»Dat können Sie tun. Dat jeht die Herren aber jar nix an. Ich hab nach

meiner Instruktion zu handeln.«

»Nun, dann eben bei der zuständigen Behörde!« Heinrich Schmölder wurde

heftig, er glaubte hinter sich das maliziöse Lächeln seines Vetters zu

sehen.

Der Aufseher zuckte die Achseln. »Tun Sie dat. Wenn Sie ’ne

Erlaubnisschein vorzeigen, können Sie jederzeit passieren. Sonst nicht!«

»Gib ihm was, gib ihm was,« wisperte Frau Schmölder hinter ihrem Gatten.

Heinrich Schmölder griff in die Tasche. »Na, Sie werden wohl mal ein

Aug’ zudrücken.« Ein verständnisvoller Händedruck – das Dreimarkstück

brannte Bräuer zwischen den Fingern. Das bessere Teil in ihm empörte

sich, er hätte es fortschleudern mögen: »Herr, was unterstehen Sie

sich, bestechen ist nicht« – und er nahm es doch. Der Eintritt war frei.

Mit finsterem Gesicht, an der Lippe nagend, schritt der Aufseher vor

den Eindringlingen her. Er hätte sie umbringen mögen. Was das Fräulein

schwatzte, lachte, dumm fragte!

»Sind Sie ganz allein hier?«

»Ja.«

»Wieviel Gefangene sind denn hier?«

»Vierzig.«

»Sind auch Mörder drunter?«

»Nein.«

»Haben Sie aber nicht doch Angst?«

»Nein.«

Zum Donnerwetter, das Frauenzimmer konnte einen verrückt fragen! Hätte

er ihnen doch das Geld vor die Füße geworfen! Ein wütender Zorn gegen

sich selber überkam den Mann: er hatte nicht widerstehen können,

Trinkgeld genommen – Geld! Geld – er hatte es entbehren müssen die

ganze Zeit seiner Jugend. Er hatte auch jetzt noch nicht viel, das

Gehalt war nicht groß, und seine Familie wollte doch leben – drei Mark

waren immerhin drei Mark. Aber nein, nein, pfui! Ihm ekelte vor sich

selber.

»Sehen Sie sich um,« stieß er rauh heraus. Er konnte es nicht mehr

ertragen. Ohne ein weiteres Wort sprang er über einen aufgeworfenen

Graben und rannte, ein paar der Sträflinge, die gaffend dagestanden

hatten, mit rauhen Worten vor sich hertreibend, immer weiter vom Bau ab

ins Venn hinein.

»Ein greulicher Mensch! Ordentlich unheimlich!« Frau Schmölder raffte

ihr Kleid hoch auf und setzte vorsichtig die Füße, sich immerfort ein

wenig scheu umsehend. »Was ist denn nun eigentlich zu sehen, Heinrich?

Ich sehe hier doch gar nichts Besonderes. Das war wirklich eine

komische Idee von dir!«

»’ne Kater-Idee,« sagte Josef Schmölder.

»Wieso?« Der ohnehin schon Gereizte wurde noch gereizter: da war ja

richtig das infame Gesicht, das Josef zuzeiten zu schneiden beliebte.

»Hättest du weniger Kater-Ideen in deinem Leben jehabt wär et besser

für dich jewesen un –«

»– und für uns,« ergänzte Josef. Er nahm’s heute humoristisch. Der

Himmel blaute, das Wetter war herrlich, richtiges Frühlingswetter, und

da – sieh da! Er hielt die Hand vor die Augen. Da schimmerte ein ganzes

Stück Venn helleuchtend wie Gold. Das waren die gelben Narzissen, die

blühten jetzt im üppigsten Flor.

»Ärgere dich nicht, Onkel Josef,« wisperte die Nichte und hing sich an

seinen Arm. Sie mochte glauben, er lege die Hand vor die Augen, weil

die Anzüglichkeit ihres Vaters ihn verletzt hatte.

»I wo, Hedde!« Er fing leise an zu pfeifen. »Sieh mal an, da, die

Narzissen!« Und dann breitete er plötzlich die Arme aus: »Kind, das ist

ein Meer von Gold, in dem ich wohl ertrinken möchte. Sonst pfeife ich

aufs Gold – es macht hart, egoistisch, ungerecht – aber dieses Gold ist

schön, es ist ein Trost fürs Auge, ein Labsal fürs Herz. Und daß diese

armen Schlucker das immer so vor Augen haben, ordentlich darin waten

können, das ist ein Ausgleich der barmherzigen Natur!«

»Wie poetisch!« spöttelte Heinrich.

