der Erzeuger kann die Nachkommenschaft schlecht ausfallen. Es kommt
gar nicht selten vor, daß scheinbar völlig gesunde Eltern aus gutem
Stamme kranke oder schwer zu Krankheit veranlagte Kinder erzeugen.
Dann ist +Keimverderb+ im Spiele. So kommt es z. B. vor, daß aus
der Ehe eines +geheilten Syphilitikers+ Kinder hervorgehen, die
eines nach dem anderen tuberkulös werden. Überaus häufig ist es,
daß Leute, die +Mißbrauch mit alkoholischen Getränken+ treiben oder
getrieben haben, selbst scheinbar gesund bleiben, aber unfruchtbar
sind oder überwiegend lebensschwache, mehr oder weniger verkümmerte
und minderwertige, insbesondere zu Tuberkulose, zu Herz-, Nieren-,
Nervenkrankheiten neigende Kinder erzeugen. Die auffallend häufige
Verkümmerung der Familien der akademisch Gebildeten ist ohne Zweifel
im wesentlichen die Folge der traurigen akademischen Trink- und
Sexualsitten und ihrer Fortsetzung weit in die Philisterzeit hinein.
Auch manche +Berufsschädigungen+ scheinen einen sehr üblen Einfluß
auf die Keime ausüben zu können, ohne daß das die Keime liefernde
Individuum selbst auffällig krank zu sein braucht. Besonders schädlich
wird der Nachkommenschaft +angestrengte Berufstätigkeit der Frau+.
+Überreichliche Ernährung+ schadet ebenfalls -- wie bei Tieren und
Pflanzen nachgewiesen ist -- der Erzeugung guter Keime. Vielleicht gibt
es auch noch andere schädliche Einflüsse im Leben der +Wohlhabenden+
und der +Städter+, welche ihre Keime verschlechtern. Sicher ist, daß
die lebenskräftigsten Keime in der Regel von Individuen zu erwarten
sind, die selbst vom Lande stammen oder väter- oder mütterlicherseits
aus einer Familie, welche erst jüngst in die Stadt, in eine höhere
Gesellschaftsklasse gelangt ist. Bei Kreuzung unter sich sterben die
städtischen Familien und die Familien der höheren Stände in der Regel
binnen drei Generationen aus. Dies bedeutet für das Volk im ganzen die
fortgesetzte Ausmerzung seiner begabtesten Zuchtstämme und damit die
Gefahr einer fortschreitenden Verschlechterung der Beschaffenheit des
Durchschnittes und zunehmenden Mangels an zur +Führung+ geeigneten
Persönlichkeiten. Es muß ernstlich versucht werden, durch vernünftige
Gattenwahl und vernünftige Lebensführung diesem Unheil Einhalt zu tun.
3. Kapitel.
Die Geschlechtsorgane.
Die Keime werden in besonderen Drüsen gebildet und abgesondert; die
Samenkörperchen oder Spermatozoen in den beiden Hoden des Mannes,
die Eier in den beiden Eierstöcken der Frau. Diese Keimdrüsen sind
die wichtigsten Teile des ganzen Geschlechtsapparates; sie bestimmen
den Geschlechtscharakter. Die übrigen Teile sind dazu bestimmt, die
beiden Keimstoffe zusammenzubringen; bei der Frau außerdem dazu, dem
befruchteten Keime eine Stätte der Entwicklung und des Wachstums zu
gewähren und der Ernährung des Neugeborenen zu dienen.
Der männliche Zeugungs- und Begattungsapparat besteht aus den Hoden,
den Nebenhoden, den Samenleitern, den Samenblasen (oder Blasendrüsen),
der Vorsteherdrüse, den Cowperschen Drüsen und dem Zeugungsgliede. Alle
Teile bis auf Vorsteherdrüse und Zeugungsglied sind paarig.
Der weibliche Geschlechtsapparat besteht aus den beiden Eierstöcken,
den beiden Eileitern, aus der Gebärmutter, der Scheide, den
Bartholinischen Drüsen, den äußeren Geschlechtsteilen und den Brüsten.
