Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen

Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und

vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf

seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen

noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr

niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt

seid?

Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und

Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder

gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.

Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner

jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich

verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!

Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm

dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in

einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen

wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt

herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift

nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und

findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen

Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O

mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen

Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den

Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so

prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner

denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe

abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich

Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das

Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem

Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?

Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin.

Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt

eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die

Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde

gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen

Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof

halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und

verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht

seit undenklichen Zeiten gelegen hat.

Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart.

Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses Niemand zu sagen

weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch

keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von

wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die

Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht

die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne weit

in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird

von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort,

fort in die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er

wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie

seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den

Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist

der Hölle jezt zurück gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen

wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine

Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit

lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie

verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und

angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge,

und sie suchen in der Hölle Raum.

Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart.

Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die

Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram

zu sterben.

Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe

auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes

auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner

unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für

wahnwitzig. --

Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurück; da

irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem

Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog aus der Burg daher,

da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein

Roß, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich und

guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten

sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes

Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in

Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief

er zurück, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht,

sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer und Wehklagen

erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr,

sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war

gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen.

Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und er war vor Schmerz und

Wuth sein selber nicht mehr mächtig. Er spornte sein Roß mit aller

Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer

Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich

vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. Bin

ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst

mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere

Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach

des Fürsten.

Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak

heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund?

redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast

meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch

mein jüngstes Söhnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu

gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog

wieder mit Ja antwortete.

Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: O antworte mir nicht

so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß

es dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und ich will mich

zu trösten suchen; aber so bist du meinem Herzen überall zuwider.

Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer

Verräther, denn du bist mir der ärgste Feind, den ich nur auf Erden

haben kann.

Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese

Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab' ich dir zuwider gehandelt,

stets hab' ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, und behüte

mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl könnte, die Hand an mein Schwerdt

legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von

deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben.

Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemüthe

bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen,

die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spießen aus

dem Gemache treiben wollten.

Es schwang sich auf sein Pferd

Eckart der edle Held,

Und sprach: in aller Welt

Ist mir nun nichts mehr werth.

Die Söhn' hab' ich verloren,

So find' ich nirgend Trost,

Der Fürst ist mir erbost,

Hat meinen Tod geschworen.

Da reitet er zu Wald

Und klagt aus vollem Herzen

Die übergroßen Schmerzen,

Daß weit die Stimme schallt:

Die Menschen sind mir todt,

Ich muß mir Freunde suchen

In Eichen, wilden Buchen,

Ihn'n klagen meine Noth.

Kein Kind, das mich ergötzt,

Erwürgt von schlimmen Leuen

Blieb keiner von den dreien,

Der Liebste starb zuletzt.

Wie Eckart also klagte,

Verlor er Sinn und Muth,

Er reit't in Zorneswuth,

Als schon der Morgen tagte.

Das Roß, das treu geblieben,

Stürzt hin im wilden Lauf,

Er achtet nicht darauf

Und will nun nichts mehr lieben.

Er thut die Rüstung abe,

Wirft sich zu Boden hin,

Auf Sterben steht sein Sinn,

Sein Wunsch nur nach dem Grabe.

Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der Eckart gewendet, denn er

hatte sich in die wüsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem

Menschen ließ er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und es

gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum

machte er sich an einem Morgen auf, mit einem großen Zuge von Jägern und

anderm Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den Eckart

aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur ihn völlig sicher

stellte. Alle waren unermüdet, und ließen sich den Eifer nicht

verdrießen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne daß sie von

Eckart eine Spur angetroffen hätten.

Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde

hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem

ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen

und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht

hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte

nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern,

denn es war keiner, der ihn hören mochte.

Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem

Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer

Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich

wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage

seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus

seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte

sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er

raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin,

wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn

so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf?

Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der

meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es,

Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm,

dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so

vor mir stehn! Vergeblich wünsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick

vorüber ist.

So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da

hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete

seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf

einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm

wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme,

denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß

der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und

wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder

seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er

war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich

inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er

faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die

Straße vermuthete.

Der Herzog sank darnieder

Im wilden dunkeln Hain,

Da nahm der Helde bieder

Ihn auf die Schultern sein.

Er sprach: gar viel Beschwerden

Mach' ich dir, guter Mann;

Der sagte: auf der Erden

Muß man gar viel bestahn.

Doch sollst du, sprach Burgund,

Dich freun, bei meinem Worte,

Komm ich nur erst gesund

Zu Haus und sicherm Orte.

Der Held fühlt Thränen heiß

Auf seinen alten Wangen,

Er sprach: auf keine Weis'

Trag ich nach Lohn Verlangen.

