Nichts macht die Kinder der Verführung zugänglicher als die

unbefriedigte Neugierde bezüglich der Herkunft der Kinder. Es ist

daher im höchsten Grade töricht, die Kinder mit dem Storchenmärchen

abzuspeisen, statt sie rechtzeitig in +beschränktem Umfange+

aufzuklären. Die Zeit zwischen dem zehnten und zwölften Jahre ist dazu

am besten geeignet; die Kinder haben schon genug Verständnis, während

ihr Geschlechtstrieb noch nicht erwacht ist. Ohne viel Aufheben zu

machen, zeige man den Kindern in der Blüte auch die Staubfäden und den

Fruchtknoten mit seinen Eiern und erkläre ihnen, daß die Eier durch

den Pollenstaub befruchtet werden müssen, damit neue Pflanzen daraus

hervorgehen können. Wenn die Kinder Käfer oder Schmetterlinge finden

oder Hunde auf der Straße sehen, die gerade in der Begattung begriffen

sind, +und man ihrer Frage nicht ausweichen kann, ohne ihr Mißtrauen

gegen unsere Aufrichtigkeit zu erwecken+, so sage man ihnen kaltblütig,

ohne Verlegenheit oder verdächtiges Schmunzeln, mit kurzen Worten,

daß dies geschehe, damit das Weibchen Eier lege bzw. Junge bekomme;

+ohne die geringste Andeutung, daß dies für die Tiere mit Lustgefühlen

verbunden ist+! Bei einigem Geschicke läßt sich dies so machen, daß

das Kind von selbst den erforderlichen Analogieschluß zieht, ohne daß

seine Phantasie ungebührlich erregt wird. +Sollte+ das Kind fragen,

ob es beim Menschen ebenso sei, so antworte man +ohne Zögern trocken+

mit Ja, schneide aber weitere Fragen mit einem: „Das kannst du noch

nicht verstehen!“ ab. Schon dem ganz kleinen Kinde, das fragt, sage

man, daß es von seiner lieben Mutter unter Schmerzen geboren worden

sei. Man wird davon nur günstige Wirkungen sehen. +Dagegen hüte man

sich, mit der Aufklärung vorzeitig zu weit zu gehen+ und dadurch erst

Aufmerksamkeit und Phantasie des Kindes auf das Geschlechtliche zu

lenken.

Von frühester Jugend auf muß darauf geachtet werden, daß das Kind

nicht die üble Gewohnheit annimmt, seine Geschlechtsteile anzufassen,

das Glied zwischen den Schenkeln zu drücken und ähnliches. Lange vor

Erwachen des Geschlechtstriebes können sich, wie wir gehört haben,

Erektionen und Lustempfindungen einstellen, und so kann es kommen,

daß manchmal Knaben von zwei und drei Jahren schon masturbieren;

selbstverständlich, ohne daß es zu einer Samenergießung kommt. Wie

ich aus Erfahrung weiß, kann man dem Kinde sehr leicht Sorge vor den

schädlichen Folgen der Betastung der Geschlechtsteile beibringen, ohne

daß man ihm deren Bestimmung auseinanderzusetzen braucht. Der Umstand,

daß die Geschlechtswerkzeuge zugleich Harnwerkzeuge sind, macht es sehr

bequem, dem Kinde die üblen gesundheitlichen Folgen von Hantierungen

an ihnen verständlich zu machen. Diese Belehrung wird dem Kinde um so

weniger auffallen, je mehr man ihm auch sonst hygienische Ratschläge

gibt und es zu hygienischer Lebensweise anleitet.

Überaus wichtig ist es, den Körper der Kinder, namentlich die

Geschlechtsteile, reinzuhalten -- selbstverständlich, ohne sie durch

+zartes+ Reiben zu reizen --, Hautausschläge rasch behandeln zu lassen,

damit nicht Jucken zur Masturbation führe. Die Körperwaschungen müssen

auch benützt werden, um einen lebhaften +Ekel gegen alles Unreine+,

alle unreinen Berührungen usw. anzuerziehen. Dieser Ekel wird zu einem

nicht zu unterschätzenden Schutzmittel sowohl gegen widernatürliche

Hantierungen als gegen den Verkehr mit den von so vielen Männern

besudelten Prostituierten.

