Leykuhlen schlug sein Fenster zu: so lange würde das noch gehen, bis

sie einmal gehörig umschmissen oder sich festfuhren im Sumpf. Wenn sie

doch wenigstens still wären, das war ja ein wüstes Gegröhle!

Lange noch hörte das lauschende Dorf die weinrauhen Stimmen und Gesang,

Gelächter, Gejohle zwischen Rädergerappel und Hufegeklapper.

* * * * *

»Wat ich dir noch sagen wollt,« sprach die Bürgermeisterin am anderen

Morgen zu ihrem Mann, als sie miteinander in der Küche den Kaffee

tranken, »de Josef kam darum erauf, weil er dich fragen wollt, ob du

nit en Magd für ihn wüßt? Ich bin et jestern janz verjessen. Er will en

Magd haben, für auf die Fangeuse wohnen zu jehn, Bärtes!« Man merkte

ihrem Ton an, daß sie dachte: welch ein Unsinn, auf der Fangeuse wohnen

zu wollen!

Leykuhlen legte sein Butterbrot hin und fing laut an zu lachen: »Wat de

für Ideen hat!«

»Mir scheint, de fühlt sich sehr unjlücklich unten bei seinem Vetter.

Nu hat der Jilles oben im Moorhaus dem Schmölder jekündigt, un da hatt

der Josef Lust jekriegt, anstatt dem Jilles nach oben zu ziehen. Aber

er braucht doch en Magd – weißt du ein’, Bärtes?«

Leykuhlen schüttelte den Kopf: das würde schwer halten! Sämtliche

Witwen und ältliche Frauenspersonen im Dorf ließ er an seinen Gedanken

vorüberziehen. Da war die Witwe vom May aus der Tuchfabrik, der letztes

Jahr an der Schwindsucht gestorben war, die war aber selber nicht fest

auf der Brust, die hielt oben die Stürme und Nebel nicht aus. Da war

zweitens die Witwe vom Johann Peter, der Anno siebzig als junger Kerl

sein Bein verloren hatte, die war wohl noch rüstig und stark, aber die

hatte zehn Kinder, die jüngsten davon mußten noch in die Schul – mit

der war es auch nix. Da war die Hoefen, die war blind auf einem Auge

geworden, und auf dem andern sah sie fast auch nichts mehr vom Weinen;

der ihr Mann war vor zehn Jahren ausgezogen mit Karren und Gaul ins

wallonische Venn, um Torf zu stechen, und war nicht mehr gesehen worden

seit jenem Tag. Da war auch die alte Frau, die Lenzen Tring, aber die

war fünfzehn Mal Großmutter schon, die hatte zu viele Enkel zu wiegen.

Das Bertchen, die ledige Näherin, die nicht mehr in die Fabrik gehen

konnte und jetzt nähte und flickte und Kinder das Stricken lehrte, die

hatte zu feine Knochen für so was. Das Lieschen, das Bükelchen, das von

der Gemeindewohltätigkeit lebte, die würd sich gewiß gern was verdienen

– aber da hinauf, nein, da würde die auch nicht hinziehen!

Leykuhlen schüttelte den Kopf: »Ich weiß kein’!«

»Et müßt eijentlich en Junge un Kräftige sein,« sagte Mariechen

nachdenklich.

»En Junge? Dat würd sich doch schlecht schicken. Dat leidt auch unser

Pastor nun un nimmer, selbst wenn die Eltern et zujäben!«

»Och!« Sie lachte ihn hell aus ob dieses Bedenkens. »An so wat denkt

doch de Josef nit mieh, da is de doch viel, viel zu ältlich für!«

»Zwei Jahr jünger als ich!« Leykuhlen lachte auch, streckte prüfend die

kräftigen Arme aus und zog seine Frau plötzlich an sich. »Dat sag nit,

Mariechen! Zwei Jahr jünger noch is de Josef als ich – mer soll nix

verschwören!«

Errötend wie eine ganz Junge machte sich die Frau von ihm los und gab

ihm einen Klaps. »Och, Bärtes! Ich bin doch dein Frau, dat is doch wat

janz anderes! Un denn, du bist doch ’ne andere als de Josef!« Sich

mit beiden Händen den Scheitel wieder glatt streichend, den er ihr

verwirrt hatte, musterte sie mit Stolz und Liebe im Blick ihres Mannes

Kraftgestalt. »Wat bist du für ’ne Kerl – un wat is de für eine! Recht

erbärmlich – eso schwach – janz jries is sein Haar als!«

»Meins is ja auch als jrau,« sagte er neckend.

