Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher

aber hing sie an einer feinen Perlenschnur den Ring um den Nacken, daß

er ihr auf der Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in einem

schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein flimmerte auf

allen grünen Blättern, und wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres

Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vögel

staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken

zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten

wieder. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus einem dunkeln

Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch köstlichern Ring

an den Finger, und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide

wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie

waren von der Welt getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe

wohnend, und wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen und

Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren.

Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte, erzählte sie alles der

Amme, und diese sah jezt ein, daß sie ihren ganzen Sinn auf den

Unbekannten gesetzt hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein müsse,

worüber sie sehr nachdenklich wurde.

6.

Wie der Ritter Magelonen einen Ring

übersandte.

Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es

geschah, daß sie sich in derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh,

als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie zu und

erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte ihm alles, wie sie für

großer Liebe den Ring für sich behalten, und die geschriebenen Worte

gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter ward roth vor

Freuden, als er diese Umstände erzählen hörte und sagte: Ach, liebe

Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor

Sehnsucht verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen kann;

spreche ich sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst Niemand

thue, meinen Stand und Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer

Liebe, wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete zum

Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum ehelichen Gemal überkommen

möchte, und daß ihre Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet

wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen Ring, und bittet

sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen.

Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die vor übergroßer Liebe

krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre

Kundschafterin erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. Die

Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den kostbaren Ring. Sieh! rief

die Prinzessin aus, das ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o!

so muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt enthielt dieses

Lied:

Willst du des Armen

Dich gnädig erbarmen?

So ist es kein Traum?

Wie rieseln die Quellen,

Wie tönen die Wellen,

Wie rauschet der Baum!

Tief lag ich in bangen

Gemäuern gefangen,

Nun grüßt mich das Licht;

Wie spielen die Strahlen!

Sie blenden und malen

Mein schüchtern Gesicht.

Und soll ich es glauben?

Wird keiner mir rauben

Den köstlichen Wahn?

Doch Träume entschweben,

Nur lieben heißt leben:

Willkommene Bahn!

Wie frei und wie heiter!

Nicht eile nun weiter,

Den Pilgerstab fort!

Du hast überwunden,

Du hast ihn gefunden,

Den seligsten Ort!

Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring, und dann auch den

ersten, um ihn nicht zu kränken; dann las sie die Worte von neuem, und

sprach sie laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät in die

Nacht.

7.

Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing

von der schönen Magelone.

Der Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er

hoffte, von der Geliebten seiner Seele dort eine Nachricht zu

überkommen. Die Amme fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der

Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und die Amme

Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie sagte: Wenn ihr mir versichert,

Herr Ritter, daß ihr mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben

wollt, so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen könnt.

Peter ließ sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die Höhe.

Ich schwöre, sagte er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone

sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit, wie es dem

ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht wahr ist, so verlasse mich Gott

in meiner allergrößten Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure wohl

zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und sagte: ich sehe, daß ihr

nicht nur der tapferste, sondern auch der edelste Ritter seid auf Gottes

weiter Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von mir

gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen und sie ist glücklich

in euch; macht euch daher morgen Nachmittag fertig, durch die heimliche

Pforte des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen.

Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz unverholen eure

Herzensmeinungen ausreden könnt.

Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn. Der Ritter stand noch lange

und sah ihr im trunkenen Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was

er gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt, rückte ihm nun

so unerwartet näher, daß er es im frohen Entsetzen nicht zu genießen

wagte. Der Mensch erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn

glücklich macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne umändert,

so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu leicht an der Wirklichkeit

des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in

trüber Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke überschüttet, rief

er aus, daß ich gar nicht zu mir selber kommen kann! Wie wohl würde mir

jezt ein Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich! Wenn

wir unsre kühnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an

ihrem edlen Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie

mir plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch die übrige Welt

wahrzunehmen vermag.

Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe

seit der Stunde still, in der er die treue Amme gesprochen hatte, denn

es wollte nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne Licht in

seiner Kammer und betrachtete die Wolken und Sterne, und sein Herz

schlug ihm ungestüm, wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen

dachte. Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne, und daß es die

bezeichnete Stunde wagen werde, herauf zu kommen. Eingedämmert von

Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf

seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine

Kammer herein spielten, und hell und fröhlich an den Wänden zuckten.

Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jezt

vor dem Gedanken, daß er sie sprechen müsse; dennoch war es sein

herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm

er die Laute und sang:

Wie soll ich die Freude,

Die Wonne denn tragen?

Daß unter dem Schlagen

Des Herzens die Seele nicht scheide?

Und wenn nun die Stunden

Der Liebe verschwunden,

Wozu das Gelüste,

In trauriger Wüste

Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,

Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?

Wie geht mit bleibehangnen Füßen

Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!

Und wenn ich werde scheiden müssen,

Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!

Schlage, sehnsüchtige Gewalt,

In tiefer treuer Brust!

Wie Lautenton vorüber hallt,

Entflieht des Lebens schönste Lust.

Ach, wie bald

Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.

Rausche, rausche weiter fort,

Tiefer Strom der Zeit,

Wandelst bald aus Morgen Heut,

Gehst von Ort zu Ort;

Hast du mich bisher getragen,

Lustig bald, dann still,

Will es nun auch weiter wagen,

Wie es werden will.

Darf mich doch nicht elend achten

Da die Einzge winkt,

Liebe läßt mich nicht verschmachten,

Bis dies Leben sinkt;

Nein, der Strom wird immer breiter,

Himmel bleibt mir immer heiter,

Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,

Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.

8.

Wie Peter die schöne Magelone besuchte.

Jezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter

seine geliebte Magelone besuchen sollte. Er ging heimlicherweise durch

die Pforte des Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die Prinzessin

fand. Magelone saß auf einem Ruhebett und wollte aufstehn, als sie den

Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen

und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie sich und blieb

sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog ihr ganzes Gesicht, so daß

sie aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die

jezt der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus einander lockt.

Eben so war auch der Ritter, der mit verschämtem Gesicht vor ihr stand,

auf welchem holdselige Freude und Verwirrung sich wechselsweise

ablösten.

Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf

ein Knie nieder; Magelone reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn

und sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte an ihrer

Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende Sterne, so trunken war er

vor Entzückung, daß er nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor

seinen Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang kommen; ihre

zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, störten die Worte;

aber endlich entdeckte sich ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr

ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr sein

ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch ihre Liebe wie von

Engelshänden berührt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fühle.

Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war,

wobei er ihre lilienweiße Hand küßte. Sie war über seine Treue innig

bewegt, stand auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm um

den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch für mein und mich für

die eurige, nehmt dieses Andenken, und tragt es immer, so lieb ihr mich

habt. Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme und küßte ihn

herzlich auf den Mund, und er erwiederte den Kuß und drückte sie gegen

sein Herz.

Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als

wenn er seinen Waffenstücken und seiner Laute sein Glück erzählen müsse;

er war so froh, als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen

Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte das Instrument und

weinte heftig. Dann sang er mit großer Inbrunst:

War es dir, dem diese Lippen bebten,

Dir der dargebotne süße Kuß?

Giebt ein irdisch Leben so Genuß?

Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,

Alle Sinne nach den Lippen strebten!

In den klaren Augen blinkte

Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,

Alles klang im Herzen wieder,

Meine Blicke sanken nieder,

Und die Lüfte tönten Liebeslieder!

Wie ein Sternenpaar

Glänzten die Augen, die Wangen

Wiegten das goldene Haar,

Blick und Lächeln schwangen

Flügel, und die süßen Worte gar

Weckten das tiefste Verlangen:

O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth!

Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.

9.

Turnier zu Ehren der schönen Magelone.

Der König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß seine schöne Tochter in

kurzer Zeit mit Herrn Heinrich von Carpone vermält würde, der sich in

dieser Absicht schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder

ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches alle vorhergehenden an

Pracht übertreffen sollte, und viele berühmte Ritter aus Italien und

Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der

Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den jungen

Grafen zum Ritter geschlagen hatte.

Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle die großen Ritter zogen auf

den Plan, und hielten sich männlich. Peter war ungeduldig und einer der

ersten, welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele Ritter

von ihren Rossen stach, unter andern auch den Herrn Heinrich. Magelone

stand oben auf dem Altane, und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen

bald roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich sein Oheim,

der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar wohl, er rief deshalb

den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter:

er habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst erwiesen,

deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn

ohnedies für den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward über

den Antrag zornig, und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so

sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, um auch mir zu

Gefallen zu leben; meint er denn, daß ich seiner nicht werth sei. Denn

er wird hier für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch seine

Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem wirklich so sei. Blieb also

mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom

Herolde die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen einander, aber

Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu

verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die

Lanze zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle

verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch einmal die Bahn

zurück, dann ritten sie wieder gegen einander, und Peter trug seine

Lanze wie das erstemal; alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die

Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr Jakob rannte wieder

mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine Lanze traf auf Peters

Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel sitzen,

und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob dadurch von sich selber vom

Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine

Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch die

übrigen Ritter, so daß ihm der Preis mußte zuerkannt werden; der König

und alle vom Hofe waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen

ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen des unbekannten

Siegers durchaus nicht erfahren konnten. --

Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern heimlich besucht,

und so nahm er sich einmal vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als

er sie daher wieder sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher

Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern würden seinetwegen

in der größten Betrübniß leben, da sie ihn so lange nicht gesehn, auch

keine Nachricht von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte hörte,

ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen, und sank in den Sessel

zurück. Ja, reiset nur ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen

sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht wieder und mein Tod

ist gewiß. Was kümmert er euch? Nun also, was kümmert er mich? -- O

verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt eure Eltern wieder

sehn, ihr habt euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten; wie

werden sie um euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. Ja,

lebt dann wohl, auf ewig wohl!

Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich bleibe; wie könnte ich

fortziehn, und dich nicht mehr sehn, nicht mehr diese theuren Augen

erblicken und Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe Stimme

nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus dem Paradiese in mein Ohr

dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen

Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier.

Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie sich eine Weile. Wenn

ihr mich liebt, fing sie wieder an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure

Worte haben einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in

meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen, es ist jezt an dem,

daß mich mein Vater mit dem Herrn Heinrich von Carpone vermälen will.

Darum flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich traue eurem

Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken Pferden vor der

Gartenpforte, aber laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle

Reise wohl vertragen können, denn so man uns einholte, wären wir alle

elend.

Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese Worte. Ja, rief er aus,

wir fliehen schnell zu meinem Vater, und das schönste Band soll uns dann

auf ewig verbinden.

Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten schnell und heimlich

zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits auch das Nöthige, sagte aber

ihrer Amme kein Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles

verrathen möchte.

Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch

die er so oft in seliger Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als

Zeugen seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend, als er die getreue

Laute auf seinem Tische liegen sah, die so oft von seinen Fingern

gerührt die Gefühle seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine

Mitwisserin des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch einmal und

sang:

Wir müssen uns trennen,

Geliebtes Saitenspiel,

Zeit ist es, zu rennen

Nach dem fernen erwünschten Ziel.

Ich ziehe zum Streite,

Zum Raube hinaus,

Und hab' ich die Beute,

Dann flieg ich nach Haus.

Im röthlichen Glanze

Entflieh ich mit ihr,

Es schützt uns die Lanze,

Der Stahlharnisch hier.

Kommt, liebe Waffenstücke,

Zum Scherz oft angethan,

Beschirmet jezt mein Glücke

Auf dieser neuen Bahn.

Ich werfe mich rasch in die Wogen,

Ich grüße den herrlichen Lauf,

Schon mancher ward nieder gezogen,

Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.

Ha! Lust zu vergeuden

Das edele Blut!

Zu schützen die Freuden,

Mein köstliches Gut!

Nicht Hohn zu erleiden,

Wem fehlt es an Muth?

Senke die Zügel,

Glückliche Nacht!

Spanne die Flügel,

Daß über ferne Hügel

Uns schon der Morgen lacht!

10.

Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh.

Die Nacht war gekommen. Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch

den Garten; der Himmel war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames

Mondlicht drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen

Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun auf immer

verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und ihr war,

als wenn die Gesträuche winselten und klagten, und ihr ein zärtliches

Lebewohl nachriefen.

Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von

einem leichten und bequemen Gange für das Fräulein; auf einem andern

Pferde waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht nöthig hätten

in Herbergen einzukehren. Peter hob das Fräulein auf den Zelter, und so

flohen sie heimlicherweise und unter dem Schutze der Nacht davon.

Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald,

daß der Ritter in der Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß

er seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele Leute aus, um

sie aufzusuchen; diese forschten fleißig nach, aber alle kamen nach

verschiedenen Tagen unverrichteter Sache zurück.

Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach den Wäldern zugeritten

war, die in der Nähe des Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten

und fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten sicher

unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. Der Tritt von den Pferden

hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in

der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich, denn sie

hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie weidete sich an seinem

Antlitze, wenn sie über einen freien Platz trabten; sie fragte ihn

mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging ihnen

unter banger Erwartung, Gespräch und schönen Hoffnungen die langwierige

Nacht.

Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße Nebel durch den Wald, wie

Gottes Segen, der seine Reise antrat und durch unwegsame Büsche den

Saatfeldern zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie zogen durch den

Flug des Nebels weiter, und durch den Morgenwind, der die ganze Natur

aus ihrem tiefen Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über keine

Beschwer, denn sie empfand keine.

Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte mit glühendem Funkeln

durch den dichten Wald; das grüne Gras schien am Boden zu brennen, und

der wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. Die Rosse

wieherten, die Vögel erwachten und sprangen mit ihren Liedern von Zweig

zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten

im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem Boden hinweg; durch den

blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der

aufgegangenen Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen, die

muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rothdämmernde

Welt hinein.

Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und der schönen Magelone ging

darüber das Herz vor Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume

hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die beiden Reisenden

sahen in der Gluth des Himmels, im Glanz des frischen Waldes nur einen

Wiederschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte es

mit wehmüthiger Freude.

Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag fühlte Magelone eine

große Müdigkeit; beide stiegen daher an einer schönen kühlen Stelle des

Waldes von ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf einer kleinen

Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte sich Peter nieder und breitete

seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte

in dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit zärtlichen Augen

an, und Magelone sagte: Wie wohl ist mir hier, mein Geliebter, wie

sicher ruht sichs hier unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit

allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen, ein liebliches

Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; aus dem dichten Walde schallt

Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es

ist hier so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern unter uns, als

wenn sich mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort

gäben; wenn ich dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges

Erschrecken, daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und einer dem

andern ganz eigen. Laß noch deine süße Stimme durch dieses harmonische

Gewirr ertönen, damit die schöne Musik vollständig sei, ich will

versuchen ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten Zeit,

damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen können.

Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen, und die

langen schwarzen Wimpern einen lieblichen Schatten auf dem holden

Angesichte bildeten; er sang:

Ruhe, Süßliebchen im Schatten

Der grünen dämmernden Nacht,

Es säuselt das Gras auf den Matten,

Es fächelt und kühlt dich der Schatten,

Und treue Liebe wacht.

Schlafe, schlaf' ein,

Leiser rauschet der Hain, --

Ewig bin ich dein.

Schweigt, ihr versteckten Gesänge,

Und stört nicht die süßeste Ruh!

Es lauscht der Vögel Gedränge,

Es ruhen die lauten Gesänge,

Schließ, Liebchen, dein Auge zu.

Schlafe, schlaf' ein,

Im dämmernden Schein, --

Ich will dein Wächter sein.

Murmelt fort ihr Melodieen,

Rausche nur, du stiller Bach,

Schöne Liebesphantasieen

Sprechen in den Melodieen,

Zarte Träume schwimmen nach,

Durch den flüsternden Hain

Schwärmen goldene Bienelein,

Und summen zum Schlummer dich ein.

11.

Wie Peter die schöne Magelone verließ.

Peter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert, aber er

ermunterte sich wieder, und betrachtete das holdselige Angesicht der

schönen Magelone, die im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und

bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel oben in den Zweigen

sich versammelten, die nicht scheu thaten, sondern hin und her hüpften,

auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es

ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der schönen Magelone

ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen

schwarzen Raben sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser

häßliche Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, es dünkt mir

nicht anders, als wenn sich ein grober ungeschliffener Knecht unter edle

Ritter eindrängen wollte.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 19 / 26 段