Die Kinder sollen geschlossene Hosen tragen, so daß sie die

Geschlechtsteile nicht ohne weiteres mit der Hand erreichen können;

andererseits sollen die Hosen weit genug sein, um nicht zu drücken

und zu spannen. Man bringe die Kinder müde zu Bett, so daß sie sofort

einschlafen, und lasse sie alsbald nach dem Erwachen aufstehen.

Man dulde nicht, daß sie die Hände unter die Bettdecke schieben,

geradesowenig als daß die Knaben mit den Händen in den Hosentaschen

umhergehen und sitzen. Man sehe häufig nach, ob die Nähte der

Hosentaschen nicht zerrissen sind und so nicht etwa ein verborgener

Weg zu den Geschlechtsteilen eröffnet ist. Im übrigen helfen alle

jene Maßregeln, die wir früher schon als Mittel zur Erleichterung

der Enthaltsamkeit kennen gelernt haben, auch zur Verhütung der

Masturbation.

Die wichtigsten Vorbeugungsmaßregeln, um die Kinder von sexuellen

Verirrungen und späterhin von ungezügeltem Geschlechtsgenusse

zurückzuhalten, sind +Erziehung zu Pflichterfüllung, Selbstbeherrschung

und freiwilliger Enthaltung von einzelnen Genüssen+ überhaupt; ohne

diese werden alle anderen wenig helfen.

Ist ein Kind bereits auf das Masturbieren verfallen, so sind alle

eben besprochenen Maßregeln um so strenger anzuwenden und das Kind

beständig zu überwachen. Namentlich achte man auch darauf, daß es

nicht zu lange auf dem Abort verweile. Übertriebene Strenge und harte

Bestrafungen sind nicht am Platze. Viel nützlicher ist es, das Kind

selbst zu belehren und sein Vertrauen zu gewinnen. Im übrigen lasse

man sich durch die übertriebenen Schilderungen, die man nicht selten

auch in ärztlichen Schriften aus früherer Zeit findet, nicht allzusehr

erschrecken. Wenn die Masturbation nicht exzessiv getrieben wird,

tritt geradeso wie nach Übermaß im Beischlaf bei Enthaltsamkeit und

passender Lebensweise wieder vollständige Erholung ein. Sehr schwere

Gesundheitsstörungen sind überhaupt selten. Wenn man liest, daß infolge

von exzessiver Masturbation Geistesstörungen, Krämpfe, Veitstanz und

Epilepsie auftreten, so liegt eine Verwechslung von Ursache und Wirkung

vor. Das Verhältnis ist vielmehr dies, daß zügellose Masturbation ein

Zeichen einer schon bestehenden psychischen Krankhaftigkeit ist, die

sich dann später zu den genannten Krankheiten ausbildet.

Eine sehr häufige Erscheinung ist, daß junge Männer, die, nachdem sie

gewohnheitsmäßig masturbiert haben, in die Ehe treten, fürs erste nicht

fähig sind, den Beischlaf auszuführen. Es ist dies fast immer nur die

Folge ihrer Besorgnis, daß sie zum Beischlafe nicht fähig sein werden,

da sie in den populären Schriften gelesen haben, daß die Masturbation

zur Impotenz führe. Ihre Aufregung hemmt das Zustandekommen der

Erektion. In einem solchen Falle heißt es nichts erzwingen wollen und

+in Geduld die gute Stunde abwarten+. Sie kommt ganz bestimmt, und mit

dem ersten Gelingen sind alle Schwierigkeiten überwunden.

Die Neigung zur Masturbation erlischt beim gesunden Manne meist

sofort, wenn er den normalen Geschlechtsverkehr kennen gelernt hat.

