durch und durch zu verachten, denn er meint, jede Krankheit sei in
jeglichem Menschen ein Individuum, und könne nicht nach ältern
Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien geheilt werden; er
würde eher alte Weiber und sympathetische Kuren gebrauchen. Eben so
verachtet er auch in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man
Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist ein edler Mann sein
Ideal gewesen, und sein höchstes Bestreben, das aus sich zu bilden, was
er so nennt, das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung der
Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um nur nicht in den Verdacht zu
gerathen, daß er haushälterisch sei, ungern ausgebe, oder irgend
Rücksicht auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg, ist bei
seiner reichlichen Einnahme immer arm und in Verlegenheit, und wird der
Thor von jedwedem, der nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er
es sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist aber die
Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, daß man nur husten,
nicht edel genug essen, oder gar die Zähne stochern darf, um ihn
tödtlich zu beleidigen.
War er nie verliebt? fragte der Freund vom Lande.
Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete alle Töchter
der Erde, und er dürfte nur bemerken, daß sein Ideal sich gern putzte,
oder gar tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher, wenn
sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen.
Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber plötzlich überfiel ihn jene
Angst, der Schreck, der so oft schon in solcher erregten Menschenmenge
sein Herz ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und Hause, über
die öden Gassen hinweg, und erst auf seinem einsamen Zimmer fand er sich
und seine ruhige Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet,
er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben war alles still und
finster, und er setzte sich, um in einem Gedichte seine Empfindungen
über den Ball auszuströmen. --
Im Herzen war es stille,
Der Wahnsinn lag an Ketten;
Da regt sich böser Wille,
Vom Kerker ihn zu retten,
Den Tollen los zu machen:
Da hört man Pauken klingen,
Da bricht hervor mit Lachen
Trommeten-Klang und Krachen,
Dazwischen Flöten singen,
Und Pfeifentöne springen
Mit gellendem Geschrei
Zwischen dröhnenden tönenden Geigen
In rasender Wuth herbei,
Das wilde Gemüth zu zeigen,
Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. --
Wohin dreht sich der Reigen?
Was sucht die springende Menge
Im windenden Gedränge? --
Vorüber! Es glänzen die Lichter,
Wir tummeln uns näher und dichter,
Es jauchzt in uns das blöde Herz;
Lauter tönet,
Grimmer dröhnet
Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,
Er werde zum Scherz! --
Du winkst mir, holdes Angesicht?
Es lacht der Mund, der Augen Licht;
Herbei, daß ich dich fasse,
Im Schweben wieder lasse;
Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,
Der Mund verstummt, der lieblich spricht,
Dich faßt des Todes Arm.
Was winkst du, Schädel, freundlich mir?
Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,
Daß du so bald erbleichest hier,
Wohl heut, wohl morgen.
Was sollen die Sorgen?
Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. --
Heut lieb ich dich,
Jezt meinst du mich;
Ach, Noth und Angst sie lauern
Schon hinter diesen Mauern,
Und Seufzer schwer und thränend Leid
Stehn schon bereit,
Dich zu umstricken;
Froh laß uns blicken
Vernichtung an und grausen Tod;
Was will die Angst, was will uns Noth?
Wir drücken
Im Taumel die Hand;
Mich rührt dein Gewand,
Du schwebest dahin, ich taumle zurück --
Auch Verzweiflung ist Glück.
Aus diesem Entzücken,
Und was wir heut lachten,
Entsprießt wohl Verachten
Und giftiger Neid;
O herrliche Zeit!
Wenn ich dich verhöhne,
Winkt dort mir die Schöne,
Und wird meine Braut;
Die andere schaut
Noch kühner darein;
Soll dies' es denn sein? --
So taumeln wir alle
Im Schwindel die Halle
Des Lebens hinab,
Kein Lieben, kein Leben,
Kein Sein uns gegeben,
Nur Träumen und Grab:
Da unten bedecken
Wohl Blumen und Klee
Noch grimmere Schrecken,
Noch wilderes Weh;
Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,
Noch schreiender gellender Hörnergesang!
Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,
Weil Lieb uns nicht Leben
Kein Herz hat gegeben,
Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! --
Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da kam sie gegen über herein, so
schön, wie er sie noch nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte
und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten Nacken; sie war nur
leicht bekleidet und schien noch vor Schlafengehn zu später Nachtzeit
einige häusliche Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei
Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich auf dem Tische,
und entfernte sich wieder. Noch war Emil in seinen süßen Träumereien
versunken, und wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner
Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die rothe Alte
durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete von ihrem Haupt und Busen
das Gold im Widerschein der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte
er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der Nacht, welches ihm
seine eigne Einbildung gespenstisch vorüber geführt hatte?
Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als zuvor, denn ein langes
greises und schwarzes Haar flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken;
das schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten Brüste
ohne Hülle, aber das ganze Bild einer Statue von Marmor ähnlich. Sie
hatten zwischen sich das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich
an die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder sah. Das
Kindlein hielt flehend die Händchen empor, streichelte Hals und Wange
der blassen Schönen. Sie aber hielt es fest am Haar und mit der andern
Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd das Messer und
durchschnitt den weißen Hals der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen
etwas hervor, das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich
wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher Drachenhals
wälzte sich schuppig länger und länger aus der Dunkelheit, neigte sich
über das Kind hin, das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen
hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen Blut, und ein
grün funkelndes Auge traf durch die Spalte hinüber in Emils Blick und
Gehirn und Herz, daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte.
Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden.
* * * * *
Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube eine Gesellschaft von
Freunden um ein schmackhaftes Frühstück versammelt. Man lachte und
scherzte, alle stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit
des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil und Glück. Bräutigam
und Braut waren nicht zugegen, denn die Schöne war noch mit ihrem
Schmucke beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem Glücke
nachsinnend, einsam in einem entfernten Baumgange. Schade, sagte
Anderson, daß wir keine Musik haben sollen; alle unsere Damen sind
unzufrieden und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht, als gerade
heut, da es nicht geschehn kann; aber es ist ihm zu sehr zuwider.
Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger Officier, daß wir
dennoch einen Ball haben werden, und zwar einen recht tollen und
geräuschigen; alles ist schon eingerichtet und die Musikanten sind schon
heimlich angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich hat alle diese
Einrichtungen getroffen, denn er sagt, man müsse ihm nicht zu viel
nachgeben, und am wenigsten heut seine wunderlichen Launen anerkennen.
Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher als ehemals, sagte
ein anderer junger Mann, und darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung
nicht einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze Heirath so
plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten.
Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, wie sein
Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er im vorigen Herbst auf einer Reise,
die er machen wollte, in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier
aufhielt, wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, und
sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen kümmerte. Er war
beinah mit Roderich, seinem vertrautesten Freunde, zerfallen, weil
dieser ihn zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen
nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene Reizbarkeit und
Verstimmung wohl Krankheit, die sich in seinem Körper zubereitete; denn,
wie euch nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom heftigsten
Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle schon aufgeben mußten.
Nachdem seine Phantasien ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam,
hatte er sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren Kinder-
und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig, und er konnte sich durchaus nicht
erinnern, was während seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit
ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde, selbst den Roderich,
von neuem kennen lernen; nur nach und nach ward es lichter in seinem
Innern, und die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder,
jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß zurück. Sein
Oheim hatte ihn zu sich in das Haus genommen, um ihn besser zu
verpflegen, und er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen. Als
er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme den Park besuchte,
sah er abseits vom Wege ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah
auf, ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen
Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg aus, setzte sich zu ihr,
faßte ihre Hände, und ergoß sich in einen Strom von Thränen. Man war von
neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde ruhig, heiter und
gesprächig, ließ sich bei den Eltern des Mädchens vorstellen, und hielt
sogleich beim ersten Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte,
da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er war glücklich und
ein neues Leben ging in ihm auf; mit jedem Tage ward er gesunder und
zufriedener. So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute
hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar so, daß er nicht ruhte,
bis ich es ihm verkaufen mußte. Es lag nur an mir, seine
Leidenschaftlichkeit zu meinem Vortheil und seinem Schaden zu benutzen,
denn was er will, will er heftig und plötzlich vollendet. Sogleich
machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe herschaffen, um hier noch
die Sommermonate zu wohnen, und so sind wir denn alle heut zu seiner
Hochzeit in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt.
Das Haus war groß und lag in der schönsten Gegend. Die eine Seite sah
nach einem Flusse und angenehmen Hügeln hinüber, rund um von
mannichfaltigen Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar davor lag ein
Garten mit duftenden Blumen. Hier waren die Orangen und Citronen-Bäume
in einem großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren führten zu
Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben. Von der andern Seite
breitete sich ein grünender Wiesenplan aus, an welchen ohne andre
Verbindung ein Park gränzte; hier bildeten die beiden langen Flügel des
Hauses einen geräumigen Hof, und auf dreien über einander stehenden
Säulenreihen verbanden breite offene Gänge alle Zimmer und Säle des
Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite einen reizenden, ja
wunderbaren Charakter erhielt, indem sich beständig Figuren in
mannichfaltigen Geschäften in diesen geräumigeren Hallen bewegten;
zwischen den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten hervor,
und erschienen oben oder unten wieder, um sich in andern Thüren zu
verlieren; auch versammelte sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel,
und dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn eines Theaters, vor
welchem jedermann mit Lust verweilte, und in Gedanken die seltsamsten
und anziehendsten Begebenheiten oben erwartete.
Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, als die
geschmückte Braut durch den Garten ging und zu ihnen trat. Sie war in
violettem Sammet gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich auf
dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen den weißen schwellenden
Busen durchschimmern, das braune Haar ward durch den Myrthen- und
Blumenkranz reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich, und die
Jünglinge waren von der hohen Schönheit überrascht. Sie hatte Blumen im
Garten gepflückt, und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach
der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in dem untern offnen Gange
die Tafeln hingestellt: blendend schimmerten die Tische mit den weißen
Gedecken und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen glänzte aus
zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne und bunte Kränze schlangen
sich um die Säulen, und reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt
mit holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen neben den
Tischen und Säulen wandelnd bewegte, das Ganze prüfend überschaute, und
dann verschwand, und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr
Zimmer zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste Mädchen, das ich
je gekannt habe! rief Anderson aus: unser Freund ist glücklich!
Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort, erhöht ihre Schönheit:
die braunen Augen blitzen über den bleichen Wangen und unter den dunkeln
Haaren so mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende Röthe
der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft zauberischen Bilde.
Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher sie umgiebt,
umfließt sie wie mit hoher Majestät.
Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach Roderich; sie hatten ihn
alle schon längst vermißt und konnten nicht begreifen, wo er sich
aufhalten möchte. Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im Saal,
sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls fragten, zwischen
allen Bedienten und Kutschern, denen er Kartenkünste macht, die sie
nicht genug bewundern können. Sie traten hinein und unterbrachen die
schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß sich Roderich nicht
stören ließ, sondern frei in seinen magischen Kunststücken fortfuhr. Als
er geendigt hatte, ging er mit den übrigen in den Garten und sagte: ich
thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu stärken, denn diese Künste
bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei auf lange einen Stoß bei, und
helfen zu ihrer Bekehrung.
Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund unter seinen übrigen
Talenten auch das eines Charlatans nicht zu geringe achtet, um es
auszubilden.
Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete jener: man soll heut zu
Tage nichts verachten, denn man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist.
Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte sich Emil wieder in
den dunkeln Baumgang und sagte: Warum bin ich an diesem Tage, welcher
der glücklichste meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich
versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es paßt nicht für
mich, mich in dieser Menge von Menschen zu bewegen, für jeden
Aufmerksamkeit zu haben, keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner
Seite zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, die Damen
bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, und die Dienstboten und
Pferde gehörig zu versorgen.
Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; sieh, dein Haus ist
recht auf dergleichen eingerichtet, und dein Haushofmeister, der alle
Hände voll zu thun und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu
geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte
Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit Anstand zu bewirthen.
Ueberlaß das ihm und deiner schönen Braut.
Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte Emil, wandelte ich durch das
Gehölz; mir war feierlich zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein
Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese Liebe mir Heimath und
Beruf erschaffen hat. Ich kam dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen:
es war meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es nun, sagte
eine fremde Stimme, nicht so gekommen, wie ich gesagt hatte? Gerade so,
wie ich wußte, daß es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum seid
nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; nachher ging ich der
Laube näher, doch hatten sich beide schon entfernt. Aber ich sinne und
sinne: was wollen diese Worte bedeuten?
Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst geliebt haben, ohne
daß du es wußtest; du bist desto glücklicher.
Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und schien dem Liebenden
Heil und Wonne zuzurufen. Emil wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich
aufzuheitern, sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du ein
zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht einbilden, daß du heut
allein Hochzeit feierst. Ein junger Knecht ist in Langeweile und
Einsamkeit mit einer ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der
Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau zu machen.
Jezt müssen sie beide schon geputzt sein; diesen Anblick wollen wir
nicht versäumen, denn er ist ohne Zweifel interessant.
Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern Freunde fortziehn,
und sie kamen bald zu der Hütte. Eben trat der Zug heraus, um sich nach
der Kirche zu begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen
leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar ledernen Beinkleidern,
die er so hell als möglich angestrichen hatte; er war von einfältiger
Miene und schien verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, nur
wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr sichtbar; sie war grob und
arm aber reinlich gekleidet, einige rothe und blaue seidne Bänder, schon
etwas entfärbt, flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber war sie
dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif mit Fett, Mehl und Nadeln
aus der Stirn gestrichen und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser
Spitze des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte und schien
fröhlich, doch war sie verschämt und blöde. Die alten Eltern folgten;
der Vater war auch nur Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath
so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth. Ein schielender
schmuziger Musikant folgte dem Zuge, der greinend auf einer Geige strich
und dazu schrie, diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, und
statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen. Der Zug machte Halt, als
der neue gnädige Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige
Dienstboten, junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten, und
verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die Kammerjungfern, die sich
schöner dünkten und sich unendlich besser gekleidet sahen. Ein Schauer
erfaßte Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber schon wieder
entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit einem Tituskopf, der Bedienter
eines Fremden, drängte sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief:
Nun gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar? Beide
wissen noch nicht, wo sie morgen Brod hernehmen sollen, und heut
Nachmittag werden sie doch einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon
bestellt. -- Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? -- Ihr ganzes
Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend fort, aber der Kerl
sagt, er bleibe dem Wesen dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O
ja freilich, die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht einmal
Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der Streu schlafen; das
Dünnbier haben sie sich zusammen gebettelt, worin sie sich besaufen
wollen. Alle umher lachten laut, und die beiden verspotteten
Unglücklichen schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den Schwätzer
von sich; nehmt! rief er aus, und warf in die Hand des erstarrten
Bräutigams hundert Dukaten, welche er am Morgen eingenommen hatte. Die
Alten und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt auf die
Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er wollte sich losmachen. Haltet
euch damit das Elend vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O
auf zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich! schrieen alle.
Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er fand sich allein, und eilte
mit wankenden Schritten in den Wald. Die dichteste einsamste Stelle
suchte er auf, und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er den
ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr zurückhielt. Mir ekelt das
Leben! schluchzte er in tiefer Bewegung; ich kann nicht froh und
glücklich sein, ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher
Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor den wilden Thieren, die
sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdien' ich es, daß ich auf
Daunen ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes Blut
spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend anbietet und darbringt?
Dieser Arme ist besser und edler als ich, und das Elend ist seine Amme,
und Hohn und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir jeder
Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem Glase, mein
Ruhen auf weichen Betten, das Tragen von Gold und Geschmeide, da die
Welt viel tausend mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem
weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht wissen, was Labsal
ist. O jezt versteh' ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmähten,
ihr Verhöhnten, die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth
ausstreutet, einen Sack um eure Lenden gürtetet, und selbst als Bettler
die Schmähungen und Fußstöße erdulden wolltet, mit denen roher Uebermuth
und reiche Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst elend
wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses von euch zu werfen.
Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel vor seinen Augen! er nahm
sich vor, die Verstoßenen als seine Brüder anzusehn, und sich von den
Glücklichen zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale seiner zur
Trauung gewartet, die Braut war in Sorge, die Eltern suchten ihn im
Garten und Park: endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die
feierliche Handlung ward vollzogen.
Man begab sich aus dem untern Saal nach der offnen Halle, um sich zu
Tische zu setzen. Braut und Bräutigam gingen voran, und die übrigen
folgten im Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen, die
munter und geschwätzig war. Warum nur die Bräute immer weinen und bei
der Trauung so ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie
hinauf stiegen.
Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von der Wichtigkeit und
dem Geheimnißvollen des Lebens durchdrungen werden, antwortete Roderich.
Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch an Feierlichkeit alle,
die ich jemals gesehn habe; sie ist überhaupt immer schwermüthig, man
sieht sie nie recht heiter lachen.
Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete Roderich, gegen
seine Gewohnheit verstimmt. Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein,
daß die Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes Kind, ein
Mädchen, zu sich genommen hatte, um es zu erziehn. Dieser Kleinen
widmete sie alle ihre Zeit, und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr
süßester Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden, als sie sich
auf einem Spaziergange in der Stadt verlor, und aller angewandten Mühe
ungeachtet, noch nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen
Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen, daß sie seitdem an
einer stillen Melankolie leidet, und durch nichts von dieser Sehnsucht
nach ihrer kleinen Gespielin kann abgezogen werden.
Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein; das kann sich in der
Zukunft recht romantisch entwickeln, und zum angenehmsten Gedichte
Gelegenheit geben.