Da sagte sie schon: »Sie werden sich wundern, Herr Schmölder, dat ich

Sie jleich jekannt hab. Der Bärtes hat mir auch neulich von Ihnen

erzählt. So mußten Sie aussehen und nit anders. Wie jeht et Ihnen dann,

jefällt et Ihnen jetzt besser unten? Ich hab als oft daran jedacht, wat

Sie zum Bärtes von unsern Fabrickmädchens jesagt haben.«

Er sah sie verwundert an, da lächelte sie. »Wissen Sie, Herr Schmölder,

in unsrer Still fällt so’n Wort wie ’ne Stein in den Brunnen. Man hört

dat weit und noch lang hernach. Et is schön von Ihnen, Herr Schmölder,

dat Sie Intress’ für unsre Leut haben!« Sie reichte ihm die Hand. »Sie

würden sich ’ne Jotteslohn verdienen, wenn Sie Ihrem Vetter sagen

täten, er soll den Mädchens mittags wat mehr Zeit jeben, dat sie in

die Stadt ereinjehen könnten. Da haben doch ihrer viele Bekannte oder

Verwandte, da könnten sie doch en warm Supp kriegen; wenigstens im

Winter!«

Eine nette und ganz verständige Frau! Josef setzte an, ihr seine Pläne,

die ihm jetzt auf einmal wieder so lebendig wurden, als hätte er sie

erst gestern ausgeheckt, mitzuteilen, als ein Kraspeln draußen auf dem

Flur hörbar wurde. Und jetzt ein Singen, zart und fein.

»Aha, dat Kathrinche mit ’m Doresche. Huesgens Kinder – arme Leut!« Die

Frau sprang auf.

Draußen erklang noch zaghaft, aber doch schon ein wenig stärker:

»O Maria, sei gegrüßt,

Die du voller Gnade bist!

Sei gegrüßt, du schönste Zier,

Gott, der Herr, ist selbst mit dir.

Du bist hochgebenedeit – –«

Der Gesang verstummte jäh, Frau Leykuhlen hatte die Tür geöffnet. »He,

wo steckt ihr dann?«

Das Kathrinchen war erschrocken in den dunkelsten Winkel entwichen. Es

traute sich nicht vor, weil der fremde Herr es so anlachte. Erst auf

ein zweites Geheiß kam es heran mit gesenktem Kopf, immer den Dores

auf dem Arm, und hielt stumm der Frau Bürgermeister den blechernen

Henkeltopf hin, darin es alle Mittag und Abend eine Suppe für die

Mutter holte.

»Du singst ja so hübsch,« sagte Josef.

»Oh ja, dat Kathrinche kann schön singen,« sagte die Frau und strich

der Kleinen eine dunkle Haarsträhne unters Kopftüchelchen. »Setz doch

de schwere Jung hin, drag den nit ümmer, Köngd!« Und als die Kleine

zögernd flüsterte: »Da kriescht he!« nahm sie kurz entschlossen den

Jungen selber auf den Arm. »Bis still, Dores, laaß dat Kathrinche dem

Hähr jet singe! Sing ens, Köngd, sing ens, Kathrinche, wat du Christdag

jesongen hast in der Scholl!«

Das Kathrinchen stellte sich in Positur, es wagte nicht zu

widerstreben. Es faltete die Hände, ergeben-demütig.

Ah, das wurde einmal eine, die ihr Kreuz trug ohne Murren! Eine Rührung

überkam den Junggesellen.

Nun öffnete das Mädchen sein Mündchen; in die dunklen Augen unterm

Kopftüchelchen kam ein hellerer Strahl, es schlug sie weit auf.

»O du liebes Jesukind,

Laß dich vielmals grüßen,

Alle Kinder, die hier sind,

Fallen dir zu Füßen.

All um deine Liebe bitten,

Die so viel für uns gelitten.

Schenk uns deine Liebe!«

Die kindliche Stimme stieg hell und klar in die Höhe. Josef nickte

wohlgefällig: hübsch musikalisch, sicher und rein!

»Oh ja, die kann et jut,« sagte die Frau und dann hielt sie dem Dores

den Mund zu: »Bis doch still, Jöngelche!« Der Dores wollte durchaus

mitbrummen.

»O du liebes Jesukind,

In der Kripp’ im Stalle

Wehte gar so kalt der Wind,

Littst du für uns alle.