Dies ist der Grund dafür, daß masturbierenden jungen Männern häufig

der Rat gegeben wird, Prostituierte aufzusuchen. Ich halte dies aber

für eine verwerfliche Torheit, da -- um von allem anderen zu schweigen

-- das +Masturbieren für den gesunden Geschlechtsreifen eine winzige

Schädlichkeit ist verglichen mit den venerischen Krankheiten+, die

man sich im Verkehr mit Prostituierten früher oder später fast mit

Gewißheit holt. Einen Unreifen aber frühzeitig zum Beischlafe mit

Prostituierten verlocken hieße erst recht ihn völlig in die Gefahr des

Verderbens stürzen.

Ich mußte die Besorgnis wegen der Schädlichkeit des Masturbierens

auf das richtige Maß zurückführen, da die beständige Angst und die

Verzweiflung des Masturbierenden die Schädlichkeit seines Tuns ganz

wesentlich steigert. Der Jüngling möge aber darin keinen Anlaß finden,

weniger energisch gegen eine etwa bei ihm vorhandene Neigung dazu

anzukämpfen. Denn grade für den Jüngling ist es fast unmöglich, Maß zu

halten, wenn er einmal der Verlockung erlegen ist. Und wenn ihm die

strotzenden Hoden Beunruhigung schaffen, so möge er stets bedenken,

daß von dieser strotzenden Fülle seiner Geschlechtsdrüsen auch das

beglückende Gefühl der Lebensfreude und der Jugendkraft, sein Wagemut

und seine Tatenkraft abhängen, und daß er sich des größten irdischen

Glücken beraubt, wenn er sich durch Gebrauch eines elenden Surrogats

bereits abgestumpft hat, bevor er zum ersten Male ein geliebtes Weib

umarmt.

In der Anziehung, welche die beiden Geschlechter aufeinander ausüben,

liegt der reizvolle Zauber der Jugend. Das geschlechtliche Verlangen

zieht uns zu unserem Wohle unwiderstehlich in die menschliche

Gemeinschaft. Derjenige, der sich selbst befriedigt, wird leicht zum

vereinsamten Sonderling und Selbstling.

8. Kapitel.

Die venerischen Krankheiten und ihre Verhütung.

„Die Wollust der Kreaturen ist gemengt mit Bitterkeit.“ Der Leser

dieser Blätter hat bereits die Wahrheit dieses Ausspruches vielfach

bestätigt gesehen. Und noch haben wir von den schlimmsten Übeln, die

der Geschlechtsverkehr bringen kann, gar nicht eingehender gesprochen.

Es gibt drei ansteckende Krankheiten, die hauptsächlich durch den

Geschlechtsverkehr verbreitet werden und daher +venerische+ Krankheiten

genannt werden. Es sind diese der +weiche Schanker+, der +Tripper+ und

die +Syphilis+. Es ist möglich, sich mit allen drei Krankheiten auf

einmal anzustecken.

Der +weiche Schanker+ ist unter ihnen die am wenigsten gefährliche,

ein Geschwür an den Geschlechtsteilen, beim Manne besonders häufig

am Randwulste der Eichel, das bei frühzeitiger geeigneter Behandlung

in der Regel bald heilt, ohne schlimme Folgen zu hinterlassen. Doch

kann auch diese Krankheit ärger verlaufen. Insbesondere kommt es nicht

selten zu Anschwellungen der Vorhaut, die so stark werden können,

daß die Vorhaut nicht mehr über die Eichel vor- oder zurückgeschoben

werden kann, wodurch äußerst heftige Schmerzen entstehen; ferner zu

schmerzhaften und gefährlichen Vereiterungen der Lymphdrüsen in der

Leistenbeuge, den sog. +Bubonen+. Jedes kleinste Geschwürchen, jede

kleinste Abschürfung am Gliede darf übrigens schon deshalb nicht leicht

genommen werden, weil es sich dabei um syphilitische Ansteckung handeln

kann und der Laie dies nicht zu entscheiden vermag.

Mit großem Unrechte hält man vielfach den +Tripper+ für eine ganz

ungefährliche Krankheit. Die bakteriologischen Forschungen haben erst

ins volle Licht gesetzt, wie gefährlich diese Krankheit dem Manne

werden kann und ein wie schreckliches Leiden sie sehr häufig für die

Frau ist.

