Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten

getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen

Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte,

und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen

das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber

beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und

dasselbe.

Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger

vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren

aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf

Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und

Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen

verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie

nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so,

wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus

und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und

oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts

vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.

Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden

vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre

Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie

außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren

Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein

unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns

die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun,

wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung

begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur

zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen

Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie

Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm

Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu

erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber

nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die

sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem

Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere

Kritik wie dort mit herunter.

Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen

Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen

Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den

ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen,

nicht bloß

-- wenn es hin zur Fluth euch lockt, --

-- zum grausen Wipfel jenes Felsen,

Der in die See nickt über seinen Fuß, --

Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung

Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,

Der so viel Klafter niederschaut zur See,

Und hört sie unten brüllen;

sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz

schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch

unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel

der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch

in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere,

das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den

unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich

nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen

mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem

Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um

diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.

Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von

dieser Art?

Vielleicht, antwortete Ernst.

Doch nicht allegorisch?

Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine

Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden

ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon

das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder

Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den

mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß

ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie

ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als

wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das

Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur

Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten

Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's

Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten

Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte

ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele

kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen

herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die

ermüdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes

Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.

Anton zog einige Blätter hervor und las:

Phantasus.

Betrübt saß ich in meiner Kammer,

Dacht' an die Noth, an all den Jammer,

Der rundum drückt die weite Erde,

Daß man nur schaut Trauergeberde,

Daß Lust und Sang und frohe Weisen

Gezogen weit von uns auf Reisen,

Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,

So Furcht wie Angst bei jedem Feste,

Daß jedermann nur frägt in Sorgen:

Wie wird es mit dir heut und morgen?

Dazu war ich noch schwach und krank,

Mir war so Tag wie Nacht zu lang;

Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,

Was ich nicht trinken durft' und essen,

Wie meine Pein zu lindern wäre,

Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:

So saß ich still in mich gebückt,

Den Kopf in meine Hand gedrückt,

Als ich, so sinnend, es vernahm

Daß jemand an die Thüre kam,

Es klopfte, und ich rief: herein!

Da öffnet schnell ein Händelein

So weiß wie Baumesblüth, herfür

Trat dann ein Knäblein in die Thür,

Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,

Die eben aus den Knospen losen,

Wie Rosengluth die Lippen hold,

Das krause Haar ein funkelnd Gold,

Die Augen dunkel, violbraun,

Der Leib gar lieblich anzuschaun.

Er trat vor mich und thät sich neigen,

Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:

Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,

Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?

Der Frühling geht umher mit Pracht,

Hat Laub des Waldes angefacht,

Es brennt das grüne Feuer wieder,

Und drein ertönen tausend Lieder,

Die Erde trägt ihr Sommerkleid,

Der Plan erglänzt von Blumen weit,

Es spielt der Fisch in blauem See,

Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,

Die Lieb- und Segen-schwangre Luft

Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,

Das Kindlein lacht die Blüthen an

Aus rothem Mund mit weißem Zahn,

Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben

In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,

Sich hebt der Jungfrau schöne Brust

In ahndungsvoller Liebeslust,

Der Greis erfrischt die alten Glieder

Und dünkt sich in der Kindheit wieder,

Und jedermann fühlt freudenschwanger

Den dunkeln Wald, den lichten Anger.

Du nur willst sitzen hier gekauert,

In deinen Sorgen eingemauert,

Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,

In Noth und Zweifeln eingeengt?

Ich kenne dich nicht wieder schier;

Hinaus mach' stracks dich vor die Thür,

Und thu dein menschlich Angesicht

Hinein in holdes Himmelslicht,

Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,

Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,

Das Auge, das sonst Strahlen scharf,

Von seinem lichten Bogen warf,

Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen

Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen;

Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,

Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,

In deiner gelb verschrumpften Haut

Der Kummer sich im Spiegel schaut;

Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott,

Der dich geschaffen, deinem Gott,

Schau aus, als seist nach seinem Bilde

Formiret edel, heiter, milde,

Verbrümmelt nicht und ungelachsen,

Als sein in dir zusamm gewachsen

All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,

Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;

Frisch auf, laß dich von mir regieren,

Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.