Aber Frau Schmölder nickte. Sie war dem Vetter gut, und – lieber Gott,

wo so viele aßen, konnte er auch noch mitessen! Ein bißchen verstiegen

war er freilich zuweilen.

Josef sah und hörte nicht. »Komm, Hedde, wir wollen Narzissen pflücken!

Einen goldenen Strauß!« Er riß die Nichte mit sich fort.

Leichtfüßig liefen die beiden durch das struppige Heidekraut; der Mann

schien nicht minder jung, als die Siebzehnjährige, deren Zopf mit einer

himmelblauen Schleife noch kindlich, lang auf den Rücken baumelte.

Heinrich Schmölder war sehr schlechter Laune, und er war doch so

guter gewesen, als er heute aus dem Schwan zum Mittagessen nach Hause

gekommen war und die Fahrt zur Strafkolonie vorgeschlagen hatte. Der

Josef verdarb einem eben immer die Stimmung. »Verrückter Mensch!« sagte

er zu seiner Fraun.

Sie suchte ihn abzulenken. »So, nun zeig mir doch auch mal was hier!

Nun sei doch nicht so, nun bist du ihn ja los!«

»Auf wie lang?« Sie hatte nicht das Richtige getroffen, Heinrich

Schmölders Stirn zog sich in immer ungeduldigere Falten. »Mit dem

Menschen ist ja nicht zu leben. Er macht einen selber janz verdreht

mit seiner fahrigen Art. Ein Mann wie ein Weib! Ein Mensch, der in

seinem Leben nie an seinem Platz jewesen is. Nun jeht er auf et End der

Vierzig los und hat noch nie wat vor sich jebracht! Aber wat soll man

da machen!« Er seufzte. Ehe man den Jungen in der Welt herumflanieren

ließ und Dummheiten machen auf den Namen Schmölder, eher wollte man

sich denn doch die Pönitenz auferlegen und ihn bei sich behalten, so

fatal es auch war, die Bummelei mit anzusehen.

»Gott, Heinrich,« sagte die Frau gutmütig, »er stört dich doch nicht!«

»So – er stört mich nicht? Wat du weißt!« Heinrich Schmölder konnte

recht grob gegen seine Frau werden, wenn er es auch nicht immer so böse

meinte. »Sie ist ihm zu beschränkt,« – so hatte die schöne Helene aus

dem Schwan schon längst herumerzählt.

Frau Schmölder hatte eine gute Art, zu schweigen. Sie war bequem

geworden mit den Jahren, behäbig und bequem. Auch hier war es ihr

unbequem, noch mehr zu sehen, sie hatte schon genug. »Laß uns gehen,«

sagte sie und zupfte ihren Mann am Ärmel.

Aber er brummte: »Drei Mark erausjeschmissen! Ich dacht, der Kerl würde

uns was herumführen, einem die janze Idee der Anlage was erklären. Na,

ich interessiere mich auch jar nit für die Jeschichte hier – is mir

janz Wurst, was sie hier machen! Ja, wir jehen jetzt – ruf Hedde –

Dummheit mit den Blumen – es is höchste Zeit!«

Frau Schmölder rief nach der Tochter. Aber erst als der Vater ganz

energisch sein »Hedwig, kommt sofort!« ins Venn hinausbrüllte, wo ihr

helles Kleid im Sonnenglanz schimmerte, bald im Kraut untertauchte,

bald aufflatterte, kam sie angeflogen.

Ihre runden Wangen waren dunkelrot, ihre Augen glänzten. Sie war

ganz atemlos. Einen großen Strauß hastig abgerissener, in dem Eifer

des Pflückens schon halb zerdrückter Narzissen trug sie in der Hand.

Und ein Sträußchen hatte sie im Gürtel. »Die hat mir Onkel Josef

angesteckt,« sagte sie mit heimlichem Stolz. »Er sagt, das sähe hübsch

aus.«

»Dummheit!« Der Vater riß ihr die Blumen aus dem Gürtel und warf sie

fort. »Da, siehst du, lauter Flecke von den zerquetschten Stengeln.«

Die Tochter ließ den Mund hängen. Mit den Tränen kämpfend ging sie

hinter den Eltern her, tupfte mit dem Taschentuch bald an dem hellen

Bandgürtel herum, bald an ihren Augen.

