unbändig: »Wieder janz de Josef! Immer wat Neues, und dann kein
Bestand! Nee, da laß du die Finger von. Die Fangeuse hat et an sich.
Schon mein Alter hat seine Not jehabt, un jetzt werden die Leut ja
mit Jewalt raffiniert jemacht – da will sich keiner bejraben. Schnee
im Winter, zum Ausschaufeln hoch, ewige Stürme; dat braust von der
belgischen See her, aus Nordwest, im Winter wie im Sommer fast immer
egal. Und im Frühjahr Wasser im Venn fast bis an et Haus, du kannst
kahnfahren!« Er lachte noch einmal amüsiert auf, fast vergaß er
seinen Ärger darüber. »Du hast jar kein Ahnung, mein Sohn!« Mit einem
geringschätzigen Blick maß er des Vetters schlanke, etwas schwächliche
Gestalt. »Bist du überhaupt schon mal oben jewesen auf der Fangeuse?
Nicht?!« Josef hatte verneint. »No, dann halt’s Maul jefälligst!«
Josef zuckte zusammen: wie grob der Heinrich wieder war! Er fühlte, wie
der andere ihn mißachtete, und das tat ihm weh.
»Am liebsten schlüg ich die Barack los mit allem, wat drum und dran is,
die janze Fangeuse! Viel wert is dat sumpfige Dreckloch doch nit. Wenn
nur nit die Jagd da so jut wär! Und wer würd se mir auch abkaufen?!«
»Heinrich, ich sage dir noch einmal, ich ziehe hinauf,« sagte Josef
bestimmt. Es war ihm plötzlich heilig ernst um seinen Entschluß, und je
mehr der andere ihn höhnte, desto ernsthafter wurde es ihm darum. »Ich
fühle mich hier höchst überflüssig. Und ob ich das Gnadenbrot nun da
oder dort esse, kann dir doch gleich sein. Mir aber wird es nicht so –
so –« er suchte nach einem Ausdruck – »nicht so drückend sein, wenn ich
weiß, daß ich doch irgend etwas dafür leiste. So gut wie ein anderer
kann ich auch aufpassen dort. Und ich fürchte mich nicht. Heinrich,
laß mich doch!« Es war ihm, als hinge seine Seligkeit davon ab. Die
Fangeuse – Fangeuse – die Sumpfige, wie geheimnisvoll das klang! Nein,
ihm graute nicht vor Sumpf und Einsamkeit. Ihm würde es eine Erlösung
sein, nur Moor und Tannen und segelnde Vennwolken um sich zu sehen –
endlich einmal keine Menschen im Alltagskleid! Seine Stimme wurde immer
dringender: »Ich bitte dich, versuche es doch mit mir! Ich bitte dich
herzlich! Heinrich, du sollst sehen, da halte ich aus, das ist was für
mich. Ah,« – er atmete tief auf – »endlich das Rechte! Ich liebe die
Natur, ich verstehe die Natur, sie beruhigt mich, sie beglückt mich!«
Er redete sich immer mehr in Begeisterung hinein, sein Gesicht rötete
sich, die Augen leuchteten ihm. Wie er so im Lampenschein dastand,
den Kopf frei gehoben, den Blick wie suchend in die Ferne gerichtet,
erschienen seine Züge fein und edel und merkwürdig jung.
»Dat is all exaltierter Blödsinn,« sagte Heinrich Schmölder trocken,
»daraus kann nix werden. Du mußt schon wo anders Beglückung und
Beruhigung suchen!« Das plötzlich matt und blaß werdende Gesicht
vor ihm ließ ihn seinen Spott aufgeben. Diesmal tat ihm der Josef
ordentlich leid. »Alter Jung, red dich doch nit in so wat erein! Wenn
du jern en bißchen eraus willst, kannst du ja mit der Sophie und der
Hedwig diesen Sommer vierzehn Tage nach Ostende reisen. Sie wollen
absolut hin, Toiletten sehen. Jeh meinetwegen mit, chaperonniere sie!