Er schwang in seiner Rechten zart

Die Tulpenblum seltsamer Art,

Wie er sie auf und nieder regte

Ein farbig Feuer sich bewegte,

Und lichte Sterne kreisten, welche

Sich schüttelten aus goldnem Kelche,

Sie flogen wie die Vöglein munter

Mir um das Haupt, herauf, herunter,

Und neckten mich mit Flammenleuchte,

Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.

Ich sprach halb zornig: wer bist du,

Der mich gestört in meiner Ruh,

Du Knäblein laut, vorwitziglich,

Der du also bespöttelst mich,

Und willst, weil du ein Kindlein frei,

Daß alle Welt auch kindisch sei?

Ich habe mehr gelernt, erfahren,

Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,

Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib

Nicht mehr gefallen meinem Leib,

Auch ist umher die ganze Welt

Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,

Daß der nur Thor jedwedem scheint,

Der sich nicht höherm Zweck vereint,

Du aber, Knäblein, bist inmitten

Der Bildung nicht mit fortgeschritten,

Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut

Und all den Kinderein ausschaut,

Das hält man jezt für Rauch und Dunst,

Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.

Der Knabe lacht', daß sich das Gold

Der Locken in einander rollt

Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,

Ich bin der Phantasus genannt,

Heimathlich war ich sonst bei dir,

Dein Spielgefährte für und für,

Als du mich noch am Herzen hegtest

Und väterlich und freundlich pflegtest,

Da war dein Sinn anders gestellt,

Mit dir zufrieden und der Welt

War dir die Arbeit Lust und Scherz,

Frisch und gesund dein junges Herz.

Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;

Du also bist dasselbe Kind,

Das täglich Blumen mir gebracht,

Holdseeliglich mich angelacht,

Das mir verscherzt die muntern Stunden,

Vielfältig Spielzeug mir erfunden?

Seitdem bist du von mir entwichen

Und anderwärts umher gestrichen,

Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,

Und gaben mir in meine Hand

Der Bücher viel und mancherlei

Voll tiefen Sinns, Philosophei,

Ich strebte, mich aus rohem Wilden

Zum wahren Menschen umzubilden;

Drauf ich auch zur Geschichte kam,

Die Noth der Welt zu Herzen nahm,

Die Chronikbücher unverdrossen

Hab' ich in Nächten aufgeschlossen,

Die Vorzeit stieg zu mir herüber

Und immer ernster wards und trüber:

Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,

Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen,

Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder

Und taucht' es in die Finstre nieder;

Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,

Das neue Licht macht' mich noch banger,

Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,

Die Finstre neu draus wird geboren:

So wies Histori mir nur Noth,

Im Leben auch nur Grab und Tod,

Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,

Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,

Und spricht von seinem Felsenthron

Den hohen Göttersöhnen Hohn:

Natur hab' ich ergründen wollen,

Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,

Verlor mich in ein steinern Reich,

Ich glaubte all's, nichts doch zugleich,

Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn,

Mußt' mir doch selbst verloren gehn,

Hatt' viel Kunstworte bald erstanden,

Ich selbst gekommen nur abhanden,

Um endlich wieder zu gelangen

Noch dummer wo ich ausgegangen:

Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,

Hab' ich in Angst mich abgequält,

Verstehst du wohl die alten Schriften,

Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?

Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,

Komm, laß uns in den schönen Tagen

So spielen, wie wir sonst gepflogen,

Wenn du mir etwas noch gewogen.

Der Kleine schmeichelt' sich an mich,

Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich,

Wandt' sich hieher und dorthin nun,

Fast wie die jungen Kätzlein thun.

Da gehn wir aus dem Haus, und warm

Nimmt Sommer mich in seinen Arm,

Die Lerch' in Lüften jubilirt,

Hänfling und Drossel musizirt,

Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,

Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,

Die Blumen roth, braun, gold und blau

Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,

Die Bienen summen lustig, nippen

Den Honigseim von Blumenlippen,

Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,

Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.

Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,

Von neuem tönt und schwazt der Mund

Der kindschen Quellen, Frühlings Hand

Nahm von den Zungen ab das Band,

Daß Winter jährlich um sie legt,

Daß sich kein lautes Wörtchen regt,

Die Sommergäst' auch sind mit Schalle

Ins Land zurück gekommen alle.

Indem wand sich der Buchenhain

Vom Plane ab den Weg hinein,

Der Glanz mit Grün schön war gemischt,

Die stille Luft vom Wind erfrischt,

Die wilden Tauben hört' ich girren,

Zeisig und Fink in Nestern schwirren,

Ein Duft süß aus den Bäumen floß,

Ein Rieseln sänftlich sich ergoß

Aus Tannenbäumen, die vom Winde

Sanft angespielt erklangen linde,

Das all war meinem kranken Leben

Als Labsal und Arznei gegeben.

Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,

Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,

Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,

Willkommen mir ihr Waldesklänge!

Ich war noch nie in den Revieren,

Sprich, wohin willst du mich denn führen?

Er sagte nichts, nur freundlich winkt

Sein Aug', das mir ins Auge blinkt.

Einsamer ward der dichte Hain,

Gespaltener des Lichtes Schein,

Der sich in Gattern um uns legte

Und mit des Luftes Zug bewegte;

Da hört' ich Wild von ferne schrein,

Da sangen fremde Vögel drein

Mit wundersamen Ton, es klangen

Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,

Wie Schatten zog es her und hin,

Ein Schauer flog durch meinen Sinn.

Nun wars, als hört' ich Kinder plaudern,

Hin lief ich ohne länger Zaudern,

Und als ich nach dem Ort gekommen,

Von wo ich erst den Ton vernommen,

Da that sich auf des Waldes Dunkel,

Und vor mir lag ein hell Gefunkel,

Roth sah ich wilde Nelken blühn,

Sammt lichten Sternen von Jasmin,

Und duftend Kraut Je länger lieber,

Das rankte eine Grott' hinüber,

An die sich hoch der Epheu schlang,

Und aus der Höhle kam Gesang.

Da schaut ich in den Fels hinein,

Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,

Güldnes Gewand den Leib umfloß,

An den sich Spang' und Gürtel schloß,

Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,

Sie schien in Furcht und Zittern bange

Und schloß sich an ein Mannsgebild,

Das schaute aus den Augen wild,

Doch lächelt' er mit Freundlichkeit:

Er war in schwarz Gewand gekleidt,

Ein dunkles Haar hing um das Haupt,

Er trug von wildem Wein umlaubt

Den güldnen Stab in seiner Hand,

Geflochten war um sein Gewand

Epheu und Tannenzweig' in Kränzen,

Wozwischen rothe Rosen glänzen;

Er sprach und sang der Schönen vor,

Und flüsterte ihr oft ins Ohr.

Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide?

Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide

Der ist der Schreck, von Mährchen alten

Beschreibt er gern die Schau'rgestalten;

Das Mägdlein da im lichten Kleid

Ist meine liebe Albernheit,

Sie ängstet sich und um so gerner

Hört sie den andern reden ferner,

Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,

Läßt sich doch spielend davon necken,

Sie lächelt, und vor Schauder weint

Ihr Lachen, das in Thränen scheint,

Sie freut sich und wird voraus bleich,

So spielt sie mit dem Geisterreich,

Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt,

Was dich recht durch und durch entsetzt!

Dann bittet sie: so schweige lieber, --

Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber;

Nun rauscht der schwarze Tannenhain,

Dann weinen Felsenbäche drein,

Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz

Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.

Da sah ich einen Kleinen gaukeln

Und sich in allen Blumen schaukeln,

Ein herzigs Kind, das auf und nieder

Im Tanze schwang die zarten Glieder,

Bald klettert' es in Epheuranken

Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,

Bald stand oben am Fels der Lose

Und duckte sich in eine Rose.