»Och, deins!« Sie fuhr ihm mit beiden Händen auf den ein wenig

strubbligen Kopf. »Du bist ja noch akkurat so, als ob du noch schwarz

wärst!« – – – – – – – –

Es war ein heller Morgen. Kein Morgen freilich, wie er am ersten Juni

in anderen Dörfern zu sein pflegt. Hier schoß noch keine Saat in die

Halme und neigte und wiegte sich in einem Wind, der schon Sommerwärme

in sich hatte. In der Rheinebene hatten die Obstalleen längst

abgeblüht, zwischen dem dunkelnden Sommerlaub kündeten schon kleine

Früchtchen die künftige Ernte; aber zu Heckenbroich waren eben erst die

Hecken grün geworden. Die Hecke vor Huesgens armseligem Haus zeigte

sogar noch viel braunes und dürres Winterlaub; nur wo die Sonne so

recht ankommen konnte, grünten schwächliche Sprießer.

Heute brauchte Weber Huesgen nicht in die Fabrik zu gehen. Gestern

abend war er mit dem letzten Arbeiterzug von Aachen gekommen, staubig,

verwahrlost und verdrossen dazu. Das war doch ein schweres Leben! Nun,

da er anfing, seine Jahre zu fühlen, wurde ihm die Woche oft sauer.

Immer arbeiten, und kein Familienleben dazu; mit den ledigen Kerlen in

der Herberge umherliegen. Und wenn man einmal die Woche nach Hause kam,

dann zu allem noch eine kranke Frau! Nun hatte er auch gar kein Pläsier

mehr.

Spät am Abend noch hatte sich Huesgen scheren lassen – die blaugrauen

Stoppeln überwucherten ihm das Gesicht wie ein Gestrüpp – dann hatte

Kathrinchen den Zober herbeigeschleppt, ihm die Füße zu waschen,

und Bäreb hatte sich gleich an des Vaters Sachen gemacht, um sie zu

flicken. Die Frau aber saß bei ihrem Ehemann auf dem Bettrand, den

schlafenden Säugling an der Brust, und hielt seine schwielige Hand in

der ihren. Sie hatte ihm ja so viel, so viel zu erzählen.

Unter ihrem Wunderglauben hatte sich sein gesunkener Mut aufgerichtet

wie ein schnell-wachsender Baum. Er ließ Müdigkeit und Verdrossenheit

fahren und wurde so vergnügt, als hätte er einen Schoppen getrunken.

Oh, und die Frau war ja soviel besser als letzten Samstag! Ordentlich

Rot hatte sie auf den Backen, sie war wie verjüngt. Er hatte kräftig

geschmaust. Sie hatte ihm Eier mit Speck gebraten, und sie, die

vorher nichts hatte essen mögen, teilte heut mit ihm; die Kinder,

die großäugig zusahen, bekamen vom Vater auch eins nach dem andern

einen Happen Brot, in Fett getunkt, in den Mund gesteckt, der gierig

zuschnappte. Weber Huesgen lachte darüber und klopfte ihnen die Köpfe:

hübsche Kinder doch alle, staatse Kinder! Und mit dem Dores würde

sich das ja nun auch bald bessern! Väterlich betrachtete er auch den

schlummernden Säugling; die Frau mußte den auswickeln und ihm zeigen,

wie stark er gebaut war. Nein, es waren der Kinder nicht zu viele, die

waren ein Geschenk von Gott im Himmel!

Draußen zog der Mond friedlich seine Bahn. Hier am Ende des Dorfes kam

kein Lärm vorüber; still, ganz still war’s und traulich. Es ward eine

glückliche Nacht unter dem armen Dach. –

Nun aber läuteten die Glocken. Weber Huesgen ging mit seiner Frau zum

ersten Mal zum Hochamt. Jetzt traute sie sich das schon.

In einer ununterbrochenen Reihe, zu zweien und zu dreien strebten die

Dörfler zur Kirche hin. Viele hatten einen weiten Weg, denn oft, wo

man’s gar nicht mehr vermutete, lag noch ein Häuschen hinter seiner

hohen Hecke versteckt.

