und gelangweilt gähnte, wie Schmidt und Scheffler, die eine Zigarette
nach der andern ansteckten. Er überlegte, wie er es anfangen sollte,
mit der schönen Helene einmal allein zusammen zu sein. Ob er’s
versuchte, die andern zu überdauern? Aber wie kam er dann wieder
herauf, ins Lager zurück? Nun, so schlimm würde das nicht sein, zu Fuß
einfach. Er verkrümelte sich eben ein bißchen, ließ sich nicht eher
finden, als bis die anderen abgefahren waren – um Eins spätestens hatte
Scheffler dem Wirt versprochen, ständen seine Gäule wieder im Stall
– nun, und wenn sie dann alle glücklich weg waren, dann – dann –! Er
hatte sie ja ewig nicht unter vier Augen gesprochen; seit dem Tode
ihres Mannes überhaupt noch nicht. Er hatte ihr einen Kondolenzbrief
geschrieben, ein schweres Stück Arbeit – kondolieren konnte man ihr ja
eigentlich nicht, es war doch eine Erlösung für sie, daß sie den Säufer
losgeworden war – aber sie hatte ihm nicht darauf geantwortet. Hatte
er sie etwa beleidigt dadurch? Sie war doch sonst stets für Offenheit,
eine ehrliche Natur, die sich gab, wie sie war, nicht besser, nicht
schlechter. Das imponierte ihm ja gerade so.
Ein Husten Schefflers und ein Schimpfen von Schmidt schreckten ihn
aus seinen Gedanken auf; auch der Stabsarzt fluchte. Sie waren in eine
Wolke von Staub geraten; wie graues Mehl flog er, von Rädern und Hufen
aufgewirbelt. Hier mußte die reine Völkerwanderung gewesen sein. Und
nun kam auch noch ein Tuten den Berg herab. Wie ein Ungetüm sauste ein
belgisches Automobil hinter ihnen drein, kaum daß der Bauernbursche
auf dem Bock noch zur Seite lenken konnte. An den entsetzten Pferden
flog es vorbei im Hui. Unwillkürlich waren die Herren im Wagen
aufgesprungen: das fehlte auch noch, ein Auto! Und natürlich auch zur
Helene – verdammt! Sie schimpften laut hinter dem Automobil drein, das
längst nicht mehr zu sehen war, ihnen nur einen pestilenzialischen
Benzingestank hinterlassen hatte.
»So fahren Sie doch, Kerl, fahren Sie zu in drei Teufels Namen!«
brüllte der Adjutant den Kutscher an.
Der Wallone antwortete nicht, er tat, als verstände er kein Deutsch;
ganz gemächlich setzte er sich wieder in Fahrt. Lange nach dem
Automobilisten kamen sie im Städtchen an.
Im Weißen Schwan war es sehr lebhaft. Die tiefen Fenster des
Speisesaals standen geöffnet, die Gardinen blähten sich im Zugwind; Tür
und Fenster gegeneinander auf, denn es war drinnen voll und heiß. Es
hatten schon welche zu Mittag gegessen und waren jetzt, zwischen Mokka
und Maibowle, beim Skat; andere wollten noch dinieren, viele bestellten
schon Abendbrot. Und zu trinken, alle zu trinken.
Ein Aushilfskellner im schmierigen schwarzen Jackett und der Hausknecht
mit groben Fäusten rannten gehetzt hin und her. Jean, das Faktotum, das
jeden Gast kannte, empfing mit vertraulichem Nicken die Wünsche der
Kunden.
»Unverschämter Kerl!« murmelte Scheffler, als der Kellner die Achseln
zuckte: »Bedaure sehr, Herr Oberleutnant, hier ist alles besetzt,«
zugleich aber mit bedeutungsvollem Augenzwinkern auf ein verstecktes
Türchen neben dem Büfett wies.
»Dreister Halunke!«
»Wie der Herr, so’s Gescherr,« sagte der Stabsarzt. Aber sie stapelten
doch durch das versteckte Türchen in einen engen und dunklen Gang und
durch diesen auf das heimliche Zimmer los.
Es war nicht leer, wie sie dies Privatgemach der schönen Helene zu
finden erwartet hatten. Der kleine Sofatisch war in die Mitte gerückt,
sechs Einjährige zwängten sich darum. Und zwischen ihnen, dicht
Schulter an Schulter, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, die schöne
Helene. Eine Riesenbowle stand auf dem Tisch, der Sektkühler auf dem
Boden – aha, die mußten es sich hier ja schon recht wohl haben sein
lassen!
Vor dem musternden Blicke der Offiziere sprangen die sechs auf wie
ein Mann. Hand an der Hosennaht, den Hals steif wie in Eisen, standen
sie so stramm, wie sie nur konnten. Ihre vom Wein geröteten Gesichter
wurden jetzt noch röter.
Der Adjutant winkte ab, aber er tat es mit geheimer Wut: grüne Jungens,
wie konnten die sich unterstehen, sich hier so breit zu machen! Ein
zorniger Blick streifte die Wirtin.
Helene saß auf ihrem Stuhl und lachte, lachte, daß sie sich schüttelte.
Der Schreck von den armen Jungens! Haha, das war zum Totlachen, das war
ein Spaß! »Hahahaha!« Sie konnte gar nicht aufhören mit Lachen. Keine
Spur von Verlegenheit zeigte sie; Schefflers zornigen Blick mit einem
ganz harmlosen erwidernd sprang sie jetzt auf und auf die Neugekommenen
zu: »Tag zusammen, Tag, Tag!« Dann machte sie den Einjährigen einen
Knix und zeigte ihnen lachend ihre weißen Zähne: »Adjüs, meine
Herren!« Ihnen den Rücken kehrend und die Zungenspitze zwischen den
Zähnen vorstreckend, sagte sie dann ziemlich laut: »Jott sei Dank, die
Jüngeskens wurden mir als langweilig. No, Kinder, nu kommt!«
Die Tür mit dem Fuß aufstoßend und ihre Freunde vor sich
hinausschiebend, schwatzte sie: »Laßt mir aber die armen Jüngeskens in
Frieden, die wollten sich auch emal ’ne jute Tag machen. No, Herr von
Scheffler, sind Sie bös mit mir, Sie kucken mich heut ja jar nit an?«
Sie wollte sich an ihn heranmachen.
Er raunte verlegen und ärgerlich: »Ruhig doch! Du bist ja schon
beschwipst!« Und laut sagte er: »Gehen wir lieber, meine Herren, hier
ist ja kein Platz. Sehen wir zu, wo anders unterzukommen!«
Das wollte Helene nun um keinen Preis zugeben. Ehe sie ihre Herren
gehen ließ, schmiß sie lieber die Einjährigen, die dummen Jungens,
heraus, so leid es ihr auch um die tat, und so gut die auch verzehrt
hatten. Ihre Herren Offiziere ließ sie nicht: »Nee, nee, nee!« Fast
weinend verstellte sie ihnen den Weg.
Abeking fühlte den Ärger hinschmelzen, den er empfunden hatte, als er
sie so intim mit den Einjährigen hatte sitzen sehen. Aber Scheffler und
Schmidt blieben hart, bis der Stabsarzt einen Vergleich vorschlug: »Die
Helene hat in unsere Stube Fremde reingelassen, Einjährige noch dazu,
zur Strafe darf die Helene sich heut an keinen anderen mehr kehren,
sie muß sich verpflichten dazu. Bei uns sitzen bleiben muß sie, ’nen
Schwank aus ihrem Leben erzählen – was, Helenchen, das paßt Ihnen so?
Und trinken soll sie mit uns, ’ne Pulle Sekt trinken, was?«
»Och, warum denn nit? Jern!« Die hübsche Frau lachte hell auf. Sie
blitzte mit ihren kecken Augen ihren einstmaligen Verehrer zärtlich an:
»Wahrhaftigens Jott, der dicke Stabsarzt is doch noch der allernettste,
jar nich jleich so krabitzig wie jewisse andere Leut!« Sie machte ein
Mäulchen.
Der junge Leutnant hätte ihr am liebsten einen Kuß darauf gedrückt –
so lange hatte er keine weichen Lippen unter den seinen gefühlt. Nervös
zwirbelte er an seinem schüchternen Schnurrbärtchen, sein hübsches
Gesicht wurde knabenhaft rot.
Scheffler und Schmidt aber waren gewiegte Diplomaten, so leicht ließen
sie sich nicht herumkriegen, da mußte die Helene erst noch ganz andere
Seiten aufziehen.