Trotz aller Verschiedenheit im Baue und in der Lage -- die männlichen
Geschlechtsteile liegen zum größten Teile außerhalb der Leibeshöhlen,
die weiblichen innerhalb -- läßt sich nachweisen, daß beide
Geschlechtsapparate aus einer äußerlich ursprünglich gleichartigen
Anlage durch verschiedenartige Entwicklung hervorgehen.
Die +Hoden+ mit den +Nebenhoden+ haben die Gestalt eines von vorne und
hinten etwas plattgedrückten Eies. Sie sind beim erwachsenen Manne
etwa 5 _cm_ lang, 3 _cm_ breit und 2,5 _cm_ dick, jeder wiegt etwa 16
_g_. Sie hängen am Samenstrange und sind mit mehreren häutigen Hüllen
versehen. Sie stecken im Hodensacke, der durch eine Scheidewand in
zwei Hälften, eine rechte und eine linke, geteilt ist. Die Lage der
Scheidewand ist außen durch die Naht, die von vorne nach hinten über
den Hodensack wegläuft, bezeichnet.
Bei der mikroskopischen Untersuchung läßt sich erkennen, daß der ganze
Hoden aus Knäueln von langen Schläuchen besteht, in deren Wänden
sich eigentümliche Drüsenzellen, die Samenmutterzellen, befinden,
welche die Spermatozoen liefern. Nach ungefährer Schätzung sind diese
Drüsenschläuche des Hodens zusammen 500 bis 600 _m_ lang. An einem
Ende sind sie blind; das andere findet seine Fortsetzung zunächst im
Nebenhoden, dann im Samenleiter.
Der +Samenleiter+ bildet zusammen mit den Blut- und Lymphgefäßen und
den Nerven des Hodens den +Samenstrang+, an dem der Hoden hängt und der
im sogenannten Leistenkanale die Bauchwand durchsetzt. Im Bauchraume
ziehen die Samenleiter um die Harnblase herum zum Blasengrunde, wo sie
schließlich in die Harnröhre münden. Die Wand der Samenleiter wird
hauptsächlich aus einer dicken Schicht von Ring- und Längsmuskeln
gebildet, die sich wurmartig zusammenziehen können.
Dort, wo die Samenleiter in die Harnröhre münden, unter dem Grunde
der Harnblase, liegen die zwei +Blasendrüsen+ oder Samenblasen
und die +Vorsteherdrüse+ oder Prostata. Alle drei Drüsen sondern
Flüssigkeiten ab, die zusammen mit dem Samen entleert werden und dazu
dienen, den Spermatozoen ihre Bewegungsfähigkeit und dadurch ihre
Befruchtungsfähigkeit zu erhalten. Die Vorsteherdrüse, welche etwa die
Größe und die Gestalt einer Kastanie hat, wird von der Harnröhre, dem
Abflußrohre der Harnblase, durchbohrt.
An der +Harnröhre+ unterscheidet man drei Abschnitte. Der oberste heißt
„Vorsteherteil“, weil er von der Vorsteherdrüse umschlossen ist, dann
kommt der „häutige Teil“, in dessen Wand sich kräftige Ringmuskeln
befinden, und endlich der Gliedteil, welcher aus dem Körper herausragt,
während die beiden anderen Teile im Körper verborgen sind. Dort, wo der
Gliedteil beginnt, münden in die Harnröhre noch die Ausführungsgänge
zweier etwa erbsengroßer Drüsen, der +Cowperschen Drüsen+.