Auch die vom Venn waren heute gekommen, sie wurden heruntergetrieben

zu zweien und zweien. Simon Bräuer hatte sie gut im Zug. Los und

ledig gingen sie, wie andere Leute auch; aber wenn sie auch nicht

gebunden waren, sie gingen doch wie gefesselt, die Köpfe gesenkt,

die Blicke zu Boden geschlagen. Trapp, trapp. Harte Tritte hatten

sie in grobgenagelten Schuhen. Sie waren heute im Sonntagsstaat, in

reingewaschenen Kitteln und dunklen Mützen; ganz ordentlich sahen sie

aus. Aber mißbilligende Blicke streiften dennoch die Kolonne; es blieb

ein großer Abstand zwischen ihr und der übrigen Schar der Kirchgänger.

Die Frauen guckten scheu; sie eilten sich noch mehr, daß sie in die

Kirche kamen.

Wie ein Beet von bunten Tulipanen prangten dicht gefüllt die Bänke der

Weiber. Sie hatten alle ihre besten Kopftücher um – rot und gelb, grün

und violett, blau und orangefarben – Wolle mit Seide durchschossen in

großblumigen Mustern.

Von ihrem Platz sah die Frau Bürgermeisterin nach jenen Bänken hin.

Sieh da, mitten zwischen frischeren und gesünderen Gesichtern das

blasse der Huesgen! Ah, das war recht, daß die heut nicht fehlte, die

hatte ja zwiefach Grund, hier zu knieen! –

»_In nomine patris et filii et spiritus sancti!_

Amen!«

In tiefer Andacht neigte sich die Gemeinde. Der Pastor, trotz seiner

Siebenzig noch im Amt, hielt das Staffelgebet. Und Confiteor und

Introitus folgten. Die hohe Wölbung verschluckte die lateinischen

Worte; die hohle Stimme des greisen Priesters am Altar und die näselnde

des ihm antwortenden Dieners vom Chor gaben ein immerwährendes Echo.

Man konnte nicht viel verstehen. Aber der Weihrauch duftete, die

Chorknaben knieten, die ewige Lampe ergoß blutrot dämmernden Schein auf

den Leib des Erlösers, der lebensgroß, in natürlichen Farben angemalt,

der Gottesmutter im Schoße ruhte.

Das Sonnenlicht war draußen geblieben; durch die bunten Scheiben brach

nur ein einziger Strahl herein. Wie eine goldene Leiter, auf der

Millionen von flimmernden Sternchen auf und nieder tanzten, leitete er

hin zur Monstranz, die auf dem weißgedeckten Altar erstrahlte.

»_Gloria in excelsis Deo!_«

Kein Räuspern war mehr hörbar, kein Scharren mit den Füßen. Alles lag

auf den Knieen. Das war wie ein reifes Ährenfeld, das lautlos fällt in

dichten Schwaden.

Trotz der kellerigen Kühle des hohen Gewölbes ward es schwül. Hunderte

schwitzten in emsiger Andacht; Männer und Weiber und Kinder dazu. Das

ganze Dorf war hier versammelt; nur die Gichtbrüchigen fehlten, und

die Uralten, die nicht mehr vom Bette auf konnten, die Wöchnerinnen

und die ganz kleinen Kinder. Es roch nach Seife, nach der Pomade der

glattgestrählten Köpfe, nach den Sonntagskleidern, die man nur einmal

vorholte in acht Tagen aus dem alten wurmstichigen, nie gelüfteten

Schrank, der das Beste verwahrte; nach der Tünche der Wände, deren

neuer Bewurf noch nicht völlig getrocknet war in diesem Frühjahr.

Die Luft wurde dick, die Gesichter wurden rot, die Füße eiskalt. Ein

heiliges Schauern zog durch die Seelen, ein Frösteln durch Mark und

Bein.

»_Dominus vobiscum!_«

Der Greis am Altar kehrte sich gegen seine Gemeinde, er breitete die

Hände aus und schloß sie wieder.

War Gott nahe?!

Ein Seufzer ertönte aus den Bänken der Frauen. Trotz der Andacht

drehten alle die bunt-verhangenen Häupter sich um. Wer seufzte da? Fast

klang’s wie ein Stöhnen. Unwillige Blicke bohrten sich in das noch

blasser werdende Gesicht der Huesgen-Annelies. War’s nicht besser, sie

ging aus der Kirche, ehe sie schwach wurde? Flüsternd neigte sich die

Nachbarin zu ihr, aber Annelies schüttelte den Kopf: nein, ihr war nur

auf einmal so kalt geworden, ihr war schon wieder wohl! Sich einen

Augenblick hinsetzend, um sich zu erholen, und dann doch gleich wieder

niederknieend auf das schmale Bänkchen, betete sie eifrig im Oremus.

