Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher
hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel.
Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich
über seine Furcht, über die Schauer, die ihm mit jedem Schritte
gedrängter nahe kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, und
dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich widerstehn!
Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich weiß, daß sie jezt an mich denkt,
daß sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit
zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare vor mir? Schauen
nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die
großen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu? -- Mit diesen Worten
wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum nieder werfen, als er im
Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten
Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt,
bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Blätter zählte, und
überhaupt sich bemühte, sie seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als
er näher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein
Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er stürzte ihm
mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt,
aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen. Kömmst du mir
schon entgegen, mein Sohn? sagte der Alte, ich wußte, daß ich dich bald
finden würde, aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen Tage die
Freude widerfahren sollte. -- Woher wußtet ihr, Vater, daß ihr mich
antreffen würdet? -- An dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich
lebe, habe ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber niemals
ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in
Gebirgen wächst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter
gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und trübselig
war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich
wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam;
ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken,
und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, wo schon die schöne Ebene
sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und
sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten sich wieder,
und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber faßte seine Hand und
sagte: laß uns gehen, daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den
Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden
Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden
Wasserbächen; laß uns das gute, fromme, ebene Land besuchen.
Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder froher. Er erzählte
seinem Vater von seinem neuen Glücke, von seinem Kinde und seiner
Heimath; sein Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte im
Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So
kamen sie unter Erzählungen, traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an.
Alle waren über die frühe Beendigung der Reise vergnügt, am meisten
Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Vermögen in
ihre Wirthschaft; sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten
Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich,
Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte;
auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern.
Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner
Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die
ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein
freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzählte,
der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in
kurzem alle gewogen waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß er
sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden
Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich über die Verzögerung,
denn alle hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie zu
zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als
kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner
Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. Nach
dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: Lieben
Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich
in das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht
widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jezt, und ich weiß
nicht, ob ich wieder zu euch zurück kommen werde; ich habe eine Summe
Geldes bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den meinigen,
und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist
nicht zurück, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank für eure
mir bewiesene Freundschaft an.
So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er
verschloß es sorgfältig und sah aus übertriebener Aengstlichkeit
zuweilen wieder nach, zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte
sich viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht glücklich machen,
sagte er einmal zu seinem Vater, wenn der Fremde nicht zurück kommen
sollte, für uns und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das Gold,
sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns hat bisher noch
gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich überhaupt dieser Gedanken.
Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu
wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, daß er
durch übertriebenen Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte:
daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine
übertriebene Thätigkeit einzuschränken, als er ihn zu seinem Erstaunen
bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der
größten Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte der Alte mit
Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall
nur zu unserm Unglück unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein
Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben verzehren. -- Ja, sagte
Christian, ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in
der Nacht läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, daß
mir der rothe Glanz tief in mein Herz hinein geht! Horcht, wie es
klingt, dies güldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es,
wenn Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf der Gasse sprechen;
scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir
zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß
ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang
genug zu thun, und dann fühle ich es innerlich jauchzen und frohlocken,
wenn ich es mit meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer röther
und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an! -- Der
Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und
sprach dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes wenden, du
mußt fleißiger und andächtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du
verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren.
Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ändern
und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und
mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in
Erfahrung bringen können; der Alte gab nun endlich den Bitten seines
Sohnes nach, und das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf
andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichthum des jungen
Pachters gesprochen, und Christian schien außerordentlich zufrieden und
vergnügt, so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und heiter
zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr
mußte er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm
und unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er
spreche so irre, vorzüglich des Nachts, er träume schwer, gehe oft im
Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle
wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am schrecklichsten
sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und
frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betrübte
Gattin fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, daß
er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich
ein wunderschönes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus
gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er höre ein unterirdisches
fürchterliches Aechzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fährt
zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor
Gespenstern zu entsetzen. -- Allgütiger Gott! rief der Vater aus, ist
der fürchterliche Hunger in ihn schon so fest hinein gewachsen, daß es
dahin hat kommen können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich
mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist
alle Liebe und Gottesfurcht verloren.
Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm
manches wieder, was er von Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur
Frömmigkeit, und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen
solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es
gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre
Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit
Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich wie ein neuer Mond das
regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und
besiegt die fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal, in
einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnißvolles
Zeichen tief in mein Gemüth hinein geprägt; oft schläft und ruht die
magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie
ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann
kann ich sie nur denken und fühlen, und alles umher ist verwandelt, oder
vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige
beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch
giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei
jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt
entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist und Körper fühlt die
Angst; wie sie das Gemüth durch ein Gefühl von außen empfing, so will es
sie dann wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus arbeiten,
um ihrer los und ruhig zu werden.
Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte, das dich von uns
hinweg zog; du warst für ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte
sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg,
in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen
Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemüth zerrüttet, und
den verwüstenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer hättest
du dich vor dem Anblick des Gebirges hüten und bewahren müssen, und so
dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine
Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und
Uebermuth verschüttet.
Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine
Pflanze zuerst das Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem
verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen
Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören will; in den Pflanzen,
Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine
große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten,
sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jezt verstehe
ich es wohl, daß es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten
Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und verrieth mir
alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn
mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen
auslöschen, und in jedem Frühling mit ihrer verzerrten Leichenmiene
meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter
Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich
Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie
reden hörst.
Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie
gingen schweigend zurück nach Hause, und der Alte mußte sich jezt
ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie dünkte
ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus
einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt heraus spiele. --
Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die
Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem
Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu
begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um, und ging
tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anhöhe, und sahe
wieder die rauchenden Dächer unter sich, er hörte den Gesang und
Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf
dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!
sagte er zu sich selbst; Jahre sind verflossen, daß ich von hier
hinunter stieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind
heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Gebäude, aber
heut ist Elisabeth nicht mehr ein blühendes kindliches Mädchen, ihre
Jugend ist vorüber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den
Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig ein hohes ewiges
Glück aus der Acht gelassen, um ein vergängliches und zeitliches zu
gewinnen.
Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich
in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine
Luft rührte sich in den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne auf
sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; er erschrak, und sein
erster Gedanke war, jener würde sein Geld von ihm zurück fordern. Als
die Gestalt etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn
die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt, zerbrachen wie in sich
selber; ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie
war in schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige
greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krücke. Mit fürchterlicher
Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande;
er antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer bist du? Man
nennt mich das Waldweib, sagte jene, und jedes Kind weiß von mir zu
erzählen; hast du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten wandte
sie sich um, und Christian glaubte zwischen den Bäumen den goldenen
Schleier, den hohen Gang, den mächtigen Bau der Glieder wieder zu
erkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht
mehr.
Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das grüne Gras nieder. Er hob
es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit
der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte.
Die Gestalt und die bunten Lichter drückten mit der plötzlichsten Gewalt
auf alle seine Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen,
daß er sie wieder in seinen Händen halte, und eilte dann damit nach dem
Dorfe zurück. Der Vater begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon
ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist
jezt gewiß und wahrhaftig mein. Der Alte betrachtete die Tafel lange und
sagte: mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente
dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfügung errathe;
sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich
geben, blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf diese Schrift
weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muß:
Sieh die zarten Blüthen keimen,
Wie sie aus sich selbst erwachen,
Und wie Kinder aus den Träumen
Dir entgegen lieblich lachen.
Ihre Farbe ist im Spielen
Zugekehrt der goldnen Sonne,
Deren heißen Kuß zu fühlen,
Das ist ihre höchste Wonne:
An den Küssen zu verschmachten,
Zu vergehn in Lieb' und Wehmuth;
Also stehn, die eben lachten,
Bald verwelkt in stiller Demuth.
Das ist ihre höchste Freude,
Im Geliebten sich verzehren,
Sich im Tode zu verklären,
Zu vergehn in süßem Leide.
Dann ergießen sie die Düfte,
Ihre Geister, mit Entzücken,
Es berauschen sich die Lüfte
Im balsamischen Erquicken.
