Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen
daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen
aufwecken, weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer Ton ist, der im
Ohre schläft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie
fortredet, so daß ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel
versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft nur allzuschnell
entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken
wieder sucht.
Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war
ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er
wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte ihn
vor.
Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen
wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jüngling die
Erfahrensten aus dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern
unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt und für den besten und
stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schämte
sich manchmal selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte
überwunden haben.
Unter andern war auch ein Sänger mit herbei gekommen, der viele fremde
Länder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung
übertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte
ihn ungemein, schloß aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich
euch rathen sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde
Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf daß sich eure
Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben,
verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden
könnt.
Er nahm seine Laute und sang:
Keinem hat es noch gereut,
Der das Roß bestiegen,
Und in frischer Jugendzeit
Durch die Welt zu fliegen.
Berge und Auen,
Einsamer Wald,
Mädchen und Frauen
Prächtig im Kleide,
Golden Geschmeide,
Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.
Wunderlich fliehen
Gestalten dahin,
Schwärmerisch glühen
Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.
Ruhm streut ihm Rosen,
Schnell in die Bahn,
Lieben und Kosen,
Lorbeer und Rosen
Führen ihn höher und höher hinan.
Rund um ihn Freuden,
Feinde beneiden,
Erliegend, den Held, --
Dann wählt er bescheiden
Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.
Und Berge und Felder
Und einsame Wälder
Mißt er zurück.
Die Eltern in Thränen,
Ach alle ihr Sehnen, --
Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.
Sind Jahre verschwunden,
Erzählt er dem Sohn
In traulichen Stunden,
Und zeigt seine Wunden,
Der Tapferkeit Lohn.
So bleibt das Alter selbst noch jung,
Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.
Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er
eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir
fehlt, ich kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn,
und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemüth.
Keine größere Wollust für den jungen Rittersmann, als durch Thal und
über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der
Morgensonne, dort tönt über die Wiese durch den dichten Wald des
Schäfers Schallmei, ein edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter
vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung und
Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die berühmten Städte,
der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich
begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets
wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück denke. O ich
möchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem
väterlichen Hause Lebewohl sagen.
Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das
Gemach seiner Mutter, wo er auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter
ließ sich alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine Bitte vor,
daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu reisen und Abentheuer
aufzusuchen; denn, so schloß er seine Rede: wer immer nur in der Heimath
bleibt, behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen Sinn,
aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten
verbinden, darum versagt mir eure Erlaubniß nicht.
Der alte Graf erschrak über den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die
Mutter, denn sie hatten sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf
sagte: mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn du bist mein
einziger Erbe; wenn ich nun während deiner Abwesenheit mit Tode abginge,
was sollte da aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem
Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen und zu ihm sagte: Lieber,
einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst
nur deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß es gar wohl
sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend Mühseligkeiten schon bereit
stehn, um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu
kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück.
Peter lag noch immer demüthig auf den Knien und antwortete: Vielgeliebte
Eltern, ich kann nicht dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in
die weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit zu erleben,
und dann als ein bekannter und geehrter Mann in die Heimath zurück zu
kehren. Dazu seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in der Fremde
gewesen, und habt euch weit und breit einen Namen gemacht; aus einem
fremden Lande habt ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals
für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich ein gleiches Glück
versuchen, seht, mit Thränen bitte ich euch darum.
Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen verstand, und sang das
Lied, das er vom Harfenspieler gelernt hatte, und am Schlusse weinte er
heftig. Die Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter; sie
sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen geben, geliebter
Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da gesagt hast. Der Vater
stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen vergnügt,
daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten hatte.
Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem Zuge zu rüsten, und die
Mutter ließ Petern heimlich zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare
Ringe und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren Ringe habe ich
von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt; nimm sie mit dir und halte sie
in Ehren, und so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir
wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er küßte dankbar ihre
Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen schied.
3.
Wie der Ritter Peter von seinen
Eltern zog.