Die Epistel ging vorüber, nun das Credo; jetzt kam bald die Opferung.

Die Huesgen hatte heute noch nichts genossen. Brot und Wein waren ja

da auf dem Tische des Herrn. Nun opferte der Priester die Hostie, nun

vermischte er Wein und Wasser, nun wendete er sich zu allen und doch zu

jedem einzelnen:

»_Sursum corda!_«

Und die Gemeinde antwortete murmelnd:

»_Habemus ad dominum!_«

Unruhig blickte die Huesgen um sich; vor ihren Augen schwankte das

Schiff der Kirche: war es noch nicht bald aus? Noch nicht? Der Schweiß

fing ihr an zu rinnen. Noch nicht bald?! Sie hörte kaum etwas mehr.

Endlich ein Klingeln. Dreimal anschlagend. Ah, die Wandlung! Der

Priester erhebt die heilige Hostie und dann den Kelch; tief anbetend

schlägt alles die Brust. Wieder das silberne Glöcklein und wieder.

Die Huesgen riß weit die Augen auf, vor ihren Ohren ward das zarte

Klingeln zum gewaltigen Läuten. Es erschütterte die Leere ihres Leibes;

es schwieg nicht, es betäubte sie schier. Es läutete immerfort in

feierlich rhythmischem Dröhnen. Vor ihren Augen erstand ein Flimmern

– so wie jetzt im goldenen Strahl, so hatte die Mutter Gottes gestern

vor ihr gestanden! Jesus, Maria, Josef! Jetzt erst fühlte sie einen

tödlichen Schreck. Sie schloß aufseufzend die Lider.

Man hatte die Huesgen aus der Kirche führen müssen, sie fast tragen.

Das Hochamt war doch noch zu anstrengend für sie gewesen; sie war in

Ohnmacht gefallen. Jetzt lag sie daheim auf dem Bett; der Mann saß

ganz betreten bei ihr. Er war verlegen und unglücklich und kam sich

schuldig vor: das hatte er doch nicht gedacht, daß sie noch so schwach

wäre! Und – er warf einen schweren Blick auf den Dores, der beschmutzt

und greinend auf dem Estrich herumkroch und dem Kathrinchen, das ihn

aufheben wollte, sich ungebärdig widersetzte – nun würde es auch mit

dem Dores nicht anders werden! Wie sollte die Frau auch nach Echternach

springen gehen?!

Das übermannte ihn schier. Er ging hinaus von der Frau aus der Stube,

und da er nicht wußte wohin, um seinen Kummer zu verbergen – was

sollten die Kinder wohl denken, wenn sie ihren Vater weinen sahen? –

ging er zur Kuh in den Stall.

Die stand trächtig. Ihr großer, runder Leib füllte fast den ganzen

winzigen Stall aus. Er klopfte sie seufzend; er konnte sie nicht recht

sehen im dumpfen, lichtlosen Raum, aber sie war doch eine Hoffnung.

Wenn die Kuh ein Kalb bekam, dann war das ein großer Segen. Man konnte

es aufziehen oder man konnte es auch bald verkaufen, je nachdem.

Die Kuh stand unruhig, sie machte einen Satz.

»He, Maiblum!« Liebkosend legte der Mann seinen Kopf an die breite

Stirn des schnaufenden Tiefes und stand so, gebückt, ein Weilchen. Das

gab ihm Ruhe. Morgen früh, ehe die Sonne noch aufgegangen war, mußte

er wieder fort nach Aachen, die ganze Woche wegbleiben – aber saß denn

nicht noch die heilige Dreifaltigkeit oben im Himmel?!

Bäreb, die Älteste, hatte den Vater in den Stall gehen sehen. Nun kam

sie ihm nach. Auch sie mußte sich bücken, sie war noch gewachsen in

letzter Zeit.