Liebe kommt zum Menschenherzen,
Regt die goldnen Saitenspiele,
Und die Seele spricht: ich fühle
Was das Schönste sei, wonach ich ziele,
Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.
Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der Sohn, muß es noch in
den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergründen, heben und an sich reißen
könnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drücken
vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gönnte!
Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist
ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem
Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich sie dort finde!
Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurück zu halten, jener
war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler
Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die
Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, und kehrte weinend um, in
der Ueberzeugung, daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in alte
gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei.
Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen. Das ganze Dorf
trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untröstlich, die Kinder
jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben,
Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mußte die große
Wirthschaft allein verwalten. Die angehäuften Geschäfte entfernten sie
etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung
des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine Zeit übrig. So entschloß
sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand
einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber
bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte
und Mägde waren untreu, Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt,
Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, entwichen mit dem Gelde.
Bald sah sich der Wirth genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu
verkaufen; aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur in neue
Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar
erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen
mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der
Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und
trank häufigen und starken Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig
machte, so daß oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte. So
wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen
zurück, so daß sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und
sich nur mit Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten.
Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine Kuh übrig geblieben, welche
Elisabeth oft selber mit den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer
Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes Kind an
der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen
sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein
Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen
struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem
Kopf, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar
geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und
unbegreiflicher machte. Auf dem Rücken trug er in einem festgeschnürten
Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich auf eine junge
Fichte.
Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Athem.
Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das
Mädchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte,
sagte er: nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus
dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die
kostbarsten Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das
Herz sich wünschen kann. Seht hier, und erstaunt! -- Er öffnete hierauf
seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen
große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es ist nur, fuhr er
fort, daß diese Juwelen noch nicht polirt und geschliffen sind, darum
fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem
Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man
muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung
ihnen mehr nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. -- Er
nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen
einen andern, so daß die rothen Funken heraussprangen. Habt ihr den
Glanz gesehen? rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie
erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie es nicht
freiwillig. -- Er packte hierauf alles wieder sorgfältig in seinen Sack,
welchen er fest zusammen schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er
dann wehmüthig, du bist Elisabeth. -- Die Frau erschrak. Wie ist dir
doch mein Name bekannt, fragte sie mit ahnendem Zittern. -- Ach, lieber
Gott! sagte der Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als
Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?
Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen
sollte. Er fiel ihr um den Hals, und küßte sie. Elisabeth rief aus: O
Gott! mein Mann kommt!
Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde
wartet schon meine Schöne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen
Schleier geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm
her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir auch einen Kuß, nur einen
einzigen, daß ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle,
dann will ich euch verlassen.
Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und
Thränen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm
sie in die Arme, und drückte sie an seine Brust. -- Dann ging er still
fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe
sprechen.
Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter und Tochter blaß und in
Thränen aufgelöst fand. Keiner wollte ihm Antwort geben.
Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.
* * * * *
Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte er, meine Zuhörer, noch
auffallender aber meine Zuhörerinnen, sind blaß geworden.
Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu schrecklich; es ist aber dem
Vorleser nicht besser ergangen, denn er hat während seinem Vortrage mehr
als einmal die Farbe gewechselt.
Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die ich ihnen nun
vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit jene zu trübe Empfindung
unterbrechen, wenn auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige
Aufmerksamkeit für den Inhalt dieser Blätter.
Liebeszauber.
1811.
Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund
Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er
wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen
Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimniß
entdecken und sich Rath von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand
bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten,
so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das Schicksal fast in einer
ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen
Dingen das Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät,
flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert,
unternahm er alles, wußte für alles Rath, war ihm keine Unternehmung zu
schwierig, konnte ihn kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines
Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell, als er anfangs
elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war
für ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn
nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so daß
Roderich alle seine Plane eben so ohne Ursach liegen ließ und saumselig
vergaß, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag,
daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer Freundschaft den
Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem
Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide
liebten sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung darin,
daß einer über den andern die gegründetsten Klagen führen konnte.