der Atem war ihm ausgegangen. Sie griffen ihn.
Und er hatte seine drei Jahr gekriegt. Es wären nicht drei geworden,
wäre ihm nicht eine ähnliche Geschichte schon einmal früher passiert.
Daß der Teufel all das Weiberpack hole! Hier oben, Gott sei Dank, hier
gab’s keine Weiberröcke! Weit war das Dorf, hier war er sicher vor
Weibervolk. Wahrhaftig, und wenn’s auch entsetzlich hier oben war, man
war doch sicher – bis jetzt!
Er erzitterte. Ein Gedanke war ihm plötzlich gekommen, der ihn packte
und schüttelte und ihn nicht locker ließ – – – wie der rannte, rannte!
Er stellte sich alles vor, er dachte sich alles aus. Wie er sie
umhalste! Wie das Frauenzimmer ihm in die Arme fiel! – – – Wenn das
Fraumensch nur nicht bis ganz dicht hierher kam!
Ein Grausen schüttelte ihn. Wie die Meute den Eber, den sie hetzt und
stellt und von allen Seiten umkläfft, so fielen ihn gierige Gedanken
an. Da half kein Wehren.
Der bleiche Mensch, der auf der harten Eisenbettstatt lag, stöhnte auf;
ihn fror trotz der härenen Decke, er zog sie sich zitternd höher an
den Hals. Sie war sehr dünn, und doch fing er jetzt an zu glühen und
mächtig zu schwitzen. Mit feuchten Händen strich er sich über Stirn und
Augen – Teufel, könnte er doch aufwachen wie aus einem bösen Traum! In
seinen Schläfen stach und hämmerte es, vor seinen Augen tanzte es rot
im Dunkeln. Er fühlte sich sterbenselend, rasend über sich selber und
doch rasend vor Verlangen. Wieder stöhnte er auf.
Der ›Torfdrücker‹[14], der im Bett dicht über ihm lag, schob vorsichtig
seinen Kopf über den Bettrand und blinzelte zu ihm herunter. Auch
der ›Süßchenbäcker‹,[15] der rechts im Nebenbett lag, und der
›Betnoster‹[16] zur Linken wurden aufmerksam. Sie flüsterten. Sie waren
so an das Flüstern gewöhnt, daß sie selbst heute, wo sie den Aufseher
fort wußten, wo nichts um sie war als die Nacht und das Venn, daß sie
selbst jetzt kein lautes Wort wagten. »Was ist los?«
[14] Dieb.
[15] Pferdeschlächter.
[16] Betbruder.
»Nix,« sagte Jacobs heiser und unterdrückte sein Stöhnen.
Der Rotfuchs war immer unfreundlich und borstig wie seine Haare, sie
mochten ihn alle nicht; da waren der Süßchenbäcker und selbst der
Torfdrücker – pfui, ein Gannef, ein Dieb ist was Verächtliches, – doch
noch besser zu leiden. Aber die Kameradschaft regte sich jetzt doch in
ihnen. Der Rotfuchs sah immer elend aus, war der am Ende krank geworden?
»Was haste für’n Schlamassel?« fragte leise der Dieb von oben herunter.
»Kümmer dich um deine eignen Masematten,« war die verbissene Antwort.
Aber der alte Landstreicher, der Betnoster, wie sie ihn nannten, weil
er morgens und abends und mittags sich bekreuzte und betete, fragte
treuherzig: »Haste Hunger, minge Sohn?« Ihm schmeckten Suppe und
schwarzes Brot immer so köstlich, er hatte sonst niemals so satt
gekriegt. »Da!« Er zog aus seinem Strohsack einen Kanten Brot hervor
und langte ihn dem anderen herüber. »Iß, dann kriegste neue Kurasch!«
Der Rote nahm die Gabe nicht: pah, Hunger war nichts gegen das, was ihn
quälte! Er dankte nicht einmal. Was wollte der ›Achelpeter‹?[17] Ohne
Laut stierte er geradeaus, die Kniee hochgezogen im Bett sitzend, die
Ellenbogen aufgestemmt, den Kopf zwischen die Fäuste gequetscht wie
zwischen eiserne Schrauben. In der falben Helle, die ein Mondstrahl
warf, schimmerte sein Gesicht totenbleich. Er knirschte mit den Zähnen.
[17] Fresser.
Der Torfdrücker und der Süßchenbäcker gaben das Fragen auf: wenn der
nicht reden wollte, sollte er’s bleiben lassen, ihnen war es egal! Aber
sie waren nun einmal in eine Art von Unterhaltung gekommen; am Tag
draußen bei der Arbeit redeten sie kein Wort, jetzt konnte man sich ja
ein bißchen besprechen.
Von Bett zu Bett fing ein Tuscheln an, ein Raunen und Lispeln. Auch
andere nahmen bald teil daran, erst die zunächst Liegenden, dann auch
die Ferneren.