Es war ein langes Parlamentieren auf dem engen, fensterlosen Gängelchen
zwischen Privatgemach und Eßsaal. Keiner konnte den anderen recht
sehen. Aber Abeking glaubte zu fühlen, daß Helene sich dichter an ihn
drückte, als suche sie bei ihm den nötigen Beistand. Verstohlen legte
er den Arm hinter sie und legte ihn leicht um ihre Taille; da trat sie
ihm bedeutungsvoll auf den Fuß. Der ganze enge Gang war voll von ihrer
Wärme, ihre Röcke raschelten, ihr gekraustes Haar kitzelte ihn unter
der Nase.
»Na, denn man los,« sagte Scheffler und stieß die Tür nach dem Eßsaal
auf. »Blödsinnige Luft hier in dem engen Loch!«
Abeking fand das gar nicht.
Aber wo sollten sie nun Platz nehmen? Helene schlug den Tisch draußen
an der Haustür vor, der war noch frei, aber Scheffler sagte ziemlich
unverblümt: »Verrückt! Ich werde mich doch nicht mit d..« das ›dir‹
unterdrückte er noch rechtzeitig, räusperte sich und verbesserte: »mit
meinem Wein auf die offene Gasse setzen!«
Helene hatte wohl gemerkt, was er eigentlich hatte sagen wollen, sie
bekam einen roten Kopf, aber sie zeigte keinerlei Empfindlichkeit. Sie
rief den Hausknecht, und er mußte die großen Efeuwände herbeischleppen,
die, in Ermangelung eines Gartens, mit ihrem verstaubten Grün die
Wände eines winzigen dumpfen Höfchens maskierten. Jetzt wurden sie vor
dem Tisch auf der Gasse ausgestellt, man saß dahinter wie in einer
versteckten Laube. Und sogleich war die nötige Stimmung hergestellt.
Der übelgelaunte Scheffler ließ seine Mißstimmung fahren. Schmidt
erzählte Anekdoten aus seiner Vaterstadt Köln, nicht gerade
salonfähige, aber höchst scherzhafte. Der Stabsarzt, ein Pommer, blieb
an Derbheit nicht zurück; es waren gepfefferte Geschichten. Der kleine
Leutnant verwunderte sich eigentlich, daß Helene darüber so lachen
konnte. Nun, sie war eben noch recht naiv, verstand er doch sogar die
Pointen nicht einmal alle.
Um die hochgegiebelten alten Schieferdächer mit ihren vorgebauten
Bodenluken, zu denen einst der überall auch jetzt noch vorhandene
Krahnen die Warenballen aufgehißt hatte, fingen die Fledermäuse an
zu flattern. Sie hatten hier Schlupfwinkel genug. Lauter schien der
Fluß in seinem engen Bett, eingepreßt zwischen Fels und Häuserzeile,
dahinzugrollen. Oben auf der Kirchhofsley lag noch Sonnenglanz, man sah
die Kreuze der Gräber scharf-umrissen in den Aether ragen; hier unten
in der Gasse vor der Wirtshaustür war es schon ganz dämmerig. Das helle
Gesicht der Frau über dem schwarzen Trauerkleid schimmerte nur mehr wie
ein weißer Fleck.
Den jungen Offizier fröstelte es plötzlich wie damals, als er hier zum
Begräbnis gewesen war – sterben, ah, schrecklich! Ob denn keiner an den
einstmaligen Wirt mehr dachte? Der lag nun dort oben, und seine Frau
lachte hier unten. Noch nicht viel länger als ein Vierteljahr war’s
her – wie rasch man vergessen wird! Er dehnte sich mit einem Seufzer,
lehnte im Stuhl hintenüber und starrte in die Höhe, am hohen Giebel des
Schwan, um den wie unruhige Gedanken im Zickzackflug fortwährend dunkle
Fledermäuse flatterten, empor, und weiter hinauf in den dunstigen
Abendhimmel. Der Abendstern zeigte sich im Gewölk, aber er rutschte
fort, hinter das alte Burggemäuer. Kein Stern stand über diesem Haus.
»Sind Sie müd, Herr Leutnant?« Helene legte ihm die Hand auf den Arm.