Ich danke, ich bleibe lieber hier. Wat denkst du denn eigentlich, wer
soll dir denn auf der Fangeuse haushalten? Du mußt doch essen und
trinken. Un wer soll dir dat Bett machen und die Stub kehren? Dat
kannst du doch nit? Und wenn ich komm zur Jagd, wer soll mir dat Bett
machen und mir wat zu essen kochen, he? Dat kannst du doch auch nit!«
»Nein, das kann ich nicht.« Kleinlaut ließ Josef den Kopf hängen.
»Selbstverständlich müßte ich eine Person haben, eine Magd, die das
alles besorgt.«
»Such dir eine!« Heinrich Schmölder lachte schallend auf. »Und wenn du
eine hast, dann komm wieder zu mir, dann kannst du auf die Fangeuse
ziehen. Mir soll et recht sein!«
V
Bartholomäus Leykuhlen war im Kampf mit seinen Bauern. Das war
wieder einmal eine erregte Gemeinderatssitzung. Sie schrieen alle
gegen ihn an. Es war, als seien diese ruhigen, gesetzten, nüchternen
Leute plötzlich ein Schwarm von Hornissen geworden, die, durch einen
Steinwurf aufgescheucht, den Stachel löcken, bereit, mit Summen und
Brummen über den Feind herzufallen.
»Seid Ihr jeck?« sagte gerade der Adams vom Hof am grünen Klee und
ließ allen Respekt vorm Herrn Bürgermeister beiseite, »solle mir oß
Pötze[10] ongersüke[11] loße, oß jut Wasser?! Oß Äldere, oß Jrußäldere
han’t drus jedronke, on nu soll et up eemol nit tauge? Ich loßen et mer
net jefalle. Wenn de Kommissiun kömmt, schmissen ich se erus!«
[10] Brunnen.
[11] untersuchen.
»Dat werdet Ihr nit tun, Baltes,« sagte Leykuhlen ernst. »Dat wär ja
noch schöner. Wenn die Kommission kömmt, von der Regierung jeschickt,
werden wir sie höflich empfangen. So jehört sich dat!«
»Höflich, höflich?« Der reiche Bauer gab sich nicht drein. »Wat kömmt
dann erus dobei? Nix als Kosten on Ärjer.
Nit ene Penning jeb ich für minge Pötz us, de is noch lang jut!«
Der Zorn und die Angst, vielleicht zu einer Reparatur des Brunnens
gezwungen zu werden, raubten ihm seine sonst so kühle Überlegung. »Ihr
mit Euren ›Höflichkeiten‹! Ihr solltet lieber nit mit dem Landrat unter
einer Deck stecken, Ihr solltet mieh mit oß haalde! Dat han mir nu von
Eurer Freundschaft mit dem von Mühlenbrink – nühst als Verdruß. Verdruß
on Unkosten. Eso is et!«
Leykuhlen verlor die Fassung noch nicht. »Ihr seid unjerecht,« sprach
er ganz ruhig. »Der Landrat is ja mein Freund jar nit – durchaus nit.
Wenigstens ich bin nit der seine, ich hab ihn nie jesucht. Aber, ich
muß Euch die Verordnung bekannt jeben, et is mein Pflicht. Wat ich
dabei denk, tut nix zur Sach. Ich hab et Euch vorjelesen, dat bald nach
nächstem Ersten en Kommission kommen wird, die dat Wasser sämtlicher
Brunnen im Dorf, auf jedem Jrundstück, einer jenauen Inspektion
unterzieht. Man befürchtet Typhus. Wir wohnen im Venn, et sind en Meng
Truppen auf dem Platz, die Jefahr liegt nah. Aber sie werden sich ja
bald davon überzeujen, dat unser Wasser rein Quellwasser is. Laßt se
doch ruhig nachsehen, wat schad’t Euch dat?!«
»Nee, nee, nee!« Der Baltes schlug sich auf die Knie, daß der Staub aus
dem dicken Buckskin flog. »Ich jeb et nit zo. Up mingen Hof kömmt mir
keen Spürnas’! Dat se mir in mingem Mist erumstochere on noch saane,
de Jauch löft in minge Pötz! Dat is immer eso jewäeß: de Brunnen on de
Mist. En Meil kann doch nit dazwischen sin!«
»Dat schadt ooch jar nühst,« bekräftigte ein anderer. Es war der
Nachbar des Balthasar Adams, der Bettes Zumstädtchen, auch ein
vermöglicher Mann mit stattlicher Hecke. Es trennte den Baltes und den
Bettes nur das erbärmliche Anwesen des Webers Huesgen.
