Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so bin ich die Ungetreue

gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurück kam, wo ich

zwei Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, auch von deinen

Freunden, nicht blos den meinigen, du seist längst abgereist und in

deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwürdigsten

Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit,

meinen Zorn, und so geschah es, daß ich meine Hand dem verdienstvollen

Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet.

Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach

einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. Man wollte uns trennen, und es

ist ihnen gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der

Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben.

Aber wie wunderbar, daß wir uns seitdem nie wieder gesehen haben.

Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf

einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden

Verdacht dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen könnten.

Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit;

Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen

führte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche

Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben.

Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst und in tiefster

Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen

zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod

nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden

hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen.

* * * * *

Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele Zeit verflossen, und man

setzte sich sehr spät zu Tische. Der Abend war wieder so warm, daß man

die Flügel des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft zu

genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen Erzählungen,

und es schien, daß die übrigen Frauen der Meinung Claras beitraten,

welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. Emilie

wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die

Magelone in Schutz und Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur

in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer

vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie gänzlich. Mein theurer Freund,

sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die

gegenwärtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere

Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird.

Wo ist die? fragte Lothar lachend.

Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf

deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei

Kräften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall

mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange für den

ersten aller Dichter halten sollen.

Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung schuldig, sagte

Clara, und da er heute als Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche

er es einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste Abtheilung

und bestimme sie nach seiner Willkühr.

Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie

als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese

Mährchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mühe

der Erfindung schenken; mögen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen,

wo möglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen,

diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser

Mährchen soll aber ein Drama sein.

Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mädchen, daß es auch

hie und da etwas lustig darin zugehn möge, und nicht allzu poetisch.

Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie hinzu, und zwar diejenige,

daß wir mit der Zeit etwas ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was

sich vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn heute haben wir

uns offenbar übersättigt, und der Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie

müssen bedenken, daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bücher

gewöhnt sind, wie die Männer.

Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Räthen eine

billige und zweckmäßige Einrichtung treffen, besonders bei diesen

Dramen, von denen einige länger ausfallen dürften, als die meisten der

heutigen Erzählungen.

Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, und durch Beifall so wenig

aufgemuntert, daß ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit

meines Bettes zurück zu ziehn.

Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über die seltsame

Erscheinung, daß im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen

könne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth

beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte Emilie, hat zwar

nichts Furchtbares, kommt man aber darin überein, wie doch die meisten

Menschen zu glauben scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, so

ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, weil die

erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist und sich an das

Alltägliche knüpft.

Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich leicht ermüde und

einschläfre, wie die meisten neueren Idyllen, und daß man ihnen wohl

einen Zusatz wünschen müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder

irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze den Geschmack des

Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firniß die Farben der

Gemälde.

Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in

manche Schäfereien hinein gewünscht. Die reine Unschuld, als solche,

verträgt keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder falls

sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine nämlich jene

hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich

sah einmal eine französische Operette, zwar nur von einem, aber desto

längeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende

nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er

bekränzte, als er schlief, und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte,

worauf beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will nicht sagen, daß

dergleichen nicht löblich sein könnte; aber was in aller Welt ging es

denn die Zuschauer an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen

dieser Zärtlichkeit waren?

Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh sentimental geworden,

oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist

fade und süßlich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt,

die ich vielen der schönsten Poesien an die Seite setzen möchte, den

Satyr Mopsus nämlich und Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die

frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, die schön

gewählten und kräftig ausgeführten Bilder haben mich jedesmal bis zur

Entzückung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser

Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus

unserer Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht »Adams erstes Erwachen«

befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht

poetisch bevölkern läßt, aber einzelne Stellen sind von großer

Schönheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich

weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen

Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie Schade, daß dieses wahre Genie,

welches sich so glänzend ankündigte, nicht nachher das Studium der

Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano

innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre

der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung.

Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man auf die Seltsamkeit der

Träume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals

in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt waren, sagte

Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwürdige

Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen

noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein

Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses.

Mitternacht war schon vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr,

und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese

verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt,

antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie

ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, aber so geputzt und

aufgeschmückt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen

grünen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine

Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe

in der größten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin

von ihren Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, was ich

davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, über einen zufälligen Traum

grübeln! Schlafe wohl und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein.

Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer

Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, daß der nämliche

Traum mit denselben Umständen ihm wieder vorgekommen sei, und das

Mädchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die

Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die

Wiederholung der nämlichen Scene sehr natürlich und begreiflich; nach

einem kurzen Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, und beide

hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. Sie erstaunte, als sie nach

einiger Zeit von dem Geräusch erwachte, welches der Mann erregte, den

sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet hatte, vor

dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig.

Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume

glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen ist mir jezt zum

dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit

ängstlichem Schreien hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in

einigen Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was

sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er das Schlafzimmer.

Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, daß

die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm gerade so entgegen schritt,

wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur

vor wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und

Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht,

welches er trug, warf einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt,

die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in

ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. Endlich sammelte sie sich

etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fuß, dessen Knie sie mit Thränen

umfaßte. O Vergebung, mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie,

und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde

wollte ich draußen im Garten hinter der Lindenallee den Gärtner treffen,

der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich

verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier

neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche bin seit fünf Monden von

ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr;

ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung

nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstößig. Er hat es durchaus so

gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide

nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie die Sache erführen.

Gieb dich für heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir

vernünftig darüber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch

heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die

Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ im Saale die Kerze stehn, und begab

sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter

Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume sausten winterlich. Er schritt

durch die bekannten Gänge, und hinter den Linden, an der einsamsten und

entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein

schimmern. Als er näher ging, sah er, daß sein Gärtner in einer

ausgehöhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne

eifrig die Höhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm.

Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn plötzlich

an. Der Gärtner erschrak und ließ den Spaten fallen, indem er die

Gestalt seines Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier

Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in

mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich,

gnädiger Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, und stieg

aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er

plötzlich das Licht aus, sprang über die Gartenhecke, und lief in den

nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend

wieder gesehn. --

O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an,

und nun ist es gar Nacht und finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe

thaten die übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein

ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. Alle sahen sich

schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt

des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem

noch keiner ein Wort auszusprechen wagte.

Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds bekannte Stimme,

indem er mit seinem natürlichen Gange näher kam. O er ist unerträglich,

sagte Rosalie; glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark schaudre,

wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst nur eine weiße Maske ist,

gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so

grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und

entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will er auch immer

nicht begreifen, daß ich mich vor ihm fürchte, wenn er, wandelt ihn

einmal die Laune an, den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich

eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen

möchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte.

Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede

einen Kuß gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen

mit den Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den offenen Saal

in den Garten, und die weiße behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hörte

sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch

den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen

vorüber sich in den großen Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein

lautes Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine große Wucht hinein

stürzte, und das Wasser klatschend darüber zusammen schlüge. Die

Geängstigten stürzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher

hinein gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara einen flüchtigen

Kuß, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern,

weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren.

Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es

wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und

mich im Bette zu erwärmen.

Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen

und Manfred gingen hinauf. Die übrigen Freunde blieben noch im Garten,

wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen hörten, der

lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestück von Palestrina,

welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausführten.

Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten

sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten

beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert.

Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig

genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle

hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in

der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf

Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von

Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß

auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt

der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre

hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und

man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon

früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten

wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der

höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu

besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener

Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein

Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher

suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube

ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der

Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat,

um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und

unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die

religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann

nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich

in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird

nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie.

Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch

der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest.

Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen,

reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte,

wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man

mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen

suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche

Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die

Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den

kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in

ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste,

Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft

der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht,

nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich

sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist

gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die

Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu

verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein

Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und

Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden

Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll

er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben

besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und

blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus

zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die

Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen

sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm

besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen

der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der

Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und

alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner

Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren,

sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die

ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So

erscheint mir Mozarts Musik.

Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den

wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst,

vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen

vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem

tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in

sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das

nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den

Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt,

bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer

versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle

Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die

Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil

ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst

großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der

genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der

selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt,

sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie

gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht.

Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem

Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes

zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in

romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich

geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast

allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei

gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und

Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese

Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.

Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden,

sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene

alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer

vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als

eingegeben scheinen.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 25 / 26 段