»Wat willste?« Er richtete sein hageres, schlecht rasiertes Gesicht von

der Stirn der Kuh auf und sah sie erschrocken an: »Is et schlechter mit

der Motter?«

»Nee!« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nicht das Sonntagskleid

austun können, aber sie hatte es hochgeschlagen; und nun, im Schmutz

des Stalles, in dem es nur wenig Streu gab, zog sie ihre Röcke zwischen

die Beine hoch und klemmte sie so fest. Sie war ein reinliches Mädchen.

»Ich muß Uech ens spreche,« sagte sie und errötete tief.

Warum wurde sie denn so rot? Der Vater bekam einen plötzlichen Schreck:

die Bäreb war jung, auch hübsch – sollte noch neues Unheil zum anderen

dazu kommen?! »Nu sag et als rasch,« sagte er müde und matt.

»Ich will no’r Echternach jonn – über vierzehn Tag – springen!« Sie

hatte sich Mut gefaßt: warum sollte der Vater denn auch dawider sein?

Und sie hatte sich schon fleißig umgehört, jeder im Dorfe wußte davon

zu erzählen, sie war ganz genau unterrichtet. Teuer war’s nicht sehr

bis nach Echternach, die Eisenbahnfahrt war ermäßigt, es kostete

vierter Klasse nicht viel. Und viele würden wallfahrten, sie war nicht

allein, sie fand Anschluß genug. Ihr brauchte nicht zu grauen. Und

zu Haus mußten sie sich eben ein paar Tage behelfen ohne sie, das

Kathrinchen war ja auch schon so verständig; und wenn sie den Dores gar

mitnehmen würde zum heiligen Willibrord – ja, das war das beste, dann

sah der das Kind gleich selber – dann war ohnehin die größte Last aus

dem Haus.

»Ich jonn,« sagte sie entschlossen. »Ich denk, Ihr werdt nühst derje’n

han, Vatter, ich wollt et Uech bloß saone. Die Motter hält de Bittjang

doch nit uhs. Ich bin die nächste derzu – hui, on ich kann springe!«

Die Lust dazu flammte in ihr auf, ihre Augen blinkten.

Der Alte sagte nicht viel, er nickte nur: »Wenn de meinst!«

Da sagte sie, aussprechend, was ihr nun schon den ganzen Tag, seit die

Mutter wieder so elend dalag, im Kopfe herumging: »Ich will ooch janz

jenau so springen, wie et vorjeschriewen is, ich machen et mir nit

kommod. Ich bin so jung, ich kann dat jut uhshaalde. Fünnef Schritt vor

und vier zorück! On den Dores, wenn den nit mieh laufe kann, dann will

ich him drage. Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Sie bekreuzte sich,

und dann lachte sie, heiter und zuversichtlich: »Dann hilft de oß

Motter, on oß Doresche ooch. Dat is janz sicher!«

Der Weber nickte. Er hatte sonst gegen den Plan der Tochter nichts

einzuwenden, aber Arbeitstage würde sie versäumen – den Mittwoch

sicherlich, wenn nur nicht auch noch den Donnerstag!

Bäreb rechnete an ihren Fingern ab: Sonntag und Montag waren Feiertage,

da hatte sie übrig Zeit, hinzukommen, konnte schon Montag mittag an Ort

und Stelle sein. Am dritten Feiertag, am Dienstag, war die Prozession.

Da konnte sie abends noch ein Stück wieder zurückkommen, und Mittwoch

abend war sie dann zu Hause; nur ein Arbeitstag brauchte also versäumt

zu sein. Donnerstag war sie schon wieder in der Fabrik, als wäre nichts

gewesen. Ihre ganze Kraft, ihr ganzer Jugendmut lag in dieser Rechnung.

Wie konnte sie müde werden, was brauchte sie auszuruhen?!

Die Kuh muhte dumpf, ihr Leib zitterte, als empfände sie Schmerzen.

»Maiblum, no?« Das Mädchen sah besorgt nach ihr hin, dann gab es ihr

einen Schlag mit der flachen Hand, kräftig-liebkosend: »Maiblum, ich

saon der, wart, bis ich wieder daheem bin, maach keen Saachen!«

Der Weber schmunzelte. In aller Not hatte er doch noch Glück, ein

großes Glück: brave Kinder hatte ihm der Herrgott gegeben!

