vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten,
fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht
sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein
Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.
Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die
Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten
sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch
weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über
ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe
machte. Sonst hört' ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges
dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten
wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ
alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich
konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern
verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine
Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich
reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an
ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die
mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die
sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien
beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu
helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil
mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz
unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich
grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm
vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun
ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte.
Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um
meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit
Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten,
züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese
Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein
unnützes Geschöpf sei.
Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fühlte mich so
außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber,
daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich
wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle
mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich
einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war
der Verzweiflung nahe.
Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es
wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde,
bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein
blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine
Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder
einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer
behandeln.
Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich
hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter
Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen
zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich
wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich
in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine
Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden
hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich
hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts;
oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die
Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen
hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine
fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht
gesunken.
Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und
Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn
ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich
auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer
mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit
seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es
das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen
würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts
immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit,
oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine
menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß
auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft
dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar
der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und
schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine
schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir
eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der
Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde
Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde
Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.
Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein
steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den
Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder
Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit
nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem
neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum,
keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne
Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen
empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich
empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich
mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen
peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber
nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich
raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den
ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich
war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete
doch den Tod.
Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine
Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte
in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der
Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht
ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen
erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder
vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies
getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun
gar nicht fürchterlich.
Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine
Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen
Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger
Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden,
als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes
eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz
gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen
Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.
Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich
niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit
kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie
mir, ich möchte ihr folgen.
Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die
Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie
ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß
ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer
weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann
durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne
gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends
nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen,
die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den
Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume
standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes
Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern
der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine
junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren
Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine
Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.
Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von
oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten
in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns
entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und
wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit
freundlichen Geberden zur Alten zurück.
Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang,
der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:
Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.
Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben
soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne
durch einander spielen.
Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl
der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon
eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf
einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem
glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der
die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht
wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald
sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede
Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre.
Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn ihr
Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit
dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr
eigentliches Aussehn beschaffen war.
Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz
kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir
um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß
ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie
faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre
Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen
gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu
erboßen.
Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer
niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich
blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte
ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde
sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und
immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den
Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer
entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht
war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch
seltsamern Traum.
Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit
an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich
noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell
in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände umher wurden mir
bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr
daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung
abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem
Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer
auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste
Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe,
und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn
noch prächtiger zeigten.
Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann
mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward
ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders
in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich
fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit
eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte
geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten.
Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer
seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so
kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten
denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde
hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen
des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte.
Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr
zwölf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein
Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in
dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer
bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie
genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer
Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu
verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus,
Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare
Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich
mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere.
Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe,
ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber.
-- Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein
Leben bis ans Ende fortführen könnte.
Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche
Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und
meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war,
konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz,
prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie
meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und
spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich
dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit
allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach
allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit
mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange
rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu
gewinnen. -- Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit
der Jugend hinüber.
Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst
die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was
ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine
Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im
Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen
Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß
ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde,
sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie
ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.
Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden
Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie
gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt
nach, wenn auch noch so spät. -- Indem sie das sagte, achtete ich eben
nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem
ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und
ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich
überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und
am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas
Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher.
Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den
Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.
Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen,
daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele
zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in
der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und
damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es
mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der
mir immer noch im Gedächtnisse lag.
Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke,
aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen
zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich
geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so
vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder
aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich
meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein
Wesen.
An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie
diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles
ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich
nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir,
als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte
selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein
Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein.
Nie hab' ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit
gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon
einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem
Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es
war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben,
und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in
meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir.
In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann
entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren
wunderbaren Mannichfaltigkeiten.
Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang
mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die
Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als
wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen
Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel
unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte
Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich,
ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit
Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich
stehn.
Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm
zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen,
aber er mußte zurück bleiben.
Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der
entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es
rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen
anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen.
So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und
endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt,
aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.
Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend
ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als
ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich
schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir
drohte.
Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr
ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich
dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse,
im Walde glaubt' ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten.
So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich
ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein
wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des
schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich
ist, so glaubt' ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei
nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in
derselben Lage zu sein.
Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft
von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir
wundersam zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald
erkannt' ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren
war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend
seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war
verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst
errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles
war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute
ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn;
ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür
war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern
angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, -- aber
ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich
fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit
drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -- Ich trat schnell zurück, und
ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus.
Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu
überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden,
was ich in der Kindheit immer nur träumte, -- und jezt war alles
umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am
meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.
In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem
Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es
vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte
und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt' ich im Ganzen
recht zufrieden.
Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher
nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit
einem veränderten Liede. Er sang:
Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. --
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!
Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem
in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt' ich, daß ich Unrecht gethan
hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich
zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte mich.
Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es
lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich
ihn betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den
Käfig, steckte die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte
ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er
war schon gestorben. -- Ich begrub ihn im Garten.