Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah

ihn nicht mehr. Er ist eigentlich dumm, sagte sie zu sich selbst, denn

ich dürfte nur den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und

drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiß viel

früher an. Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich?

Nein, es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes Hündchen

stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Thier

ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun

ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege. Das

Hündchen bellte immer fort, und da sie es genauer betrachtete, kam es

ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor:

es hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und so

wie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle

äußerst lieblich. Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie,

ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus,

sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen!

Somit sprang das muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen

Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand

sie im Grunde, und rund umher verdeckten die schwarzen Tannen die

Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft.

Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten

umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten

Farben leuchteten, blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich in

den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen an den Spalieren

vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen

kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen

umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel,

oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen

Kirschen, Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war zu sehn,

aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Thür und erhabenem

Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen

außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war,

ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten

Tag. Kommst du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende Kind;

ich habe dich draußen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hündchen

hast du dich gefürchtet. -- So seid ihr wohl keine Zigeuner und

Spitzbuben, sagte Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der

nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. -- Bleib nur bei uns, sagte

die wunderbare Kleine, es soll dir schon gefallen. -- Aber wir laufen ja

in die Wette. -- Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und

iß! -- Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine

geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern

waren gänzlich vergessen.

Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem

fremden Kinde. Schönste Dame, sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein

gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina, sagte

die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich

erst fragen sollen. Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch

schon über die Brücke gelassen war, könnt' ich es thun; auch haben wir

sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber über ihr

muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen.

Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn hier ist es schön,

auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen,

draußen ist es nicht so herrlich.

Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den

Kindern sprangen jezt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie

und ermunterten sie zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder

wunderbares Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen

dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst

entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste

von allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre: ich will immer

bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein, worüber alle

Kinder lachten und sie umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel

machen, sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam mit einem

goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Saamenstaub

befand. Sie faßte mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf

den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und

nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde,

wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem der süßeste

Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria faßte von dem Staube, und als

sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten

Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und

andre erschienen an ihrer Stelle. Jezt, sagte Zerina, mache dich auf

etwas Größeres gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und

stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor

ihnen. Fasse dich fest mit mir, sagte sie, und Maria schlang die Arme um

den zarten Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die Bäume

wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien

bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wieder

schwebend in den rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern

Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stämmen der

Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich

begegneten, unter lautem Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge

hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher

zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andre Kleine sang

einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder eben so

allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die

Wolken gehoben hatten.

Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes. Da saßen viele schöne

Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die

lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In

der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen

denen Kinderfiguren in den anmuthigsten Stellungen kletterten und

schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse

und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie

helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur

flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten

Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinrothen Lippen

den Athem einzuziehn und auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz

der weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen

Augen.

Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach.

Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten

dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen

mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten

gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele kleine

Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander zu suchen und sie in

die Gefäße zu legen; andre, höckricht und krummbeinicht, mit langen

rothen Nasen, trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein, so wie

die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem

Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen

die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht

selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, so daß sie schwer und

tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrüßliche Gesichter und sahen

scheel, als Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten saß

ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig

grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter

in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge

schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu

gehorchen. Was giebts wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm

etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin

antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen.

Immer die alten Kindereien! sagte der Alte; wird der Müßiggang nie

aufhören? Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die

Goldstücke wägen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen

schalt er zornig. Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst,

sagte die Kleine, indem sie weiter gingen.

Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an

einem großen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen

Himmel über sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte

sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches

gekommen waren, sah Marie, daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus

dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese Wasser rechts,

sagte das glänzende Kind, fließen unter euren Garten hinab, davon blüht

dort alles so frisch; von hier kömmt man in den großen Strom hinunter.

Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See unendlich viele Kinder

auftauchend angeschwommen, viele trugen Kränze von Schilf und

Wasserlilien, andre hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre

bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse schallte lustig von

den dunkeln Ufern wieder; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend

die schönsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder

der andern, und hingen ihnen mit Küssen um Hals und Nacken. Alle

begrüßten die Fremde; zwischen diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus

dem See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger und enger ward.

Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den

Felsen. Wie eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz rothe

weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es recht lustig zu? fragte

Zerina. Sie sind eben in Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig,

wie man sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst angenehm.

Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich sah sich Marie in

dem glänzendsten Saal, so daß beim Eintreten ihre Augen vom hellen

Lichte geblendet waren. Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth die

Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt hatte, sah sie zu ihrem

Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der

größten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen

Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres sehn konnte; ihr Körper

war wie von röthlichem Kristall, so daß es schien, als flösse und

spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde Kind

an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie näher

gehen wollte, hielt sie Zerina plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du

verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer!

Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte sie, die allerliebsten

Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns? Wie du in der Luft

lebst, sagte jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und würden hier

draußen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und

kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten

unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Früchte und der

Wein; die rothen Ströme gehn neben den Wasserbächen, und so sind die

flammigen Wesen immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß,

wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn.

Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen

Blumen, die Vögel waren still und die Kinder schliefen in

mannichfaltigen Gruppen in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin

fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen

Sommernacht unter vielerlei Gesprächen bis zum Morgen.

Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten und Milch, und

Marie sagte: laß uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus

gehn, wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so kannst du auch

zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, die dir gewiß gefallen

werden, sie stehn oben auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen

durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller Nachtigallen, dann

stiegen sie über Rebenhügel, und kamen endlich, nachdem sie lange den

Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der

Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie kommt es nur, fragte Marie,

daß wir hier innerhalb so weit zu gehn haben, da doch draußen der

Umkreis nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die Freundin, wie

es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen zu den finstern Tannen hinauf,

und ein kalter Wind wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien

weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche

Gestalten, mit mehligen bestäubten Angesichtern, den widerlichen

Häuptern der weißen Eulen nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln

von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen

Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, die abentheuerlich

neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig.

Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese sind unsre guten

fleißigen Wächter, sagte die kleine Gespielin, sie stehen hier und

wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Fürchten befällt, der

sich uns nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt draußen

regnet und friert, was sie nicht vertragen können. Hier unten kommt

niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer

und Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst würden, so

vergingen sie gar.

Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie wieder in die

Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt ihr keinen Namen, woran man euch

erkennt?

Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind, man spricht auch wohl in

der Welt von uns, wie ich gehört habe.

Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel. Der schöne Vogel ist

angekommen! riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal.

Sie sahen indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle drängte,

alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende Musik heraus. Als

sie hinein getreten waren, sahen sie die große Rundung von den

mannichfaltigsten Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem

großen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder langsam

fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die Musik klang fröhlicher als

sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die

Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende Krone,

die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wölbung

erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grün, durch welches sich die

glänzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein

Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, daß sie wie Edelgesteine

blitzten. Der Schnabel war roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich

regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzückt.

Seine Größe war die eines Adlers. Aber jezt eröffnete er den leuchtenden

Schnabel, und so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in

schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; mächtiger zog

der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen aus, so daß alle, bis auf die

kleinsten Kinder selbst, vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als

er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in

Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die Thür und schwang sich in den

lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte

und sich den Augen dann schnell verlor.

Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie und neigte sich zum

schönen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. Der König kommt!

sagte die Kleine, den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und wo

er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir haben schon lange auf

ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frühling

wartet, und nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft

melden lassen. Dieser herrliche und verständige Vogel, der im Dienst des

Königes gesandt wird, heißt Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem

Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten

Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt er aus Balsam und Weihrauch

ein Nest zusammen, zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er

singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjüngte

Phönix mit neuer Schönheit wieder auf. Selten nur nimmt er seinen Flug

so, daß ihn die Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten,

so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und erwarten wundervolle

Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden müssen,

denn der Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt.

Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch das Gedränge, winkte

Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt

uns verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König will auf

zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein Hoflager hier halten, nun

wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am

meisten hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden ergiebiger, alle

Aecker und Gärten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald

frischer und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine

Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hüte

dich, irgend wem von uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend

fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glück und

die Segnung unsrer Nähe: noch einmal küsse deine Gespielin und lebe

wohl. Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu

umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brücke, die

kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hündchen bellte auf das

herzhafteste und ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte

in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwärze der

verfallenen Hütten, die dämmernden Schatten sie mit ängstlicher Furcht

befielen.

Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser Nacht geängstigt

haben! sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, und ich

darf ihnen doch nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn

habe, auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer gingen an ihr

vorüber, die sie grüßten, und sie hörte hinter sich sagen: das ist ein

schönes Mädchen! Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten

näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, die gestern

voller Früchte hingen, standen heute dürr und ohne Laub, das Haus war

anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in

Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung öffnete

sie die Thür des Hauses, und hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen

einer unbekannten Frau und einem fremden Jüngling. Mein Gott, Vater!

rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -- die Mutter? sprach die Frau

ahndend, und stürzte hervor; ei, du bist doch wohl nicht, -- ja

freilich, freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die liebe

einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter

dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle

waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen. Marie

verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff

nicht, wie die Mutter so verändert und geältert sein konnte, sie fragte

nach dem Namen des jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres,

sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermuthet

wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hören

lassen? -- Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in ihren

Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht finden; sieben

ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres lachend, und schüttelte ihr

treuherzig die Hand; ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor

sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück gewesen, und du

Langsame, kommst nun heut erst an!

Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes

eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzählung

in den Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen

genommen, und an einen fremden Ort geführt sei, wo sie den Leuten den

Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie nachher

nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie

erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich

wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise

ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles gut sein, rief die

Mutter; genug, daß wir dich nur wieder haben, mein Töchterchen, du meine

Einzige, mein Alles!

Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte sich noch in nichts finden.

Das Haus dünkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich über ihre

Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie

betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glänzte und einen

roth brennenden Stein künstlich einfaßte. Auf die Frage des Vaters

antwortete sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter

sei.

Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am andern

Morgen fühlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr

geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen

kamen, besser Red' und Antwort geben. Andres war schon mit dem Frühesten

wieder da, und zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig.

Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm einen tiefen Eindruck

gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft

ließ Marien auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre

Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden war; der alte

Herr und die gnädige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war

bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in guten

Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen

Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie

diese Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schönheit maß,

die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so

erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der

Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über ihre

Schönheit entzückt.

Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich früher als je, so zeitig

hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frühling kam

schöner in das Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten.

Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten die Wiesen und

Auen; die Hügel schienen zu wachsen, die Rebengeländer erhuben sich

höher, die Obstbäume blühten wie niemals, und ein schwellender duftender

Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft. Alles gedieh über

Erwarten, kein rauher Tag, kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein

quoll erröthend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes

staunten sich an, und waren wie in einem süßen Traum befangen. Das

folgende Jahr war eben so, aber man war schon an das Wundersame mehr

gewöhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer

Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheirathet.

Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den

Tannenbäumen zurück; sie blieb still und ernst. So schön auch alles war,

was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, wodurch eine

leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermuth stimmte. Schmerzhaft

traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen

sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie

vertheidigen, die sie als Wohlthäter der Gegend kannte, vorzüglich gegen

Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie

zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So verlebte sie das Jahr,

und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie

Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 22 / 26 段