Der Gliedteil der Harnröhre ist dadurch ausgezeichnet, daß er von
drei sog. +Schwellkörpern+ umgeben ist. Man unterscheidet zwei
Schwellkörper des Gliedes und einen Schwellkörper der Harnröhre. Die
drei Schwellkörper zusammen bilden das +Begattungsglied+ oder männliche
Glied. Die +Schwellkörper des Gliedes+ liegen nebeneinander an der
Ober-(Vorder-)seite des Gliedes, die Harnröhre mit ihrem Schwellkörper
verläuft an ihrer Unter-(Hinter-)seite in der Längsfurche zwischen
ihnen. Die Schwellkörper des Gliedes sind walzenförmige Gebilde,
deren inneren Bau man sich ähnlich dem eines Badeschwammes vorstellen
mag. Ein Netz- und Fachwerk aus Bindegewebe umschließt zahlreiche
Hohlräume, die untereinander und mit den Schlagadern und Blutadern
in offener Verbindung stehen und stets mehr oder weniger von Blut
durchströmt werden. Ganz ähnlich wie die Schwellkörper des Gliedes ist
auch der +Schwellkörper der Harnröhre+ eingerichtet, welcher wie der
Mantel eines Mantelrohres die Harnröhre umhüllt. Dieser Schwellkörper
hat hinten, wo der häutige Teil der Harnröhre in ihn eintritt, eine
Anschwellung, die sog. +Zwiebel+, und geht vorne in die +Eichel+ über,
welche über das vordere Ende der Schwellkörper des Gliedes kappenartig
übergestülpt ist. Die sog. Zwiebel des Schwellkörpers der Harnröhre
und ebenso die hinteren Enden der Schwellkörper des Gliedes sind an
der Unterseite von kräftigen Muskeln umschlossen, welche willkürlich
bewegt werden können. Auf der Kuppe der Eichel mündet die Harnröhre als
Schlitz mit einer rechten und linken Lippe. Der Rand der Eichel ist
wulstig verdickt und durch eine tiefe Furche gegen die Schwellkörper
des Gliedes abgesetzt.
Im gewöhnlichen Zustande hängt das Glied schlaff nach abwärts. Wenn
sich aber die Schwellkörper stärker mit Blut füllen, dann streckt sich
das Glied und richtet sich auf. Es nimmt dabei bedeutend an Größe
zu und wird infolge der prallen Füllung der Schwellkörper mit Blut
sehr steif und hart. Dabei entblößt sich beim Geschlechtsreifen die
Eichel, die für gewöhnlich von der +Vorhaut+, einer Falte der leicht
verschiebbaren Oberhaut des Gliedes, bedeckt ist. Die Vorhaut ist durch
das +Bändchen+ an der Unterseite des Gliedes mit der Eichel verwachsen.
Zwischen Vorhaut und Eichel sammelt sich das sog. +Smegma+ an, eine
käseartig riechende, fettige Masse, welche von Drüsen am Eichelwulst
abgesondert wird.
Bei der Frau entsprechen den Hoden die +Eierstöcke+. Sie haben eine
ähnliche Gestalt wie jene, sind aber kleiner. Jeder Eierstock wiegt
nur etwa 6 _g_. Sie bestehen aus einem Gerüstwerk, in dem Tausende
(zirka 70000) von winzig kleinen Bläschen liegen, die sog. +Graaf+schen
+Follikel+. In den Graafschen Follikeln entwickeln sich die +Eier+,
in jedem Follikel eines. Es werden jedoch nur etwa 400 von den vielen
Tausenden während des ganzen Lebens reif. Wenn es zur Entwicklung eines
Eies kommt, dann schwillt der Graafsche Follikel sehr bedeutend an,
bis zu 15 _mm_ Durchmesser. Er rückt zugleich an die Oberfläche des
Eierstocks und platzt schließlich, so daß das reife Ei frei wird und
in die Bauchhöhle austritt, in welche die Eierstöcke hineinragen. Das
Ei wird dann durch eigentümliche Vorrichtungen in den benachbarten
+Eileiter+ (die sog. Muttertrompete), ein enges Rohr mit muskulöser
Wand, hineinbefördert und in diesem der Gebärmutter zugeführt. Die
+Gebärmutter+ hat etwa die Gestalt einer vorne und hinten etwas
abgeplatteten kleinen Birne. Sie ist ein enger Sack mit einer dicken
Muskelwand. Man unterscheidet an ihr den Körper -- der oberste dickste
Teil -- den Hals und den Scheidenteil. Sie ist durch Aufhängebänder
am Becken befestigt und mit den Eileitern verwachsen, die oben in den
Körper der Gebärmutter münden. Unten öffnet sich die Gebärmutter mit
dem sog. +Muttermunde+ gegen die Scheide. Während der Schwangerschaft,
wo sich das Kind in der Gebärmutter entwickelt, nimmt diese das 20-
bis 30fache ihrer normalen Größe an.