Als Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch
einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, immer möge dich das Glück
begleiten, so daß wir dich gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke
stets meiner Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte: suche die
gute und meide die böse Gesellschaft; halte immer die Gesetze des
Ritterstandes in Ehren, und vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie
sind das edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden
erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das
ist der Probierstein des Wackern, daß er selten auf rechtliche Menschen
trifft, und doch sich selber gleich bleibt. -- Lebe wohl! --
Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben,
wie es oft die jungen Ritter zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die
Sonne war herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf den
Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte sein gutes Roß, daß es oft
muthig aufsprang. Es lag ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es
laut:
Traun! Bogen und Pfeil
Sind gut für den Feind,
Hülflos alleweil
Der Elende weint;
Dem Edlen blüht Heil
Wo Sonne nur scheint,
Die Felsen sind steil,
Doch Glück ist sein Freund.
Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis.
Schon unterwegs hatte er viel vom Könige und seiner überaus schönen
Tochter Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war, sie von
Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in einer Herberge ab, und
erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hörte er vom Wirthe, daß ein
vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und daß ihm
zu Ehren ein schönes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr zugleich,
daß auch den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den
Turniergesetzen geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor,
auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit und Stärke zu versuchen.
4.
Peter sieht die schöne Magelone.
Als der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter seine Waffenrüstung
an, und begab sich in die Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei
schöne silberne Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so
war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die Decke seines
Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu Gefallen gethan und zu Ehren des
Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm
zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte er sich auch jezt
dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte.
Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das
zu Ehren der schönen Magelone eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem
erhabenen Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. Peter
schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau betrachten, weil sie zu
entfernt war.
Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die Schranken und gegen ihn
stellte sich ein Ritter des Königes. Sie trafen auf einander und der
Königsche wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner Lanze
das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, so daß das Roß
mit seinem Reiter zu Boden stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes
der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich umgerennt
hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn Herr Heinrich war ein namhafter
Renner; dazu so berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines
Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich
also gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter, daß
sich alle über seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller
Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen Sättel ledig,
so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner vor ihm mehr finden ließ. Darüber
waren alle begierig, den Namen des fremden Ritters zu wissen, und der
König von Neapel schickte selbst seinen Herold an ihn ab, um ihn zu
erfahren; aber Peter bat in Demuth um die Erlaubniß, daß man ihm noch
ferner erlauben möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei dunkel
und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei er ein armer geringer
Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange
verschweigen, bis er es durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu
dürfen. Dem König freute diese Antwort, weil sie ein Beweis von der
Bescheidenheit des Ritters war.
Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier gehalten, und die
schöne Magelone wünschte heimlich im Herzen, daß sie des Ritters mit den
silbernen Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie war ihm
zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, ja sich selber kaum,
denn die erste Liebe ist zaghaft, und hält sich selbst für einen
Verräther. Sie ward roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen
Waffenrüstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten schmetterten,
und bald darauf die Spieße an den Schilden krachten. Unverwandt blickte
sie auf Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich
endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne es nicht anders
sein. Die Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem großes
Lob und große Ehre eingesammelt.
Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin
gegenüber saß und über ihre Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt
zum erstenmal in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf ihn hin, und
dadurch kam er in große Verwirrung; sein Sprechen belustigte den König,
und sein edler und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen.
Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu sprechen, und sie
lud ihn ein, öfter wieder zu kommen, worauf er Abschied nahm, und sie
ihn noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ.
Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er eilte in einen schönen
Garten, und wandelte mit verschränkten Armen auf und nieder, bald
langsam, bald schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen
konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte nichts um sich her, denn
eine innerliche Musik übertönte das Flüstern der Bäume und das rieselnde
Plätschern der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in Gedanken den
Namen Magelone vor, und erschrak dann plötzlich, weil er glaubte, er
habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der
Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras
hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich
der Himmel umgewendet und nun seine Schönheit und paradisische Seite zum
erstenmal herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so
unglücklich, unter allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen.