Die beiden Nachbarn wechselten Blicke. »Wat maache mir dann, Herr
Burjermeester,« sagte der Bettes schlau, »wenn se nu saane: dat Wasser
doogt nit! Trinken muß doch der Mensch, he brucht doch dat Wasser!«
Er zwinkerte den Adams auffordernd an, ihm zuzustimmen. »Da hätt ihr
eben die Kirch nit baue solle, die jruß Kirch! Da hätte mir nu en
Wasserleitung, wie de Hähr Landrat saat, on keen Typhusjefohr!«
Ein Murmeln der Zustimmung ließ sich vernehmen. Die zwölf
Gemeindeältesten, die seinerzeit nichts anderes gewußt hatten, als eine
Kirche zu bauen, die mit ihrem Bürgermeister so einverstanden gewesen
waren wie eine Familie mit ihrem Haupt, waren nun anderer Meinung. Nun
es an den eigenen Hals ging, machten sie Vorwürfe. Da war auch nicht
einer, der seinem Brunnen ganz traute: die Mauerung war schon so alt,
die Erde gelockert, wer weiß, ob nicht was durchsickerte!
»Ruhe!« donnerte Leykuhlen. Nun wurde er zornig. »Wart ihr selber dann
nit für den Kirchenbau – ja oder nein?«
»Jo, dat ware mir wohl, Hähr Burjermeester, äwer Ihr hatt et doch
vürgeschlaane, Ihr seid de Hauptschold dran. Oß ald Kirch wär noch net
zo klein gewäß, äwer Ihr on de Hähr Pastur, de Kirchevorstand, Ihr
hatt oß de jruß up de Hals jekallt.[12] Nu sitze mir drin, nu hammer
Scholde, Jott weiß, wie viel!«
[12] kallen = schwatzen.
»Sie sind nit so jroß!« Leykuhlen biß sich auf die Lippen, er schaute
vor sich nieder, das Herz schlug ihm hart. Ganz so unrecht hatten die
Bauern nicht: wenn der Kirchenbau nicht gewesen wäre, die Gemeinde
stände ohne Schulden da. Nun aber –?! Das Geld von dem Schießplatz
hatte sie freilich noch, aber das war angelegt, auf Zinsen geliehen; es
ging nicht so leicht an, das wieder flüssig zu machen.
»Ihr hatt vill zu jruß jebaut,« sagte Zumstädtchen vorwurfsvoll,
und die anderen nickten Beifall. »Oß Jeld, oß schien Jeld, alles
verpulvert!«
»Nit verpulvert, jut angelegt, am allerbesten!« Leykuhlen fuhr auf.