Beim Manne tritt der Tripper als eine eiternde Entzündung der

Schleimhaut des vorderen Teiles der Harnröhre auf. Er beginnt meistens

am dritten Tage nach dem unreinen Beischlafe, seltener später, im

Laufe der ersten oder der zweiten Woche, mit einem geringfügigen,

wasserhellen Ausflusse aus der Harnröhre, Rötung der Lippen der

Harnröhre und Brennen und Kitzeln in derselben. Der Ausfluß wird

bald eitrig und nimmt rasch an Menge zu. Der Tripper ist immer sehr

schmerzhaft, heilt aber in der Regel leicht, wenn der Erkrankte so

rasch als möglich ärztliche Hilfe sucht. In böseren Fällen aber, oder

wenn die Erkrankung vernachlässigt worden ist, greift die Entzündung

in der Harnröhre weiter nach hinten und von der Schleimhaut in die

darunterliegenden Gewebe. Bei der Ausheilung, die dann nur schwierig

und oft erst nach Monaten und Jahren vollständig wird, kommt es häufig

zu Narben, die sich mit der Zeit zusammenziehen (sog. +Strikturen+)

und durch die Beschwerden, welche sie, namentlich beim Beischlafe

und beim Harnlassen, beim Reiten und Fahren, aber auch schon bei

ruhigem Sitzen veranlassen, das Leben für immer verbittern können.

Die Tripperentzündung kann sich aber auch noch weiter ausbreiten: auf

die Cowperschen Drüsen, auf die Vorsteherdrüse, auf die Blasendrüsen

(„Samenblasen“), auf die Harnblase und durch die Harnleiter hinauf bis

auf die Nieren. Gar nicht selten ergreift sie auch die Nebenhoden und

führt dadurch zur Unfruchtbarkeit. Auch in entfernte Körpergegenden

kann der Erreger des Trippers, der Gonokokkus, durch den Blut- und

Lymphstrom verschleppt werden und dort Entzündungen hervorrufen. So

kommen Tripperentzündungen und Eiterungen in den Gelenken vor; so

können Entzündungen der Herzklappen, des Rippenfells, des Rückenmarkes

entstehen; schwere Leiden, die selbst zum Tod führen können.

Noch viel gefährlicher als für den Mann ist der Tripper für die Frau.

Auch bei ihr beginnt die Erkrankung in der Regel in der Harnröhre; sie

verbreitet sich aber rasch weiter und ergreift zunächst hauptsächlich

die Bartholinischen Drüsen und den Mutterhals. Sie hat eine große

Neigung, in das innere Genitale einzudringen. Es kommt zu Entzündungen

der Gebärmutter, der Eileiter, der Eierstöcke und des diese Organe

umgebenden Bindegewebes. Ist die Entzündung einmal in diese tieferen

Teile eingedrungen, dann ist sie meistens unheilbar. In der Regel

ist sie nicht geradezu lebensgefährlich, obwohl Fälle vorkommen, wo

Bauchfellentzündung verhältnismäßig rasch zum Tode führt, und obwohl

natürlich bei der Frau wie beim Manne entfernte lebenswichtige Organe

ergriffen werden können. Aber stets ist die unheilbar gewordene

Tripperentzündung der inneren Geschlechtsorgane ein Leiden, das der

Frau durch beständige Schmerzen und Beschwerden das Leben verbittert,

ihre Blüte und körperliche Leistungfähigkeit vernichtet und ihr

meistens die Fähigkeit, befruchtet zu werden, raubt.

Der Trippereiter bzw. der in ihm befindliche Gonokokkus ist äußerst

ansteckend. Außer durch den Beischlaf kann er auch durch die Finger,

durch mit frischem Eiter beschmutzte Kleidungsstücke und Instrumente

übertragen werden. Wiederholt sind auch Ansteckungen kleiner Mädchen

durch Wasser in Badebecken und Badewannen, in denen Tripperkranke

gebadet hatten, vorgekommen. Besonders muß betont werden, daß die

+Bindehaut des Auges+ sehr leicht mit dem Gonokokkus zu infizieren ist

und die so entstehenden Augenentzündungen zu den allerbösartigsten

gehören. Zu dieser Infektion der Augen kommt es besonders leicht, wenn

das Kind bei der Geburt durch die Scheide und die Schamspalte der

tripperkranken Mutter durchgedrückt wird. Es kommt so die berüchtigte

ansteckende Augenentzündung der Neugeborenen zustande, welche in mehr

als zehn Prozent der Fälle beiderseitiger Blindheit die Ursache der

Erblindung ist!