Im dumpfen Stall, wo sie beide gebückt stehen mußten, so niedrig war

er, legte der Vater der Tochter die Hand auf. Eine gewisse Würde war in

dem Ton, mit dem er sprach: »Da jeh denn in Jottes Namen!«

VI

Die lang-angedrohte Kommission war ins Dorf gekommen, hinter jede Hecke

schnüffelte sie. Der Kreisphysikus war bei den Herren, er geleitete

den Wasserbauinspektor und einen Brunnenmeister. Da hatte der Adams

vom grünen Klee, der in der letzten Gemeinderatssitzung so ein großes

Maul gehabt hatte, doch nicht das Herz, der Kommission den Zutritt

auf seinen Hof zu verwehren. Und sein Kamerad, der Zumstädtchen,

sagte auch kein Wort mehr. Freilich, eines sehr guten Empfanges

konnten sich die Herren überall nicht rühmen. Freundlich die Mütze

lüftend stand keiner der Bauern am Heckeneingang, keiner machte selber

den Führer zum Ziehbrunnen hinters Haus, auf dem schmalen Pfädchen

die Stallwand entlang, wo kaum zu treten war vor Brennesseln und

Jauchepfützen. Die Frauen mußten heran, die waren wortreicher, die

versicherten wiederholt, wie gut das Wasser sei, immer kühl und gesund

seit Menschengedenken. Die Herren verstanden nichts vom Schwatzen der

Weiber, einzig der Kreisphysikus kannte sich aus: wo die Weiber so arg

viel redeten, da lag der Brunnen gewiß dicht bei der Jauchegrube.

»Es ist eine Schande,« sagte der Wasserbauinspektor zum Kreisphysikus,

»daß die Leute hier keine Wasserleitung anlegen – doch so ein großes

Dorf und eine ganz wohlhabende Gemeinde!«

»Sie haben erst kürzlich die Kirche gebaut!« Der Kreisphysikus zuckte

die Achseln.

»Alles in Ehren,« sagte der andere wieder, »die Kirche – hm – aber eine

Wasserleitung hätte nötiger getan. Acht Brunnen haben wir nun schon als

verdächtig geschlossen; =ein= Brunnen genügte schon, die ganze Gegend

zu verseuchen. Ich würde hier kein Wasser trinken; nicht ’nen Tropfen!«

»Ich auch nicht!« Die Herren hatten sich in ihrem Wagen das Frühstück

mitgebracht, er hielt beim Wirtshaus. Sie gingen dorthin zurück, aber

das dünne Bier, das die Bauern am Sonntag trinken, mundete ihnen nicht

– konnte das nicht auch mit Wasser versetzt sein? Sie beschlossen,

beim Bürgermeister anzuklopfen, der sicher einen trinkbaren Tropfen im

Keller hatte.

Leykuhlen schien sie erwartet zu haben, die Frau kam schon mit Gläsern.

Den ganzen Morgen war der Bürgermeister im Hause hin und her

geschritten, er hatte nicht hinaus mögen; zwar hatte er keine Angst –

das Wasser war ja gut – aber doch trieb ihn eine heimliche Unrast um.

»Nun?« fragte er jetzt gespannt.

»Schon so viele!« Der Kreisphysikus hielt acht Finger in die Höhe.