Die Freude, die er damals empfunden hatte, eine hohe und heilige
Freude, als ganz Heckenbroich geschmückt und bekränzt gewesen war,
als Hunderte aus Dörfern und Höfen herbeigeströmt waren, um das Fest
der Einweihung mitzufeiern, diese Freude ließ er sich auch heute
noch nicht verkümmern. Die Geistlichen des Orts, die Geistlichen der
Nachbargemeinden, der Bischof selber vor dem neuen Altar! Es war der
stolzeste Tag von Heckenbroich gewesen. Mochten die Kurzsichtigen
schwatzen, was sie wollten! War ihnen nicht das Geld, das viele Geld
für den Schießplatz wie vom Himmel in den Schoß gefallen? Ödland war
es meist gewesen, gar nichts wert, sie aber hatten Geld, schweres
Geld dafür bekommen. War es nun nicht recht und billig, dem Himmel
dafür einen Dank zu entrichten? Die Kollekte für den längst geplanten
Kirchenbau war wieder einmal rundum gegangen, und siehe da, unerwartet,
fast unbegreiflich groß waren die Spenden gewesen. Man hatte angefangen
zu bauen in Gottes Namen, im Vertrauen auf seine weitere Hilfe. Und er
würde auch von den Schulden abhelfen!
Leykuhlen richtete sich kräftig auf, in seiner ganzen stattlichen
Mannhaftigkeit. Und jetzt sollten die Quengler und Quereler schweigen!
Mit der ganzen Wucht seiner Stimme donnerte er in die Versammlung
hinein, die niedrige Stube war zu eng für den starken Klang: »Wat
jeschehen is, is jeschehen, et is nix dran zu ändern. Un et is jut so.
Die Kirch steht, Jott sei Dank! Wenn unsere Leiber als lang zu Staub
zerfallen sind, wird sie noch stehen. Die überdauert uns all. Die wird
aber auch Zeugnis jeben, daß selbst in einer armen Eifeljemeinde hoch
oben im Venn Menschen lebten, die ihre kleinlichen Sonder-Interessen
unterzuordnen verstanden dem jroßen Wohl!«
Er ließ seine blauen Augen scharf blickend und feurig von Mann zu Mann
blitzen. Mochten sie nun nach Hause gehen und sich das bedenken! »Für
heut sind wir fertig. Ich erkläre die Sitzung für aufjehoben!« Er
schlug den blauen Aktendeckel zu, darin er die Verordnung der Regierung
verwahrt hatte, und ging zur Tür. »Adjüs zusammen!«
Ein undeutliches Brummen nur sagte ihm »Adieu«. Sie waren alle wie
vor den Kopf geschlagen; teils verdutzt, teils empört. Er kehrte sich
nicht daran. Im frohen Gefühl eines Sieges ging er über die Straße. Was
scherte es ihn, daß sie brummten, sie würden schon wieder gut werden!
Über der Kirche stand ein goldener Stern, mit Wohlgefallen sah er
hinüber. Es war schon spät Abend, der Stern leuchtete hell, mit
sicherem Licht, wie eine Verheißung. Eine große Ruhe kam in des Mannes
Seele, der ganze Ärger ließ ihn jetzt kühl. Was man für das beste
erkannt und getan hat, muß man niemals bereuen. Wenn eine Wasserleitung
wirklich so nötig täte, wie der Landrat behauptete und auch der
Kreisphysikus, dann konnte die später immer noch gebaut werden, wenn
die Gemeinde dazu in der Lage war; jetzt hieß es sparen, erst die
Schulden abtragen! Schade, daß die Kirche noch keine Uhr hatte! Er sah
wieder hin. Der Platz dafür war schon vorgesehen, aber traurig und
häßlich, wie eine Augenhöhle ohne Auge, blickte jetzt die leere Rundung
aufs Dorf herab.
Als Leykuhlen hinter seine Hecke trat, sah er noch Lampenschein
drinnen in der Stube. War Mariechen noch auf, trotzdem es bald
Mitternacht war?
Er wollte die Tür aufdrücken und war erstaunt, sie verschlossen zu
finden. Warum das? Aha, seit die Sträflinge oben im Venn arbeiteten,
war es Mode geworden im Dorf, die Türen zur Nacht zu verriegeln; selbst
Mariechen tat das.
Er rappelte mit dem Klopfer. Da kam sie und machte ihm auf. Sie war
völlig angekleidet, sie hatte noch bei der Arbeit gesessen. Um den Hals
hing ihr die seidige Glanzgarnsträhne, ihre Augen waren leicht gerötet
vom angestrengten Sehen; aber sie blickten doch nicht müde, ein Glanz
war in ihnen.