Aber jetzt sollst warm du liegen,

Jetzt soll unser Herz dich wiegen.

Komm in unsre Herzen!«

»Du brauchst dat janze Liedche nit zu singe,« sagte die

Bürgermeisterin; sie konnte den Dores kaum bändigen, eigensinnig

stieß er immer ihre Hand weg von seinem Mund und trat ihr mit den

welken Beinen gegen den Leib. Schon fing er an, falsch in den Gesang

hineinzukrähen.

Aber Kathrinchen, stärker und heller als zuvor, die Augen unverwandt

emporgerichtet, sang die Schlußstrophe:

»O du süßes Jesukind,

Höre unser Flehen:

Laß die Kinder, die hier sind,

In den Himmel gehen,

Daß sie mit den Engeln droben

Dich und deine Mutter loben.

Jesum und Maria!«

Josef Schmölder sagte kein Wort, er hatte gelauscht mit geneigtem Kopf.

»Laß die Kinder, die hier sind, in den Himmel gehen« – das hatte ihn

tief gerührt. Er fühlte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen; unter

einem Scherz suchte er seine Stimmung zu verbergen. Musikalisch, wie er

war, pfiff er die Melodie des eben gehörten Liedes nach, und dann sagte

er: »Ich denke, es gibt keinen Singvogel im Venn?! Da hätten wir ja

doch einen!« Er versuchte, die zurückweichende Kleine in die Wange zu

kneifen.

Aber die Bürgermeisterin blieb ernst. »Der heilige Schutzengel

behüte dich!« sagte sie und legte dem Kind die Hand auf den Kopf.

»So, Kathrinche, nu komm, nu kriegste de Zupp. Entschuldigen Sie ’ne

Augeblick!«

Sie ging mit den Kindern in die Küche. Als sie nach kurzer Zeit

wiederkam, fand sie ihren Gast zum Aufbruch gerüstet; er hatte den Hut

aufgesetzt und den Spazierstock wieder zur Hand genommen.

»Wollen Sie nit auf meine Mann warten?«

»Nein, Frau Bürgermeister« – er warf einen raschen Blick durchs Fenster

– »es wird mir sonst zu dunkel.«

»Aber ’n Jläsche Wein – nee, Sie müssen doch ’ne Schluck trinke!« Sie

nötigte ihn; sie hatte eine Flasche unterm Arm mit hereingebracht und

auf einem Tablett ein paar Gläser.

Aber er nahm nichts an, er wollte auch nicht länger mehr warten. »Ich

komme wieder, ich komme bald wieder, grüßen Sie den Bärtes einstweilen

vielmals!« Er drückte ihr die Hand.

Und nun war er draußen. Es war ihm auf einmal eng geworden in der

dämmerigen Stube. Nun das kleine Mädchen mit den tiefdunklen Augen fort

war, fehlte ihm der poetische Anreiz. Eine nette Frau, das Mariechen,

nett, sauber, aber nüchtern wie ihre wohlgeordnete Stube mit dem vielen

heiligen Krimskrams drin! Huesgen, – Huesgen, wo hatte er doch den

Namen schon einmal gehört? Huesgen –? Er konnte sich nicht entsinnen.

Es war schon spät. Unten in der Stadt war es sicher schon ganz dunkel,

wenn hier oben der Himmel auch noch einiges Licht spendete. Alles – die

Viehweiden mit den vereinzelt ragenden Hainbuchen, die Dachgiebel, die

Hecken, die gepflasterte Straße, die Kirche, die Schule, das Wirtshaus

– war von silbrigem Grau umzittert. Nur ein Hauch noch von zartem

Rosenrot war in diesem Silbergrau; bald würde alles Licht tot sein.

Doch da – unwillkürlich hatte er sich nach der Richtung umgedreht, aus

der er vorhin gekommen war – wie wunderbar! Da brannte es. In höchster

Glut. Als sei das Venn ein Meer von Glanz und Farbe, das den Sonnenball

in sich geschluckt hatte und nun selber eine Quelle des Lichts war.

Der Horizont, der seinen Scheitel begrenzte, glühte tiefrot. Wie

Flammen leckten feurige Zungen in den bleiernen Nachthimmel hinauf. Ein

Glanz kam von dort her, eine Farbenpracht, daß jetzt die Dorfstraße

mit ihrem Grau von Steinen und Staub zum rosigen Band wurde und die

weiße Wand der kahlen Kirche wie ein Spiegel den Vennglanz auffing und

widerstrahlte.