+Die Tripperkrankheit ist während ihrer ganzen Dauer

ansteckungsfähig.+ Besonders schlimm ist dabei, daß die sichtbaren

Krankheitserscheinungen bei einem lange bestehenden Tripper so

unbedeutend werden können, daß selbst der Arzt sie leicht übersieht.

Da der chronische Tripper in der Regel keine Schmerzen verursacht,

kann der Mann glauben, er sei völlig genesen, und doch die Gattin beim

ersten Beischlafe anstecken!

Der Tripper ist furchtbar verbreitet. In manchen Städten bekommen

nach und nach alle Männer, welche außerehelichen Beischlaf ausüben,

den Tripper, und auf manchen Frauenkliniken hat man festgestellt, daß

der vierte Teil aller Patientinnen daran leidet. Etwa sieben Prozent

der heutigen Ehen sind wegen dieser Krankheit völlig unfruchtbar, sei

es, daß der Mann, sei es, daß die Frau zeugungsunfähig geworden ist!

Und weitere etwa sieben Prozent bringen es nur zu einem Kinde, weil

der Mann seine Frau zugleich mit der ersten Schwängerung tripperkrank

gemacht hat!

Noch schlimmer als der Tripper ist die dritte venerische Krankheit, die

durch die _Spirochaete pallida_ erzeugte +Syphilis+, da sie den ganzen

Organismus ergreift. Man unterscheidet drei Stadien der Krankheit.

Etwa vierzehn Tage bis drei Wochen nach der Ansteckung bildet sich ein

derbes, rotes Knötchen, das an der Oberfläche wund oder geschwürig

wird. (+Primäre Syphilis, harter Schanker.+) Bald stellt sich auch

Schwellung der benachbarten Drüsen ein. Nicht selten sind diese

Krankheitserscheinungen so unbedeutend, daß sie leicht vollständig

übersehen werden.

Acht bis zehn Wochen nach Auftreten des Geschwürs kommt es zu

Allgemeinerscheinungen: die Ernährung leidet, der Kranke wird nervös

reizbar, unter Fieber und Kopfschmerzen bilden sich Ausschläge auf

der Haut und auf den Schleimhäuten, besonders auf denen des Mundes

und des Rachens; auch Knochenhautentzündungen sind sehr häufig.

Nach einiger Zeit verschwinden diese Krankheitserscheinungen. Nach

einer Pause von etwa sechs Monaten kommen sie aber wieder, und dieses

Verschwinden und Wiederauftreten wiederholt sich nun durch zwei bis

drei Jahre alle drei bis sechs Monate. Man nennt dieses Stadium der

Krankheit +sekundäre Syphilis+. Während der harte Schanker im Beginne

ein rein örtliches Leiden ist, krankt bei der sekundären Syphilis der

ganze Körper. Nach der angegebenen Zeit, also nach zwei bis drei und

vier Jahren vom Beginne der Krankheit an, tritt scheinbar Genesung

ein. Aber oft zeigen +schwere+ Erkrankungen, die +nach vielen Jahren+

auftreten, daß der Schein getrogen hat. Namentlich sind Erkrankungen

des Zentralnervensystems, Geschwülste (sog. +tertiäre Syphilis+),

+Tabes+ (oder Rückenmarksdarre) und +progressive Paralyse+ (oder

fortschreitende Verblödung) solche späte Folgen der syphilitischen

Ansteckung.[F] Überaus häufig bleibt auch nach der definitiven Genesung

von der Syphilis der Organismus dauernd geschädigt und geschwächt.