Es mehren sich die Plagen,

Sprach der Burgund in Noth;

Wohin willst du mich tragen?

Du bist wohl gar der Tod? --

Tod bin ich nicht genannt,

Sprach Eckart noch im Weinen,

Du stehst in Gottes Hand,

Sein Licht mag dich bescheinen.

Ach, wohl ist mir bewußt,

Sprach jener drauf in Reue,

Daß sündvoll meine Brust,

Drum zittr' ich, daß er dräue.

Ich hab' dem treusten Freunde

Die Kinder umgebracht,

Drum steht er mir zum Feinde

In dieser finstern Nacht.

Er war mir recht ergeben,

Als wie der treuste Knecht,

Und war im ganzen Leben

Mir niemals ungerecht.

Die Kindlein ließ ich tödten,

Das kann er nie verzeihn,

Ich fürcht', in diesen Nöthen

Treff' ich ihn hier im Hain:

Das sagt mir mein Gewissen,

Mein Herze innerlich,

Die Kind hab ich zerrissen,

Dafür zerreißt er mich.

Der Eckart sprach: empfinden

Muß ich so schwere Last,

Weil du nicht rein von Sünden

Und schwer gefrevelt hast.

Daß du den Mann wirst schauen,

Ist auch gewißlich wahr,

Doch magst du mir vertrauen,

So krümmt er dir kein Haar.

So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre

Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der

seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch

über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken

hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu

erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf

den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er

glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen,

wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von

unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg

ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe

Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine

Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen.

Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum

hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen

fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein

Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und

rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen

wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und

nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog

anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in

sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu.

Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein

öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart

den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie

warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte.

Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den

Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen

erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging.

Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in

dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht

haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch

daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so

sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben

möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor

meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen,

schenk' ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen

liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen

Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der

sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für

deine Mühe und Liebe lohnen möge.

Da stand der Eckart von der Erden

Und trat herfür ans helle Licht,

Er zeigt mit traurigen Geberden

Sein hochbekümmert Angesicht.

Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,

Den Blick des Mannes auszuhalten,

Den Adern sein entweicht das Blut,

In Ohnmacht ist er festgehalten.

Es stürzen ihm die matten Glieder

Von neuem auf den Boden nieder.

Allmächt'ger Gott! so schreit er laut,

Du bist es, den mein Auge schaut?

Wohin soll ich vor dir entfliehn?

Mußt du mich aus dem Walde ziehn?

Dem ich die Kinder hab' erschlagen,

Der muß mich in den Armen tragen?

So klagt Burgund und weint im Sprechen,

Und fühlt das Herz im Busen brechen,

Er sinkt dem Eckart an die Brust,

Ist sich sein selber nicht bewußt. --

Der Eckart leise zu ihm spricht:

Der Schmach gedenk' ich fürder nicht,

Damit die Welt es sehe frei,

Der Eckart war dir stets getreu.

So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den

kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in

sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft

aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah

ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach

einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er

versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den

Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil

dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.

Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und

jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es

währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare

Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze

Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche

verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne.

Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des

unglücklichen Greises wieder.

Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen

Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse

befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer

Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange,

von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart

unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den

Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen

Klang vernahm.

Kommt es nicht wie Träumen

Aus den grünen Räumen

Zu uns wallend nieder,

Wie Verstorbner Lieder?

Spricht er zu den jungen Herrn,

Vernimmt den Zauberklang von fern.

Wie sich die Tön' herüberschwungen

Erwachet in den frommen Jungen

Ein seltsam böser Geist,

Der sich nach unbekannter Ferne reißt.

Wir wollen in die Berge, in die Felder,

Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,

Gar heimliche Stimmen entgegen singen,

Ins irdische Paradies uns zu bringen!

Der Spielmann kommt in fremder Tracht

Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,

Und höher schwillt der Töne Macht,

Und heller glänzt der Sonne Licht,

Die Blumen scheinen trunken,

Ein Abendroth nieder gesunken,

Und zwischen Korn und Gräsern schweifen

Sanft irrend blau und goldne Streifen.

Wie ein Schatten ist hinweg gehoben

Was sonst den Sinn zur Erden zieht,

Gestillt ist alles ird'sche Toben,

Die Welt zu Einer Blum' erblüht,

Die Felsen schwanken lichterloh,

Die Triften jauchzen und sind froh,

Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein

Und will in der Freude heimisch sein,

Des Menschen Seele reißen die Funken,

Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.

Es wurde Eckart rege

Und wundert sich dabei,

Er hört der Töne Schläge

Und fragt sich, was es sei.

Ihm dünkt die Welt erneuet,

In andern Farben blühn,

Er weiß nicht, was ihn freuet,

Fühlt sich in Wonne glühn.

