erzählten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der
Tannenhäuser noch immer sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich
aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit
wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den
freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun,
so mag dein Wille erfüllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir
aber nachher keine Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß
und Grauen erfüllt.
Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grünen Lustwald, wo sie
sich niedersetzten, worauf der Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase
verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte
Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. Der trübselige Pilgrim
richtete sich wieder auf, und begann seine Erzählung auf folgende Weise:
Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von uns ein böser Geist von seiner
Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und
ihn nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung
gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein
dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum
habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, und so manche
stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim
heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die
schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck erliegen und
verzweifelnd sterben.
Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser auf seine
Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen
Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß vor
vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt
habe; man erzählt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann
gekommen sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, so wilde
Wünsche in den Herzen aller Hörenden auferweckt haben, daß sie
unwiderstreblich den Klängen nachgerissen worden, um sich in jenem
Gebirge zu verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den armen
Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein
gespielt. Ich hörte als Knabe diese Erzählung oft und wurde nicht
sonderlich davon gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich
die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen
herzergreifenden Tönen. Ich kann dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth,
welche unaussprechliche Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in
Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem Zug der Wolken
nachsahe, die lichte herrliche Bläue erblickte, die zwischen ihnen
hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten
Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Fülle der
herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte und wie mit Flügeln
hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, über Berg und
Thal auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig zu regen und
die Fülle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie
Landschaft entzückt, so ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder
und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu
allem Leben versperren wollten. Vor allen ließ ein Traum einen
unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht
die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. Mir
dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, ich vernahm
undeutliche Gespräche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle
Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und
krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte
sie inbrünstig und drückte sie an meine Brust, als wenn uns eine
feindliche Gewalt von einander reißen wollte. Sollt' ich dich verlieren?
sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und einsam wäre ich ohne
dich in dieser Welt! Sie trösteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das
dunkle Bild aus meinem Gedächtnisse zu entfernen.
Ich ward älter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters
entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah
es an einem Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln
Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit
vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich plötzlich
vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch
dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume und Blumen,
voran standen Rosengebüsche, die im Schein der Sonne glänzten. Ein
unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht
zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch die eisernen Stäbe, und
war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die
Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergoß mich in
Thränen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzückung verloren hatte,
kamen zwei Mädchen durch die Baumgänge, die eine älter, die andre von
meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, um mich einer höheren
Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war in
diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen
geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder
erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater
Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte.
Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte
Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse
und dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath aller meiner
Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten Freuden, ich vernachlässigte meine
Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schloß und das Mädchen. Bald
war ich dort wie ein Kind vom Hause, so daß man sich nicht mehr
verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage
lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zärtlichkeit hatte mein
Herz gefangen genommen, ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze
Bestimmung schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere Wünsche, als
immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den
künftigen Tag zu haben.
Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch
zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich,
an Emma schloß. Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen
Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, als ich wahrzunehmen
glaubte, daß Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser
Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet
hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Haß, wilde
Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die
bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und
bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwürfe machten, wild und
widerspenstig.
Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen umher, gegen mich
selber wüthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge
Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an,
sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen
Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde
vereiniget; ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück als sie, ja
ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß ihren Verlust und mein
Verderben ein und derselbe Tag herbei führen solle.
Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, meine Mutter war
krank geworden, aber es rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um
ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes
rückte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wälder
und über die Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit den
gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch
wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben.
Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage brach heran. Ich hatte
mich unter Klippen verirrt und hörte unter mir die Waldströme brausen,
oft erschrak ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah ich meinen Feind
von den Bergen hernieder steigen, ich fiel ihn mit beschimpfenden Reden
an, er vertheidigte sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank
er unter meinen wüthenden Hieben nieder.
Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, aber seine Begleiter
trugen den Leichnam fort. Nachts schwärmte ich um die Wohnung, die meine
Emma einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im benachbarten
Kloster Todtengeläute und den Grabgesang der Nonnen. Ich fragte: man
sagte mir, daß Fräulein Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams
gestorben sei.
Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich lebe, ob alles
Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen Eltern, und kam in der
folgenden Nacht spät in die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in
Unruhe, Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte
tummelten sich durch einander und sprachen in verwirrten Reden: es war
gerade an dem, daß der Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde
unternehmen wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen
Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung lag auf meiner
Brust. Auf mein Anklopfen kommt mir mein Vater selbst mit leisem
bedächtigen Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten
Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit innigster Bewegung, daß
es dasselbe sei, was ich nun erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum,
Vater, seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und spricht: ich
muß wohl wachen, denn deine Mutter ist ja nun auch todt.
Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er setzte sich bedächtig
nieder, ich mich an seine Seite, die Leiche lag auf einem Bette und war
mit Tüchern seltsam zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich halte
Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt noch immer neben mir.
Meine Sinne vergingen, ich heftete meine Augen in einen Winkel, und nach
kurzer Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und wogte, und die
bekannte Bildung meiner Mutter zog sich sichtbarlich zusammen, die nach
mir mit ernsten Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, denn
die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater hielt mich fest in den
Armen, welcher mir leise zuflüsterte: sie ist aus Gram um dich
gestorben. Ich umfaßte ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß
brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich, und mir schauderte,
als seine Lippen kalt wie die Lippen eines Todten mich berührten. Wie
ist dir, Vater? rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in
sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen Augenblicken fühlte ich
ihn kälter werden, ich suchte nach seinem Herzen, es stand still, und im
wehmüthigen Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung fest
eingeklammert.
Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe, flog es durch das dunkle
Gemach; da saß der Geist meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter,
und beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure Leiche
festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein geschehn, wahnsinnig und
kraftlos fanden mich die Diener am Morgen in der Todtenkammer. --
Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung gekommen, indem ihm
sein Freund Friedrich mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er
plötzlich abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes inne hielt.
Friedrich war verlegen und nachdenkend, die beiden Freunde gingen in die
Burg zurück, doch blieben sie in einem Zimmer allein.
Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen hatte, fing er wieder
an: Immer noch erschüttert mich das Andenken dieser Stunden tief, und
ich begreife nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr schien
mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben und verwüstet, ich
schleppte mich ohne Gedanken und Wunsch von einem Tage zum andern
hinüber. Dann gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten,
und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden bösen Geist in mir zu
besänftigen. Die alte brennende Ungeduld erwachte in meiner Brust von
neuem, und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht verstehn. Ein
Wüstling, Rudolf genannt, war mein Vertrauter geworden, der aber immer
meine Klagen wie meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr
verflossen sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es drängte
mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte Ferne, ich hätte mich von
den hohen Bergen hinab in den Glanz der Wiesenfarben, in das kühle
Gebrause der Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der Seele, die
Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich nach der Vernichtung und
wieder wie goldne Morgenwolken schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir
hin und lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, daß die Hölle
nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen wie Freuden entgegen sende,
um mich zu verderben, daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte
nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter zügle. Da gab ich
mich gefangen, um der Quaalen, der wechselnden Entzückungen los zu
werden. In der dunkelsten Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief
mit allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen zu mir, so
daß ich fühlte, er würde mir gehorchen müssen. Meine Worte zogen ihn
herbei, er stand plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da
ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren Berg von neuem
in mir auf, und er lehrte mich ein Lied, das mich von selbst auf die
rechte Straße dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum
erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun verstand ich meine
abirrenden Gedanken, die aus dem Mittelpunkte heraus strebten, um eine
neue Welt zu finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, das ich
mit lauter Stimme sang, führte mich über wunderbare Einöden fort, und
alles übrige in mir und außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie
auf großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, ich wollte dem
Schatten entfliehen, der uns auch aus dem Glanze noch dräut, den wilden
Tönen, die noch in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich in
einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken matt hervor schien, vor
dem Berge an. Ich setzte mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da
und winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher. Ich bin der
getreue Eckart, rief die übermenschliche Bildung, ich bin von Gottes
Güte hieher zum Wächter gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu
halten. -- Ich drang hindurch.
Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun mein Weg. Der Steg war so
schmal, daß ich mich hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der
verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister, die die Erze und
Gold und Silber bildeten, um den Menschengeist zu locken, ich fand die
tiefen Klänge und Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die
irdische Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es wie ein
Schleier vor meinem Angesichte hinweg.
Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran wanken, mein Freund
Rudolf war unter ihnen; ich begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen
würden, da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten durch die
Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr wurden.
Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, als bis dahin zu meinem
Gehör gedrungen war, meine Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen;
ich kam ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von allen Seiten
an. Das war es, was ich immer gewünscht hatte. Dicht am Herzen fühlte
ich die Gegenwart der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und in
mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften hinein. So kam
mir das Gewimmel der frohen heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an
ihrer Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt von der
Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist von der Erde vertilgt; nun
wirken sie von dort in ihrer Heimlichkeit.
Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte ich hier in ihrer
vollsten Blüthe, unersättlich war mein Busen und unendlich der Genuß.
Die berühmten Schönheiten der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke
wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit folgte der andern, mit
jedem Tage schien um mich her die Welt in bunteren Farben zu brennen.