Insbesondere nehmen die Blutgefäße dauernden Schaden. +Syphilitiker

haben im Durchschnitte eine erheblich kürzere Lebensdauer als Leute,

welche niemals an Syphilis erkrankt waren.+ Nach den Erfahrungen der

Gothaer Lebensversicherungsanstalt in den Jahren 1852 bis 1905 ist die

Sterblichkeit jener Versicherten, welche Syphilis durchgemacht haben,

um 68 Prozent höher als jene der von Syphilis verschont gebliebenen.

In der Altersklasse von 36 bis 50 Jahren beträgt die Sterblichkeit

der ersteren sogar 186 Prozent von jener der letzteren, also fast das

Doppelte.

Die Kranken sind +sicher ansteckend während des ganzen ersten und

zweiten Stadiums+ und während des letzteren sowohl zur Zeit, wo

Krankheitserscheinungen wahrnehmbar sind (Floreszenz), +als in den

Pausen+ (Latenz). Nach neueren Erfahrungen können sogar auch noch in

späterer Zeit, wenn schon lange keine Krankheitserscheinungen mehr

aufgetreten sind, Ansteckungen erfolgen.

Der Ansteckungsstoff ist vorhanden in den Absonderungen der Geschwüre

und wunden, nässenden Stellen, in den abgestoßenen Oberhautschüppchen

der erkrankten Hautstellen, während des sekundären Stadiums im Blute

und in +allen+ Absonderungen, besonders auch im Speichel und im

Mundschleime.

Die Ansteckung erfolgt daher, +wenn auch weitaus am häufigsten+ beim

Beischlafe, so doch nicht allein dabei, sondern auch von Mund zu Mund

beim +Kusse+ oder durch gemeinsam benutzte Eß- und Trinkgeschirre,

Tabakpfeifen, Musikinstrumente u. dgl., bei kleinen Verletzungen direkt

auf die Finger, Hände und andere Körperstellen, von der Brustwarze der

Amme auf den Säugling und umgekehrt vom Säugling auf die Amme. Auch bei

kleinsten Operationen, z. B. bei der Impfung, kann durch infizierte

Instrumente die Übertragung erfolgen.

Von den Eltern kann direkt schon bei der Zeugung Syphilis auf die

Nachkommenschaft übertragen werden. Ein gesund erzeugtes Kind

kann im Mutterleibe infiziert werden, wenn die Mutter während der

Schwangerschaft syphilitisch wird. Wir haben schon davon gesprochen,

sowie davon, daß die elterliche Syphilis für die Nachkommenschaft

auch dann verderblich werden kann, wenn das Kind nicht angesteckt

wird, indem die Schädigung des elterlichen Körpers durch das vom

Krankheitserreger erzeugte Gift auch eine Schädigung der Keime zur

Folge hat, so daß die Kinder lebensschwach und elend ausfallen,

Entwicklungshemmungen und Bildungsfehler, Skrofulose und andere

Krankheiten der Ernährung aufweisen. Noch in der zweiten Generation

kann, namentlich wenn die Frau hereditär syphilitisch ist, Neigung zu

Abortus, Totgeburt und Geburt lebensschwacher Kinder vorhanden sein.

Die Gefahr für die Nachkommenschaft besteht hauptsächlich während des

primären und sekundären Stadiums, in den ersten drei bis vier Jahren

nach der Infektion. Nach Ablauf dieses Stadiums werden in der Regel

normale Kinder erzeugt. Doch auch noch bei manchen von diesen später

Erzeugten gibt sich durch mancherlei krankhafte Zustände und Anlagen

die Andauer der Störung der elterlichen Keimbildung kund.

Das Überstehen der Syphilis macht für eine neue Infektion

unempfänglich, es ruft, wie man zu sagen pflegt, +erworbene Immunität+

hervor.

Auch die Syphilis ist ungeheuer verbreitet. In den verschiedenen

Gebieten Mitteleuropa dürften mindestens fünf bis zehn Prozent der

ganzen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens syphilitisch infiziert werden;

in den Großstädten sind es noch sehr viel mehr; in Berlin mindestens 40

Prozent der geschlechtsreifen Männer!