Ha! bringen nicht die Töne,

So fragt er sich entzückt,

Mir Weib und liebe Söhne,

Und was mich sonst beglückt?

Doch faßt ein heimlich Grauen

Den Helden plötzlich an,

Er darf nur um sich schauen

Und fühlt sich bald ein Mann.

Da sieht er schon das Wüthen

Der ihm vertrauten Kind,

Die sich der Hölle bieten

Und unbezwinglich sind.

Sie werden fortgezogen

Und kennen ihn nicht mehr,

Sie toben wie die Wogen

Im wildempörten Meer.

Was soll er da beginnen?

Ihn ruft sein Wort und Pflicht,

Ihm wanken selbst die Sinnen,

Er kennt sich selber nicht.

Da kömmt die Todesstunde

Von seinem Freund zurück,

Er höret den Burgunde

Und sieht den letzten Blick.

So schirmt er sein Gemüthe

Und steht gewappnet da,

Indem kommt im Gemüthe

Der Spielmann selbst ihm nah.

Er will den Degen schwingen

Und schlagen jenes Haupt:

Er hört die Pfeife klingen,

Die Kraft ist ihm geraubt.

Es stürzen aus den Bergen

Gestalten wunderlich,

Ein wüstes Heer von Zwergen,

Sie nahen grauerlich.

Die Söhne sind gefangen

Und toben in dem Schwarm,

Umsonst ist sein Verlangen,

Gelähmt sein tapfrer Arm.

Es stürmt der Zug an Vesten,

An Schlössern wild vorbei,

Sie ziehn von Ost nach Westen

Mit jauchzendem Geschrei.

Eckart ist unter ihnen,

Es reißt die Macht ihn hin,

Er muß der Hölle dienen,

Bezwungen ist sein Sinn.

Da nahen sie dem Berge,

Aus dem Musik erschallt,

Und also gleich die Zwerge

Stillstehn und machen Halt.

Der Fels springt von einander,

Ein bunt Gewimmel drein,

Man sieht Gestalten wandern

Im wunderlichen Schein.

Da faßt er seinen Degen

Und sprach: ich bleibe treu!

Und haut mit Kraft verwegen

In alle Schaaren frei.

Die Kinder sind errungen,

Sie fliehen durch das Thal,

Der Feind noch unbezwungen

Mehrt sich zu Eckarts Quaal.

Die Zwerge sinken nieder,

Sie fassen neuen Muth,

Es kommen andre wieder,

Und jeder kämpft mit Wuth.

Da sieht der Held schon ferne

Die Kind in Sicherheit,

Sprach: nun verlier' ich gerne

Mein Leben hier im Streit.

Sein tapfres Schwerdt thut blinken

Im hellen Sonnenstrahl,

Die Zwerge niedersinken

Zu Haufen dort im Thal.

Die Kinder sind entschwunden

Im allerfernsten Feld,

Da fühlt er seine Wunden,

Da stirbt der tapfre Held.

So fand er seine Stunde

Wild kämpfend wie der Leu,

Und blieb noch dem Burgunde

Im Tode selber treu.

Als nun der Held erschlagen

Regiert der ältste Sohn,

Dankbar hört man ihn sagen:

Eckart hat meinen Thron

Erkämpft mit vielen Wunden

Und seinem besten Blut,

Und alle Lebensstunden

Verdank' ich seinem Muth.

Bald hört man Wundersagen

Im ganzen Land umgehn,

Daß, wer es wolle wagen

Der Venus Berg zu sehn,

Der werde dorten schauen

Des treuen Eckart Geist,

Der jeden mit Vertrauen

Zurück vom Felsen weist.

Wo er nach seinem Sterben

Noch Schutz und Wache hält.

Es preisen alle Erben

Eckart den treuen Held.

Zweiter Abschnitt.

Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart

verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im

großen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit alle

übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und

hochgeschätzt wurde. Plötzlich aber verschwand er, nachdem sich einige

wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wußte zu

sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es

vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin

gewandert und also auf ewig verloren sei.

Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, härmte sich von

allen am meisten um den jungen Tannenhäuser. Sie waren mit einander

erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedürfniß

seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers alter Vater war gestorben,

Friedrich vermälte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis

von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von

seinem Jugendfreunde vernommen, so daß er ihn auch für gestorben halten

mußte.

Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne

einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der

fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine

Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener näher gekommen,

glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, daß der

Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser sein

könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemächtigte sich seiner,

als er die durchaus veränderten Züge deutlich gewahr wurde.

Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem

andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der

verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden

Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches Feuer brannte.

Nachdem sich der Tannenhäuser einige Tage erholt hatte, erfuhr

Friedrich, daß er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 11 / 26 段