Die +Scheide+ ist ein häutiges Rohr mit einem oberen blinden Ende. Sie
ist zur Aufnahme des männlichen Gliedes bei der Begattung bestimmt.
In den oberen Teil der Vorderwand der Scheide ragt zapfenartig der
+Scheidenteil+ der Gebärmutter herein, an dem sich der Muttermund
befindet. Nach unten geht die Scheide in die +Schamspalte+ über,
einen Schlitz, der von den inneren kleinen und den äußeren großen
+Schamlippen+ gebildet wird. Vorne, wo die kleinen Schamlippen
verwachsen sind, befindet sich die sog. +Klitoris+, ein kleines
zapfenartiges Gebilde, das aus einem Schwellkörper, ähnlich denen
des Mannes, besteht. Im Grunde der Schamspalte, am vorderen Rande
des Einganges der Scheide, mündet die Harnröhre; am hinteren Rande
des Scheideneinganges münden die Ausführungsgänge der kleinen
+Bartholinischen Drüsen+. Bei der Jungfrau befindet sich hier
meist eine Schleimhautfalte, welche den Scheideneingang teilweise
verschließt, das +Jungfernhäutchen+, das in der Regel unter geringer
Blutung beim ersten Beischlafe zerreißt.
4. Kapitel.
Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des
Beischlafes.
In unseren Gegenden beginnt beim Knaben etwa im 14. oder 15.
Lebensjahre die sog. Pubertäts- oder Mannbarkeitsperiode, d. h. die
Zeit, in welcher die männlichen Geschlechtsdrüsen erst ihre volle
Reife und Ausbildung erlangen. Sie dauert mehrere Jahre. Um diese Zeit
stellt sich eine erhebliche Vergrößerung der Hoden ein, in denen jetzt
erst die Bildung der Spermatozoen beginnt.[B]
Beim Mädchen beginnt die Geschlechtsreife in der Regel etwas früher.
Sie ist bei diesem durch das rasche Wachstum der Eierstöcke und durch
die Ausbildung reifer Eier charakterisiert. Alle 28 Tage wird in der
Regel ein Ei reif und aus dem Eierstock in die Eileiter befördert.
Zur Zeit dieses Vorganges tritt eine Erweiterung der Gefäße in der
Schleimhautauskleidung der Gebärmutter ein. Ein Teil der Gefäße
zerreißt, und Blut tritt aus ihnen aus. Das ausgetretene Blut (etwa
100-200 _ccm_) fließt aus den äußeren Geschlechtsteilen ab. Der
Blutausfluß dauert normalerweise drei bis vier Tage (monatliche
Blutung, Periode, +Menstruation+). Bei der gesunden Frau wiederholt
sich der Vorgang der Menstruation in der geschilderten Weise vom
Beginne der Geschlechtsreife bis zum Eintritte des sog. +Klimakteriums+
oder +Wechsels+ zwischen dem 45. bis 50. Lebensjahre. Nur solange
die Frau menstruiert, ist sie befruchtungsfähig. Während der
Schwangerschaft und während des Stillens setzt die Menstruation in der
Regel vollständig aus.
Beim Manne findet die Samenabsonderung ununterbrochen statt. Sie hält
auch in viel höheres Alter hinein an als die Bildung reifer Eier bei
der Frau. Wenn sich eine gewisse Menge Samen in den Ausführungsgängen
der Hoden angesammelt hat, kommt es zu freiwilliger Samenentleerung;
normalerweise zur Nachtzeit: nächtliche +Pollution+. Ihr erstes
Auftreten bezeichnet scharf den Eintritt der Pubertät.
