Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam nahmen die Mitte ein,

und sahen in die heitere Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank

Gesundheiten, die munterste Laune herrschte; die Eltern der Braut waren

ganz glücklich, nur der Bräutigam war still und in sich gekehrt, genoß

nur wenig, und nahm an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als

sich musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder warfen; doch

beruhigte er sich wieder, da es sanfte Hörnertöne blieben, die angenehm

über die Gebüsche hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am

fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die Gallerie über die

Speisenden gestellt, und Emil war mit dieser Einrichtung zufrieden.

Gegen das Ende der Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und

sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch die Armuth an unserm

Ueberflusse Theil nehmen. Er befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein,

Gebackenes, und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen dem armen

Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen dieser Tag auch ein Freudentag

sein könne, dessen sie sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund,

rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen hängt! Mein

unnützes Umtreiben und Schwatzen, das du so oft an mir tadelst, hat doch

nun diese gute Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über sein

Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und das Fräulein sprach von

schöner Gesinnung und Edelmuth. O schweigen wir! rief Emil zornig: es

ist keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung, es ist nichts!

Wenn Schwalben und Hänflinge sich von den weggeworfenen Brosamen dieses

Ueberflusses nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen,

sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der mein bedarf? Wenn

ich meinem Herzen folgen dürfte, so würdet ihr mich eben so gut wie

manchen andern verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts

mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren.

Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden Augen seines

Freundes den heftigsten Unwillen; er besorgte, daß er sich in seiner

Verstimmung noch mehr vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch

auf andere Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig und zerstreut

geworden; hauptsächlich wendeten sich seine Blicke oft nach der obersten

Gallerie, auf welcher die Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten,

vielerlei zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, die dort so

geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen Mantel wieder kommt? fragte

er endlich. Sie gehört zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll

die Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde führen. Wie

kannst du solche Häßlichkeit in deiner Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß

sie, antwortete die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben,

und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem Nutzen sein.

Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab den neuen Gatten, wünschte

nochmals Glück, und drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball.

Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte: meine erste Bitte,

Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, denn wir haben uns alle darauf

gefreut: Ich habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich noch

niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht neugierig darauf, wie ich

mich in dieser Bewegung ausnehme?

So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals gesehn. Ich will kein

Störer eurer Freude sein, macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von

mir, daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich machen soll.

Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend, so kannst du

sicher sein, daß dich jedermann gern in Ruhe lassen wird. Die Braut

entfernte sich hierauf, um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen.

Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit dem er sich entfernte,

daß ich aus einem andern Zimmer in das ihrige durch eine verborgene Thür

kommen kann, ich werde sie beim Umkleiden überraschen.

Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen sich auch entfernt

hatten, um die zum Tanz nöthigen Veränderungen des Putzes zu treffen,

nahm Roderich die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer.

Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es finster; jezt geschwind

jeder in seine Verkleidung, um diese Nacht recht bunt und toll zu

verschwärmen. Was ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger,

je besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus euch hervor

bringt, je mehr will ich euch loben. Da muß es keinen so widerlichen

Höcker, keinen so ungestalten Bauch, keine so widersinnige Kleidung

geben, die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame

Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand wird den Verheiratheten

so plötzlich wie ein Mährchen über den Hals geworfen, daß man dieses

Fest nicht verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur irgend für

die Eheleute die plötzliche Veränderung zu motiviren, so daß sie wie in

einem phantastischen Traum in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum

laßt uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und nehmt keine Einrede

von denen an, die sich verständig stellen möchten.

Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen großen Koffer voll

Masken und toller bunter Kleidungsstücke aus der Stadt mitgebracht, du

wirst dich selbst darüber verwundern.

Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft

habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Läppchen verschneiden wollte!

Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit

gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses

scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und

diese goldglänzende Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu

nehm' ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese

scheußliche Maske, und führe nachher als altes Weib den ganzen Chor der

Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! wir

wollen dann feierlich die junge Frau abholen.

Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder

saß vor dem Hause. Die Sonne war hinter trüben Wolken untergegangen, und

die Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter der Wolkendecke der

scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend,

vorzüglich aber das Gebäude mit seinen Gängen, Säulen und

Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der

Braut, und die übrigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem

obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr

nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken,

Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in

ausgespannten Reifröcken und ellenhohen Frisuren, die widerwärtigsten

Gestalten, alle wie aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und

sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend über den Gang,

und verschwanden dann in eine der Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren

zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht.

Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor

stürzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weißen kurzen

Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei,

die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen

rollend, das Gesicht entstellt, stürzte sie über die Gallerie, und fand

in ihrer Angst verblindet keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr

nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in hoch erhobener Faust.

Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte

sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestürzt.

Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, und den weißen Hals

durchschnitten, ihr Blut strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte

sich mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte er sich

mit ihr über das Geländer, und beide fielen zerschmettert zu den Füßen

der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene

zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen

herunter eilend, standen und rannten die scheußlichen Larven in

mannichfaltigen Gruppen, höllischen Dämonen ähnlich.

Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend

hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet

bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte

sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine

Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut

zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen.

Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und das ganze Haus war

plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden.

* * * * *

Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon früher

Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich:

es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch

Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken

mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden.

Ich zittre und ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus

jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, daß die theuersten

bekanntesten Gestalten sich plötzlich in fremd gespenstische Wesen

verwandeln dürften, und man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt

sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das

ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und alle vorigen Empfindungen

wie in einen Strudel gewaltthätig verschlingt. Es fängt an Abend zu

werden, laßt uns hinein gehn und aufhören.

Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber

einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch

mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser

unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es denn nicht vorher gewußt, daß

man euch würde zu fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir

hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in Nachahmung Alexanders,

ausrufen könnte: ich möchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn

ich nicht meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, laßt die

Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und in der Ordnung.

Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben

uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhören, denn sie sind zu

gräßlich.

^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester,

wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das

verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und du, Clara, warum

nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mährchen

zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen

so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl;

die Leidenschaften, Vorliebe und Haß regen sich bei jeder

Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich

werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen!

Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, auch nicht einmal

die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel

der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen geängstigt hat?

Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen

euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr

aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige

dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an

den Tag zu fördern.

Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig

unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die

Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte.

Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und

das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also

wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen

auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren

Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer

hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das

Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch

dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte

erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch

wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild

des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen

Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein

Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher,

ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei

beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als

den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem

gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die

verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor

Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und

dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von

seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine

aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von

Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit:

und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe,

in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen

Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht

und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser

Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als

daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus

den ^causes celèbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene

Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf

die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige

Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über

einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter

sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der

unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste

einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter

und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder

geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr,

diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der

nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen,

der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem

Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch

nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform

beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in

diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde,

Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen

mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie

von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch

ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.

Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch

unerbittlich!

Nun gut, sagte Manfred,

Sei ganz ein Weib und gieb

Dich hin dem Triebe, der dich zügellos

Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern

Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die

Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten

sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien,

die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn

über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird

doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches

mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene

gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem

kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden

und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und

Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles

Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste

Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater

bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind,

Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer

vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen?

Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu

nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im

Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran

genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre

Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem

Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und

Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die

theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und

herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die

Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein

heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und

erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so

stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich)

sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn

gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum

Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es

würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur

unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen

Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene

Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt,

denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr

Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig

und unverletzlich sein sollen.

Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft

genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen

Rührung nicht erwehren konnten.

Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden,

daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure

ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so

öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr

sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf

zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir

gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein

sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers

Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und

dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben

und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und

Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben

zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben?

Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt

beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese

Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was

werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen?

Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es

nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine

Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen,

widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz

allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder

irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.

Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu

schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit

Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es

vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal

gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei

Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen

erhöhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurück

führen werden.

Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich

kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft

mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben.

Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet

hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was

ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann.

Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald

hinzu.

Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also

diese Mährchenwelt wieder erscheinen.

Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter

mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden

hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen,

welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung

so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan

zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen.

Friedrich las: --

Liebesgeschichte

der

schönen Magelone

und des

Grafen Peter von Provence.

1796

1.

Vorbericht.

Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die

Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich

immer weiter dreht, und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was

ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte

Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder

sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter

sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen

Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte

Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein

Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends zurück. Im Winkel sitzt

wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Wiederschein

der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er höre schon

die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter

rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er

vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer

ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze

der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde

Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie

scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm

ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut

ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe

Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn,

die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen,

das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor.

Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und

er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen.

Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward,

und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte.

Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,

Die keiner seiner Freunde kennt,

Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine

Im Busen fromme Ahndung brennt:

Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,

Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,

Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.

Gern wandl' ich in der stillen Ferne,

In unsrer Väter frommen Zeit,

Ich seh, wie jeder sich so gerne

Der alten guten Mährchen freut,

Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,

Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,

Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal,

Der Liebe holden Frühlingsschimmer.

Ob ihr die alten Töne gerne hört?

Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?

Verzeiht dem Sänger, den es so bethört,

Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.

2.

Wie ein fremder Sänger an den Hof

des Grafen von Provence kam.

In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus

schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und

der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare

flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches

Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohl erfahren, keiner führte

im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so daß

ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 17 / 26 段