Im bleichen Mond saßen sie aufrecht in ihren Betten, mit struppigen
Haaren und verdunsenen Gesichtern; die Mücken des Venns, die
erbarmungslosen Quälgeister, hatten sie schon weidlich zerstochen.
Hier huschte ein Mondenstrahl und dort einer – bläulich schimmerten
tätowierte Brüste – es tauchte für Augenblicke wieder ein neues
verquollenes Gesicht auf mit struppigen Haaren und stieren Augen.
Sonst waren sie stumm, die heutige Nacht hatte sie beredt gemacht.
Sie dachten alle an den Aufseher, der nun bei seiner Frau war. Und
sie beneideten ihn, die Ledigen sowohl wie die Verheirateten. Der
Roßschlächter, der Süßchenbäcker, sagte roh: »Der Teufel soll ihm
en Bein stellen, wenn er zu seiner Keife geht! So ’n Hannes, so ’n
Blechseppel! Ich hab auch en Frau zu Haus. Mer sollt den Kerl abstechen
wie en Sau!«
»Der hat schon mal einen totgeschlagen,« flüsterte es aus der
entferntesten Ecke, ganz leise. Aber der Roßschlächter hatte es doch
gehört, er brüllte: »Jickesjackes, totjeschlagen! Redt keinen Stuß.
Anjetippt hab ich ihn nur in der Besoffenheit, da war er jleich Mus.
Wat kann ich dafor? Wenn dat wat Schlimmes jewesen wär, hätt mich der
Zwicker[18] schon um ’ne Kopp kürzer gemacht. Et hat noch emal jut
jegangen!« Er lachte auf. »Bald bin ich eraus. Wie lang habt ihr dann
noch?«
[18] Henker.
Sie sagten alle ihre Strafzeitdauer.
Der Landstreicher rieb sich schmunzelnd die Hände; er wollte gar nicht
fort, es gefiel ihm ja so gut hier. Wenn man auch arbeiten mußte, man
hatte doch immer satt, und Sattessen war das Beste!
»’ne komische Kauz,« sagte lachend einer, der nicht weit von ihm lag.
Aber dann fuhr er wild auf: »Lieber acht Tag hungern, als in’t Kittchen
– nur nit in’t Kittchen!« Er wollte die Fäuste recken: frei sein, nur
frei! Aber unsanft stieß er gegen das obere Bett, das, wie in einer
Schiffskoje, dicht über dem seinen war. Mit einem Fluch legte er sich
wieder hin.
»He,« sagte der Roßschlächter, »wie heißt du?«
»Ohligs!«
»Von welcher Sort?«
»Schuster!«
»Äh, du Pechhengst, so mein ich dat ja nit! Aber du sagst, ›nur frei
sein‹ – komm, lasse mir zwei Schibes machen!«[19]
[19] auskneifen.
»Süßchenbäcker, biste meschugge?« sagte irgendwoher eine Stimme, »dat
is nit so leicht!«
Aber der Süßchenbäcker nahm den Mund voll, er prahlte gewaltig: »Ich
bin stark, stärker wie’n Peerd, zehnmal stärker als der Bräuer;
den schmeiß ich um. Un dann käpernicken wir auf und dervon. Zwei
Kochemer[20] wie wir, dufte Jungens, kommen überall durch. In ’ner
Stund oder zwei sind wir über der Jrenz, wir drehen den Blauen en lange
Nas’, wir sind frei, frei!« Er dehnte den gewaltigen Körper.
[20] Schlaue.
»Dann kannste nie mehr nach Haus,« sagte eintönig der Landstreicher.
»Tu dat nit, ich rat dir!«
»Ach wat, armer Pracher! Du Schnorrer, halt deine Brotlad!«[21] Die
beiden Kerls lachten roh.
[21] Mund.
»Wandern, immer wandern, dat is en schlecht Jeschäft!« Der
Landstreicher schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann en Lied dervon
singen. Hätt ich dazumal en Stück Brot jehabt, da hätt ich beim Bauer
die Eier nit aus dem Stall zu holen jebraucht und wär nit trinken
jegangen an die Kuh. Ich war nachher als noch öfter da, oh ja. Den
ganzen Sommer hab ich nahbei im Feld jeschlafen, en Höhl hatt ich da.
Aber hätt ich dat Jlück nit jehabt, dat der Grüne mich jekriegt hätt,
ich hätt doch wieder Land auf, Land ab streichen müssen, wenn der
Winter kam un meine Höhl zujefroren war im Feld. Nee, Jungens, nee,
frei sein is nur schön, wenn mer auch wat zu acheln hat un nit immer zu
tippeln braucht, zu tippeln von Städtchen zu Städtchen, von Dorf zu
Dorf!«
»Du Schlemihl, du Schaute!« Sie lachten ihn aus; aber sie sprachen
nicht mehr vom Freisein. Die Unterhaltung, die lauter geworden war im
Eifer, verstummte wieder; nun flüsterten sie nur noch, scheu-ängstlich.
Wie Windesgelispel und wie Geseufz ging’s durch den wüsten Raum unterm
nackten Sparrengebälk.