»Wo ist denn eigentlich der Josef?« fragte die Mutter.

»Er sagte, wir sollten nur fortfahren, er käme zu Fuß nach Haus. Ach,

es wäre viel netter, er wäre mitgefahren!«

Heinrich Schmölder drehte sich um nach seiner Tochter und warf einen

raschen Blick in ihr Gesicht – na, das wäre! Sollte die sich etwa in

den alten Sünder vergafft haben?! Einem überspannten Backfisch war

alles zuzutrauen. Und der Josef hatte immer Glück bei Weibern gehabt,

viel zu viel Glück. Hatte nicht selbst Lenchen neulich gesagt: »Bring

doch mal deinen Vetter her, Schmölderchen!« Jawohl, er würde sich

schwer hüten! Daß die Helene mit dem zu poussieren anfing und er den

Sekt bezahlen mußte!

»Frag doch nit nach ihm,« sagte er jetzt ärgerlich zu seiner Frau.

»Ich möcht wohl wissen, warum du dich so um ihn kümmerst? Laß ihn

kommen oder nit kommen. Aber der Josef hat immer Eindruck auf dämliche

Frauenzimmer jemacht. Aber es steckt nix hinter seinen irjendwo

anjelesenen Redensarten; ›alles Mumpitz‹, wie der Berliner sagt!« Dabei

beobachtete er scharf seine Tochter; aber aus dem ausdruckslosen jungen

Mädchengesicht mit dem blühenden Rund war nichts herauszulesen. »Hier

komm neben mich,« sagte er zu ihr, und behielt sie an seiner Seite, bis

sie das Stück Venn durchstampft hatten und sicher in ihrer Equipage

saßen – ohne Josef – die Tochter auf dem Rücksitz den Eltern gegenüber.

Josef Schmölder lag weit drinnen im Venn zwischen blühenden Narzissen.

Eben war der Aufseher von ihm fortgegangen; sie hatten eine ganze

Weile zusammen gesprochen. Der Aufseher war etwas aufgetaut, als Josef

ihm auseinandergesetzt hatte, welch vorteilhaften Einfluß es auf die

Gemütsverfassung der Sträflinge haben müsse, hier unter freiem Himmel

arbeiten zu können. »Den freien Blick kann ihnen doch niemand nehmen,

den Blick zum Himmelsblau, den Blick auf die Blumen und die Tannen, den

Blick in die Weite, in unbegrenzte Weiten – die Natur ist die einzige

Trösterin und Heilbringerin!«

»Oh ja, dat Venn is wohl schön,« sagte Simon Bräuer. »Man muß et nur

kennen wie ich. Von klein auf!«

»Nun, sehen Sie, ich bin doch nicht hier in der Gegend geboren und

finde es auch schön, unendlich stimmungsvoll! Ich bin hier bei meinen

Verwandten, unten in der Stadt – Schmölders – die kennen Sie doch wohl?«

»Ich kenn =Sie= auch. Sie sind der Vetter, der nit jut getan hat!«

Simon Bräuer lachte, ein etwas grimmiges Lachen, bei dem er die

Oberlippe von den scharfen weißen Eckzähnen hob und den anderen, der

faul im Heidekraut lag, mit seinen Falkenaugen anblitzte. »Wären Sie

nit der vornehme Herr un hätten wat Besseres vor sich jesehen, wer

weiß, Sie jingen vielleicht auch zwischen denen da!« Er nickte nach

seinen Kerlen hinüber.

Der war recht geradezu! Josef Schmölder zog das elegante Etui aus rotem

Juchten, das ihm Cousine Schmölder zum Namenstag verehrt hatte, aus der

Brusttasche und bot dem Mann eine Zigarre an.

Aber da stierte ihm dieser mit einem fast wilden Blick ins Gesicht:

»Nee, ich nehm nix mehr an!«

Er war davongerannt wie einer, der ein schlechtes Gewissen hat. –

Nun war Josef allein. Mit halbgeschlossenen Augen träumte er. Gleichsam

durch einen Schleier sah er fernhin – Schafe, die da weiden, – die

hellen Kittel auf der Fläche. Und ihr Hüter, der Hirt, stand dabei, so

hochaufgerichtet, so lichtumflossen in der unbeschatteten Helligkeit

des Venns, daß er größer erschien, als er war; alles überragend. Josef

hatte immer das Entschlossene, das Energische bewundert – wie dieser

Mann in diese Natur hier paßte! Verschlossen, herb wie sie. Und doch

Größe in beiden. Wer doch auch so sein könnte!

