Rosen, duftende Narzissen,

Alle Blumen schöner prangen,

Wenn sie ihren Busen küssen

Oder in den Locken hangen,

Blaue Veilchen, bunte Nelken,

Wenn sie sie zur Zierde pflückt,

Müssen gern als Putz verwelken,

Durch den süßen Tod beglückt.

Lehrer sind mir diese Blüthen,

Und ich thue wie sie thun,

Folge ihnen, wie sie riethen,

Ach! ich will gern alles bieten,

Kann ich ihr am Busen ruhn.

Nicht auf Jahre sie erwerben,

Nein, nur kurze, kleine Zeit,

Dann in ihren Armen sterben,

Sterben ohne Wunsch und Neid.

Ach! wie manche Blume klaget

Einsam hier im stillen Thal,

Sie verwelket eh es taget,

Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:

Ach, so bitter herzlich naget

Auch an mir die scharfe Quaal,

Daß ich sie und all mein Glücke,

Nimmer, nimmermehr erblicke.

Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein

Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück vorhersagte. Er betrachtete mit

thränenden Blicken das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm ein

Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu ordnen, daß sie den

Namenszug Magelonens ausdrückten. Dann horchte er auf das lispelnde

Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich oft

zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches Gespräch von

Liebe führen wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht,

und jedes Geräusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. Darüber

verlor er sich immer mehr in Träumen; von den Thränen ermüdet schlief er

endlich unter den Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut

den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging ihm sein Herz wie eine

zugeschlossene Knospe auf, und er fühlte eine übergroße Freude.

17.

Peter wird von Fischern aufgefunden.

Aber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte

wieder in das Schiff, um abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn,

aber da er nicht kam, fuhren die übrigen fort.

Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem

erquickenden Schlafe; er erschrak, als er gewahr ward, daß er geschlafen

hatte. Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und das Schiff nirgend

zu sehn. Da senkte sich eine große Traurigkeit in sein Herz, alle seine

Hoffnungen waren wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am Ufer

des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, so daß es finstre

Nacht wurde und er es nicht bemerkte.

Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, und einige Fischer

fuhren mit einem Kahne an die Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen;

sie fanden den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt lag. Das

feste Land war nicht weit von dieser Insel, sie luden ihn daher in ihr

kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu

bringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als ihm

der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hörte, und wie er

vernahm, daß zwei fremde Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn

zu einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen würde. Oft kam

es ihm vor wie ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so

lange, bis sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten.

Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte,

ward er wieder munter und richtete sich auf; er dankte in einem Gebete

Gott, daß er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen habe, dann

gab er den guten Fischern eine Menge Goldes, und ließ sich den Weg nach

der Hütte des Schäfers beschreiben.

Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle

Schatten der Morgen noch dämmerte. Er folgte einem geschlängelten

Fußpfade, und überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach,

das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward darüber so

unmuthig, daß er von Herzen wünschte, endlich zu sterben.

Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und stand vor einer schönen

grünen Wiese, die im Morgenlicht glänzte; gegenüber lag eine kleine

einsame Hütte, und Schaafe wurden von einem alten Manne einen Hügel

hinan getrieben. Alles schimmerte roth und freundlich, und die stille

Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies

die Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und er wünschte,

hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher über die

Wiese, auf der viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau blühten,

der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß ein schlankes schönes

Mägdlein, zu deren Füßen ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er

über die Wiese schritt:

Beglückt, wer vom Getümmel

Der Welt sein Leben schließt,

Das dorten im Gewimmel

Verworren abwärts fließt.

Hier sind wir all befreundet,

Mensch, Thier und Blumenreich,

Von keinem angefeindet

Macht uns die Liebe gleich.

Die zarten Lämmer springen

Vergnügt um meinen Fuß,

Die Turteltauben singen

Und girren Morgengruß.

Der Rosenstrauch mit Grüßen

Beut seine Kinder dar,

Im Thale dort der süßen

Violen blaue Schaar.

Und wenn ich Kränze winde,

Ertönt und rauscht der Hain,

Es duftet mir die Linde

Im goldnen Mondenschein.

Die Zwietracht bleibt dahinten,

Und Stolz, Verfolgung, Neid,

Kann nicht die Wege finden

Hieher zur goldnen Zeit.

Vor mir stehn holde Scherze

Und trübe Sorge weicht;

Allein mein innres Herze

Wird darum doch nicht leicht.

Weil ich die Liebe kannte

Und Blick und Kuß verstand,

So bin ich nun Verbannte

Weit ab im fernen Land.

Die Freude macht mich trübe,

Dunkelt den stillen Sinn,

Denn meine zarte Liebe

Ist nun auf ewig hin. --

Erinnre und erquicke

Dich an vergangner Lust,

Am schwermuthsvollen Glücke,

Denn sonst zerspringt die Brust.

Die Morgenröthe lächelt

Mir zwar noch ofte zu,

Und matte Hoffnung fächelt

Mich dann in schönre Ruh:

Daß ich ihn wieder finde,

Den ich wohl sonst gekannt,

Und daß sich um uns winde

Ein glückgewirktes Band.

Wer weiß, durch welche Schatten

Sein Fuß schon heute geht,

Dann kömmt er über Matten

Und alles ist verweht,

Die Seufzer und die Thränen,

Sie löscht das neue Glück,

Und Hoffen, Fürchten, Sehnen

Verschmilzt in Einen Blick.

18.

Beschluß.

Peter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach

der Hütte hingezogen. Die Schäferin, welche vor der Thür saß, nahm ihn

freundlich auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken.

Die beiden Alten kamen auch bald zurück, und hießen ihren edlen Gast von

Herzen willkommen.

Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte

auf den ersten Blick den Ritter erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie

Schnee vor der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf lag

grün und erfrischt vor ihr, so weit nur ihr Auge reichte. Sie ging in

die Hütte zurück, und gab sich noch nicht zu erkennen.

Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu Kräften gekommen. Er saß mit

Magelonen, ohne daß er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und

Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte ein Zutrauen zu seiner

Verpflegerin, so daß er ihr seine Geschichte und sein ganzes Unglück

erzählte. Magelone stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer, da löste

sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von den Banden frei, die

sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die

sie eingeschlossen hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die Augen

Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er umarmte die wiedergefundene

Geliebte, dann erzählten sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten

und küßten sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor Jammer

oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging ihnen der

Tag.

Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermält,

und alles war in der größten Freude; auch der König von Neapel versöhnte

sich mit seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl zufrieden.

Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder gefunden hatte, ließ er

einen prächtigen Sommerpallast bauen, und setzte den Schäfer zum

Aufseher hinein, den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast

pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann sangen sie

folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben Stelle in jedem

Frühjahre wiederholten:

Treue Liebe dauert lange,

Ueberlebet manche Stund,

Und kein Zweifel macht sie bange,

Immer bleibt ihr Muth gesund.

Dräuen gleich in dichten Schaaren,

Fodern gleich zum Wankelmuth

Sturm und Tod, setzt den Gefahren

Lieb entgegen treues Blut.

Und wie Nebel stürzt zurücke

Was den Sinn gefangen hält,

Und dem heitern Frühlingsblicke

Oeffnet sich die weite Welt.

Errungen

Bezwungen

Von Lieb ist das Glück,

Verschwunden

Die Stunden

Sie fliehen zurück;

Und selige Lust

Sie stillet

Erfüllet

Die trunkene wonneklopfende Brust,

Sie scheide

Von Leide

Auf immer,

Und nimmer

Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!

* * * * *

Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, um Lichter bringen

zu lassen, worauf sie sich gegen Friedrich wandte und sagte: Mir ist

seit meiner frühen Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich danke

Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung der Kranken auf

diese Weise unnöthig gemacht haben; das ländliche Gemälde der heitern

Wiese und stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer.

Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, und habe mir

deshalb diese Umänderung erlaubt, mit der ich jezt aber um so

unzufriedener bin; auch hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu

meiner Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen werde.

Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte Auguste ein, alte

bekannte Geschichten nach Gutdünken und Laune abzuändern, und sie unserm

Geschmack zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren, denn

manches ginge ganz unter, das uns so erhalten bleibt. Sind dergleichen

Erfindungen schon ehemals umgeschrieben und neu erzählt worden, so

begreife ich nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter

ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so viele Mährchen

erzählen, bleibt man gewiß nicht immer der Sache treu, denn in jedem

Erzähler regt sich die Lust, die Umstände anders zu wenden, sie

wunderbarer oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde

Erfindung anzueignen.

Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; wenn aber eine alte

Erzählung einen so herzlichen Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen

großen und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl nur die

Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit, diese Schönheit

ganz zu verkennen, und sie mit einer willkührlichen Abänderung

verbessern zu wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt

als Zweck verliert.

Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es etwas Rührenderes (und zwar

nicht von der Art des Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als

daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem Dienst der

Kranken fromm und andächtig widmet? Lange hat sie dem selbstgewählten

Berufe mit edler Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und

Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre Pflege (nicht, wie

hier erzählt wird, halb ungetreu); sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn

auf wie jeden Kranken; da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen

zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr seine Geschichte;

sie, vor Schrecken und Wonne wie vernichtet, geht in die Kammer, löst

die rollenden goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden ab,

und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor Augen, der mit dem Frühling

der Gesundheit den Lenz der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte

Gedicht ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen Demuth, die neuere

Erzählung ist süß freigeisterisch und ungläubig.

Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten die Geschichte für

das Theater bearbeitet, bemerkte Lothar, und sie in seiner etwas lockern

Manier ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung der

Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht gelegt. Die Sage

selbst scheint mir aber auch völlig undramatisch.

Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch überhaupt noch nicht

recht, was wir dramatisch oder undramatisch nennen sollen. Nach unsern

gewöhnlichen Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von selbst in

das Drama über, und viele Novellen sind Komödien nach dieser Meinung, so

wie wir auch nicht wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die

durchaus nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr geistreich

und witzig sein, wie die des Machiavell zum Beispiel, sind aber darum

doch noch keine Schauspiele. Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde,

muß ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze allseitig

durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes seine Beglaubigung

findet: dazu Individualität und scheinbare Willkühr, zugleich eine

Aufopferung alles dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem

ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle im Drama nur

verdorben worden. Nicht selten hat man Shakspears Lustspiele so angesehn

und beurtheilt. Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen,

verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und wiederum ein

mögliches besseres Theater mit unserm gegenwärtigen und seiner

ungeschickten Form; und in dieser Verwirrung verwerfen wir viele

Gegenstände und Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf

unsrer Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein, daß ein neues

Element erst das dramatische Werk als ein solches beurkundet, so ist

wohl ohne Zweifel eine Art der Poesie erlaubt, welche auch das beste

Theater nicht brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne für die

Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, die vielleicht zugleich

lyrisch, episch und dramatisch sind, die einen Umfang gewinnen, welcher

gewissermaßen dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten aneignen, die

keinem andern dramatischen Gedichte ziemen. Diese Bühne der Phantasie

eröffnet der romantischen Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr dürfte

diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition sich wohl zu zeigen

wagen.

Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern ist es eine alte

hergebrachte Meinung, daß diese Geschichte, so wie wir sie jezt als

Volksbuch besitzen, die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der

sie so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert umgearbeitet

habe. Die Erzählung ist so schön und einfach, daß die Sache an sich

selbst nicht unwahrscheinlich ist.

Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte nach einiger Zeit: O

vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in

ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper,

und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß unser Eulenspiegel

nichts als eine Umwandlung des berühmten verlorenen Margites ist. Wie

recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stände

in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn

wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast

alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und hinab

zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß hier auf meine

Verwunderung zurück kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit

fanatischer Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese

Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung

setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreißig Jahren der gute

alte Büsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme

wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit

durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemüht, Patriotismus und

die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur

Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte mir doch nur das Böse

nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon

hervorgebracht haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht

gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind

nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer

berühmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich

verdächtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Späße im

Eulenspiegel und den Schildbürgern die Nation verderben können? Wird man

denn die Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein setzen,

der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen Bruders aufzeichnet und

der Behörde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne

moralische Gewäsch, welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, von

gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkräutern und

Wohlthätigkeit, die niederen Stände so tief in die edle Gesinnung hinein

und unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit

spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das künftige

Jahrhundert!

Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und

Zauberbücher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu

verbannen, so hätte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine

Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die

dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren anfängt.

Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur

diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verständliche

Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbücher in die Hände zu spielen

suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die

auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer

Beschämung, eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don

Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei

uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem

deutschen Bauer etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe man

doch überhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wäre

dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche,

schwächliche Bildung Nationen aufzuprägen.

Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs unterbreche, es wird

sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben.

Er fing an.

Die Elfen.

1811.

Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater.

Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete die Mutter, mit dem

Sohne unsers Nachbars.

Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind

unbesonnen.

Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist

heiß! sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den

rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft

nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn

aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn

vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo

Menschen in der Nähe sind.

Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie

verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den

Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus

lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete

umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf

zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche

Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und

lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte

jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein

vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn

nicht drückte.

Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich

um sich, und sagte: wie ist doch die Gegend hier so ganz anders,

Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün,

das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll

schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die

Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der

Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und

Freude an der freigebigen Natur.

So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des Flusses ist, so

befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und dürr;

jeder Reisende behauptet aber auch, daß unser Dorf weit und breit in der

Runde das schönste sei.

Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; schau einmal dorthin

zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen

heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige

Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende Bach.

Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, so oft man sich

jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß

selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort

wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde

entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten.

Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem Anschein nach

Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht

ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft

sie duldet.

Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig, arme Leute sein, die

sich ihrer Armuth schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses

nachsagen; nur ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten,

und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine

Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich

ernähren, und Felder haben sie nicht.

Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, was sie

treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo

sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch die

vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen.

Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten.

Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In

einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und

verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude, nur selten sah man

Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr;

jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank

vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge

wahrgenommen, auf deren Schooß eben so häßliche und schmuzige Kinder

sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden

ging wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über den Steg des

Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der

Finsterniß sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches

Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten

wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des

Dorfes und gegen das prächtige neue Schloß, den sonderbarsten Abstich.

Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt; sie verfielen

darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem

langsameren Andres immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! rief

endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die Weite versuchen, dann

wollen wir sehen, wer gewinnt! Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach

dem Strome dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, aber dort

auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier,

ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das

Feld hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen kommen,

so sehen wir dann, wer der beste ist.

Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, so hindern wir uns auch

nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf

gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 21 / 26 段