Vom Blut des Abends getränkt, erschien alles verklärt. Frommen Pilgern

gleich zogen Männer und Frauen des Weges. Das waren die müden Arbeiter

und Arbeiterinnen, die jetzt nach Hause kamen aus Schmölders Fabrik.

Die Tür der Kirche stand weit geöffnet; von der Straße aus sah man die

glimmende Lampe vorm Hochaltar. Die Männer zogen die Hüte; von den

Weibern aber wäre keines vorübergegangen. An ihren Strümpfen unablässig

strickend, waren sie bergan gestiegen, nun ruhten die rasselnden

Nadeln, dafür wurden die Rosenkränze aus den Taschen gezogen. Die

Kügelchen rollten. Müde, hungrige Gesichter neigten sich über gefaltete

Hände. Es war schon spät, dunkel war’s auch schon in der Kirche, die

Mägen knurrten, aber ein paar Ave oder ein Vaterunser mußten hier doch

noch gebetet werden.

Des Huesgen-Jörres Bäreb war als Letzte in die Kirche getreten.

Langsamer als die anderen war sie bergan gegangen; die Füße waren

ihr dick; sie hatte die ganze Nacht zu waschen gehabt, beim ersten

Sonnenstrahl schon hatte sie aufgehängt; und dann, ohne das Bett zu

berühren, das sie mit dem Kathrinchen und dem zweijährigen Drückchen

teilte, war sie zur Fabrik hinuntergegangen, als der Tau noch gefroren

die Gräser bereifte und es sie eisig durchfröstelte nach durchwachter

Nacht. Brennend hatten ihre Augen nach Schlaf verlangt den ganzen

Tag. Während die andern Mittagszeit machten, ihr Brot verzehrten und

von ihren Liebsten sich was erzählten, hatte sie sich zwischen den

Lumpensäcken lang hingestreckt. Sie mochte nicht essen, und von einem

Liebsten zu erzählen hatte sie auch nichts.

Die junge Bäreb hatte noch keinen Schatz. Was erzählten die andern

nicht alles in diesen langen Stunden, die man zusammenhockte bei der

Arbeit, zu der man nicht Herz und Gedanken, kaum Sinne brauchte, nur

die Finger. Die Anna von der Lämmerheck, die war voller Jubel; der ihr

Schatz kam jetzt bald frei vom Militär, dann wollten sie heiraten.

Und die Angenieß, deren Bruder als Hausknecht unten im Schwan diente,

– Jesus, was wußte die nicht alles zu erzählen! Erst leise kichernd

und dann vor Lachen fast berstend, hörten die Mädchen zu, was die

Angenieß von der Madam für Stückchen erzählte. »Ba!« stieß dann die

Bäreb wohl heraus und wandte die Augen ab. Ein glühendes Rot der Scham

und des Schrecks färbte ihr bleiches Gesicht: was, der Herr hier, der

Herr Schmölder selber ging auch zu der Madam? Das war nicht fein! Und

doch durchrieselte es sie von Kopf bis zu den Füßen mit einem seltsam

heißen, unruhigen Fluten. Mit zitternden Händen mechanisch ihre Arbeit

tuend, blickte sie starr auf diese, und ihre Lippen, die sie sich

blutrot gebissen hatte, zuckten wie von verhaltenem Weinen. Gut, daß

die Angenieß dann mit der Litanei anhub:

»Heiliges Herz, Mariä,

Herz Mariä, ohne Sünde empfangen –«

und sie dann alle murmelnd einzufallen hatten:

»Bitte für uns!«

* * * * *

Mit einem Seufzer sah Bäreb von ihrem Rosenkranz auf – die Kirche war

leer. Nun war auch sie fertig. Den Rock herunterstreifend, den sie

zum Knieen vorn aufgeschlagen hatte, tunkte sie die Finger in den

Weihwasserkessel an der Tür, betupfte sich Stirn und Brust und trat

dann hinaus.

Draußen war alles Rot erloschen; nur ein gelblicher Streifen über

der purpurnen Finsternis des Venn-Rückens kündete, daß es noch nicht

tiefe Nacht war. Sonst war es dunkel. Keine Laterne brannte die lange

Dorfstraße auf und ab. Fast wäre die verspätete Beterin in ihrer Eile

gegen eine Männergestalt gerannt, die auf den Kirchstufen stand,

unbeweglich, den Kopf zum Venn hingewendet. Sie prallte zurück.

»Hoppla!« hatte der Mann gesagt und eine Bewegung gemacht, als wolle er

sie auffangen. Sie bekam einen großen Schreck.

Josef Schmölder war es. Er, der so rasch hatte heimgehen wollen, hatte

sich erst überm Anblick des Sonnenuntergangs verzögert, und dann hatte

er sich nicht losreißen mögen von den leisen Stimmen der Nacht, denen

zu lauschen er hier auf den Stufen stehengeblieben war. Die Schwalben,

die unterm Dach der Kirche Nest bei Nest angekleckst hatten und mit

immerwährendem jauchzenden Abendschrei ihre Wohnstätten umsegelten,

schwiegen jetzt; dafür ließen die Unken ihre Stimmen hören. Hier unter

den großen Steinplatten vor der Kirchtür mußte die eine sitzen und

drüben am Kirchhof die zweite. Sie antworteten sich unausgesetzt. Wie

das leise Anschlagen eines silbernen Glöckchens hörte es sich an.

Lieblich und doch in seiner Monotonie wehmütig. Warum klagten die

Tierchen so?!

Josef war nicht minder erschrocken als das Mädchen, das gegen ihn

anlief. Zwei schwarze Augen blickten ihn an – er sah sie ganz deutlich

in einem plötzlichen Mondstrahl – und nun schob der Mond völlig das

Nachtgewölk beiseite, das ihn bis jetzt verdeckt hatte, kalt und klar

stand er mit einemmal über dem Kirchhof, die einzel-ragenden Bäume mit

ihren wehenden Schöpfen kitzelten ihm das rundliche Gesicht.

Ei – Josef blickte in ein verlegenes, ihn scheu anlächelndes

Mädchenantlitz – war das nicht das Mädchen, für dessen Mutter er damals

den Doktor heraufgeholt hatte?!

Auch Bäreb erkannte den Herrn wieder, dessen sie so oft im Gebet

gedacht hatte. Wie oft hatte sie danach verlangt, ihm sagen zu können:

»Unser Herrjott jeb Uech der Lohn!« Ihre Schüchternheit überwindend,

streckte sie ihm die Hand hin; sie schüttelte ihm die seine fast

aus dem Gelenk. Und dann wurde sie rot über die eigene Kühnheit und

wußte nicht mehr, wie loskommen. Sie hielt noch immer des Herrn Hand

gepackt, ihre Augen, zutraulich und doch scheu, guckten auf zu ihm mit

einer gewissen Andacht: ach, wäre der damals nicht hinuntergelaufen so

geschwind und hätte den Doktor heraufgeschickt, wer weiß, die Mutter

wäre damals sicher gestorben!

Josef lächelte; nun wußte er auf einmal, an wen des Kathrinchens Augen

ihn erinnert hatten. »Du,« sagte er und hielt die arbeitsharte Hand

fest, »sag mal, hast du eine Schwester, die Kathrinchen heißt?!«

»Ja, oß Kathrinche!« Das Mädchen lächelte, Grübchen vertieften sich in

Wangen und Kinn.

»Und einen Bruder, den Dores?«

Da wurde das hübsche Mädchengesicht trüb.

Josef klopfte ihr die Wange: »Na, dann weiß ich Bescheid. Und deine

Mutter ist noch immer schwach, der Dores ist auch noch immer nicht

besser, und du und das Kathrinchen, ihr habt eure liebe Not!«

Fast entsetzt, mit offenem Mund, starrte Bäreb ihn an: woher wußte

der Herr denn das alles? Wußte er am Ende auch, daß sie heimlich oft,

oh, sehr oft, seiner gedacht hatte und immer gewünscht, sie möchte

ihn noch einmal wiedersehen?! Sie stotterte, sie stammelte etwas

Unverständliches. Dann aber riß sie ihre Hand aus der seinen mit einem

hastigen: »Adjüs!« Jesus, Maria, was hielt der Mann sie wohl für dumm

und ohne Manier?!