Eine haltlose Traurigkeit überkam plötzlich den ins Venngras

Hingelagerten. Ihm war es, als müsse er mit beiden Händen in dies

karge, zähe Grün fassen und sich daran halten, sich anklammern: mach

mich stark du, lehre mich zu sein wie du, Stürmen zu trotzen und

standzuhalten! Er seufzte tief.

Solche Stunden hatte Josef Schmölder oft; sie kamen ihm mitten im

Lachen. Dann machte er sich Vorwürfe über Vorwürfe: nein, er konnte nun

und nimmer aus sich heraus, er blieb ein Halber, ein immer Wollender

und nie Vollbringender! Hätte er nicht auch Weib und Kind haben können

wie Vetter Heinrich, und ein gutes Renommee und viel Geld dazu? Es

brauchte ja nicht gerade in Lumpen verdient zu sein. Wenn er jetzt Geld

hätte, wie würde er andere glücklich machen! Diese armen Fabrikmädchen!

Sie sollten nicht mehr auf den Lumpensäcken ihren Happen verzehren

mit schmutzigen Fingern, die Kehle trocken vom gefährlichen Staub.

Eine Küche würde er einrichten, sie daraus zu speisen – gutes, warmes,

auskömmliches Essen – und einen Raum würde er ihnen bauen, groß und

luftig und licht, darin sie sich erfrischen konnten und ausruhen. Wie

gut hätten sie’s da! Und diese Schafe, die hier weideten, die sollten

auch nicht irre gehen fürder mehr. Wie ein guter Herr wollte er sie

um sich sammeln und sie nicht fragen: wo bist du gewesen, was hast du

getan? Ah, wie vieles ließe sich schaffen, wie vieles gutmachen, was

die Gesellschaft verbrochen hatte! Diese Gesellschaft, diese satten

Philister, die hier heraufkamen, die armen Kerle anzuglotzen. War es

etwa ihr Verdienst, daß sie da unten ehrlich in ihren Häusern saßen?!

Josef war aufgesprungen, die Faust schüttelte er in die Luft. So eng

wie ihre Gassen waren sie, so verbaut in ihren Gefühlen wie ihre

verschnörkelten Häuser; über ihren Bergrand sahen sie nicht weg. Da war

Cousine Schmölder, eine herzensgute Frau, aber – nur ihr Haus, ihre

Familie. Und das Mädel?! Nun, Hedde war allerliebst. Jugend, und sei

sie noch so nach der Schablone, ist immer reizend. Aber sie würde ja

nur allzubald den Sohn des Konkurrenten aus Aachen heiraten und genau

so werden, wie ihre Mutter jetzt war – sie sah ihr jetzt schon zuweilen

erschreckend ähnlich – oder vielleicht den Oberleutnant aus dem Lager,

den Adjutanten von Scheffler, von dem sie ihm schon mehrmals mit tiefem

Erröten erzählt hatte. Nun, was ging’s ihn an?!

Er mußte lachen, mitten aus seinem Ernst heraus. So ging es ihm immer,

er konnte sich eben selber nicht ernst nehmen – und er, er wollte

andere glossieren?! Das spöttische Lachen schwand rasch von seinem

Gesicht. Er sah auf einmal wieder alt aus und müde und traurig, als

er jetzt das Antlitz nach jener Seite kehrte, wo die Sonne groß und

leuchtend überm Vennrand hing und das Kreuz auf der Marienley, dem

einsamen Felsen mitten im Heidemeer, in einen Glorienschein hüllte.

Langsam, fast widerwillig das Auge losreißend, das doch die Fülle des

Lichtes nicht ertragen konnte und zu tränen begann, schickte er sich

zur Heimkehr an. Er mußte lange geträumt haben. Wie viel Uhr es wohl

sein mochte? Nun, Feierabend noch nicht. Noch immer irrten die Schafe

durchs Heidemeer, und der Hirt trieb sie vor sich her. So früh gabs

keine Rast für die Arbeiter auf dem Venn. Halbgebückt standen sie – die

einen hackten, die anderen gruben – oh weh, ihnen mußte ja der Rücken

fast brechen!