Er war blaß geworden; nun erschrak er: »Ah, Pardon, was sagten Sie?«
»Ob Sie müd sind?« Ganz nah reckte die Frau ihr lächelndes Gesicht an
das seine, aus nächster Nähe sah er ihre glitzernden, schimmernden
Augen. Unterm Tisch fühlte sie nach seiner Hand. Er preßte die ihre mit
heftigem Druck und behielt sie in der seinen.
Was fehlte ihm denn? War er schon betrunken oder war er plötzlich toll
geworden? Die älteren Kameraden sahen nach ihm hin.
Abeking war aufgesprungen. Das Sektglas hochhebend, den Kopf hintenüber
geworfen, rief er laut: »Ein Pereat den Toten! Wir leben und lieben –
prost, schöne Frau, auf Ihr Spezielles!«
»Pröstchen, pröstchen!« Die Sektgläser klingelten.
»Sie sind ja en ganz höll’scher Kerl,« sagte der Pommer.
Helene fühlte sich sehr geschmeichelt, sie zeigte ihre weißen Zähne:
das war mal ein netter Junge, den sie wohl leiden mochte!
Sie waren schon mit der zweiten Flasche zu Ende. Helene klatschte in
die Hände, da erschien auch bereits die dritte, in Eis gekühlt.
»Wenn das so weiterjeht, sind wir all voll bis Mitternacht,« sagte der
Kölner.
»Ich empfehle mich für ein halbes Stündchen, meine Herren!« Scheffler
stand auf. »Ich muß noch einen Besuch machen. Ich habe es versprochen.
Ich muß mich erkundigen, wie den Damen Schmölder ihr neulicher Besuch
zur Besichtigung des Lagers bekommen ist!« Er grüßte leicht die
Kameraden, drohte Helene mit dem Finger und ging dann davon, schneidig,
eine elegante Offizierserscheinung. Seine schlanke Gestalt verschwand
schnell im dunkelnden Gäßchen.
Der Stabsarzt und Schmidt spöttelten hinter ihm drein: der ging auf
Freiersfüßen! Na, der Schwiegervater in spe würde auch keine besondere
Freude haben, wenn er mit dem roten Kopf ankam! Und so spät war’s, acht
Uhr fast! Aber freilich, hier brauchte man’s nicht so genau zu nehmen –
Entfernung, Dienst, Überbürdung selbst am Sonntag – es ließen sich so
viel Entschuldigungen finden. Die Leutchen freuten sich am Ende immer
noch, wenn der schöne Adjutant von Scheffler erschien!
»No,« sagte Helene und warf die Lippen auf, »dat weiß ich doch noch
nit so jenau. Der Heinrich Schmölder is lang nit so dumm, als wie
ihr denkt. Helau!« sie legte den Daumen auf die Nase und spreizte
die übrigen Finger der Hand. »Der weiß janz jenau, dat et auf sein
Portemonnaie abjesehen is! Der Ladewig, der Ladewig –« sie fing
plötzlich an zu singen – »de hat dat jrößte Portemonnaie!«
Keiner machte »sst!« Nun Scheffler fort war, nahmen sie gar keine
Rücksicht mehr; die Helene hatte sowieso schon einen Spitz, und dann
war sie am alleramüsantesten. Bald war die dritte Flasche Sekt geleert.
Nun trank man Bowle.
Währenddes saß der Adjutant bei Schmölders. Die Familie hatte sich eben
zum Abendbrot setzen wollen, er wurde eingeladen, mitzuspeisen. Es gab
Rehbraten; Herr Schmölder hatte das Reh selber geschossen, er war ein
großer Nimrod. Oben der Waldbestand um die Fangeuse war sein eigenes
Revier, leider nur ein zu kleines; er hätte gern alles andre drum herum
noch dazu gepachtet. Aber ein Teil des Forstes gehörte dem Fiskus, der
andere der Gemeinde Heckenbroich, und mit den Kerls war ja nichts
zu machen, die forderten ja jetzt eine Pacht – eine Pacht! Schmölder
zitterte vor Ärger, als er dem Offizier von den habgierigen Bauern
erzählte.
»Und da is der Leykuhlen dran schuld, niemand anders als der – für ein
Butterbrot hat sie mein Vater früher jehabt – aber der, der möchte Jott
weiß wieviel Jeld zusammenschrappen für seine Jemeinde! Nur um die
Schulden zu bezahlen, die sie haben von dem verfl..... Kirchenbau her!«
»Aber Schmölder!« Ganz erschrocken starrte ihn seine Frau an; es war
ihr schrecklich, daß ihr Mann so sprach.