Mit hartem Geklapper ihrer Nägelschuh trabte sie davon. Ganz außer Atem

und aufgeregt hemmte sie ihren Lauf erst, als sie schon ein weites

Stück von der Kirche entfernt war. Nun wagte sie es, sich noch einmal

umzudrehen. Aber sie sah ihn nicht mehr. Kahl und weiß schimmerten die

leeren Kirchenstufen im kalten Mondlicht.

IV

»Et is ’ne Skandal,« sagte Bürgermeister Leykuhlen zu seiner Frau, als

er auf dem Ledertuchsofa in der Stube den Sonntagsnachmittagskaffee

trank.

Sie sagte nichts, sie strich ihm nur ein Stück Blatz, schenkte ihm

noch einmal ein und setzte sich dann auf ihren Stuhl am Fenster. Da

lag auf dem Nähtisch, sorgfältig in sauberes Leinen eingeschlagen,

die Altardecke, die bald fertig sein mußte; an der sie stickte, oft

halbe Nächte, damit die aufliegen konnte zu Pfingsten, wenn die

Waller auszogen zu den Prozessionen nach Heimbach und Mariawald oder

anderswohin zu heiligen Orten. Aber heute stickte sie nicht, so sehr es

auch drängte; heute war Sonntag, heute hielt sie ein Andachtsbuch in

den Händen.

»Et is ’ne Skandal, Marieche,« sagte Leykuhlen wieder, und dann, als

sie noch nichts darauf erwiderte, zum dritten Male: »’ne Skandal,

Marieche!«

Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick an: mit was war es

denn ein Skandal? Sie wußte nicht genau, meinte er damit seinen

jetzt ständigen Ärger mit dem Landrat, oder seinen Ärger mit den

Gemeindeältesten, oder ärgerte ihn draußen das Wagenrollen und

Hufegeklapper auf der früher stets so sonntäglich-stillen, nur zur Zeit

des Hochamts- oder des Vesperläutens belebten Straße?!

Eben rasselte schon wieder ein Wagen vorüber, er streifte fast die

Hecke.

»Dat Fraumensch!« Der Bürgermeister fuhr vom Sofa auf. »Zapperlot, sind

se denn all jeck?«

Seit das Lager oben voller Militär lag, war dieses Vorbeirasseln des

Bürgermeisters steter Ärger. Was ging es ihn an, wenn die Herren sich

unten volltranken und ihre Taler ausgaben, als wären es Pfennige?!

Aber das wurmte ihn, daß hier im Lande Eine sich finden ließ, die den

Herren so gefällig war, daß die es sogar riskierten, sich die Hälse

zu brechen, wenn sie toll und voll durch die Nacht heimritten oder

-fuhren. Leykuhlen lachte zornig auf: das fehlte noch, daß sich noch

mehrere fänden, die es der da unten nachmachten! Ach ja – er seufzte –

es war leider nicht mehr so wie früher! Im Rücken die Sträflingskolonie

– von der einen Seite das Lager – von der anderen die Helene – eine

böse Umzingelung für Heckenbroich! Daß der Teufel alle miteinander hole!

»Du mußt nit eso auf dat Lenche kiefe, Bärtes,« sagte die Frau. »Janz

allein is dat nit schuld. En lustige Flieg war die als in der Schul.

Aber hätten wir dat Lager nit herjekriegt, so wär dat doch nit mit ihr

jeworden. Dat Militär is dran Schuld. Unsren Mädcher kucken se auch als

nach. Un die?! No, du sollst emal sehen, wat dat is, wenn die Soldaten

hier langs kommen! Alles am Tor! Un die Kerls lachen und pfeifen und

werfen Kußhändcher, un uns Mädcher machen ’ne Hals – eso lang! Du

mußt et dem Herr Pastor sagen, dat de ens davon predigt. Wo Militär

hinkommt, da is auch leicht Malheur!«

»No, Marieche! Hätten wir den Militärübungsplatz nit hier oben und nit

dat viele Jeld für unser Land jekriegt, wir hätten auch unsre neue

Kirch nit bauen können, unsre schöne neue Kirch. Dat war uns ja, wie

’ne Jnad von Jott, dat viele Jeld. Un da hat jeder jern jejeben für den

heiligen Zweck – aus freien Stücken, aus Dankbarkeit. Un wat mein Vater

sich immer jewünscht hat, un wat er immer zu mir jesagt hat, als ich

noch ’ne dumme Jung war – ›En neue Kirch, et is en Schand, dat wir noch

kein neue Kirch han!‹ – un wat dein Vater, unser alter Bürjermeister,

anjestrebt hat zeit seines Lebens, dat hat sich nu realisieren lassen,

dat haben wir jetzt!« Er war über dem Sprechen rot geworden in einer

freudigen Erregung.