Es war ein Feuer angezündet, langsam schwelend fraß die Flamme Wurzeln

und Gestrüpp; ein schwerer Rauch kroch über den Moorboden und stieg an

gegen die Sonne. Das war ein Kampf wie der Kampf der Finsternis gegen

das Licht. Aber der schwarze Rauch war der Stärkere, er verschlang das

Licht.

Pfui, wie der stank! Unangenehm berührt, rümpfte Josef Schmölder die

Nase. Und dann schauerte er zusammen: hu: kalt war das mit einem Mal,

nun die Sonne verschwunden war und die Nebel über dem Vennrücken

lagerten! Nur um das Kreuz der Marienley war es noch hell, als habe

sich alles Licht des scheidenden Tages darum versammelt. Schwarz hob

sich die Kreuzesform vom Goldgrund ab. Ob die Blicke jener Elenden sich

jetzt wohl auch dorthin richteten? Ob sie das Kreuz wie einen Trost,

wie eine Verheißung sahen, oder ob es ihnen drohend erschien, grausig

und blutig, eine Mahnung an das eigene Geschick?! Sie alle waren ans

Kreuz geschlagen. Wer im Leben wäre das nicht?!

Mit einem Seufzer schickte sich Josef Schmölder nun zum Gehen an. Er

stapfte durchs struppige Kraut der Chaussee zu. Was sollte er noch hier

oben? Wenn er den armen Teufeln noch helfen könnte!

Dicht kam er an einem Paar vorüber. Er grüßte sie aus seiner leidvollen

Stimmung heraus mit einem weichen: »Guten Abend!«

Die blassen, verschwitzten Gesichter starrten ihn einen Augenblick

an. Dann wandten sich die Sträflinge wieder ihrer Arbeit zu; kein

Gegengruß, kein Zug der stumpfen Gesichter verriet, daß sie das »Guten

Abend« verstanden hatten.

Wie wenig Freundlichkeit mußten diese erfahren haben! Ein ungeheures

Mitleid schwellte Josef die Seele. Da hörte er ein Lachen hinter

sich; rasch blickte er sich um. Sie standen und gafften ihm nach.

Zwei häßliche, rohe, gemeine Gesichter. Der Rothaarige, dem die Ohren

so weit vom Kopfe abstanden, lachte hinter ihm drein. Es war nur ein

kurzherausgestoßenes, sekundenlanges Auflachen, ein heiseres Keuchen,

aber Josef fühlte wohl, dieses Lachen galt ihm. Sie lachten über den

Herrn, der mit hellen Hosen, mit braunen Schuhen, mit steifem Hut hier

oben herumspazierte. Er schämte sich plötzlich seiner Kleidung – die

waren halbnackt, er ging wie ein Stutzer.

Mit hastigen Schritten lief er weiter. Nur rasch! Übrigens, denen hätte

er nicht begegnen mögen ganz allein im stillen Wald oder noch weiter

draußen auf dem Venn! Hätten sie da nicht ein gewisses Anrecht gehabt,

zu sagen: »Her mit dem Rock, den Stiefeln, mit dem Hut?!« Nackt wie sie

war auch er auf die Welt gekommen – alle gleich – das Schicksal hatte

nur mit ihnen gespielt, hatte den einen besser angezogen, den anderen

mit Lumpen behangen. Eigenes Zutun war verflucht wenig dabei!

Josef fühlte, wenn jetzt so einer gekommen wäre, er hätte sich

ausgezogen bis aufs Hemd, ihm alles gegeben. Freiwillig. Aber es war

doch gut, daß keiner kam. Gut auch, daß er jetzt die harte Straße,

die, ohne Chausseebäume, ohne menschliche Behausung, als einzige

Verkehrsader das Venn in zwei Teile scheidet, unter seinen Sohlen

fühlte. Er lüftete den Hut und wischte den Schweiß von der Stirn. Ah,

jetzt ging sich’s gemächlich bergab! Durch grüne Matten schlängelte

das Flüßchen, dem Vennsumpf entsprungen, sein jetzt schon ganz klares

Wasser und ließ die Forellen sehen, die silbern aufschnellten und im

Abendstrahl nach Mücken schnappten. Vom alten Torfschuppen an war alles

schon Heckenbroicher Weideland.