Mit der Pubertät entwickeln sich auch die sogenannten +sekundären
Geschlechtscharaktere+. Beim Jünglinge wie beim Mädchen beginnen an
den äußeren Geschlechtsteilen und in den Achselhöhlen, beim Manne auch
an den Lippen, am Kinne und an den Backen Haare hervorzusprießen;
die äußeren Geschlechtsteile, beim Manne das Glied, beim Weibe die
Brustdrüse, beginnen rasch zu wachsen; der ganze Körper, namentlich
das Knochen- und Muskelsystem, treten in eine Periode stärkeren
Wachstums ein; auch der Kehlkopf nimmt, insbesondere beim Manne,
rasch an Größe zu, was die bekannte Veränderung der Stimmlage, das
+Mutieren+, zur Folge hat. Alle diese Veränderungen sind Folgen des
Beginnes der Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen und bleiben aus, wenn die
Hoden vor Eintritt der Pubertät entfernt werden (bei Kastraten). Sie
sind darauf zurückzuführen, daß die tätigen Keimdrüsen neben Samen und
Ei noch andere Stoffe absondern, die ins Blut übergehen und dann auf
die verschiedenen Organe des Körpers einwirken (+innere Sekretion+).
Diese inneren Absonderungen der Geschlechtsdrüsen wirken auch auf das
Zentralnervensystem ein und führen die Entwicklung des männlichen
und weiblichen seelischen Geschlechtscharakters und das freiwillige
Erwachen des +Geschlechtstriebes+ herbei.
Der Geschlechtstrieb äußert sich in verschiedener Weise: als
Verlangen nach +geschlechtlicher Vereinigung+ und als Verlangen nach
+Nachkommenschaft+. Bei noch unberührten Frauen guter Art ist meistens
dieses letztere Verlangen viel stärker als das erstere.
Der Begattungstrieb äußert sich zunächst darin, daß der Anblick oder
die Vorstellung einer Person des anderen Geschlechtes Freude erregt,
den Wunsch nach Annäherung, nach Berührung, Umarmung, nach Gegenliebe
zu erwecken vermag. Bei der unberührten Jungfrau geht das Verlangen in
der Regel nicht weiter; ja, es gibt nicht wenige Frauen, die zeitlebens
in Kuß und inniger Umarmung volle Befriedigung finden würden, denen
der eigentliche Begattungsakt keine besondere Lust gewährt und die den
Beischlaf nur aus Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche,
dem geliebten Manne Freude zu bereiten, gestatten. Gerade derartige
Frauen geben häufig treffliche Hausfrauen und Mütter ab.
Beim Manne aber führt die Befriedigung des Verlangens nach Berührung
zum immer stärker anschwellenden Verlangen nach dem Vollzuge der
Begattung, zu welcher ihn die inzwischen eingetretene Steifheit des
Gliedes befähigt.
Beim +Beischlafe+ wird das infolge der geschlechtlichen Erregung steif
gewordene Glied in die Scheide hineingeschoben und in derselben hin und
her bewegt. Infolge der Reibung und des dadurch bewirkten Nervenreizes
kommt es zur Ausschleuderung des Samens, zur +Ejakulation+. Der Samen
wird zuerst aus den Nebenhoden in die Samenleiter gedrückt und in
diesen dann durch die erwähnten wurmartigen Zusammenziehungen ihrer
Muskeln weiter bis in die Harnröhre gepreßt. Zugleich mit dem Samen
werden auch die Absonderungen der Blasendrüsen und der Vorsteherdrüse
in die Harnröhre ergossen. Alsbald folgen Zusammenziehung der
Muskelfasern des häutigen Teiles der Harnröhre und jener Muskeln,
welche die hinteren Teile der Schwellkörper umhüllen, so daß die
gemischten Flüssigkeiten aus der Mündung der Harnröhre stoßweise
herausgeschleudert werden. Der Schließmuskel der Harnblase hat sich
gleichzeitig ebenfalls so fest als möglich zusammengezogen, so daß der
Samen aus der Harnröhre nur nach vorne und nicht nach hinten in die
Blase befördert werden kann.