Ja, freilich, die Kirche war schön, die war ein Werk, auf das man

stolz sein konnte. Weit hinein ins Land ragte sie, ein stolzer Dom,

stattlicher als manche Stadt sie aufwies, aber – ein leichtes Sinnen

ging über der Frau Gesicht – hatte man denn nicht auch in der alten

und kleinen Kirche gut beten können? Sie stand auf und legte mit einem

Lächeln ihrem Mann die Hand auf die Schulter: »Bärtes, wenn ich drüber

nachdenk, die heilige Jungfrau, die Heiligen all haben uns auch in der

alten Kirch gehört!«

Da sah er sie ganz bestürzt an: das sagte Mariechen?! Die kam ja

bald mit dem Landrat überein, der ihm immer und immer zu hören gab,

wieviel vernünftiger es gewesen wäre, lieber eine Wasserleitung zu

bauen, eventuell ein Krankenhaus oder anderes Gemeinnütziges. Er

lachte bitter auf: »Für das viele Geld!« sagte der Landrat! Gelangt

hatte das Geld doch nicht, Schulden waren doch noch übrig geblieben

vom Kirchenbau. Aber Strich darunter und gesehen, wie man die Schulden

abgezahlt kriegte mit der Zeit! Er ärgerte sich heut fast zum ersten

Mal über sein Mariechen: wie konnte sie so etwas Dummes sagen?!

Er verließ die Stube und ging eilenden Schritts über den Kirchplatz

hinüber zum Pastorat. Beim Pastor, hinter der dicken Mauer, hörte man

das verdammte Wagengerassel nicht so. –

Nicht nur zu Wagen und zu Pferd, auch zu Rad und zu Fuß kamen die

Herren vom Platz die lange Dorfstraße herunter. Man mußte hinunter,

auf jeden Fall, es war zum Blödsinnigwerden oben auf der Heide; rein

stumpfsinnig wurde man bei dem steten Einerlei. So viel man auch

schon vom Truppenübungsplatz hatte munkeln hören, so trostlos hatte

man es sich doch da nicht vorgestellt. Das war ja ein Sibirien, eine

Verbannung. Nichts als Venn, endloses Venn, Moor und Himmel. Und die

Mädchen, die man ab und zu bei Ritten durch das Dorf vor Augen bekam,

waren blöd und unzugänglich, stupide Kreaturen. Ein Glück nur, daß

die lustige Witwe unten auf einen guten Keller hielt und auch auf die

nötige Laune. Sie setzte zwar etwas reichlich an, mit der Zeit würde

sie recht fett werden, auch konnte sie mitunter fast lästig sein in

ihrer Liebenswürdigkeit, aber –! Wenn die Helene nicht wäre, weiß Gott,

man hätte sich aufhängen können am krummen Ast. Ein Teufelsweib, so

blond sie war, und so naiv sie auch tat! Achtung, sonst kam man ihr

nicht wieder aus den Krällchen!

Egon von Scheffler gab dem kleinen Abeking einige Verhaltungsmaßregeln.

Sie hatten sich zusammen mit einem Stabsarzt und mit einem Leutnant,

dem Abkommandierten Schmidt von den Deutzer Kürassieren, das Break vom

Wirt an der Bahn gemietet; sämtliche Krümperwagen waren längst voraus

vergriffen gewesen. Der Wirt würde zwar wieder gehörig schinden – oh

ja, es kam heute schon was zusammen mit der Rechnung bei Helenchen,

aber – na, man mußte den Leuten doch was zu verdienen geben! Nicht nur

Manieren, auch Geld brachte man in diesen entlegenen Erdenwinkel. ›Das

Militär ist ein Hauptfaktor der Zivilisation!‹ Exzellenz hatte das

neulich in seiner Rede beim Liebesmahl im Kasino sehr energisch betont.

Abeking hatte anfänglich ein wenig beklommen dagesessen, er hatte weder

soviel Geld wie der reiche Schmidt, der Sohn eines Großindustriellen,

noch war er so leichtlebig wie der Adjutant von Scheffler. Aber die

Sonne schien hell, Sonntag wars, und man konnte sich doch nicht gut

ausschließen, wenn die so viel älteren Kameraden aufforderten. Und dann

– zwar hätte ers sich nicht einmal eingestanden – sein Herz klopfte,

wenn er des schönen Weibes im Weißen Schwan gedachte. Es verdroß den

jungen Leutnant immer, wenn er die anderen in so leichtem Ton von

ihr sprechen hörte. Der Respekt verbot ihm, ihnen über den Mund zu

fahren, aber, weiß Gott, kalten Blutes hätte er Scheffler zuweilen

niederknallen können, respektloser konnte man ja von einer Viehmagd

nicht reden! Wenn ihnen Helene nicht salonfähig erschien, warum rannten

sie denn alle hin?! Mochten sie doch wo anders hingehen und ihm das

Feld allein überlassen!

»Warum starren Sie denn so finster drein, Abeking?« fragte Scheffler

und lachend sagte der Kürassier: »Er ist schon eifersüchtig!«

»Keine Spur!« Der junge Leutnant bemühte sich, das ganz ruhig zu sagen,

aber er warf die Lippen auf wie ein schmollender Knabe. Die beiden

Gewitzten lasen ihm die Gedanken vom Gesicht ab wie aus einem offenen

Buch. Heiliges Kanonenrohr, Abeking war wirklich ernsthaft in die

Helene verliebt. Wie finster er immer die Brauen zusammenschob, wenn

von ihr die Rede war, und Blicke schoß er, die Dolchstößen gleichkamen!

Nun machten sie sich ein Vergnügen daraus, immer wieder und wieder von

Helenchen zu reden. Alle die Liebhaber, die sie schon gehabt hatte, –

Militär und Zivil, – wurden der Reihe nach aufgezählt. Der Stabsarzt

hatte auch zu ihnen gehört; jedenfalls ließ er sich’s ruhig gefallen,

als man in der langen Reihe auch seinen Namen nannte, und widersprach

nicht. Hier oben war wenigstens das eine Gute: hier, fern aller

Zivilisation, brauchte man sich nicht den gleichen Zwang auferlegen,

wie anderswo.

»Abeking,« schrie Scheffler laut, um sich im Rasseln der Räder, die

mit einem furchtbaren Lärm über die schlechtgepflasterte Dorfstraße

rollten, verständlich zu machen, »nichts für ungut, einen famosen

Geschmack haben Sie aber doch entwickelt! Beichten Sie mal, wie

weit sind Sie denn mit ihr gekommen? Schreibt sie Ihnen auch schon

Briefchen? Vorigen Sommer, der Radebruk, konnte ein paar Dutzend

aufweisen!«

»Radebruk – Radebruk?!« stammelte der Eifersüchtige nach und sah wild

um sich.

»Ja wohl, Radebruk, Hauptmann von Radebruk! Sie wissen doch, der bei

den Saarlouiser!«

»Der –?« Abeking atmete erleichtert auf. »Der ist ja verheiratet!«

»Na, wenn schon!« Scheffler brach in ein Gelächter aus, und dann

wechselte er mit den anderen beiden Herren Blicke: oh diese Unschuld!

Aber sie sagten nichts mehr, kränken wollten sie den jüngeren Kameraden

denn doch nicht.

Nun waren sie auf weicherem Boden, das Rädergerassel hatte aufgehört,

das Dorf lag ihnen im Rücken; in großen Kehren schlängelte sich die

Chaussee zwischen mächtigen Tannen und Mattengrün hinab zur Au. Noch

verdeckten die Riesentannen den ragenden Schornstein der Schmölderschen

Fabrik. Schroff, scheinbar noch von keinem Fuß betreten, reckten

Felsklippen ihre grauen Fratzen vom Waldhang jenseits; silbern, in

Sprüngen und Sprüngchen, plätschernd, murmelnd, glucksend hüpfte ein

Forellenbach zu Tal. Die Landschaft war wild und doch lieblich, aber

keiner der Herren im Wagen hatte heute ein Auge dafür.

Das Kreuz im Venn · 第 4 / 27 段