»Als wieder an der Altardeck?« sagte er. Es lag kein Vorwurf in seiner
Frage, im Gegenteil, eine heimliche Freude.
Sie war hastig und rot, die ruhig-kühle Frau von einer fast bräutlichen
Wärme.
Was war ihr denn nur? Er hatte ihr einen derben Kuß auf beide Wangen
gegeben.
»Du kömmst jo so spät?« sagte sie, und er glaubte zu fühlen, daß sie
vor Ungeduld bebte.
»Ja, et hat lang jedauert, wir haben uns tüchtig erumjezankt!« Er
lachte heiter. »Aber ich bin ihrer doch Meister jeworden!«
Zu anderer Zeit hätte sie ihn gefragt, was für einen Streit es denn
in der Sitzung gegeben habe – Leykuhlen hatte sich durch Jahre daran
gewöhnt, mit seiner Frau auch das zu besprechen, was eigentlich über
den Weiberhorizont ging – aber heut zeigte sie kein Interesse für das,
was verhandelt worden war im Gemeinderat.
»Bärtes,« sagte sie und drückte sich fester an ihn, »ich han dir jet zu
verzähle!«
»So?« Er hatte noch keine Neugier.
»Komm in die Stub!« Sie zog ihn hinein, wo im Schein der beschirmten
Lampe die Altardecke halb fertig auf dem Tische lag, weiß und rein
wie Blütenschnee. Er setzte sich auf das Kanapee; sie nahm die Arbeit
wieder auf und zog lange Fäden, aber nur für Minuten, dann sanken die
Hände in den Schoß.
»Ich kann nit mieh,« flüsterte sie, »et läuft mer alles rund. Bärtes,
wat sagste nu« – sie ergriff seine Hand und sah ihn an mit ein wenig
unsicheren und doch strahlenden Blicken – »die Huesgen-Annelies hat ene
Jeist jesehen!«
»Ene Jeist?« Was redete doch Mariechen für dummes Zeug!
»Ene Jeist is nit richtig,« verbesserte sie sich rasch, »et saat, et
hat en Erscheinung jehatt. Och, ich muß et dir verzähle!« Sie war so
aufgeregt, daß ihre Stimme zitterte; ein fliegendes Rot bedeckte ihre
Wangen. Die Frau war heut eine andere schier.
Wenn es auch kaum zu glauben war und sie anfänglich auch ein wenig
hatte lächeln wollen, als die Annelies gelaufen gekommen war – sie
unterbrach sich – war das denn nicht schon wie ein Wunder, daß die
schwache Frau, die heute schon bis zur Ley gewesen war, daß die
leichten Fußes noch bis hierher hatte laufen können, den weiten Weg
durchs ganze Dorf?! »Och, Bärtes!« Mariechen faltete die Hände, in
einem heiligen Schauer bewegten sich ihre Lippen: »Et saat, et wär en
Dam, eso fein, wie us ’m Himmel! Und so freundlich hat sie zum Annelies
jesproche, wie dat nit weit von der Marienley – weißte, da, wo die
Tannen so dick stehen – up enen Stein saß un am Weinen war. Et war so
müd. Et wollt selber de Bittjang tun, ’ne Kranz aufhängen vor der Maria
im Stein, den die Kinder jeflochten hatten aus lauter Maiblumen. Aber
et konnt nit bis hin kommen, et war sterbensmüd. Da hat die Dam zu ihm
jesaat, et soll nit eso krieschen, un wat et denn eijentlich drückt,
et soll sich aussprechen. Dat Annelies saat, et hätt auf einmal reden
jekonnt wie nie zuvor; un dat wär ihm jewesen wie en Erlösung. Du weißt
et doch, Bärtes, die Leut klagen sonst nit!«
»Dat soll wohl sein!« Der Bürgermeister nickte.
