Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwärterin an, ich dachte

an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich auch einst berauben

oder wohl gar ermorden könne. -- Schon lange kannt' ich einen jungen

Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand, -- und hiermit,

Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.

Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, -- ihre

Jugend, ihre Schönheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre

einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich

liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein Vermögen, aber durch

ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere

Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. --

Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in

die Nacht geworden, -- wir wollen uns schlafen legen.

Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wünschte ihr mit einem

Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich

kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den

kleinen _Strohmian_ füttert.

Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale

auf und ab. -- Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich

bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und

jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! -- Wird er sie nicht

mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht

vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht

nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich

verstellen?

Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen

hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen

wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie

auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert

wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und

konnte doch nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze Nacht

mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig.

Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück erscheinen; Walther

schien sich nicht viel darum zu kümmern, und verließ auch den Ritter

ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er

besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die

Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben.

Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes,

und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder

weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er

ließ sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder

mußte doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden.

Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward

ängstlich, die Röthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen

wurden immer glühender. -- An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr

Bette rufen, die Mägde mußten sich entfernen.

Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, das mich fast um

meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine

unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. -- Du weißt,

daß ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz

aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte,

mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim

Abschiede plötzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr

den kleinen _Strohmian_ füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen

errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt

dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich

mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist

gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein

fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert?

Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefühle an; er

schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige tröstende

Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in

unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein

einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in

der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als

würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem

Wege gerückt werden könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu

zerstreuen und auf die Jagd zu gehn.

Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den

Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der

Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das

vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas in der Ferne

bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen sammelte; ohne zu

wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit

einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther

stürzte nieder.

Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder

nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er

war weit hinein in die Wälder verirrt. -- Als er ankam, war Bertha schon

gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten

gesprochen.

Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war

schon sonst immer schwermüthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte

seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall,

der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er ganz mit sich

zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor

Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwürfen.

Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten großen

Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch irgend

einen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann

wieder an Walther zurück dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen

Freund zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit

jedwedem Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer

schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr

hindurch beglückt, und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß

ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mährchen,

als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.

Ein junger Ritter, _Hugo_, schloß sich an den stillen betrübten Eckbert,

und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand

sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des

Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte.

Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle

möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern

aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen

unzertrennlich.

Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es

deutlich, daß ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn

nicht, wußte seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben

Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein könne, ob

jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder

Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In

manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt,

daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling

sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich

nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem

Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen

Mörder lieben könne. Hugo war gerührt, und suchte ihn zu trösten;

Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt.

Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade in der Stunde des

Vertrauens Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal

getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines

Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches Lächeln zu bemerken,

es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm spreche, daß er mit den

Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter

Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts

gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine

eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide

sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten.

Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verrathen, und

eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer

hinstarrte, sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die

ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward

überzeugt, daß Niemand als _Walther_ mit dem Alten spreche. -- Sein

Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, verließ

noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine

Burg zurück.

Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke

hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch

entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß

er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles

erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles

ward ihm immer mehr ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um

seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den

Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben.

Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er

betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im

stärksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er

sich plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich

nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf er auf einen alten

Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte

ihm zur Danksagung einige Münzen geben, der Bauer aber schlug sie aus.

-- Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich könnte mir wieder

einbilden, daß dies Niemand anders als Walther sei? -- Und indem sah er

sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. -- Eckbert

spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und

Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammen stürzte. -- Unbekümmert

darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort.

Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes

munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit

wunderlichen Tönen ein Lied singen:

Waldeinsamkeit

Mich wieder freut,

Mir geschieht kein Leid,

Hier wohnt kein Neid,

Von neuem mich freut

Waldeinsamkeit.

Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte

sich nicht aus dem Räthsel heraus finden, ob er jezt träume, oder

ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste

vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war

verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.

Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel

heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie

sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als

ich war dein Freund Walther, dein Hugo. --

Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, -- in welcher

entsetzlichen Einsamkeit hab' ich dann mein Leben hingebracht! --

Und Bertha war deine Schwester.

Eckbert fiel zu Boden.

Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön

geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines

Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines

Vaters.

Warum hab' ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief

Eckbert aus.

Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er

durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen,

denn sie war von einem andern Weibe. --

Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und

verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel

sein Lied wiederholen.

* * * * *

Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, daß uns allen jene

Thränen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie

haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfüllt. Aber

erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzählung Ihre eigene Erfindung,

oder eine nachgeahmte?

Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine Erfindung ausgeben, da

ich mich nicht erinnere, eine ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu

haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß nur

selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich

es so verstanden, und ich hoffe, daß auch alle meine Freunde meinem

Beispiele heute folgen werden.

Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein.

Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, aus welchen

Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder

oft aus ganz unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen

sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so könnte man daraus

wieder eine Art von seltsamer, mährchenartiger Geschichte bilden.

Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu gründlich zu

nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und

salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so

unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas ähnliches hier

nicht zu besorgen steht, so wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen

Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern

möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum

büßt, auch durch geringe Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein.

Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem

Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwäche sein mag, auf die

ursprüngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft

des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der übrigen Kunst

gesprochen, etwas so Eigenthümliches, daß ich mich für denjenigen

Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum

erstenmal ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim

dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere

Erfindungskunst ein, als beim erzählenden, denn freilich möchte ich

lieber eine Scene in »Wie es Euch gefällt« geschrieben haben, als die

Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der

Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmücken

und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen;

ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls

sie sich nicht wirklich zugetragen hat?

Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen

mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens

für eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die

Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein

verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so

wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die

Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer

Eckart erwähnt wird, der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher

beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich vorkömmt, und

immer vor dem Berge der Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen,

unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem

berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe,

ist folgendes Gedicht entstanden.

Der getreue Eckart

und

der Tannenhäuser.

In zwei Abschnitten.

1799.

Erster Abschnitt.

Der edle Herzog groß

Von dem Burgunder Lande

Litt manchen Feindesstoß

Wohl auf dem ebnen Sande.

Er sprach: mich schlägt der Feind,

Mein Muth ist mir entwichen,

Die Freunde sind erblichen,

Die Knecht' geflohen seind!

Ich kann mich nicht mehr regen,

Nicht Waffen führen kann:

Wo bleibt der edle Degen,

Eckart der treue Mann?

Er war mir sonst zur Seite

In jedem harten Strauß,

Doch leider blieb er heute

Daheim bei sich zu Haus.

Es mehren sich die Haufen,

Ich muß gefangen sein,

Mag nicht wie Knecht entlaufen,

Drum will ich sterben fein! --

So klagt der von Burgund,

Will sein Schwert in sich stechen:

Da kommt zur selben Stund

Eckart, den Feind zu brechen.

Geharnischt reit't der Degen

Keck in den Feind hinein,

Ihm folgt die Schaar verwegen

Und auch der Sohne sein.

Burgund erkennt die Zeichen,

Und ruft: Gott sei gelobt!

Die Feinde mußten weichen

Die wüthend erst getobt.

Da schlug mit treuem Muthe

Eckart ins Volk hinein,

Doch schwamm im rothen Blute

Sein zartes Söhnelein.

Als nun der Feind bezwungen,

Da sprach der Herzog laut:

Es ist dir wohl gelungen,

Doch so, daß es mir graut;

Du hast viel Mann geworben

Zu retten Reich und Leben,

Dein Söhnlein liegt erstorben,

Kann's dir nicht wieder geben. --

Der Eckart weinet fast,

Bückt sich der starke Held,

Und nimmt die theure Last,

Den Sohn in Armen hält.

Wie starbst du, Heinz, so frühe,

Und warst noch kaum ein Mann?

Mich reut nicht meine Mühe,

Ich seh' dich gerne an,

Weil wir dich, Fürst, erlösten,

Aus deiner Feinde Hohn,

Und drum will ich mich trösten,

Ich schenke dir den Sohn.

Da ward dem Burgund trübe

Vor seiner Augen Licht,

Weil diese große Liebe

Sein edles Herze bricht.

Er weint die hellen Zähren

Und fällt ihm an die Brust:

Dich, Held, muß ich verehren,

Spricht er in Leid und Lust,

So treu bist du geblieben,

Da alles von mir wich,

So will ich nun auch lieben

Wie meinen Bruder dich,

Und sollst in ganz Burgunde

So gelten wie der Herr,

Wenn ich mehr lohnen kunnte,

Ich gäbe gern noch mehr.

Als dies das Land erfahren,

So freut sich jedermann,

Man nennt den Held seit Jahren

Eckart den treuen Mann.

Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der

dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem

Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und

fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch

so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem

darfst du dich denn fürchten?

Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem

stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des

fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der

junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen

konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und

der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren

hatte:

Wann du willt

Schwerdt und Schild,

Gutes Roß,

Speer und Geschoß

Führen:

Muß dein Mark

In Beinen stark,

Dir im Blut

Mannesmuth

Gar kräftiglich regieren!

Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen

hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört?

fragte er ihn dann.

Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist

du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte.

Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hält mir

meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich

dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen.

Nimm dein großes Schwerdt und duld' es nicht, sagte der Sohn; sie müssen

ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir

beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande.

Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre ich der, für den mich

meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu

werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt

und in seine Hände versprochen.

Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig.

Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze

Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch

kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem

eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund

nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem

Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen

laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue

Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß ich

ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich

geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen

zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet.

Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der

Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd

geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum

entreißen. In Betrübniß fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn

gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach dem Leben

stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so laß mich nun hingehn, mein

alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir

gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann,

und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so

schnöde deiner großen Dienste vergessen kann.

Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart:

Wenn der Mächtge dein begehrt,

Bist du ihm als Freund was werth,

Wie die Noth von ihm gewichen,

Ist die Freundschaft auch erblichen.

Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich

groß, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der

Fürsten ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen

kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt.

Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du

gethan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurück rufen, und er wird

wieder seyn, wie ehemals.

Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für Verräther ausgerufen

hat, darum laß uns mit einander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir

wohl ein besseres Glück antreffen mögen.

In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den

Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum

Burgunder, ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir

thun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet?

Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir

nichts Gutes, und doch möcht' ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er

ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher

Haft bei ihm schmachtet.

Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und

Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er

beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst,

mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die

Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich

vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die

Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen

uns.

Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr

traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein

leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor

weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß

zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst,

ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und

schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich.

Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte

Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren,

klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn.

Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die

Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien,

daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des

Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen

möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 10 / 26 段