Friedlich klang die Abendglocke, und über die Hecken stiegen

kerzengerade zarte Rauchsäulchen in den silbrigen Aether. Die harte

Vennchaussee war zur gepflasterten Dorfstraße geworden. Hinter den

Hecken brüllte das Vieh, und Melkeimer klapperten, und Stalltüren

knarrten. Von Menschen nichts zu sehen, alles war wie ausgestorben, und

doch belebt von einem heimlichen Leben, das sich hinter jenen Hecken

abspielte, die wie Schutzwehren gegen alles Ungemach standen, wie

Hüterinnen eines bescheidenen, weltfernen, friedvollen Glücks. Wer doch

so wohnen könnte!

Vorhin, als sie in der Equipage durchgerasselt waren, hatte Josef den

Zauber des stillen Dorfes nicht so empfunden wie jetzt. Leykuhlen war

wahrhaftig ein beneidenswerter Mensch, daß er hier residieren konnte!

Warum er ihn eigentlich noch nicht aufgesucht hatte?

Seit jenem lichten Vorfrühlingstag, an dem sie sich begegnet waren auf

dem Fußpfad oberhalb der Fabrik, glaubte Josef schon alle Tage den

Wunsch zu diesem Besuch gehabt zu haben, aber er war eben nie dazu

gekommen. Es war noch nicht spät; wenn es auch nicht gerade Besuchszeit

mehr war, er konnte wirklich einmal bei Leykuhlen vorsprechen. Aber

wo lag dessen Haus? Rechts oder links hinein, oder geradeaus auf die

Kirche zu? War niemand hier, den man fragen konnte? Er schaute sich um.

Da hörte er Kinderstimmen.

Ein kleines Mädchen kam hinter einer schlecht gehaltenen Hecke hervor;

die Füßchen der Kleinen traten leicht und lautlos, obgleich sie einen

Jungen auf dem Arm schleppte, dessen dicker Kopf größer war als der

ihre.

Der Junge greinte, als der Fremde auf sie zutrat. »Kinder, wo wohnt

denn der Herr Bürgermeister?«

»Still, bis still, Doresche,« flüsterte die Kleine und drückte den

dicken Kopf des Jungen mit der Zärtlichkeit einer Mutter an ihren Hals.

Dann hob sie die Augen zu dem Herrn.

Josef war ganz überrascht von dem Blick dieser sanften schwarzen Augen.

Wo hatte er solch ähnliche nur schon einmal gesehen? Er konnte sich

nicht entsinnen. »Nun, Kleine?« sagte er freundlich und klopfte ihr das

blasse Bäckchen.

Die Kleine wurde rot. »Bis still, Doresche, bis still!« Und dann sagte

sie leise, wie zur Entschuldigung: »Der Bruder ist nicht an Fremde

gewöhnt. Und er ist immer krank!« Sie mühte sich, hochdeutsch zu

sprechen, jeden Konsonanten scharf betonend, besonders das »r«; fast

fremdartig mutete dadurch ihre Sprache an, fremdartig wie ihre ganze

Erscheinung.

Was für ein schönes Kind, feingliedrig und zart, nicht so, wie die

Kinder aus anderen Dörfern! Josef betrachtete sie mit Interesse. Auch

der Junge war nicht häßlich trotz seines dicken Kopfes; er wäre hübsch

gewesen, wäre ihm nicht der Speichel über die hängende Unterlippe

geflossen und hätten seine Augen nicht so glanz- und verständnislos

geblickt. »Was fehlt denn deinem Brüderchen?« fragte er. Der Junge war

wohl blöde? Schlaff hingen die welken Hände an der Schwester Hals; er

mußte dem zarten Kinde eine fast unerträgliche Last sein. »Ich will dir

den Jungen tragen. Wo willst du denn hin?«

Aber die Kleine schüttelte den Kopf. »Nee. Der Dores geht nicht bei

fremde Leute. Ich will Euch zeigen, wo Ihr gehen müßt. Der Dores ist

mir nicht zu schwer!« Sie schritt leichtfüßig vor ihm her, verstohlen

den greinenden Bruder tröstend.