Mit glänzenden Augen fuhr die Frau fort: »Et saat, un je mehr et der
feinen Dam erzählt hätt, desto leichter wär ihm um’t Herz jeworden. Et
hat ihr alles gesaat: wie arm sie sind, nur en einzig Kuh, die jetzt
dazu noch so wenig Milch jibt, un eso vill Kinder, un alles is so düer,
un bloß een Verdienst. Aber dat wär ja all so schlimm nit, wenn – dat
Annelies saat, et hat sich dabei so recht satt jeweint – wenn et nur
selber wieder zu Kräften kommen könnt, et wär eso schwach, och, so
siehr schwach! Da hat die Dam gesaat: ›Betet Ihr auch recht andächtig?‹
Un hat ’ne Rosekranz aus der Tasch jezogen – ’ne einfache Rosekranz
mit ’m Kreuzche dran – un en Bildche ›=Heiligste wundertätigste Mutter
Gottes von Lourdes=‹ un hat der Annelies dat jeschenkt un jesaat:
›Betet mit Euren Kindern alle Abend den Rosenkranz zur heiligsten
wundertätigsten Mutter Gottes von Lourdes, dann wird Euch geholfen!‹
Et Annelies saat, et hat jleich jefühlt, et war en Wunder. Et hat sich
bekreuzt, un wie et dat Bildche jeküßt hat, da is et eso froh jeworde,
eso froh, un hat auf einmal Kraft jespürt in allen Jliedern. Ich hab
selber dat Bildche jesehen, Bärtes, klein war et nur, so für in ’t
Jebetbuch zu legen, aber ich hab der Huesgen versprochen, ich will et
ihr unter Jlas in en Rähmche machen lassen für über ihr Bett. Nit wahr,
Bärtes?« Erregt stand sie vor ihm, vom raschen Erzählen ganz atemlos.
»Es wird eine gewesen sein, die auffordern wollt, für nach Lourdes
zu pilgern,« sagte er. Aber seine Stimme klang nicht ganz sicher.
»Um diese Zeit reisen sie durch et Land, überall herum, um Propaganda
zu machen für die Wallfahrt dahin. Et wird unseren Pilgern sehr
erleichtert dadurch, janze Züge stellt man zusammen.«
»Nee, och nee!« Sie schüttelte energisch verneinend den Kopf. »Wat
redst du doch Bärtes, dat jlaubst du doch selber nit. So eine war dat
doch nit!« Ihre Stimme wurde leiser, Sie raunte geheimnisvoll: »Nee,
Bärtes, dat muß jemand janz anderes jewesen sein. Als sie vom Annelies
nu fortjehen wollt, fiel der plötzlich ein: Jesus, oß Dores! Un sie
krieht die Dam noch hinten am Kleid zu packen und schreit hinter ihr
her: »Oß Doresche, och, oß Doresche! De hat eso vill de Krämp, de
kann nit no’r Scholl jonn, de is wie en janz klein Könd, un dat is
dat Schlimmste!« Da dreht sich die Dam noch einmal erum: freundlich
gelächelt hätt se, saat de Annelies, un spricht: ›Warum geht Ihr denn
nicht nach Echternach springen?‹ Un eh sich dat Annelies dat noch
bedenkt, is se ooch schon fort un nit mieh zu sehen!« Mit einem tiefen
Aufatmen schwieg Frau Leykuhlen.
»Hm!« Der Mann blickte ernsthaft; von Zweifel war nichts auf seinem
Gesicht zu sehen, wohl aber von Rührung. Wer weiß, was die Huesgen
sich zurechtphantasiert hatte – aber selig war das Weib doch in seinem
Glauben. Das war gewiß! Er nickte seiner Frau zu.