Der abgeschleuderte Samen gelangt in die Scheide, manchmal aber durch
den sich öffnenden Muttermund zum Teile unmittelbar in den Halskanal
der Gebärmutter. Auf alle Fälle gelangt ein Teil der Spermatozoen
auf der Suche nach dem Ei mit der Zeit in die Gebärmutter und in die
Eileiter, nicht selten bis in die Bauchhöhle. Nach ihrer Auflösung
gelangen ihre Bestandteile in die Säfte des Weibes. Es ist also in
der Anatomie und Physiologie begründet, wenn die Frau instinktiv
zurückhaltender ist als der Mann, und wenn selbst eine tiefstehende
Moral, die dem Manne keine Zügel anlegt, von ihr geschlechtliche
Zurückhaltung streng fordert. Auch wenn es nicht zur Befruchtung mit
allen ihren für die Frau so gewichtigen Folgen kommt, bedeutet der
Beischlaf für die Frau eine unvergleichlich tiefere und nachhaltigere
körperliche Einwirkung als für den Mann.
Mit Eintritt der Ejakulation sinkt das geschlechtliche Verlangen sofort
auf Null herab, um erst nach einiger -- allerdings sehr ungleich langer
-- Zeit wieder zu erwachen. Das äußere Kennzeichen dafür ist die
normalerweise alsbald nach der Ejakulation eintretende vollständige
Erschlaffung des Gliedes.
Auch bei der geschlechtlich stärker erregbaren oder durch das
geschlechtliche Zusammenleben stärker erregbar gewordenen Frau
stellt sich unmittelbar vor und während des Beischlafes eine starke
Blutfüllung in den Geschlechtsteilen und infolgedessen ebenfalls
ein Verlangen nach Entspannung ein. Beide Erscheinungen erlöschen
erst dann vollständig, wenn eine gewisse Höhe der Wollustempfindung
(geschlechtlicher Orgasmus) überschritten worden ist, ähnlich der,
welche beim Manne die Ejakulation zu begleiten pflegt.
Die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf ist für
gesunde, reife Menschen ohne Zweifel das Naturgemäße. Indessen ist
es mit der Heranzucht einer gesunden und tüchtigen Nachkommenschaft,
mit höherer Kultur und geordnetem Gesellschaftsleben überhaupt
unvereinbar, daß jeder das auftauchende Verlangen ohne weiteres
befriedigt -- blindlings Kinder in die Welt setzt. +Die gesetzliche
Ordnung des Geschlechtsverkehrs ist eine soziale Notwendigkeit.+ Natur
und Kultur befinden sich da im Widerstreite, und jede Generation ist
von neuem vor die folgenschwere Entscheidung gestellt, wie sie sich mit
den einander widerstreitenden Forderungen abfinden kann und abfinden
will.
Es interessiert uns daher vor allem die Frage, ob die Befriedigung des
Geschlechtstriebes durch den Beischlaf eine hygienische Notwendigkeit
ist; ob die Enthaltung vom Beischlaf schädlich ist, etwa wie die
Nichtbefriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafbedürfnisses.
Muß, ganz abgesehen von der Befriedigung des Verlangens nach Beischlaf,
der Samen aus dem Körper des Mannes häufig entfernt werden, wie der
Harn oder der Darmkot?
Von all dem kann keine Rede sein. Der Nahrungstrieb, der Schlaftrieb
dienen der Erhaltung des Individuums. Sie müssen befriedigt werden,
wenn nicht das Individuum zugrunde gehen soll; der Geschlechtstrieb
aber dient nur zur Erhaltung der Gattung; er sucht das Individuum
rücksichtslos einem seinem individuellen Leben ganz fremden Zwecke zu
unterjochen.