»No ja, ja,« – er lenkte ein, als er das entsetzte Gesicht seiner
Frau und die flehenden Blicke seiner Tochter sah – »na, was ich sagen
wollte! No, ja, seit die Bauern oben die Riesenkirche jebaut und sich
deswegen Schulden auf den Hals jeladen haben, soll ich der dumme Peter
sein, der sich von ihnen über den Löffel barbieren läßt. Aber ich biet
nit mit bei der Jagdversteigerung – sie werden ja sehen, wie sie sitzen
bleiben!«
»Das ist aber doch schade, zu schade, um die famose Jagd!« Herr von
Scheffler bedauerte lebhaft. Er hatte es sich schon so fein ausgedacht,
mit dem Schwiegervater auf diesem großartigen Terrain zu jagen.
Betroffen sah er auf seinen Teller nieder: das war entschieden eine
Lockung weniger. Aber dann dankte er mit verbindlichem Lächeln der Frau
des Hauses, die ihm noch einmal Rehbraten anbot: »Danke sehr, gnädigste
Frau – o nein, ich esse gar nicht wenig, aber bei der Hetzerei oben
gewöhnt man sich eben das Essen ein wenig ab. Man hat ja nie Zeit!«
»Haben Sie denn soviel zu tun, Herr Oberleutnant?« fragte errötend
Hedwig. Sie errötete heute in einem fort. Ohne jeden Grund, wie Josef
feststellte. Sonst mochte er die junge Nichte gern, sie hatte sich
mit offener Zuneigung ihm angeschlossen, aber heute gefiel sie ihm
nicht. Wie konnte ein Mädel wie Hedwig, das mal gewiß seine drei,
vier Millionen kriegte und vor allem ein gutes, hübsches Kind war,
gleich so den Kopf verlieren, wenn eine bunte Jacke mit aufgewichstem
Schnurrbärtchen auf der Bildfläche erschien?! Das war doch zu dumm! Er
nahm sich vor, ihr einmal ins Gewissen zu reden. Aber vorderhand war
nichts zu machen.
Wenn auch beide Vettern Schmölder mit ziemlich verdrossenen Mienen die
brillante Unterhaltung des Leutnants über sich ergehen ließen – er
sprach von Bällen, von Ritten, von Vorgesetzten, von Kameraden, von
Pferden, von Avancement – die Tochter errötete, lächelte und strahlte.
Und auch die Mutter schien lebhaftes Wohlgefallen an dem hübschen
Offizier zu finden: das war doch kein oberflächlicher grüner Junge
mehr, das war ein ernsthafter, tüchtiger, liebenswürdiger Mensch, aus
gutem Hause, und trotz seines Adels strebsam und solide gesinnt!
Scheffler empfahl sich bald nach dem Abendbrot. Er bedauerte unendlich,
aber er mußte fort: morgen in aller Frühe schon Dienst, er hatte nur
nicht versäumen wollen, in der ihm so knapp bemessenen Zeit den Damen
wenigstens seine Aufwartung zu machen. Mutter und Tochter gaben ihm das
Geleit bis zur Gartentür.
Der Vater war abgerufen worden; der Verwalter oben von der Fangeuse war
da, er hatte den Herrn Schmölder dringend zu sprechen verlangt.
Josef war hinter den Damen hergeschlendert. Kein Mensch kümmerte sich
um ihn; er kam sich überzählig vor.