Sie nickte ihm wieder zu, ein Glanz heiterer Freudigkeit verschönte
ihr Gesicht. »Un denk ens an, Bärtes, als dat Annelies noch hier bei
mir is, – et konnt sich ja jar nit jenug tun mit Erzählen – da kömmt
de Herr Schmölder, de Josef. Er kömmt in die Dür erein un frägt nach
dir: er wollt dich jet fragen, sagt er, er hätt doch sicher jehofft,
dich diesen Abend anzutreffen. Ich bot ihm ’ne Stuhl an. Ich konnt nit
jut anders – mer war doch zu voll dervon – ich erzählt ihm wat von
dem Annelies seiner Jeschicht. Siehste, Bärtes,« – sie triumphierte
laut lachend vor Glück – »un dat war nun schon die erste Hülf, die der
Huesgen versprochen wurd. Kaum sieht er die an – se sieht ja noch sehr
erbärmlich aus – da zieht er auch schon sein Portemonnaie aus der Tasch
un schütt ihr alles, wat er drin hatt, in’ ne Schoß. Einen Taler, un
Jroschens – ja, jewiß an die zehn Mark – un noch en Joldstück extra! Et
Annelies traut seinen Augen nit, et war wie verstuert.[13] Er klopft
him äwer auf de Schulder un saat: ›Nun, gehen Sie, liebe Frau, tun Sie
sich und den Kindern was zu gut dafür!‹ Bärtes, ich jlaub, ich hab ihm
auch kaum ›Danke‹ jesaat, ich war wie dat Annelies: janz verstuert.
Och, dat is doch ’ne jute Mensch!«
[13] Verstört.
»Ja, dat soll wohl sein,« sagte Leykuhlen, »’ne jute Mensch, sehr
jut – aber –!« Er seufzte in einem gewissen Mitleid. »Äwer nu komm,
Mariechen, laß uns jetzt nach oben jehn. Ich werd heut nacht jut
schlafen.«
»Ich will auch beten für ihn,« sagte die Frau in ihrer Erkenntlichkeit.
Sie stiegen zur Giebelstube hinauf, in der die Betten unter dem
Kruzifix an der Wand standen. Das Fensterchen war offen, die ganze
Kammer war hell von blinkender Sauberkeit und von Mondenschein. Er
konnte nicht widerstehen, ehe er das Fenster schloß, lehnte er sich
hinaus und guckte noch hinüber zur Kirche.
Die ragte mit ihrem mächtigen Turm wie ein Wahrzeichen des Dorfes weit
in die Gegend hinein. Wo man auch stand, ob auf der Höhe, ob im Grund,
überall sah man sie.
Ein Gefühl der Glückseligkeit durchdrang den Mann. In Tagen, in Wochen,
im ganzen Leben war oft soviel Ärger, oft soviel Verdruß, aber ein Abend
wie dieser, der machte alles wieder gut! Er rief seine Frau neben sich
und schaute Schulter an Schulter mit ihr hinauf in den hellen Himmel der
Mainacht.
Mariechen konnte es doch nicht lassen, sie mußte noch einmal von dem
Ereignis anfangen. »Wie et dem Annelies nu wohl zu Mut sein mag?«
»Haste ihr jesagt, se soll nit so vill dervon trätschen?«
»Nee, dat hab ich nit! Warum soll se denn nit dervon erzählen? Wer jut
is, freut sich doch drüber. Laß die bösen Leut nur sagen, et is nit
wahr – aber, Jott sei Dank, so haben wir ja kein hier im Dorf!«
Er nickte zustimmend: da hatte sie recht. Im Dorf würde man die
Wundermär aufnehmen, so wie sie erzählt ward: mit frommer Andacht. Nur
draußen gab’s Zweifler und Spötter.
»Die jeht nu sicher nach Echternach,« sagte leise Mariechen.
Eine Sehnsucht durchzog ihr Herz. War sie nicht auch wallfahrten
gewesen, damals, als sie noch hoffte? Da hatte sie Jahr um Jahr
fast die Prozession mitgemacht, nach Heimbach und nach Mariawald,
dem Trappistenkloster im Kermeter. Wie die anderen, jeder in seiner
besonderen Angelegenheit, war auch sie gegangen durch den Staub
der Pilgerstraße, hügelauf, hügelab, hatte laut im Chor und noch
inbrünstiger heimlich bei sich gebetet. Ihre Bitte hatte nicht die
Gewährung gefunden. Die Heiligen allein wußten, warum sie ihr Geschenk
gleich wieder fortgenommen hatten. Aber Mariawald kam ja auch längst
nicht an gegen Echternach. Was für Frankreich Lourdes, das war für
die Deutschen Echternach. Aus hiesiger Gegend war schon manch einer
dort gewesen und hatte die große Entfernung ins Luxemburgische nicht
gescheut. Jetzt gingen auch Pilgerzüge dorthin, man brauchte den
weiten Weg nicht mehr zu Fuß zu machen wie früher. Ach ja – die in
die Mondnacht Hinausträumende seufzte auf einmal tief auf – die Mutter
würde ihr Doreschen zu Echternach schon gesund kriegen! Das Kind, das
ihr am meisten am Herzen lag, weil es ein unglückliches war.
Bürgermeister und Bürgermeisterin blieben stumm. Als ob er die
Gedanken, die die Seele seiner Frau bewegten, heute wie damals in
erster Ehezeit, geahnt hätte, legte er den Arm fest um ihre Schulter
und zog sie näher zu sich heran.
Es war ein heiliges Schweigen in der Mondnacht. Stiller konnte kein
Dorf sein und stiller auch keine Menschen. Traumhaft wob das Mondlicht
um Hecken und Giebel; wo ein Stückchen weiße Hauswand hervorlugte,
glänzte sie, und die breite Dorfstraße blinkte wie Schnee. Alle
Fenster waren dunkel, alle Leute lagen und schliefen. Die Samstagnacht
kündigte den Sonntag an. Ein Sabbatrot war auf Höhen und Tiefen, ein
andächtiger Frieden über Häusern und Hecken. Wächtern gleich standen
die Hainbuchen, heute nicht zerzaust und zerschüttelt und die schlanken
Stämme gebeugt unterm sausenden Vennwind; es war eine windstille
Nacht. Kein lauter Atem. Glatt, wie Säulen aus Marmor, ragten die
schlanken Schäfte der Bäume, ihre Schöpfe hingen ruhig herab wie sanft
geglättetes Haar. Um das große Missionskreuz, nah der Kirche, standen,
weiß beschienen, friedlich die Kreuze und Kreuzchen des Kirchhofs;
dort schliefen die Toten des Dorfes in ihren geweihten Gräbern ruhig
dem jüngsten Gericht entgegen. Hier war der Tod wie ein Schlaf, der
Kirchhof nur eine Beruhigung mehr im stillen Dorfe.
Plötzlich schreckten Mann und Frau zusammen: ein Lärmen kam die Straße
herauf, ein Rasseln und Rollen, ein Poltern und Trappeln, das doppelt
laut wirkte in der todstillen Nacht. Von der Chaussee her jagte ein
Wagen. Nun kam’s übers Pflaster mit Geknall und Gejohle. Zwei auf dem
Bock, die Kutsche gerappelt voll, so voll, daß noch je einer lag und
die Beine zum Wagenschlag heraushängte.
So fest schliefen die Bauern von Heckenbroich denn doch nicht, daß sie
das nicht gehört hätten. Überall, wo die Kutsche vorbeirasselte, fuhr
rasch ein Kopf aus dem Fenster. Das waren die Offiziere! Von der Stadt
herauf kamen sie.
Wie wachsame Augen brannten die Laternen rechts und links vom Bock des
Wagens, die drinnen saßen, konnten ja selber nichts mehr sehen; auch
der Soldat, der kutschierte, war nicht sicher mehr. Die Wirtin vom
Weißen Schwan hatte ein Herz auch für Burschen; während die Herren im
Speisesaal tranken, wurde der Kutscher in die Küche gelassen.