Ströme des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und die
holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein Gewimmel von
nackten Mädchen umgab mich einladend, Düfte schwangen sich bezaubernd um
mein Haupt, wie aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang
eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der Begierde wilde
Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich über die Blumenfelder schlich,
erhöhte den entzückenden Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind,
weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit und keine
Unterschiede, in den Blumen brannte der Mädchen und der Lüste Reiz, in
den Körpern der Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben führten
hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue Worte, die ganze
Sinnenwelt war hier in einer Blüthe fest gebunden, und die Geister
drinnen feierten ewig einen brünstigen Triumph.
Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie fassen, daß mich nun in
aller Sünderherrlichkeit der Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten
unschuldigen Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff, wie mich
vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte. Es zog mich an, wieder
jenes Leben zu leben, das die Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen,
mit Leiden und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz gesättigt
und suchte gern die vorige Heimath wieder. Eine unbegreifliche Gnade des
Allmächtigen verschaffte mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich
wieder in der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor den Stuhl
unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten, daß er mir vergebe
und ich den übrigen Menschen wieder zugezählt werde. --
Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete ihn lange mit
einem prüfenden Blicke; dann nahm er die Hand seines Freundes und sagte:
immer noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen, auch kann
ich deine Erzählung nicht begreifen, denn es ist nicht anders möglich,
als daß alles, was du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir
sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, und nie haben wir
gekämpft oder uns gehaßt, wie du glaubst; doch verschwandest du noch vor
unsrer Hochzeit aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit einem
einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei.
Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei der Hand und führte ihn
in ein anderes Zimmer zu seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer
Schwester, bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß zurück
gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm und nachdenkend, er beschaute
still die Bildung und das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem
Kopfe und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von allen meinen
Begebenheiten!
Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles, was ihm seitdem
zugestoßen war, und suchte seinem Freunde deutlich zu machen, daß ihn
ein seltsamer Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe. Ich weiß
recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser aus, jezt bin ich getäuscht
und wahnsinnig, die Hölle will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich
nicht nach Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll.
Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, aber der Tannenhäuser
ließ sich nicht überreden. So reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in
Rom vom Pabste Absolution zu erhalten.
Friedrich und Emma sprachen noch oft über den seltsamen Pilgrim. Einige
Monden waren verflossen, als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in
zerrissenen Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat,
indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund und sagte dann
schnell die Worte: der heilige Vater will und kann mir nicht vergeben,
ich muß in meinen alten Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich
eilig.
Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war schon
verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner Gattin, und die Weiber
stürzten ihm mit Geheul entgegen; der Tannenhäuser war hier früh am Tage
herein gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht in
meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet.
Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn wie Entsetzen
befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins Freie. Man wollte ihn zurück
halten, aber er erzählte, wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen
gegeben habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder
gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den wunderlichen
Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und man sah ihn seitdem nicht mehr.
Die Leute sagten, wer einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der
könne der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt in die
unterirdischen Klüfte reiße. --
* * * * *
Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich gekehrt, worauf
Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung und einleitende Vorrede will ich
sogleich die Vorlesung meines Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht
erst zu versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da unsre
schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so hoffe ich, daß sie
auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht wird versagen können. Er las
hierauf folgende Erzählung.
Der Runenberg.
1802.
Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem
Vogelheerde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der
Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und
Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und alle Befreundeten seines
Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus
dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er
blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem
Thale, in dieser Beschäftigung wieder fand. Große Wolken zogen durch den
Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den
Gebüschen und ein Wiederschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den
Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über
vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde
Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in
unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren,
und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen
konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und
glücklich; so faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme
einen Jägergesang.
Froh und lustig zwischen Steinen
Geht der Jüngling auf die Jagd,
Seine Beute muß erscheinen
In den grünlebendgen Hainen,
Sucht' er auch bis in die Nacht.
Seine treuen Hunde bellen
Durch die schöne Einsamkeit,
Durch den Wald die Hörner gellen,
Daß die Herzen muthig schwellen:
O du schöne Jägerzeit!
Seine Heimath sind die Klüfte,
Alle Bäume grüßen ihn,
Rauschen strenge Herbsteslüfte
Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte
Muß er jauchzend dann durchziehn.
Laß dem Landmann seine Mühen
Und dem Schiffer nur sein Meer,
Keiner sieht in Morgens Frühen
So Aurora's Augen glühen,
Hängt der Thau am Grase schwer,
Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet
Und Diana lacht ihn an,
Einst das schönste Bild entbrennet
Die er seine Liebste nennet:
O beglückter Jägersmann!