Am Himmel, den man hier nur wie in einem Ausschnitt sah zwischen
Tannen, Felsen und alten Giebeln, flimmerten jetzt die Sterne. Dies
reich bestickte Tuch würde sonst sein Auge entzückt haben, heute sah
er es nicht an. Der Garten, der im Schutze der Felswand, die jeden
Mittagssonnenstrahl auffing, grünte und blühte und duftete in fast
südlicher Fülle, war eine Oase mitten im herben Eifelland; aber heute
steckte Josef seine Nase nicht in die üppigen Fliederbüsche. Den
roten Piruszweig, der sich über den Weg streckte, stieß er unsanft
beiseite. Er war verdrießlich, unangenehm von allem berührt; so tödlich
gelangweilt vom Geschwätz am Abendtisch, daß er am liebsten auf und
davon gelaufen wäre. Aber wohin? Kein Geld, keine Stellung, kein Platz,
der sein eigen war – es war zum Verzweifeln. Und das Geschwätz ging an
der Gartentür noch immer fort! Zornige Ungeduld übermannte ihn. Es war
ein Aufbäumen in ihm gegen die Enge, gegen die Kleinlichkeit, und doch
fühlte er’s mit heftiger Schmerzlichkeit: nie, nie kam er wieder hier
heraus! Hier wurde er festgehalten durch eigene Schuld, hier war er
begraben mit Haut und Haar, mit allem, was in ihm war an höherem Flug,
und er selber hatte sich die Grube gegraben. Drin liegen bleiben mußte
er nun, verrotten bei lebendigem Leibe. Dieses verdammte Geschwätz!
Des Leutnants Rede ergoß sich. Cousine Schmölder sagte nur zuweilen:
»ah« und »oh« und »wie nett!«, und das kleine Mädchen lachte
glückselig-verlegen dazu.
Josef drehte kurz um und ging ins Haus zurück. Lieber den Garten
missen, als sich so die Laune verderben lassen! Pfeifend, die Hände
in den Taschen seines braunen Sommerjacketts, schlenderte er ins
Wohnzimmer.
Da saß Heinrich auf dem Sofa in seiner alten grünen Tuchjoppe, und der
Mann von der Fangeuse stand vor ihm und drehte verlegen seinen Hut in
den Händen.
»Also, kurz, warum kündigt Ihr mir?« sagte Schmölder knapp. »Macht nit
so viel Worte – also warum?«
»Herr Schmölder, Ihr müßt entschuldigen, et wird mir schwer, Uech zu
kündige, Herr Schmölder. Ich war ooch janz jern oben, ich hatt nühst
zu klage. Äwer dat Settche will’t nu absolut nit mieh, et saat, et
wär him zu afjeleje do. Un der Schollweg is zu wiet für ose Jung. Im
Winter kann hä jo jar nit hinjonn. On zu Ostere kömmt oß Mädche ooch in
Scholl. Drei Jahr hammer et do owen usgehaalde, länger als de vürige
do is bliewe. Do is keen Dorf on keen Huhs, kee menschliche Seel! Bis
Heckenbroich is et so wiet, un jut drei Stund hammer no ’r Kirch. Nit
ens Erdäppel könne mer trecke,[6] de Säu wühlen alles up. On de Hirsch
kömmt bis in ’ne Jart[7] – Herr Schmölder, Ihr wißt doch noch, dat Ihr
selwer eine jeschosse habt aus oser Kammerfenster? Nix för unjut, Herr
Schmölder, ich hätt Uech nit jekündigt, äwer dat Settche will absolut
nit mieh bliewe. Et saat, wir sind zu wiet von Kirch on Scholl, dat
jeht nit mieh, mit dene Köngd!«
[6] ziehen.
[7] Garten.
»Zum Kuckuck, so laßt se doch nit nach Kirch un Schul jehen,« schrie
Schmölder. Er fuhr den Mann an, als habe er was verbrochen. War das
eine Art, ihm zu kündigen, einfach weil es dem dummen Weibsbild nicht
mehr paßte? Nun ging die Sucherei wieder von neuem los! Einen Menschen
mußte er doch da oben im Moorhaus haben, der Obacht gab, sonst fiel
die Bude noch über Nacht mal zusammen. Und wenn er zur Jagd heraufkam,
im Winter auf Sauen, im Sommer auf Böcke, im Herbst auf Hirsche, da
wollte er doch sein Bett gemacht haben, geheizt und den Kaffee gekocht.
Die Frau vom Jilles hatte das immer besorgt, auch die Rehleber, mit
Tannennadeln gespickt, auf Weidmannsart zu braten verstanden! So genau
Heinrich Schmölder sonst mit dem Gelde umging, hier wollte er etwas
springen lassen.