»Wie?!« Leykuhlen wurde rot. »Haben Sie denn da schlechtes Wasser

jefunden?«

»Genaues läßt sich natürlich jetzt noch nicht feststellen, das

wird erst die Untersuchung ergeben. Aber verdächtig, immerhin sehr

verdächtig – nicht wahr, Herr Wasserbauinspektor?«

Der Wasserbauinspektor machte ein ernstes Gesicht. »Ich mache Sie

darauf aufmerksam, Herr Bürgermeister, daß Ihre Gemeinde in einer

ernstlichen Gefahr schwebt. Der Herr Kreisphysikus hat mir mitgeteilt,

daß Sie hier im vergangenen Herbst zwei Typhusfälle hatten, das Jahr

vorher sogar drei. Hier sind ganz unzulässige, gesundheitswidrige

Einrichtungen. Beim Bauer Adams am grünen Klee – soll ja sogar ’n

reicher Kerl sein – läuft entschieden von den Abflüssen der Ställe

in den Brunnen. Das ist ja da alles so dicht beisammen, und die Erde

ist durchlässig, es ist gar nicht anders möglich. Bei dem Nachbar

ist’s auch nicht geheuer. Und so in vielen Fällen. Sagen Sie mal, Herr

Bürgermeister, was würden Sie denn machen, wenn wir Ihnen nun hier

sämtliche Brunnen schlössen?«

»Wir würden aus unsern Bächen Wasser schöpfen,« sagte Leykuhlen

gelassen. Ihm war plötzlich eine Verachtung dieser Besserwisser

gekommen. »Menschenweisheit und Menschenhand können doch nicht allem

vorbeugen!«

»Na,« der Kreisphysikus lachte hell auf, »das muß mich aber doch von

Ihnen wundern, Leykuhlen, daß Sie so was sagen. Natürlich, wenn so ein

dummer Bauer das sagt!«

»Ich bin auch ’ne Bauer, Herr Kreisphysikus! Wir haben seit Jahren und

Jahren aus unseren Brunnen jetrunken und sind leidlich jesund geblieben

– ein Krankheitsfall kommt eben überall mal vor – warum sollten wir nit

auch aus unseren Bächen trinken, wenn’t sein müßt? Ich weiß wohl, ich

weiß wohl, wat Sie sagen wollen,« fuhr er fort, ohne sich unterbrechen

zu lassen, »Vennwasser is Vennwasser, – ich warne ja auch davor – aber

im jeheimsten Winkel meines Herzens denk ich: wer jesund bleiben soll,

bleibt doch jesund. Wir stehen all in Jottes Hand!«

Die Herren wechselten einen Blick: der war in der Tat ein Bauer, kein

Jota aufgeklärter!

Leykuhlen sah und verstand den Blick, aber er ärgerte sich nicht

darüber. In ihm war eine große Ruhe: mochten sie reden, was sie

wollten! Er stieß mit den Herren an: »Auf jute Jesundheit!«

In diesem Augenblick rasselte draußen jenseits der Hecke ein Wagen

und hielt an. Frau Mariechen, die jedes geleerte Glas sofort wieder

füllte, sich sonst aber ganz stumm in der Stube zu schaffen gemacht

hatte – ihr war, als dürfe sie ihren Mann heute nicht verlassen – ging

hinaus und kam gleich wieder mit einem roten Kopf. Sie flüsterte ihrem

Mann etwas zu.

Leykuhlen stand langsam auf: »Der Landrat!«

Mühlenbrink hatte es sich nicht versagen können, selber nachzusehen,

es war ihm denn doch zu wichtig, was die Herren konstatierten. Nun

triumphierte er: aha, wer hatte nun recht gehabt?! Hatte er’s nicht

hier dem verehrten Freund schon mehr als ein Dutzend Mal gesagt: eine

Wasserleitung muß gebaut werden?! Das war wirklich ein Glück, daß er

sich so dahinter gesetzt hatte. Angenehm war freilich die Mission,

Besserung der Verhältnisse und höhere Kultur zu schaffen, nicht; man

erntete selber nie Dank! Er sagte das nicht ohne Bitterkeit; der allzu

Rührige hatte schon seine Erfahrungen gemacht.

»Ein schöner Kreis, ein interessanter Kreis! Aber wie vieles noch im

argen!« Er seufzte. »Den Typhus werden wir hierzulande nie ganz los,

die Verdummung der Leute geht eben über die Hutschnur. Als ich aus

meinem früheren Kreis, aus Ostpreußen, hierherkam, war ich ganz paff.

Ich bin doch auch ein gläubiger Christ, aber so etwas wie hier ist mir

denn doch noch nicht vorgekommen. Das ist schon verbohrt!«

»Und wir werden doch nit die Wasserleitung bauen, und wenn uns die

Rejierung sojar die Hälft dazu jäb,« sagte Leykuhlen plötzlich

energisch und reckte sich unwillkürlich. Alles, was in ihm war, empörte

sich. Dieser junge Mann, dieser Hans in allen Gassen, dieser nannte

sich einen rechtgläubigen Christen und wagte es doch, so zu sprechen?!

»Ich will Ihnen wat sagen, Herr Landrat,« sprach er geradezu, und der

Trotz, der sich in ihm rührte, gab seinem Ton Härte und Schärfe. »Herr

Landrat, Sie haben ja jar kein Ahnung, wat unser Bauer bedarf und

wat er nit bedarf. Dat muß ich besser wissen. Sein Jlaube macht ihn

jlücklich und zufrieden – Ihre Wasserleitung kann ihn weder jlücklich

noch zufrieden machen. Ich pfeif auf Ihre Wasserleitung und auf all

dat, wat drum und dran hängt!«

Das Kreuz im Venn · 第 7 / 27 段