Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in demselben Hause,

welches geräumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete

Wirthschaft führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere

Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und konnte alles

sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war

sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schönheit, daß alle

Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der

Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden Kindern im

Tannengrunde ähnlich. Elfriede hielt sich nicht gern zu andern Kindern,

sondern vermied bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, und

war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens

zurück, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nähzeuge; oft sah man

sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen

heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die beiden Eltern

ließen sie gern gewähren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten

sie die seltsamen verständigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So

kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals, werden nicht alt,

sie sind zu gut für diese Welt, auch ist das Kind über die Natur schön,

und wird sich auf Erden nicht zurecht finden können.

Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst ungern bedienen

ließ, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die früheste auf im

Hause, und wusch sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so

sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wäsche

selbst einzupacken, und durchaus Niemand, auch die Mutter nicht, über

ihre Sachen kommen zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne

nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie,

als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit

Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Thränen

dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hängend, ein

Goldstück von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich für eines von

jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn

hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es

im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so

ämsig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu

lassen, daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und voller

Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinauf ging.

Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige Wirthschaftsgebäude

zur Aufbewahrung der Früchte und des Feldgeräthes, und hinter diesen

befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch

jezt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude zu

entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am

liebsten auf, und es fiel Niemanden ein, sie hier zu stören, so daß die

Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem

Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, um aufzuräumen und

eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, daß durch eine

Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der

Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich,

daß ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben ließ,

wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede saß

drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und

beide Kinder spielten und ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die

Elfe umarmte das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du liebes Wesen, so

wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war

und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so

schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: bliebest du doch so

lange ein Kind, wie ich!

Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, aber sie meinen ja alle,

ich würde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich

hätte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann seh' ich dich

auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den

Baumblüten: wie herrlich der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen

aufgequollenen Knospen! der Baum thut so groß und breit, und jedermann,

der drunter weg geht, meint auch, es müsse recht was Besonderes werden;

dann kommt die Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt

schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrängt und

hinunter wirft; nun kann er sich geängstigt und aufwachsend nicht mehr

helfen, er muß im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel auch lieb

und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frühlingsblüte: so geht es

mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes

Mädchen zu werden. Ach, könnt' ich euch doch nur einmal besuchen!

Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist es ganz unmöglich, aber

ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß

es, weder hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder fliege

als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, so lange

du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen thun?

Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so lieb, wie ich dich

in meinem Herzen trage; doch laß uns auch einmal wieder eine Rose

machen.

Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem Busen, warf zwei Körner

hin, und plötzlich stand ein grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen

vor ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu küssen schienen.

Die Kinder brachen die Rosen lächelnd ab, und das Gebüsch war wieder

verschwunden. O müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte

Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! sagte die kleine

Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und küßte sie dreimal;

nun, sprach sie, indem sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und

blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben,

sagte Elfriede, sie in meinem Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens

und Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne geht schon unter,

sagte jene, ich muß jezt nach Hause. Sie umarmten sich noch einmal, dann

war Zerina verschwunden.

Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl von Beängstigung und

Ehrfurcht in die Arme; sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr

Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind

aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl that, weil ihm ihre

Zurückgezogenheit nicht gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber

einfältig, oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter nach der

Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glänzende Elfe

neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften

Gesprächen. Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre

Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich umfaßte die Fee die

Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so daß sie zur Höhe

der Laube stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und lehnte

sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehn; da erhob

aus der Luft Zerina den Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem

Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah

nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde,

welches jedesmal mit dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit

freundlicher Geberde.

Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem

Manne gesagt: du thust den armen Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn

Andres dann in sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung aller

Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser

wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen. Heftiger als je ward

Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als

landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen

aus: schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohlthäter!

Wohlthäter? fragte Andres erstaunt; die Landstreicher? In ihrem Zorne

ließ sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten

Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, und da er bei

jedem ihrer Worte ungläubiger wurde und verhöhnend den Kopf schüttelte,

nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er zu

seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube

spielen, und es liebkosen sah. Er wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf

der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde

plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit

zorniger Miene machte sie die drohende Geberde, und sagte dann zu

Elfrieden: du kannst nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden

niemals klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte die Kleine

mit stürmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei über

den Garten hinweg, den Tannenbäumen zu.

Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend die Rose, Marien

war ängstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich

rauschten die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, man

hörte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetöne winselten in

der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten

sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen

Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem

Lichte über den Wald hervor drang.

Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß der Stein des Ringes an

ihrem Finger verblaßt war. Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die

Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder.

Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hügel hatten sich gesenkt,

die Bäche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und

als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, standen sie nicht

finstrer oder trauriger da, als die übrigen Bäume; die Hütten hinter

ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes

kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und daß sie über den Hof

gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein

müßten, weil die Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich wie

die Wohnungen andrer armen Leute aussähen; einiges vom Hausrath wäre

zurück geblieben. Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in

der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel vom

Herzen betete, da öffnete sich plötzlich meine Thür, und herein trat

meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine

Reisetasche um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab in

der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil sie deinetwegen nun die

größten und schmerzhaftesten Strafen aushalten müsse, da sie dich doch

immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen nur sehr

ungern diese Gegend.

Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem kam auch der Fährmann vom

Strome herüber, welcher Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht

war ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu

Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet habe, doch mit der Bedingniß, daß

er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der

Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte fort, aber der

seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans

Fenster und schaute nach dem Strome. Große Wolken trieben unruhig durch

den Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war, als wenn meine

Hütte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich

plötzlich ein weißströmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde,

wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und wogend bewegte es

sich von dem finstern Tannengrunde her, zog über das Feld, und

verbreitete sich nach dem Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein

Klirren, ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging nach meiner

Fähre hin, hinein stiegen alle, große und kleine leuchtende Gestalten,

Männer und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der große fremde Mann

fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel

tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weiße Nebel,

und alles klagte und jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus

der geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag und das Wasser

rauschten dazwischen, und dann war wieder plötzlich eine Stille. Oft

stieß die Fähre an, und kam zurück und ward von neuem beladen, auch

viele schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen

trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich weiß es

nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien

es, auf einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; ich sah

aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war über und über mit kostbaren

glänzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so

daß ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle von dorten

aufgehn, und das Morgenroth funkle mir entgegen. So währte es die ganze

Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum

Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Fluß ist wie weg

gelaufen, so daß ich Noth haben werde mein Fahrzeug zu regieren.

Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die Wälder starben ab, die

Quellen vertrockneten, und dieselbe Gegend, die sonst die Freude jedes

Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, und

zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Plätzchen, wo Gras mit

fahlem Grün empor wuchs. Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge

verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, daß der Graf

im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schloß verließ, welches

nachher verfiel und zur Ruine wurde.

Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten Sehnsucht ihre Rose

und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und

welkte, so senkte sie auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge

verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Hütte und beweinte

das entschwundene Glück. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte

ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne

nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte.

* * * * *

Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden. _Wilibald_ war noch

übrig, um sein Mährchen vorzutragen, und er fing sogleich ohne

Einleitung an.

Der Pokal.

1811.

Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Ueber den weiten Platz

wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren

vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der

breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend,

welche herauf stiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein

glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte den Schatten gegen die

Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt,

in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor sich in

den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse aufstiegen. Er dachte

seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefühl, welches sein

Leben durchdrungen und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht hatte. In

derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mädchen

zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem Auge

hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick

war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfräuliche Wange war erröthet;

sein spähendes Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie die Stufen

herauf schritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger

verschob, um die feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt eine

jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor

sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhöhung hinauf mit

lieblicher Anmuth, das seidene Gewand legte sich um den schönsten Körper

und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte sie

den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob sie das Auge und traf

mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz

durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu sprang,

konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht kurze Zeit in der

reizendsten Stellung knieend vor seinen Füßen lag. Er hob sie auf, sie

sah ihn nicht an, sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf

seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte ihr in die Kirche

und sah nur das Bildniß, wie sie vor ihm gekniet, und der schönste Busen

ihm entgegen gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des

Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen,

seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimath; aber von nun

an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie öfter,

sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene

Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein

angesehener eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe,

wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte

seiner Geliebten kein so großes Glück anbieten, als sie zu erwarten

berechtiget war. Da fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige

Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich, denn sein

Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schönsten

Rührung; jezt war ihm die Natur befreundet und ihre Schönheit seinen

Sinnen offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht mehr

fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle Dunkel des

Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen, als in jenen Tagen des

Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur

der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie nur am Fenster sah,

war er für diesen Tag glücklich; er hatte sie in der Dämmerung des

Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, der

aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein Jahr vorüber gegangen.

Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein

Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon

über den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen

Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem sehnsüchtigen

Herzen, und er trat, wie sie sich annäherte, in die Kirche zurück. Er

hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten,

als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr

nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth

und Liebe, es dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein

Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete; jedes Wort des Priesters

durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen;

seine Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes an

den brünstigen rothen Mund drückte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben

und diese Liebe so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester die

Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger und bekreuzte

ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Kräfte und

Gefühle, und das Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung

der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen strömten reichlich aus

seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens.

Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie

sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurück, um keine

Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides

um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem müden verirrten Wanderer, dem

im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er

erwachte aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf die

Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte.

Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den mürrischen Albert, der

von allen Menschen sich zurück zog, und dessen einsames Haus nur dem

jungen Ferdinand geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk?

fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete Ferdinand, und werdet ihr

euer Versprechen heut noch halten? Noch in dieser Stunde, antwortete

jener, wenn ihr mir folgen wollt.

Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Straße in ein großes

Gebäude. Heute, sagte der Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das

Hinterhaus bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa

gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer, dann über einige

Treppen; Gänge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen

glaubte, mußte sich über die Menge der Zimmer, so wie über die seltsame

Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, noch mehr aber

darüber, daß der Alte, welcher unverheirathet war, der auch keine

Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und

niemals an Fremde von dem überflüssigen Raume hatte vermiethen wollen.

Albert schloß endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein großes

hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem Damast ausgeschlagen war, den

goldene Leisten einfaßten, die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge,

und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder gelassen waren,

schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt einen Augenblick, sagte der

Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß

einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, Kreise

und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem

wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er

wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag

auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hölzern

ausgelegt war und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte,

der Stern in der Mitte war ein großes Stück Perlmutter, auf das

kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die

Fensterrose einer gothischen Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da

mein Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist schon

zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus

Spanien mitgebracht. Doch laßt das alles, und setzt euch jezt.

Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem rothen Teppiche

bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus

Mitleid gegen eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich

versprochen, euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden könnt oder

nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwärtiger Stunde lösen, ob

ihr gleich die Sache neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr

dürft euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr

geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen von mir vorgenommen

werden, noch soll euch eine gräßliche Erscheinung erschrecken. Die

Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn ihr

nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt wollen glauben

machen, denn alsdann ist meine Bemühung umsonst und es zeigt sich gar

nichts; oder daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage oder

ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren Sitz verlaßt und das

Bild zertrümmert; ihr müßt mir also versprechen, euch ganz ruhig zu

verhalten.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 23 / 26 段