Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melankolischem

Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermögens; er

hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun

schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des

Carnevals zu genießen, um welche er sich niemals bemühte, um bedeutende

Verabredungen über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die er kaum

noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen

Roderich gestoßen, der mit seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um

sich ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los zu machen,

begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot,

ihn als Gefährten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie

sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder

Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie unentbehrlich sie sich

wären. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte

Roderich schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie am

folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich eine Woche aus Büchern

gründlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch

nachher aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte;

Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle

öffentlichen Oerter besucht, führte auch nicht selten seine neu

erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit

ihnen allein ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Eben so

oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen

Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über

die Gebühr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in

Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen

könnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, über diese

Gegenstände seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch dahin

lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit aufgelegt, so konnte er fast

darauf rechnen, daß sein schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem

Balle, oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett hüten

müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und

mittheilsamsten aller Menschen in der größten Einsamkeit lebte.

Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das feierliche Versprechen

hatte geben müssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was

schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt

habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder.

Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,

Wenn alle Nachtigallen singen,

Und wie die Tön' in Bäumen klingen,

In Wonne Laub und Blüthen beben.

Wie schön im goldnen Mondenscheine

Das Spiel der lauen Abendlüfte,

Die, auf den Flügeln Lindendüfte,

Sich jagen durch die stillen Haine.

Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,

Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,

Die Lieb' aus tausend Rosen blicket,

Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.

Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,

Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,

Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,

Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber.

Wie sie die Flechten löst und bindet,

Wie sie im Schwung der weißen Hand

Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,

Und Kränz' in braune Locken windet.

Wie sie die Laute läßt erklingen,

Und Töne, aufgejagt, erwachen,

Berührt von zarten Fingern lachen,

Und scherzend durch die Saiten springen;

Sie einzufangen schickt sie Klänge

Gesanges fort, da flieht mit Scherzen

Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,

Dahin verfolgen die Gesänge.

O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!

Sie riegeln sich dort ein und sprechen:

Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,

Damit du weißt, was Lieben sei.

Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem

er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegen über wohnte und ihn

tagelang zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte.

Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf, die Thür, ohne daß man

anklopfte, eröffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit

widrigen Angesichtern, der eine ein Türke, in rother und blauer Seide

gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und röthlich, mit vielen

schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte,

nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes Gesicht

und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche Miene! Sieht man so aus

zur Carnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich

abzuholen, heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da ich weiß,

daß du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu

gehn, die du täglich trägst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es

ist schon ziemlich spät.

Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit

nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid thut es mir, (indem er sich

zum Fremden wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, mein Freund

ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann

überhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe.

Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte

sich: Roderich aber nahm höchst gleichgültig die Maske wieder vor,

stellte sich vor den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich

ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwärtige

Erfindung.

Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten Unwillen. Dich zur

Carikatur machen, und dich betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen,

denen du am liebsten nachjagst.

Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den Tanz für eine

verderbliche Erfindung hältst, so soll auch Niemand anders lustig seyn.

Wie verdrüßlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen gesetzt

ist.

Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich habe Gelegenheit genug,

dies an dir zu beobachten; ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede

diesen Abend schenken würdest, aber --

Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle meine Bekannten und

einige Damen erwarten mich auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur,

mein Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir dergleichen

Anstalten so unbillig zuwider sind.

Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht

untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu

zerstreuen, dein Jagen nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen,

scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen

könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen

sein soll, nachgeben, und es giebt nichts auf der Welt, was mich so

durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen Musik.

Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden müßten einem Tauben, welcher

die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß

diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Töne in

widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich

unserm Gedächtnisse, ja ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar

mittheilen, und die man nachher auf lange nicht wieder los werden kann,

daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen

noch irgend erträglich sein sollte, so müßte es ohne Musik geschehn.

Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; du kömmst so weit, daß

du das Natürlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt

unnatürlich, ja gräßlich finden willst.

Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste, daß mich diese Töne

von Kindheit auf unglücklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung

getrieben haben: in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven

und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit

entsetzlichem Lachen an.

Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener Abscheu gegen

Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewürm.

Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, weil sie dir nicht

zuwider sind. Für denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des

Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der

Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese gräßlichen

Unthiere, wie Kröten und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller

Creaturen, die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, sondern

ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt.

Wahrlich, man möchte über die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination

sich Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten der Nacht

nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns

Dantes Gemälde zeigen, da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die

fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhält.

Sollten wir in der That das Schöne lieben können, ohne uns vor diesen

Fratzen zu entsetzen?

Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns das große Reich der

Gewässer und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich

deine Vorstellung gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame,

unterhaltende und possirliche Verkleidungen, so daß das ganze Gebiet

nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wäre? Deine

Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer

gewissen Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so lebhaft

verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie gethan, wie so manch

andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte

und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich gegen diese

Stimmungen zu verhärten, sondern du giebst ihnen weichlich nach, und am

Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle

einnehmen, die dein Ich besitzen sollte.

Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete nicht. Er hatte es

nun schon aufgegeben, sich jenem mitzutheilen, auch schien der

leichtsinnige Freund gar keine Begier zu haben, das Geheimniß zu

erfahren, welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger

Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im Lehnsessel, mit seiner

Maske spielend, als er plötzlich ausrief: sei doch so gut, Emil, und

leih mir deinen großen Mantel.

Wozu? fragte jener.

Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete Roderich, und habe schon

alle Abend diese Stunde versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen,

unter deinem Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch Maske und

Turban darunter verstecken, und wenn sie geendigt ist, mich sogleich

nach dem Balle begeben.

Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, gab ihn dem

Aufgestandenen, und zwang sich zu einem ironischen Lächeln. Da hast du

meinen türkischen Dolch, den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich,

indem er sich einhüllte, heb' ihn auf; es taugt nicht, dergleichen

ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man kann denn doch

nicht wissen, wozu es gemißbraucht würde, wenn Zank oder anderer Unfug

die Gelegenheit herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl und

bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung, sondern eilte die

Treppe hinunter.

Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu vergessen und das Betragen

seines Freundes von der lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den

blanken schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es doch dem

Menschen sein, der solch scharfes Eisen in die Brust des Gegners stößt,

oder gar einen geliebten Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein,

lehnte dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und sah über die

enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, es war finster im Hause

gegenüber; die theure Gestalt, die dort wohnte, und sich um diese Zeit

bei häuslicher Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt.

Vielleicht gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es auch ihrer

eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber zeigte sich ein Licht, und

die Kleine, welche seine unbekannte Geliebte um sich hatte, und mit der

sie sich am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein Licht durch das

Zimmer und lehnte die Fensterläden an. Eine Spalte blieb hell, groß

genug, um von Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers zu

überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis nach Mitternacht wie

bezaubert, und beobachtete jede Bewegung der Hand, jede Miene seiner

Geliebten: er freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, oder

es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf seine Erkundigung hatte er

erfahren, daß die Kleine eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen

mitleidig zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils Freunde

begriffen nicht, warum er in dieser engen Gasse wohne in einem

unbequemen Hause, weshalb man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und

womit er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit, war er

glücklich, nur unzufrieden mit sich und seinem menschenscheuen

Charakter, daß er es nicht wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen

Wesens zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage gegrüßt und

gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie eben so trunken zu ihm hinüber

spähte, und ahnete nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten,

welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte, um nur zum

Besitz seiner Liebe zu gelangen.

Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen war, und das Licht sich mit

dem Kinde wieder entfernt hatte, faßte er plötzlich den Entschluß,

seiner Neigung und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil es ihm

einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme von ihrer eingezogenen

Lebensweise könne gemacht haben, um auch einmal die Welt und ihre

Zerstreuungen zu genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee

knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber und Masken in

den verschiedensten Trachten pfiffen und zwitscherten an ihm vorbei. Aus

vielen Häusern ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er konnte es

nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten Wege nach dem Saale zu gehn,

zu welchem aus allen Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er

ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, der sich ernst in

den nächtlichen Himmel erhub, und freute sich der Stille und Einsamkeit

des abgelegenen Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür,

deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, und sich

dabei der alten Kunst und vergangener Zeiten erinnert hatte, nahm er

auch jezo Platz, um sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu

überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine Aufmerksamkeit an

sich zog, die unruhig auf und nieder ging, und jemand zu erwarten

schien. Beim Schein einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte,

unterschied er genau das Gesicht, so wie die wunderliche Kleidung. Es

war ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit, die um so mehr in die

Augen fiel, weil sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold

besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock, den sie trug, war

dunkel, und die Haube ihres Kopfes glänzte ebenfalls von Gold. Emil

glaubte anfangs eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher

verirrt habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt, daß das

alte braune und runzlichte Gesicht ein wirkliches und kein nachgeahmtes

sei. Es währte nicht lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln

gehüllt, die sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen,

indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen Niemand folge. Die

Alte ging auf sie zu. Habt ihr die Lichter? fragte sie hastig und mit

einer rauhen Stimme. Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch

bekannt, macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien Geld zu geben,

welches der Mann unter seinem Mantel nachzählte. Ich verlasse mich

darauf, fing die Alte wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und

Kunst gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid ohne

Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell.

Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger Mann; er nahm die

Alte bei der Hand und sagte: ist es möglich, Alexia, daß dergleichen

Ceremonien und Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich nie

habe glauben können, den freien Willen des Menschen fesseln, und Liebe

und Haß erregen könnten? So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß

zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der Mitternacht des

Neumonden gegossen, mit Menschenblut getränkt, nicht die Zauberformeln

und Anrufungen allein können es ausrichten, sondern noch manches andre

gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt. So verlaß ich mich auf

dich, sagte der Fremde. Morgen nach Mitternacht bin ich euch zu

Diensten, antwortete die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der

mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr gehört habt, bin

ich für jemand anders bestellt, auf dessen Sinn und Verstand unsere

Kunst gewiß nachdrücklich wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit

halbem Lachen, und beide gingen aus einander und entfernten sich nach

verschiedenen Richtungen. Emil trat schaudernd aus der dunkeln Nische

hervor und erhob seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; vor

deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, erfrechen sich die

Greuel ihre Abrede zu treffen, um ihren abscheulichen Betrug zu

verhandeln, doch so, wie du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns

alle die unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes Herz

klopft in Freude wie in Angst einem größeren entgegen, das uns niemals

verlassen wird. Wolken zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe

Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten funkelnd und mit

freundlichem Ernst hernieder, und Emil wandte sich entschlossen von

diesen nächtlichen Schauern und gedachte der Schönheit seiner

Unbekannten. Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte nach dem

hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem ihm Stimmen, Wagengerassel,

und in einzelnen Pausen die lärmende Musik entgegen schallten.

Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden Getümmel, Tänzer

umsprangen ihn, Masken schossen an ihm hin und her, Pauken und Trompeten

betäubten sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche Leben selber

nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, und nur sein Auge blieb wach,

um jene geliebten Augen und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken

aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger sehnte als sonst,

und dem angebeteten Wesen doch innerlich Vorwürfe machte, daß es sich in

diesem stürmenden Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen und

verlieren könne. Nein, sprach er zu sich selbst, kein Herz, welches

liebt, wird sich diesem wüsten Brausen öffnen wollen, in welchem

Sehnsucht und Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter

wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln der Bäume, das Rieseln

der Quellen, Lautenschlag und edler Gesang, welcher voll aus dem

bewegten Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe wohnt. So aber

donnert und jubelt die Hölle in der Raserei ihrer Verzweiflung.

Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, daß sein geliebtes

Angesicht sich vielleicht unter eine widrige Maske verborgen habe,

konnte er sich unmöglich bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf-

und abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten Damen

vergeblich gemustert, als sich der Spanier zu ihm gesellte und sagte:

schön, daß sie doch noch gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren

Freund?

Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt: in der That, ich

wundre mich, ihn hier nicht zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich

genug.

Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? antwortete der junge

Offizier; er hat weder getanzt, noch sich lange im Saale aufgehalten,

denn er fand sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein

gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und da dieser das

neulich herausgekommene Gedicht noch nicht kannte, so hat Roderich nicht

eher geruht, bis man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat,

dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen Kerze und liest

ihm das ganze Werk vor.

Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht ganz aus Laune. Ich

habe alles angewandt, und selbst freundschaftliche Zwistigkeiten nicht

gescheut, um es ihm abzugewöhnen, immer ^ex tempore^ zu leben und sein

ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein diese Thorheiten sind

ihm so ans Herz gewachsen, daß er sich eher vom liebsten Freunde, als

von ihnen trennen würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt, daß er

es immer bei sich trägt, hat er mir neulich vorlesen wollen, und ich

hatte ihn sogar dringend darum gebeten; wir waren aber kaum über den

Anfang, indeß ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er plötzlich

aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan zurückkehrte, mit vielen

Umständen Feuer anschüren ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen

ich kein Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa zu machen

einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male verunglücken.

Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? fragte er.

Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, als wollte er über sich

und die Liebe spotten, in viele zugleich, und nach seinen Worten bis zur

Verzweiflung, die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen

hatte.

Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab sich nach dem abgelegenen

Zimmer, aus welchem er seinen Freund schon von fern laut deklamiren

hörte. Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das trifft sich

gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber, bei der wir neulich

unterbrochen wurden; setze dich, so kannst du mit zuhören.

Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, auch scheint mir diese

Stunde und dieser Ort wenig geschickt zu einer solchen Unterhaltung.

Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich alles nach unserm Willen

bequemen, jede Zeit ist gut dazu, sich auf eine edle Weise zu

beschäftigen. Oder willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und du

kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens und einem Paar

ermüdender Beine bei vielen dankbaren Damen ziemlich beliebt machen.

Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe nach Hause.

Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise morgen in aller

Frühe mit diesem Herrn auf einige Tage über Land; ich spreche aber noch

bei dir vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es wahrscheinlich

ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen, denn in drei Tagen bin ich

wieder bei dir. -- Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen

seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ernsthaft, daß

er sich jede Freude verdirbt, oder vielmehr, daß es für ihn keine Freude

giebt. Alles soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem

Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele stände; wenn

sich dergleichen nun nicht zu seinen Prätensionen verstehen will, die

warlich ganz unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet die

ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt er ohne Zweifel, daß

unter den Masken einem Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht

und überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über die

Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, und wenn diese

Erwartungen nicht eintreffen, so treten ihm gewiß die Thränen in die

Augen, und er wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend

den Rücken.

Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer.

Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern nur von zu zärtlichen

Eltern und sich selbst verzogen. Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie

Ebbe und Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese Rührung

einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte Prämien aussetzen, um

Physiker aufzumuntern, diese Naturerscheinung genügend zu erklären. Er

ist der beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe, ihm diese

Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst und verloren, und wenn ich

nicht für meine gute Meinung Undank davon tragen will, muß ich ihn

gewähren lassen.

Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte jener.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 15 / 26 段