Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite

Schatten fielen durch das enge Thal. Eine kühlende Dämmerung schlich

über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden

Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüth

ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück

kehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und

er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte er sich die alten Bücher,

die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, so

oft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Scenen

seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine

Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend

gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er

freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in

Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden.

Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel

der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er

noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und

er war durchaus unentschlossen, was er thun und vornehmen solle.

Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich

hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich

unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmüthig

verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als

wenn er unvermuthet die Wunde berührt habe, an der der sterbende

Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und

wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen

Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende

Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig

werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter

ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian

hatte sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor

dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so eilig? fragte der Fremde noch

einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm

plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich

habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des

Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des

Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr seid noch

jung, sagte der Fremde, und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch

nicht ertragen, ich will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus

oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und

uns erzählen, so verliert ihr die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt

der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch eure

Seele lichter machen.

Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter

Bekannter zu sein. Wie seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte

jener, ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. -- Ach

darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, und doch ist es

wieder keiner Rede, keiner Erzählung werth; es hat mich wie mit fremder

Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein

Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz

gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele

in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in

einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe

erblickte; wenige Bäume schmückten den grünen Plan, aber Wiesen,

fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge

reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den

Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte

vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er liebte die

Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet mit

ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete,

er könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachsthum und

Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Blätter.

Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir

zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte

Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser

stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die

Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche Haus zurück.

Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in

seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und

ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer Beschäftigung, und plötzlich

erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für

mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und

stellte mir hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung

erschuf sich ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse der

Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine

Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch

Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines

Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite

Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen

erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhaßter.

Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der

bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken

und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes

nur ein einziges mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis

ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner Eltern auf

immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten

großen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach

richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge und ich fühlte

mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu

verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse

des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen,

so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath

ansah; mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf der Reise.

Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und

wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und

berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten

Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die

Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit

bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich

schwindlichten Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig

im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht

müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen großen Theil des

Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein

inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu

unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich

nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem

Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges

kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach

dem Walde zogen, wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge

und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, die Hunde zu ihren

Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jezt sitze ich seit

acht Tagen hier oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und am

Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem

Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglückselig vor, und noch kann

ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen.

Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen

dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und

das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über der Bergspitze

stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen

gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder räthselhaft

vereinigte, lag das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein

steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im

weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg trennt sich hier, sagte der

Fremde, ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht

ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer

erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht

folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke,

wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du

niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge Christian, ich hörte

einmal meinen alten Förster wundersame Dinge von diesem Berge erzählen,

die ich thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich,

daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe war. Ich möchte wohl einmal

die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras

muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sichs

wohl treffen, daß man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben

fände.

Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur zu suchen versteht,

wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde

dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wünscht. -- Mit

diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gefährten

Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebüsches verschwunden,

und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge Jäger

war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem

Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu

leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern,

lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und

rauschende Wälder zu und sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie

beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit in

seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor wuchs. -- Er kam in

Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das

Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden Stimmen

an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er

ohne Stillstand fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen

Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die

Tiefe, die unter ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr

spornten ihn irre Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog

ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den

Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler,

und der Jüngling mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um nicht

hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte

unter einem Fenster, er mußte still stehen und wußte jezt nicht, ob er

umkehren, ob er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich

hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und

entdeckte, daß er in einen alten geräumigen Saal blicken konnte, der

wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in

vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll von dem

wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine große weibliche

Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien

nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren ihre

Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten

Jünglinge, daß er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahnet

habe. Er zitterte und wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten

und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf

einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit

durchdringlicher Stimme:

Wo die Alten weilen,

Daß sie nicht erscheinen?

Die Kristallen weinen,

Von demantnen Säulen

Fließen Thränenquellen,

Töne klingen drein;

In den klaren hellen

Schön durchsichtgen Wellen

Bildet sich der Schein,

Der die Seelen ziehet,

Dem das Herz erglühet.

Kommt ihr Geister alle

Zu der goldnen Halle,

Hebt aus tiefen Dunkeln

Häupter, welche funkeln!

Macht der Herzen und der Geister,

Die so durstig sind im Sehnen,

Mit den leuchtend schönen Thränen

Allgewaltig euch zum Meister!

Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre

Gewänder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen

goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in

geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand

des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der

überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach und nach

alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder,

und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel

wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen

Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich

einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen

eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glänzte, und

betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche

unverständliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu

bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, der

Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten grüne und blau

spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstände mit seinen

Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In

seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von

Sehnsucht und Wollust aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und

wehmüthigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüth, das bis auf

den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich

aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht,

große Wasserströme, wie voll Wehmuth fließend. Er kannte sich nicht

wieder, und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die

magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: Nimm

dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die Tafel und fühlte die Figur,

die unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die

mächtige Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine

dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in sein Inneres hinein, er

suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und

unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich

der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte.

Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen gepreßt, als der Morgen

graute und er erschöpft, schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe

hinunter stürzte. --

Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein Gesicht, der sich

erwachend auf einem anmuthigen Hügel wieder fand. Er sah umher, und

erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont

die Trümmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie

nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine

Erinnerungen anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem wüsten

Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich

durch einander bewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer

tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche war so in

einander vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte. Nach langem

Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein

plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er

immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe

verirren können.

Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, und gerieth auf einen

gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte.

Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine Heimath

gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermuthete

endlich, daß er sich jenseit der südlichen Gränze des Gebirges befinden

müsse, welches er im Frühling von Norden her betreten hatte. Gegen

Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen Hütten ein friedlicher

Rauch in die Höhe stieg, Kinder spielten auf einem grünen Platze

festtäglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang

und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich süßer

Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich, daß er weinen mußte. Die engen

Gärten, die kleinen Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die

gerade abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit des

armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit vom freundlichen

Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang

und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit.

Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und

frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demüthig an

die Menschen wie an seine Brüder schließen, und sich von den gottlosen

Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend und anlockend dünkte ihm die

Ebene mit dem kleinen Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um

Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt

in dem einsamen Gebirge und zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich,

in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit diesen

Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche.

Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt

begonnen, von den Wohlthaten Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles

speiset und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide für die

Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes

sich unaufhörlich im Brodte mittheile und der andächtige Christ so ein

unvergängliches Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war erbaut,

des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht

neben der Kanzel ein junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht

und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr

blaues Auge glänzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antliz war

wie durchsichtig und in den zartesten Farben blühend. Der fremde

Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll

Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefühlen

hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen

sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie von einer

unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die

tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die

Kirche, verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott in einem

inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den

Netzen des bösen Geistes befreit habe.

Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest und alle Menschen waren

fröhlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die Tänze und

Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von

jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein,

die Musikanten saßen und probirten ihre Instrumente. Christian ging noch

einmal in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln und seinen

Betrachtungen nachzuhängen, dann kam er in das Dorf zurück, als sich

schon alles zur Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget

hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der

Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte

unterdeß bald mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein Pachter

war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und

das Gespräch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer

Zeit dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen solle.

Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse

und Beschäftigungen zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath

so sehr verachtet hatte.

Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward

zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande veränderte er auch seine

Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand

seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle im Hause, vorzüglich

aber die Tochter, gewogen wurden. So oft er sie am Sonntage zur Kirche

gehn sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für

den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn

er sie an einem Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen

und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer nothwendiger, und die

Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn

Christian war der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst

hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm

gefühlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war

wieder Frühling, die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in das

Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, die Hochzeit wurde

mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut und Bräutigam schienen trunken

von ihrem Glücke. Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte der

junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes Bild bist du, welches

mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann,

aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen Armen.

Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine

Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar

zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam

seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. Er gedachte kaum noch

seiner vorigen Lebensweise, denn er fühlte sich ganz einheimisch und

befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die

Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater über sein ruhiges

Glück, über seinen Stand als Gärtner und Landmann freuen würde; es

ängstigte ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte

vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die

Kinder den Eltern sind, und so beschloß er dann endlich, sich auf die

Reise zu machen und seine Heimath wieder zu besuchen.

Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm Glück, und er machte

sich in der schönen Jahreszeit zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach

wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal empfand er

in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenstände

erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen

Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber

sei, daß er eine Heimath gefunden, der er angehöre, in die sein Herz

Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der

vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst trübselig zu Muthe, als

er für die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er

begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den

erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrießlich und murrend machte er

sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 13 / 26 段