er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und
schöner Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz mit Myrthen und
verschiedenem Laube und Früchten gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem
oder klarem Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren
und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor den Kindern fürchteten
oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch
war schön gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, und
inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. Der Alte stellte den Becher
zwischen sich und den Jüngling, und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht
etwas, sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? Ja,
sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich
möchte sagen, ich fühle ihn wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen.
So ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht mehr herum
schweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und
denkt so lebhaft wie möglich an eure Geliebte.
Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden
Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Geberde, erst langsam,
dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um
die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder
inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies
Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hören, aber es
klang wie draußen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Töne
näher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch
die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, daß sie aus dem Innern
des Bechers hervor quollen. Immer stärker ward die Musik, und von so
durchdringender Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und ihm die
Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in
verschiedenen Richtungen über die Mündung des Bechers, und es schien,
als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold
leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glänzenden
Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines
Fingers hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen Farben, und
drängten sich allgemach dichter und dichter an einander, bis sie in
Linien zusammen schossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der rothen
Dämmerung ein wundersames Netz über das leuchtende Gold legte, denn er
zog nach Willkühr die Strahlen hin und wieder, und verwebte mit ihnen
die Oeffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer
Bedeckung ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten und in sich
selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die
Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und
leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz
zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die
Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden
erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich selbst in
vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum über der Mündung schwebte.
Ein hellerer Punkt schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die
wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es
plötzlich aus dem Duft, wie goldene Locken floß und ringelte es oben,
und alsbald ging ein sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und
ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht seiner Geliebten, die
blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich rothen Mund. Das Haupt
schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem
schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem entzückten
Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher,
und heraus traten die glänzenden Schultern, und so wie sich die
liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte und
holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun die beiden zarten,
gewölbten und getrennten Brüste, auf deren Spitze die feinste
Rosenknospe mit süß verhüllter Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den
Athem zu fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn
fast mit den brennenden Lippen berührte; er konnte sich im Taumel nicht
mehr bewältigen, sondern drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und
wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem
goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das
liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib
zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, aus deren Röthe noch das
süße Lächeln schien. Sehnsüchtig ergriff sie Ferdinand, drückte sie an
seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war
in Luft zerflossen.
Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte verdrüßlich, du
kannst dir nur selber die Schuld beimessen. Er verhüllte seinen Pokal
wieder, zog die Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle
Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig und mit vielen
Entschuldigungen den murrenden Alten.
Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor dem Thore setzte er
sich unter den Bäumen nieder. Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie
mit einigen Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald saß, bald
wanderte er liebetrunken im Walde; immer sah er das holdselige Bild, wie
es mehr und mehr aus dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie
heraus schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und dann zerbrach
die schönste Form vor seinen Augen, und er zürnte mit sich, daß er durch
seine rastlose Liebe und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und
vielleicht sein Glück zerstört habe.
Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich allgemach mit Menschen
füllte, zog er sich tiefer in das Gebüsch zurück; spähend behielt er
aber die ferne Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das Thor
kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft.
Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer warf die untergehende Sonne,
da flog aus dem Thor der reiche vergoldete Wagen, der feurig im
Abendglanze leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige schon
gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den glänzenden Busen aus dem
Schlage, er fing ihren liebevollen Gruß und Wink auf; jezt stand er
neben dem Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich
weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche ihren Busen
zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen. Er hob sie auf und küßte sie,
und ihm war, als weissage sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder
sehn würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei.
* * * * *
Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus war in Bewegung, alles
machte Geschrei und Lärmen zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am
thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles geschehn, und zog
sich, ihrem Schicksal nachsinnend, in ihr Zimmer zurück. Man erwartete
noch den Sohn, den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter mit
ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war muthwillig beschäftigt,
die Unordnung zu vermehren, den Lärmen zu vergrößern, und alles zu
verwirren, indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch
unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft bringen und dahin
bewegen, daß er sich um nichts kümmere, und nur die andern in Ruhe
lasse; aber die Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn
heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; nur darum bitte ich
euch alle, da ich schon auf so viel zu denken habe, daß ihr mich nicht
mit irgend etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren muß; ob
sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne Löffel fehlen, ob das
Gesinde der Fremden Scheiben entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert
mich nicht, daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der Unruhe
vorüber, dann wollen wir Rechnung halten.
Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen eines Regenten
würdig! Wenn auch einige Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt
und den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude den Malvasier
auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen von dergleichen Kindereien
nichts erfahren. Es müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe;
Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen.
Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte die Mutter; was werden nur
deine Geschwister denken, wenn sie dich eben so unklug wieder finden,
als sie dich vor zwei Jahren verlassen haben.
Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, antwortete
der lebhafte Jüngling, daß ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre
Männer, die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht zu ihrem
Vortheile verändert haben.
Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach der Braut. Die
Kammerjungfer ward geschickt, sie zu rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe
Mutter, meine Bitte vorgetragen? fragte der Verlobte.
Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung hier im Hause kann
man keinen vernünftigen Gedanken fassen.
Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten sich mit Freuden.
Die Bitte, deren ich erwähnte, fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß
Sie es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch einen Gast in Ihr
Haus führe, das für diese Tage nur schon zu sehr besetzt ist.
Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so geräumig es auch ist,
sich schwerlich noch Zimmer einrichten lassen.
Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür gesorgt, ich habe die
große Stube im Hinterhause aufräumen lassen.
Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter, seit Jahren ist sie
ja fast nur zur Polterkammer gebraucht.
Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der Freund, für den sie
bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen nicht, dem ist es nur um unsre
Liebe zu thun; auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der
Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir haben Mühe genug
gehabt, ihm zuzureden und ihn wieder unter Menschen zu bringen.
Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und Geisterbanner? fragte
Agathe.
Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam, wenn Sie ihn einmal so
nennen wollen.
Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, fuhr die Schwester fort;
was soll ein solcher Mann in unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit
Leopold über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem Gesicht bange
geworden; auch besucht der alte Sünder fast niemals die Kirche, er liebt
weder Gott noch Menschen, und es bringt keinen Segen, dergleichen
Ungläubige bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach einzuführen.
Wer weiß, was daraus entstehn kann!
Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil du ihn nicht kennst, so
verurtheilst du ihn, und weil dir seine Nase nicht gefällt, und er auch
nicht mehr jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach, ein
Geisterbanner und verruchter Mensch sein.
Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam, unserm alten Freunde
ein Plätzchen in ihrem Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen
Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, viel Unglück
erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch und menschenfeindlich gemacht
hat, er vermeidet alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme mit mir
und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, er hat zuerst meinem Geiste
eine bessere Richtung gegeben, ja ich kann sagen, er allein hat mich
vielleicht der Liebe meiner Julie würdig gemacht.
Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und, was mehr sagen will,
alte Manuskripte, und, was noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes
Wort; er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und wer weiß,
wenn du ihn näher kennen lernst, ob du nicht deine Sprödigkeit fahren
lässest, und dich in ihn verliebst, so häßlich er dir auch jezt
vorkommt.
Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, ich habe schon sonst so
viel aus Leopolds Munde von ihm hören müssen, daß ich neugierig bin,
seine Bekanntschaft zu machen. Nur müssen Sie es verantworten, daß wir
ihm keine bessere Wohnung geben können.
Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder der Familie; die
verheiratheten Töchter, so wie der Offizier, brachten ihre Kinder mit.
Die gute Alte freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung
und frohes Gespräch, und als der Bräutigam und Leopold auch ihre Grüße
empfangen und abgelegt hatten, entfernten sie sich, um ihren alten
mürrischen Freund aufzusuchen.
Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem Lande, eine Meile von
der Stadt, aber eine kleine Wohnung behielt er sich auch in einem Garten
vor dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden jungen Leute
kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf einem Kaffeehause, wohin sie
sich bestellt hatten. Da es schon Abend geworden war, begaben sie sich
nach einigen Gesprächen in das Haus zurück.
Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich auf; die Töchter
hielten sich etwas entfernt, besonders war Agathe schüchtern und vermied
seine Blicke sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen war das
Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut gerichtet, welche später
zur Gesellschaft getreten war; er schien entzückt und man bemerkte, daß
er eine Thräne heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute sich
an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit abseits am Fenster
standen, nahm er die Hand des Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von
meiner geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? -- O mein Freund,
erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit und Anmuth habe ich
noch niemals gesehn; oder ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser
Ausdruck ist unrichtig) sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch,
daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre sie, so fremd
sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner Imagination, das meinem Herzen
stets einheimisch gewesen.
Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft Schöne, Große und
Erhabene, so wie es uns in Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht
uns doch nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes, sondern
unser eigenstes Wesen wird uns in solchen Augenblicken klar, unsre
tiefsten Erinnerungen werden erweckt, und unsre nächsten Empfindungen
lebendig gemacht.
Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen nur wenigen Antheil;
sein Blick war unverwandt auf die Braut geheftet, so daß diese endlich
verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte von einem Feldzuge,
dem er beigewohnt hatte, der reiche Kaufmann sprach von seinen
Geschäften und der schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den
Verbesserungen, welche er in seiner Landwirthschaft angefangen hatte.
Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum letztenmal in seine
einsame Wohnung zurück zu kehren; denn künftig sollte er mit seiner
jungen Frau im Hause der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon
eingerichtet. Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold führte den
Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt es wohl, fing er auf dem
Gange an, daß ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem, als
die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich unsre Familie
ist, und morgen kommen noch andre Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns
nicht entlaufen können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem
weitläufigen Gebäude heraus.
Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte sich Leopold und
wünschte gute Nacht. Der Bediente stellte zwei Wachskerzen hin, fragte,
ob er den Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung verbat,
zog sich jener zurück, und er befand sich allein. Wie muß es mir denn
begegnen, sagte er, indem er auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so
lebhaft heut aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze
Vergangenheit und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war wieder jung und
ihr Ton erklang wie damals; mir dünkte, ich sei aus einem schweren Traum
erwacht; aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung war
nur ein süßer Traum.
Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete einige Zeichnungen an
den Wänden und dann das Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er
aus, könnt' ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete,
dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht fremd. Er suchte seine
Erinnerungen anzuknüpfen, und hob einige große Bücher auf, welche in der
Ecke standen. Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit dem
Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; er eröffnete es und nahm
ein altes seltsames Instrument heraus, das beschädigt war und dem die
Saiten fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt: diese Laute
ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines längst verstorbenen
Freundes Albert; dort stehn seine magischen Bücher, dies ist das Zimmer,
in welchem er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen
ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung ermattet, aber
wundersam lebhaft ist alles, alles aus jenen Stunden in meinem Gemüth;
darum schauerte mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten
Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel, hier auf diesem Tische
stieg das Bildniß quellend hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des
Goldes getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich an,
welches mich heut Abend dorten im Saale fast wahnsinnig gemacht hat, in
jenem Saale, in welchem ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen
auf und nieder wandelte.
Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er früh
wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er eröffnete das
Fenster, und sah dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, nur
waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind
seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt
längeres Leben als der ganze übrige Zeitraum.
Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter
mannichfaltigen Gesprächen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke
herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich,
so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich
zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause
befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt Ihnen unser
Freund, der gute mürrische Alte?
Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel
abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man könnte ein
rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen.
Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich brennenden Augen,
diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und
diesem seltsamen Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott
bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse Geister sich in Menschen
verkleiden wollen, müssen sie eine solche Gestalt annehmen.
Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, antwortete die Mutter;
aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht
wieder. Man sieht, daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt
hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; er mag, wie Leopold
sagt, viel Unglück erlebt haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und
hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur den
Glücklichen eigen ist.
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige Gesellschaft hinzu
trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde saß neben Agathe und dem
reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief
Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu müssen wir unsern
Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen,
aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch
nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie
ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut
geschäftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie
ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon
sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut
ist sie besonders glücklich, weil sie sich in der Schönheit ihrer
Tochter wieder verjüngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam
mit dem Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch
fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte,
was ihm das liebste und erwünschteste war. Die Braut trank das Wohlsein
ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder
nach der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr kam. Nur
dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch,
daß sie alle Männer für ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer
Frau würdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn
an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes plötzlich ein zürnender
Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so
strenge meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht
auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige,
was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungefälschte
Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und
die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt.
Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden
neigte, daß sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der
ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen in
der Stadt gewesen sein.
Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen,
denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schöne Bildniß
hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des
Weines, seine Hand zitterte; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn
aus dem leuchtenden Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht
wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger
Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein?
sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks
durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und
setzte den Pokal an die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen
fragenden und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser schöne Becher?
sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schämte. Vor vielen Jahren
schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater
zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen
Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher
für einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen
gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum
verwirrt, um auch nur aus der Ferne die übrigen in sein Gemüth schauen
zu lassen.
Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen
Leute sich zurück gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen.
Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn
wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht
unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal
schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst
bewegte.
O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thörichten
Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als
gehöre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es,
daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben sind. Ihre schöne
Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem
Mädchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, daß
ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, nein, der Ausdruck sagt
zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen,
und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden.
Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so
beschloß er, sah ich draußen im Park meine Geliebte zum letzten mal,
indem sie über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich
aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und
bald darauf vermält.
Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch
nicht Ferdinand?
So ist mein Name, sagte jener.
Ich bin Franziska, antwortete die Mutter.
Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurück. Beide betrachteten
sich mit prüfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene
Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und
geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten unter dem Fluge
schwarzer Wolken einzeln in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft
schimmern, um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen aus den
Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug
vorüberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd
weinte. Er bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große Thränen
herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich.
Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter.
Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand.