sie daher etwas auf, und ihr weißer schöner Busen trat aus den
verhüllenden Gewändern hervor. Peter war über die unaussprechliche
Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein, und alle seine Sinne
wandten sich um; er konnte nicht aufhören seine Augen zu weiden und sich
an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte
Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er Magelonen noch nie so
geliebt habe, daß er noch niemals so glücklich gewesen sei. Zwischen den
Brüsten versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig zu
erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn und wickelte ihn aus einander.
Da fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt
hatte, und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und sorgfältig
bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und legte sie neben sich in das
Gras; aber plötzlich flog der Rabe vom Baume hernieder und führte den
Zindel hinweg, den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter
erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden möchte, wenn
ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfältig seinen
Mantel unter das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der
Vogel mit den Ringen bleiben würde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter
warf nach ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten, oder ihn
wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder fallen zu lassen. Aber der
Vogel flog immer weiter und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner
von den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war ihm Peter schon
eine ziemliche Weile gefolgt, und kam jezt an das Meerufer. Nicht weit
vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der
Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; der Vogel ließ
endlich den Zindel fallen, und flog mit großem Geschrei davon. Peter sah
im Meere nicht weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging am Lande
hin und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das
Wasser hinein fahren könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten,
verwitterten Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, weil er
ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig,
und ruderte damit, so gut er nur konnte, nach dem Zindel hin.
Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker Wind, die Wellen
jagten sich über einander und ergriffen den kleinen Kahn, in welchem
Peter stand. Peter setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das
Schiff ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein getrieben, und
weiter und immer weiter. Peter sah zurück, und kaum bemerkte er noch den
rothen Flecken, den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand er
völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. Nun gedachte Peter an
seine Magelone zurück, die er im wüsten Holze schlafend verlassen hatte;
das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, und er
kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu
stürzen, er schrie und klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück,
und die Wellen plätscherten laut dazwischen.
Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen Ferne, die
Dämmerung des Abends brach herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in
der höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich werden
wir von einander geschieden! Eine schwarze Hand treibt mich von deiner
Seite in das wüste Meer hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was
willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach! ich bin Schuld an
deinem Tode! Mußte ich dich darum, dich Königstochter von deinen Eltern
entführen, um dich der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so
zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute der wilden
Thiere werden mußt? Was wird sie nun machen, wenn sie erwacht, und den
vermißt, den sie für den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum
mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte ich sie nicht an
ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so sicher waren? O weh mir, nun
ist alles verloren und ich muß mich in mein Verderben finden!
Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf dem wüsten Meere äußerst
trübselig. Er verlor alle Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond
schien vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener Dämmerung;
alles war still, nur die Wellen seufzten und plätscherten, und Vögel
flatterten zu Zeiten mit seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne
standen ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in der wogenden
Fluth. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme:
So tönet dann, schäumende Wellen,
Und windet euch rund um mich her!
Mag Unglück doch laut um mich bellen,
Erbost sein das grausame Meer!
Ich lache den stürmenden Wettern,
Verachte den Zorngrimm der Fluth;
O mögen mich Felsen zerschmettern!
Denn nimmer wird es gut.
Nicht klag' ich, und mag ich nun scheitern,
In wäßrigen Tiefen vergehn!
Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,
Den Stern meiner Liebe zu sehn.
So wälzt euch bergab mit Gewittern,
Und raset, ihr Stürme, mich an,
Daß Felsen an Felsen zersplittern!
Ich bin ein verlorener Mann.
Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe Betäubung ergriff ihn; er
wußte vor Uebermaß des Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich
gleichgültig von Wind und Wellen weiter treiben; endlich verfiel er in
einen Zustand, der fast einem Schlafe glich.
12.
Die Klagen der schönen Magelone.
Magelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen Schlaf erquickt
hatte, und meinte, daß ihr Geliebter noch bei ihr säße. Sie erschrak,
als sie sich aufrichtete und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine
Weile, ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin und her, und
rief seinen Namen mit lauter Stimme aus. Da sie keine Antwort vernahm,
fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze nach
allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser war, aber sie erhielt
keine Antwort. Da wurde sie so betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz
im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine Weile in
einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte, däuchte
ihr, daß es ein Leichtes sein müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie
nicht mehr auf die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn sie
die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß jede Kreatur, die sich
regte und bewegte, glücklicher sei, als sie.
Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um sich in der Gegend
umzusehn, ob sie nichts entdecken könne, aber sie sah nichts als Wälder
auf der einen Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge reichte,
auf der andern Seite das wüste unabsehliche Meer. Trostlos stieg sie
wieder herab, und weinte und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief
sie aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? Hast du
mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der Wüstenei
verschmachten soll? Was hab' ich dir gethan? Hab' ich dich zu sehr
geliebt? Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein schwaches Herz zu
früh zu erkennen gab? O, so bist du der Elendeste unter den Menschen!
Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die
noch so angebunden standen, wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb
mir, mein Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, daß du
unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise verlassen hast.
Welches Abentheuer hat uns denn von einander getrennt?
Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne
Strahlen durch den Wald; seltsame fremde Stimmen ließen sich in der
Ferne hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei wilder Thiere
sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen Baum. Die Wolken wechselten am
Himmel wunderlich vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander;
bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter, der mit
Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge das
Wolkengebilde in ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am Himmel
Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige
Castelle brannten, Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde
im Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch die Landschaft,
und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig zwischen den getrennten
Wolkenbildern; dann fühlte sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit
bangem Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die schwarz
in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie sah nach der See hinab,
die in unermeßlicher Fläche vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der
stillen Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre, das bald wie
Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte klang; dann glaubte sie die
Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr
Gemüth unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor kam. Wie
verschieden war diese Morgenröthe von der gestrigen! Wie weit stand jezt
die Hoffnung weg, die gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer
Schmetterling vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben
Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte und auf sie hindeutete.
Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen, das frühe Roth
arbeitete sich durch den dichten Wald, schlich gebückt und wundersam
durch die niedrigen Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf; der Wald
brannte in dunkelrothen Flammen und der Nebel wand sich in goldenen
Säulen um die Baumstämme. Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht
zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen Zorn, sie
wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen
abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in Frömmigkeit
und Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder
zu den treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrübt
zur Erde senkten. Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten, wohin
sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun auch hin durch die weite
traurige Welt, und suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen
will. Die Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg.
Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie hatte einige Nahrung mit
sich genommen. Um sich unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen
goldenen Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht; sie suchte auch
ihre Kleidung zu verändern. So kam sie durch manche Dörfer und Städte
und blieb immer betrübt.
Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer
freundlichen stillen Wiese, gegenüber lag eine kleine Hütte, und Vieh
weidete auf den nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes
Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der andern Seite lag ein
Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit
ruhig und heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen
Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, aus der ihr ein alter
Schäfer entgegen trat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte,
und fern von der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog, und einen
kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und flehte als eine Unglückliche
um Schutz und Hülfe. Er nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den
Diensten willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem
Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, daß sie einem Unglücklichen
beistehn konnten, wenn ihn der Schiffbruch an die nahgelegene Küste
trieb, und dann zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig.
Wenn die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang dann manchmal
in der Einsamkeit mit der Spindel vor der Thüre sitzend:
Wie schnell verschwindet
So Licht als Glanz,
Der Morgen findet
Verwelkt den Kranz,
Der gestern glühte
In aller Pracht,
Denn er verblühte
In dunkler Nacht.
Es schwimmt die Welle
Des Lebens hin,
Und färbt sich helle,
Hats nicht Gewinn;
Die Sonne neiget,
Die Röthe flieht,
Der Schatten steiget
Und Dunkel zieht:
So schwimmt die Liebe
Zu Wüsten ab,
Ach! daß sie bliebe
Bis an das Grab!
Doch wir erwachen
Zu tiefer Quaal:
Es bricht der Nachen,
Es löscht der Strahl,
Vom schönen Lande
Weit weggebracht
Zum öden Strande,
Wo um uns Nacht.
13.
Peter unter den Heiden.
Peter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne eben in aller
Majestät über die große Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz
schwang sich durch den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden
Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten sich in Purpur,
Wolkenzüge trieben vor der Sonne her und segelten, wie von der Majestät
geschreckt, über das Meer hinweg, und ein sprühender Regen von Funken
verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in Bogen über die Fluth.
Peter fühlte wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen des
Lebens so wie seine Freuden zu erdulden.
Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt
war; sie nahmen ihn ein und freuten sich über diese Beute, denn Peter
war gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein
zartes und einnehmendes Wesen, so daß niemand sein Feind sein konnte.
Der Anführer des Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk
mitzubringen.
Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen
großen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm
auch die Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter war
allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig angesehen wurde. Oft
ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens, und dachte an seine
geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine Zither und
sang:
Muß es eine Trennung geben,
Die das treue Herz zerbricht?
Nein dies nenne ich nicht leben,
Sterben ist so bitter nicht.
Hör' ich eines Schäfers Flöte,
Härme ich mich inniglich,
Seh ich in die Abendröthe,
Denk ich brünstiglich an dich.
Giebt es denn kein wahres Lieben?
Muß denn Schmerz und Trauer sein?
Wär' ich ungeliebt geblieben,
Hätt' ich doch noch Hoffnungsschein.
Aber so muß ich nun klagen:
Wo ist Hoffnung, als das Grab?
Fern muß ich mein Elend tragen,
Heimlich stirbt das Herz mir ab.
14.
Die Heidin Sulima liebt den Ritter.
Peter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend
verzehrt hätte. Er war nun schon seit lange am Hofe des Sultans und von
ihm und den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward von
manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente diesen Neid nicht, denn er
ward von seiner Unruhe hin und her getrieben, er seufzte und klagte
laut, wenn er sich im Garten allein befand.
So verstrich eine Woche nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr
unter den Heiden, ohne daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes
Vaterland zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so sehr, daß er
ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. Dies zog sich Peter auch
zu Sinne und ward darüber mit jedem Tage betrübter, denn er dachte
unaufhörlich an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm
Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er bei seiner Ankunft,
und trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging.
Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schönheit wegen
berühmt war, mit Namen Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu
sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich eine heftige Liebe
zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die Traurigkeit des Ritters zog sie
vorzüglich an, sie wünschte ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen,
und mit ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Eine
vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in einen Saal des Gartens
zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte sich über
die Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen fest.
Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu sehn, bemeisterte sich
bald aller seiner Sinnen so sehr, daß er einem kühnen Anschlage
nachdachte. Er sah das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie
aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu einem Verwandten, der
ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink sogleich die
Anker lichten würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch eine
Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie
abholen solle. Peter überlegte diesen Vorschlag und willigte endlich
ein, denn er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, und er
komme doch so in die Christenheit und zu seinen Eltern zurück.
Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht
war jezt herbei gekommen. Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den
kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm in aller Herrlichkeit,
aber mit einer drohenden Geberde, im Traum erschienen. Die ganze
Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede
Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen Empfindungen
zurück, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich selber und seinem
Vorsatze. Er hätte sich selber entfliehen mögen, und das Andenken an
sich und sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen.
Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne glänzten schon am Himmel;
der Mond ging auf und warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als
Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein frischer Wind blies
vom Lande her durch den Garten, und die Bäume rauschten munter und
fröhlich, aber Peter ward dadurch nur desto betrübter.
O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, will ich so ihre Liebe
belohnen, will ich als ein Meineidiger in mein Vaterland zurück kehren?
Das wäre mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und der ganzen
Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen die Augen aufschlagen
dürfen, wenn sie noch lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so
wunderbar erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß ich für mich
selber noch nichts gewagt habe! Warum überlaß ich mich nicht dem gütigen
Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in das Meer hinein?
Ueberließ ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten
Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn
von Vaterland, wenn von meiner Liebe die Rede ist?
Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom Lande ablöste, dann
nahm er ein Ruder und arbeitete sich in die See hinein. Es war die
schönste Sommernacht; alle Gestirne sahen freundlich in die
mondbeglänzte Welt hinein, das Meer war eine stille ebene Fläche, und
warme Lüfte spielten über dem ruhigen Spiegel hin. Peters Herz ward groß
von Sehnsucht, er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und ruderte
muthig weiter; da hörte er das verabredete Zeichen, eine Zither erklang
aus dem Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu:
Geliebter, wo zaudert
Dein irrender Fuß?
Die Nachtigall plaudert
Von Sehnsucht und Kuß.
Es flüstern die Bäume
Im goldenen Schein,
Es schlüpfen mir Träume
Zum Fenster herein.
Ach! kennst du das Schmachten
Der klopfenden Brust?
Dies Sinnen und Trachten
Voll Quaal und voll Lust?
Beflügle die Eile
Und rette mich dir,
Bei nächtlicher Weile
Entfliehn wir von hier.