Die Musik floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er
sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen Wellen hoch einher
schwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und
wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe schien sie in
die dämmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still,
die Bäume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jezt
die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Töne
schlüpften so süß über die Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als
wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als
wenn sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden.
Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein blauer Lichtstrom
versank der Ton, und die Bäume rauschten wieder, und Peter erwachte aus
sich selber und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei. Die
Springbrunnen plätscherten stärker und führten von den entferntesten
Gegenden des Gartens her laute Gespräche. Peter sang leise folgendes
Lied:
Sind es Schmerzen, sind es Freuden,
Die durch meinen Busen ziehn?
Alle alten Wünsche scheiden,
Tausend neue Blumen blühn.
Durch die Dämmerung der Thränen
Seh' ich ferne Sonnen stehn, --
Welches Schmachten! welches Sehnen!
Wag' ich's? soll ich näher gehn?
Ach, und fällt die Thräne nieder,
Ist es dunkel um mich her;
Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,
Zukunft ist von Hoffnung leer.
So schlage denn, strebendes Herz,
So fließet denn, Thränen, herab,
Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,
Leben ist dunkeles Grab. --
Ohne Verschulden
Soll ich erdulden?
Wie ists, daß mir im Traum
Alle Gedanken
Auf und nieder schwanken!
Ich kenne mich noch kaum.
O hört mich, ihr gütigen Sterne,
O höre mich, grünende Flur,
Du, Liebe, den heiligen Schwur:
Bleib' ich ihr ferne,
Sterb' ich gerne.
Ach! nur im Licht von ihrem Blick
Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!
Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich, Magelonens Liebe
zu erwerben, oder unterzugehn. Spät in der Nacht ging er nach Hause und
setzte sich in seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder
vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu
freuen, dann wurde er wieder betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er
wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken die Worte an
Magelonen, und trauerte dann über seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr
zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, daß
ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen übrigen in der Welt so
unaussprechlich theuer liebe.
Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und durchstrich seine
Zweifel und Schmerzen, und wunderbare Träume von Liebe und Entführungen,
einsamen Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem Gemach auf
und nieder, und bedeckten wie schöne bunte Tapeten die leeren Wände.
5.
Wie der Ritter der schönen Magelone
Botschaft sandte.
In derselben Nacht war Magelone eben so bewegt als ihr Ritter. Es
däuchte ihr, als könne sie sich auf ihrem einsamen Zimmer nicht lassen;
sie ging oft an das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab,
und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte die Bäume, die
gegen einander rauschten, dann sah sie nach den Sternen, die sich im
Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im
Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte,
daß es ihm unmöglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte
nur wenig schlafen, und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier
und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnsüchtiger
Hoffnung zu ihrem Altan hinauf blickte. Bald weidete sie sich an diesen
Phantasieen, bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel sie
in einen leichten Schlummer.
Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der
sie kein Geheimniß hatte. In einer traulichen Abendstunde sagte sie
daher zu ihr: Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem
Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß es dir nur endlich
sagen und du mußt mir mit deinem mütterlichen Rathe beistehn, denn ich
weiß mir selber nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue dich
mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich älter und liebe dich wie
eine Mutter, daß ich dir guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß
sich die Jugend nie selber zu helfen.
Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von ihrer Amme hörte, ward
sie noch dreister und zutraulicher, und fuhr daher also fort: o
Gertraud, hast du wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen
Schlüsseln bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist der einzige,
der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten nur, ihn zu verherrlichen,
allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler
einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, der schönste
Jüngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn habe, sind meine Augen
unnütz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er in
aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich nur noch, daß er aus
einem hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn
setzen. Aber er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wäre
alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste mich, liebe Amme, und
gieb mir nun Rath.
Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden hatte; sie
antwortete: liebes Kind, schon seit lange waren meine Erwartungen so wie
meine Neugier darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen von
den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen du liebtest, denn
selbst die Höchsten und sogar Könige begehren dein. Aber warum hast du
nun deine Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem Niemand weiß,
woher er gekommen? Ich zittre, wenn der König, dein Vater, deine Liebe
bemerkt.
Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die
Rede. Wenn er sie bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird den
Hof und das Land verlassen, und ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe
sterben; und sterben muß ich, wenn der Unbekannte mich nicht wieder
liebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen
darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein Vater noch du, keiner
wird mich je mehr verfolgen.
Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt und weinte
ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen, liebes Kind, so rief sie
schluchzend aus: alles will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich
weinen sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der Erden
erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist.
Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone, und umarmte ihre Amme.
Ich hätte nie einen Mann geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte;
wär es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so glücklich
gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht auf ihn, wie alle
Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln andre Ritter edel machen, in
ihm vereinigt glänzen; wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er
die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, wie seine
stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit ist, als die studirte
und gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in
Verlegenheit, daß er Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er
stolz darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er
das Schönste, was die Natur nur je hervor gebracht hat. O such' ihn auf,
Gertraud, und frage ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß, ob
ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen lasse, wird er kein
Geheimniß daraus machen, denn ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben.
Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche und betete; sie sah den
Ritter, der auch in einem andächtigen Gebete auf den Knien lag. Als er
geendet hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich, denn er
kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. Die Amme richtete den Auftrag
des Fräuleins aus, daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, weil
es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen zu halten.
Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug ihm, denn er sah aus
diesen Worten, daß ihn Magelone liebe; worauf er sagte: man erlaube mir,
meinen Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr der Prinzessin
sagen, daß ich aus einem hohen adelichen Geschlechte bin, und daß der
Name meiner Ahnherrn in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist.
Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt es einen kleinen Lohn
sein für die fröhliche Botschaft, so ihr mir wider alles Verhoffen
gebracht habt.
Er gab hierauf der Amme einen von den dreien köstlichen Ringen, und
Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft
anzusagen, auch zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon
bewies, daß der Ritter aus einem vornehmen Hause stammen müsse. Er hatte
der Amme zugleich ein Pergamentblatt mitgegeben, in Hoffnung, daß
Magelone die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe
niedergeschrieben hatte.
Liebe kam aus fernen Landen
Und kein Wesen folgte ihr,
Und die Göttin winkte mir,
Schlang mich ein mit süßen Banden.
Da begonn ich Schmerz zu fühlen,
Thränen dämmerten den Blick:
Ach! was ist der Liebe Glück,
Klagt' ich, wozu dieses Spielen?
Keinen hab' ich weit gefunden,
Sagte lieblich die Gestalt,
Fühle du nun die Gewalt,
Die die Herzen sonst gebunden.
Alle meine Wünsche flogen
In der Lüfte blauen Raum,
Ruhm schien mir ein Morgentraum,
Nur ein Klang der Meereswogen.
Ach! wer löst nun meine Ketten?
Denn gefesselt ist der Arm,
Mich umfleugt der Sorgen Schwarm;
Keiner, keiner will mich retten?
Darf ich in den Spiegel schauen,
Den die Hoffnung vor mir hält?
Ach, wie trügend ist die Welt!
Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.
O und dennoch laß nicht wanken
Was dir nur noch Stärke giebt,
Wenn die Einzge dich nicht liebt,
Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.
Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war
ganz ihre eigene Empfindung, wie von einem Echo nachgesprochen. Sie
betrachtete den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr
denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die Amme wurde
betrübt, da sie sahe, daß das Herz der Prinzessin so ganz von Liebe
eingenommen sei, sie sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß
du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst.
Magelone wurde sehr zornig, als sie diese Worte hörte. Fremd? rief sie
aus; o wer ist dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe
müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese Rede, denn sie hat mein
Herz gespalten. Wie kann er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein
eigen bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur das sein kann,
was er mir zu sein vergönnt? Die Luft, den Athem, das Leben, alles,
alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr,
seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in der Welt, und was
wäre die ganze unermeßliche Welt mir, wenn er mir fremd sein müßte?