Es ist klar, daß unter diesen Umständen der +außereheliche

Geschlechtsverkehr stets gefährlich ist+. +Jede Frau, die bereits

geschlechtlich verkehrt hat, ist verdächtig, eine venerische Krankheit

durchgemacht zu haben oder noch venerisch krank zu sein+, und ebenso

muß die Frau jeden Mann, der bereits den Beischlaf ausgeübt hat, von

vornherein als verdächtig ansehen. Die Hauptquelle der Ansteckung sind

jedoch ohne Zweifel die Prostituierten (Dirnen, Huren), die gegen

Bezahlung jeden zum Beischlaf zulassen. Nahezu +alle+ erkranken früher

oder später an Tripper und weichem Schanker, die meisten auch an

Syphilis. Man hat in St. Petersburg konstatiert, daß von 100 Mädchen,

die das Gewerbe der Prostitution beginnen, binnen fünf Jahren 80

syphilitisch wurden. Von 100 Bordellmädchen wurden jährlich 12 bis 51

wegen Syphilis ärztlich behandelt. In Berlin erkrankten laut Erhebungen

von den freilebenden Prostituierten jährlich 32 bis 82 Prozent an

venerischen Krankheiten, in Budapest von den Bordellmädchen 144 bis 180

Prozent.

Man bemüht sich, durch polizeiliche Überwachung die Prostitution

ungefährlich zu machen, indem man die erkrankten Prostituierten so

rasch als möglich herauszufinden sucht, um sie dann abzusondern und

ärztlich zu behandeln bis zur Genesung oder wenigstens bis zu dem

Zeitpunkte, wo sie nicht mehr ansteckungsfähig sind.

Dieses Ziel läßt sich aber nur höchst unvollkommen erreichen. Vor allem

ist es unmöglich, alle Prostituierten zur Untersuchung heranzuziehen,

da die Prostitution in allen möglichen verlarvten Formen auftritt

(geheime Prostitution) und auch die unverhüllte Prostitution sich den

Augen der Polizei so viel als möglich zu entziehen sucht; -- in den

Großstädten wenigstens -- zum guten Teile mit Erfolg. Je schärfer

die Polizei gegen die Prostituierten vorgeht, um so hartnäckiger und

erfinderischer suchen sich die Prostituierten vor ihr zu verbergen.

Ferner ist es unter Umständen ungemein schwierig, festzustellen, ob

die Prostituierte krank ist oder nicht. Ein chronisch gewordener

Tripper macht auch bei der Frau so geringe wahrnehmbare Erscheinungen,

daß sehr häufig nur wiederholte mikroskopische Untersuchungen die

Diagnose der Krankheit ermöglichen. Floride Syphilis ist zwar leicht zu

erkennen, aber im latenten Stadium der sekundären Syphilis können alle

Krankheitszeichen fehlen, während die Prostituierte doch infektiös ist.

Sechs Siebentel aller syphilitischen Männer, die +Sperk+ in Petersburg

behandelt hat, haben sich bei latent syphilitischen Dirnen angesteckt.

Ein Mädchen, das heute gesund befunden worden ist, kann bei der

ungeheuren Häufigkeit der venerischen Krankheiten in der nächsten

Stunde angesteckt werden. Sie kann schon angesteckt sein, ohne daß die

Krankheitserscheinungen schon ausgebrochen sind. Aber am nächsten Tage

brechen sie aus, und nun ist sie ansteckend. Ja, es sind sogar Fälle

sichergestellt, wo die Dirne die Krankheit von einem Manne unmittelbar

auf den nächsten Besucher übertragen hat, ohne selbst zu erkranken.

Etwas von dem, was der erste Besucher gebracht hat, hat der zweite

sofort wieder mitgenommen.

Hat man die Erkrankten herausgefunden, so ist es fast unmöglich,

sie so lange abzusondern, bis sie nicht mehr ansteckungsfähig sind;

die syphilitischen Dirnen müßten durch drei bis vier Jahre, die

tripperkranken, sobald ihre inneren Organe ergriffen sind, eigentlich

für immer abgeschlossen gehalten werden!

Hygiene des Geschlechtslebens · 第 6 / 8 段