Die Segel sie schwellen,
Die Furcht ist nur Tand:
Dort, jenseit den Wellen,
Ist väterlich Land.
Die Heimath entfliehet;
So fahre sie hin!
Die Liebe sie ziehet
Gewaltig den Sinn.
Horch! wollüstig klingen
Die Wellen im Meer,
Sie hüpfen und springen
Muthwillig einher,
Und sollten sie klagen?
Sie rufen nach dir!
Sie wissen, sie tragen
Die Liebe von hier.
Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief
ihm seine Untreue und seinen Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um
sich vom Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den die
lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten. Der Geist der
Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts
ziehn, Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch
dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache, dessen Sinn man
aber dennoch erräth.
Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer. Schon sah Peter die Bäume
am Gestade nicht mehr; es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer
nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter zu schwimmen
wagte, sondern zum einheimischen Ufer zurück schlich; denn jezt hörte er
den Gesang nur noch wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch
auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, und der Ruderschlag
ertönte durch die einsame Stille.
15.
Wie Peter wieder zu Christen kam.
Wie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder frischen Muth; er
ließ das Schifflein vom Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang:
Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,
Zurückbleibt alles Bangen,
Die Brust mit neuem Muthe strebt,
Erwacht ein neu Verlangen.
Die Sterne spiegeln sich im Meer,
Und golden glänzt die Fluth. --
Ich rannte taumelnd hin und her,
Und war nicht schlimm, nicht gut.
Doch niedergezogen
Sind Zweifel und wankender Sinn,
O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,
Zur längst ersehnten Heimath hin.
In lieber dämmernder Ferne,
Dort rufen einheimische Lieder,
Aus jeglichem Sterne
Blickt sie mit sanftem Auge nieder.
Ebne dich, du treue Welle,
Führe mich auf fernen Wegen
Zu der vielgeliebten Schwelle,
Endlich meinem Glück entgegen!
Als das Morgenroth aufging, sah er das Land nur noch wie eine
unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erschrak beinah,
als ihn das allmächtige Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich
umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn zu, und er hätte beinah
geglaubt, daß er sein ehemaliges Unglück nur von neuem träume; aber als
es näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen waren, die ihn
sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hörte, daß sie nach
Frankreich segelten.
16.
Der Ritter auf der Reise.
Um die Zeit war der Graf von der Provence nebst seiner Gemalin sehr
betrübt, weil sie noch gar keine Nachrichten von ihrem geliebten Sohne
bekommen hatten. Besonders aber war die Mutter in Angst, denn sie hatte
eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn nach so langer Zeit wieder zu
sehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr
schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da sollte ein Fest gegeben
werden, und ein Fischer brachte einen großen Fisch in die gräfliche
Küche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche,
die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte sich über die
Maßen, denn sie erkannte sie für eben diejenigen, die sie ihrem Sohne
gegeben hatte. Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet,
denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare Weise Kundschaft von
meinem Sohn bekommen habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht
verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen
Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen wird. --
Peter stand im Schiffe und sah immer nach der Gegend hin, wo die
erwünschte Heimath lag. Die Fahrt war glücklich, und man landete an
einer kleinen unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen. Alles
Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er ging durch ein
anmuthiges Thal und verlor sich hinter einigen Hügeln in das Land
hinein; da setzte er sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich
stehn. Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und
er dachte innig an Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. Wie kann
der Liebende, rief er aus, sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich
nicht diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene
Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und Rose neben einander, an
ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn der Wind in den Blumen sich
bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen Namen
auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ihn, für die übrigen Menschen
unverständlich, aber mir laut und vernehmlich.
Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet
hatte, und wiederholte ihn jezt:
Süß ists, mit Gedanken gehn,
Die uns zur Geliebten leiten,
Wo von blumbewachsnen Höhn
Sonnenstrahlen sich verbreiten.
Lilien sagen: unser Licht
Ist es, was die Wange schmücket;
Unsern Schein die Liebste blicket:
So das blaue Veilchen spricht.
Und mit sanfter Röthe lächeln
Rosen ob dem Uebermuth,
Kühle Abendwinde fächeln
Durch die liebevolle Gluth.
All ihr süßen Blümelein,
Sei es Farbe, sei's Gestalt,
Malt mit liebender Gewalt
Meiner Liebsten hellen Schein,
Zankt nicht, zarte Blümelein.