»Ich will Euch wat sagen, Jilles,« lenkte er ein, »ich will Euch
zulegen, pro Monat zehn Mark, macht auf’t Jahr hundertzwanzig –
einhundertundzwanzig Mark! Mann, dat ’s en Wort! Und die Frau soll auf
Christtag en anständig Präsent von mir kriegen, und Ihr und der Jung
Buckskin zum Anzug. So, un nu is et jut!«
Er schien die Sache für abgemacht zu halten, aber der Mann von
der Fangeuse räusperte sich und blieb noch stehen. In hülfloser
Verlegenheit zerknüllte er seinen Sonntagshut. Über sein hartes Gesicht
zuckten Begehren und Abneigung: einhundertundzwanzig Mark, das war ein
Stück Geld! Er sah nieder an seinem ärmlichen Rock und gedachte einer
Kuh, die er zu Heckenbroich in einem Stall gesehen hatte und die zum
Verkauf stand.
»Herr Schmölder,« sagte er gedrückt, aber nach und nach wurde seine
Stimme sicherer, »ich kann nit, wahrhaftigen Jott nit, et jeht nit. Dat
Settche kriet dat arm Dier.[8] Nit Kirch, nit Laden, nit Straß, zweimal
die Woch nur der Briefdräger, als dann on wann emal ’ne Camis’;[9]
sonst keen Mensch! On kömmt ens einer, muß mer de Dür noch verschließe;
wir sind eso nah an der Jrenz – en halw Stund bis Belligen – wer weiß,
ob et nit einer von denen is!« Er deutete mit dem Daumen über die
Schulter und machte ein verächtliches und zugleich doch verängstetes
Gesicht. »Von denen do! Seit die im Venn sin, könne wir nit mieh ruhig
schlaafe. Kömmt letzt ’ne Kerl, stößt de Dür up on saat: ›Jude Morje!‹
On ob er en Flasch Bier krieje könnt! Modderselig allein war dat
Settche zo Huhs, die kriet ’ne Schrecke. On, Herr Schmölder, de Kerl
wollt nit jonn!« Er machte eine Pause und sah erwartungsvoll seinen
Herrn an: was würde er nun sagen?!
[8] wird melancholisch.
[9] Grenzjäger.
»Nun – und?« Josef, der, am Büfett lehnend, alles mit angehört hatte,
beugte sich interessiert vor. »Nun?!« War das wirklich so ein armer
Teufel von Sträfling gewesen, hatte es einer riskiert, auszurücken, der
Grenze zuzueilen durch dick und dünn?!
»Et war ’ne Torfstecher, ich kam drüber heem,« sagte der Mann. »Äwer
et konnt doch jrad so jut einer von denen do sein, so ’ne Räuber und
Mörder. Nee, nee, Herr Schmölder –« ganz energisch schüttelte er den
Kopf und ließ all seine Schüchternheit fahren, – »sucht Uech ’ne
angere. ’n Awend zosammen!« Er setzte seinen zerknüllten Hut auf und
trabte rasch aus dem Zimmer.
Heinrich Schmölder öffnete schon den Mund, ihm noch einmal
nachzuschreien, aber dann besann er sich: ein Schmölder bittet doch
so einen dummen Kerl nicht?! Wenn der Esel nicht wollte, nahm er sich
eben einen anderen Verwalter. Aber selbst für Geld und gute Worte ging
keiner so leicht aufs Moor hinauf. »Da haben wir’t,« sagte er grimmig
laut und schlug auf den Tisch, daß der Aschbecher stäubte, »mußt uns
die verdammte Rejierung auch ihre Verbrecher so auf die Nas’ pflanzen
– en Unverschämtheit! Natürlich, wegen der Nachbarschaft bleibt mir
der Jilles nit! Un verdenken kann ich et ihm nit emal. Dem Landrat
werd ich aber meine Meinung sagen, der soll mir noch kommen mit seiner
Kolonisation! Wat fang ich nu an?«
»Heinrich, setz mich doch hin,« sagte Josef rasch. Es war über ihn
gekommen wie eine Erleichterung.
»Dich –?!« Schmölder sah den Vetter an, als habe er gesprochen: ›Setz
mich auf den Mond!‹ »Laß doch die Dummheiten,« sagte er unwirsch. »Ich
mach jetzt nit Spaß, ich bin wirklich in Verlejenheit. Janz leer
stehen kann ich die Bude nit lassen, un hin jeht mir so leicht keiner!«
»Heinrich, es ist mein Ernst!« Josef war näher herangetreten und legte
ganz entschlossen und kräftig die Hand auf den Tisch. »Setz mich dahin,
ich gehe mit Freuden!«