Josef hielt sich dicht hinter ihr. Unverzagt schritt sie aus; ihr

Köpfchen mit dem hellen Kattuntüchelchen, unter dem sie das Haar

verborgen trug, schmiegte sich bald links, bald rechts an den dicken

Kopf. Wie eine Klette hing ihr der Junge am Halse; sie schleppte sich

redlich. »Wie weit ist es denn noch?« fragte Josef ungeduldig; ihn

dauerte die Kleine. »Sage mir nur, wo es ist, ich finde mich schon hin!«

»Ich gehe auch dorthin,« sagte sie verschämt, und ein leicht

schelmisches Lächeln erhellte ihr ernsthaftes Gesichtchen.

Er war ganz entzückt. Wenn sie nur mehr plaudern wollte! Er machte sich

an ihre Seite. Sie hatten wohl noch einen weiten Weg, das Dorf war ja

endlos lang? Aber es gelang ihm nicht, viel aus ihr herauszubekommen;

nur, daß der Dores, wie er noch ganz klein gewesen war, schon die

Krämpfe bekommen hatte, und daß er nun schon sieben Jahre war, aber

noch immer nicht in die Schule gehen konnte. Auch daß Vater schon

einmal und die Mutter schon zweimal bitten gegangen waren nach

Mariawald.

»Betest du auch für ihn?« fragte er.

»Ja!« Sie nickte wichtig. »Ich gehe alle Sonntag zur Maria im Stein

nach der Ley. Aber –« sie seufzte auf, und ihr Hochdeutsch vergessend,

sagte sie tief errötend: »Et notzt nühst!«

Er lachte auf; das klang so komisch. Komisch und rührend zugleich. Er

wollte sie streicheln, aber sein Lachen hatte sie scheu gemacht; nun

sprach sie auch nicht mehr. Eiliger als zuvor lief sie wieder vor ihm

her, bis sie die hohe Hecke gegenüber der Kirche erreicht hatten, die

schönste Hecke in ganz Heckenbroich. Da drehte sie sich um und nickte

bedeutsam, und verschwand dann so rasch hinter der Hecke, daß er nicht

einmal Zeit hatte, ihr die Groschen, die er ihr geben wollte, ins

Händchen zu drücken.

Er stand vor Bürgermeister Leykuhlens Haustür. Das angelehnte Gadder

aufstoßend, trat er in den Flur, der dunkel war wie in allen Häusern.

Aber nun öffnete sich eine Tür im Hintergrund, im schmalen Lichtstreif

stand eine schlankgewachsene Frau: »’n Abend!«

Er nahm den Hut ab: aha, das war wohl die Frau Bürgermeister, das

Mariechen?! Er glaubte sie nie früher gesehen zu haben.

Sie aber kannte ihn. Freundlich reichte sie ihm die Hand: »Mein Mann is

noch nit zurück. Aber die Sitzung muß jleich aus sein. Bitte, treten

Sie so lang als ein, Herr Schmölder! Nehmen Sie so lang als Platz!«

Sie führte ihn in die Stube und bot ihm einen Sitz auf dem

Ledertuchsofa an, über das sie zuvor rasch mit der Schürze wischte.

Das wäre nicht nötig gewesen; es war so sauber in der Stube, trotz des

Dämmerlichtes blinkten Stühle und Tisch und Schrank und Kommode wie

neupoliert. Bunte Tassen und Väschen standen auf der Kommodendecke. Vor

der kleinen Statue der Muttergottes über der Stubentür brannte hinter

rotem Glas das ewige Lämpchen. Am Spiegel steckten geweihte Palmzweige.

Beim Fensterplatz, wo der Nähtisch stand, hing ein porzellanenes

Weihwasserkesselchen, und überm Sofa, breit eingerahmt, in schwarzer

Seide und Perlen gestickt:

»_Erkannt, gelobt, gebenedeit, geliebt, verehrt, verherrlicht

allzeit das göttliche Herz Jesu und das reinste

Herz Mariä!_«

Der aus der freien Luft Gekommene sah sich um: so sauber, so

wohlgeordnet, es roch nach frischem Wasser und ein wenig nach gutem

Heu. Ein angenehmer Geruch, und doch beklemmte ihn etwas. Seine

Augen hafteten auf dem gestickten Spruch über dem Sofa: warum hatten

die Leute da nicht lieber ein schönes Bild hängen? Es gab so gute

Reproduktionen. Es überkam ihn wie eine leichte Verlegenheit: was

sollte er mit dieser Frau nun reden?

Das Kreuz im Venn · 第 3 / 27 段