Der Mann ist bei uns etwa erst im 24. Jahre voll erwachsen; das Mädchen
etwa erst mit 20 Jahren voll gebärfähig, da erst in diesem Alter das
Wachstum seines knöchernen Beckens vollendet ist. Lange, bevor die
volle körperliche Entwicklung eingetreten ist, erwacht aber schon
der Trieb. Die Befriedigung des Geschlechtstriebes vor Vollendung
der Entwicklung ist aber keineswegs zuträglich, wie die höhere
Sterblichkeit jugendlicher Ehemänner und Ehefrauen unter 20 Jahren im
Vergleiche mit ihren ledigen Altersgenossen lehrt. Ebenso zeigt sich
der Geschlechtstrieb bei Männern gar nicht selten noch im hohen Alter,
und auch hier lehrt die Erfahrung, daß seine Befriedigung überaus
schädlich werden kann. Diese Tatsachen beweisen aufs klarste, wie
ganz anders es sich mit dem Fortpflanzungstriebe verhält als mit dem
Selbsterhaltungstriebe.
An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist erst
recht nicht zu denken. Der Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff,
kein Stoffwechselabfallstoff wie der Harn oder der Kot. Man hat
darüber Experimente gemacht, indem man Menschen Samenflüssigkeit oder
wässerige Auszüge aus Tierhoden unter die Haut gespritzt hat. Diese
Einspritzungen wirken günstig. Namentlich ist es erwiesen, daß sie
die Wirkung der Übung auf unsere Muskeltätigkeit erhöhen. Bekanntlich
erhöhen körperliche Übungen die Leistungfähigkeit unserer Muskeln. Dies
ist nun in viel höherem Grade der Fall, wenn Hodenauszug oder Samen
eingespritzt wird; die Muskeln und die Muskelnerven ermüden dann viel
weniger und erholen sich dann viel rascher.
Diese Experimente stehen auch im Einklang mit der uralten Erfahrung,
daß höchste körperliche Leistungen nur bei vollständiger Enthaltung
von jeder Art Befriedigung des Geschlechtstriebes erzielt werden
können. Deshalb enthielten sich die Athleten bei den Griechen und
Römern ebenso des Beischlafes, wie dies unsere heutigen Sportsleute
tun, wenn sie sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten (trainieren). Und
daß es sich auch mit den geistigen Leistungen ganz ähnlich verhält,
lehren vielfache Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern. Während der
Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt und gelangen
seine Bestandteile ins Blut. Dies wirkt also -- wie wir sehen -- nicht
schädlich, sondern günstig. Wir haben übrigens soeben erst davon
gesprochen, wie die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen den Körper
von Mann und Frau erst zur vollen Entwicklung bringt.
Man könnte nun allerdings denken, daß die Aufsaugung von Samen nur dann
nützlich ist, wenn sie eine gewisse Höhe nicht überschreitet, daß ein
Zuviel davon aber schädlich werden könne. Diesem Einwande gegenüber muß
darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Natur durch die nächtlichen
Pollutionen -- die etwas ganz Normales sind, wenn sie nicht allzu
häufig stattfinden -- schon vorgesorgt hat, daß keine übermäßigen
Ansammlungen von Samenflüssigkeit stattfinden, ferner darauf, daß die
Absonderung des Samens von selbst abnimmt, wenn der Geschlechtsapparat
nicht benützt wird. Mit den Hoden verhält es sich in dieser Beziehung
geradeso wie mit den anderen Organen. Wenn sie nicht benützt werden,
erhalten sie weniger Blut zugeführt, und wenn sie weniger Blut
erhalten, sinkt ihre Ernährung und ihre ganze Lebenstätigkeit. Also
auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.
Der Leser wird aber vielleicht sagen: „Es mag sein, daß der Samen keine
schädliche Flüssigkeit ist, die entfernt werden muß; ich sehe ein, daß
der Geschlechtstrieb keine Einrichtung zur Erhaltung des Individuums
ist; aber was hilft es? Ist denn der Trieb nicht unüberwindlich? Und
wenn er überwunden werden kann, erregt und erschöpft denn dieser
beständige Kampf unser Nervensystem nicht in solcher Weise, daß dadurch
die Gesundheit leidet? Das wird doch auch von Ärzten gelehrt.“