So eilig, daß der Stengel knickte

Wie er sich in die Röthe bückte,

Dann fiel er lachend auf die Au

Und war benetzt vom Rosenthau:

In Blättern, aus Jasmin gezogen,

Beschifft' er dann des Baches Wogen,

Und bracht' als Kriegsgefangne heim

Die Bienen mit dem Honigseim;

Dann sucht' er Muscheln sich im Sande

Und Stein' und Kiesel vielerhande,

Und putzte drin das Felsenhaus

Mit vielen artgen Schnörkeln aus:

Auf einmal ließ er alles liegen

Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,

Nun auf dem höchsten Tannenbaum

Stand er und übersah den Raum,

Mit Riesenstärke bog er dann

Des Baumes Wipfel auf den Plan

Und ließ ihn dann zurücke schießen;

Des Baches Wogen mußten fließen

In Wasserfällen laut und brausend,

Der mächtge Wald dazwischen sausend,

Ein furchtbar Echo, das von oben

Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,

Dazu des Donners Krachen viel,

Schien alles ihm nur Harfenspiel.

Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,

War jezt großmächtig wie ein Berg,

Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,

Zur Höhe des Gebirgs hinauf,

Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,

Die ließ er sich zum Thale wälzen

Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,

Das machte ihn von Herzen lachen,

Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,

So ungeschlacht zur Ebne schollern,

Wie sie die nackten Hauer fletschen

Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.

Da war ich bang und furchtsam fast,

Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,

Der erst ein Kindlein thörigt spielte,

An Bienen nur sein Müthlein kühlte,

Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen

So ungeheuer, ungelachsen,

Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,

Daß sie ihn sich vom Halse hält?

Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,

Der Groß und Klein dasselbe scheint;

Oft ist er zart und lieb unschuldig,

Doch wird er wild und ungeduldig,

So kühlt er seinen Muth, den frechen,

Und all's muß biegen oder brechen. --

Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? --

Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,

Er acht't kein noch so klug Gebot,

Und schreit nur, das thut mir nicht noth!

So lassen sie ihm seinen Willen. --

Da schlug urplötzlich aus dem Stillen

Der Sang von tausend Nachtigallen,

Die ließen ihre Klage schallen,

Und aus dem grünen Waldesraum

Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum,

Von Purpurkleidern, die erbeben

In Gluth, wie sich die Glieder heben

Vom schönsten weiblichen Gebilde,

Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,

Und kam aus dunkelm Wald hervor

Wie Sonne durch des Morgens Thor,

Das goldne Haar in Wellen fließend,

Das lichte Aug' die Welt begrüßend,

Das rothe Lächeln Wonne streuend,

Des Leibes Glanz rings all erfreuend;

So wie die Augen leuchtend gingen,

Die Blumen an zu blühen fingen,

Das Gras ward grüner, Wonnebeben

Schien Stein und Felsen zu beleben,

Die Wasser jauchzten, und im Innern

Bewegt ein seliges Erinnern

Der Erde allertiefstes Herz,

Demant erwuchs und Goldes-Erz.

Wer ist, fragt ich, die dort regiert,

So zart und edel gliedmasirt,

Die Klare, Holde, minniglich'?

Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich!

Dir ist es also nicht bewußt,

Sprach, Phantasus, in deiner Brust,

Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden,

Ich muß dir ihren Namen künden?

Die Liebe ist sie! Und alsbald

Kannt' ich die göttliche Gestalt,

Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig

Komm' ich zu dir, o sei mir gütig,

Wie du die ganze Welt beglückst,

In jedes Herz die Wonne schickst,

Gedenke mein, laß nicht mein Leben

Als liebeleeren Traum verschweben.

Gebietend hob sie auf die Hand,

Da kamen aus dem grünen Land,

Von Bergen, aus dem niedern Thal,

Die Geister wimmelnd ohne Zahl,

Aus Bächen huben sie sich schnell

Und leuchteten von Schimmern hell,

Die Bäume thaten all sich auf,

Es sprangen vor mit munterm Lauf,

Die zarten Elfen, und aus kleinen

Blümlein wollten sie auch erscheinen,

Gar klein gestalt, in Farben bunt:

Da sang ein tausendfacher Mund

Der hohen Göttin Lob und Dank,

Gar wundersam war der Gesang,

Sie sonnten sich in ihrem Lächeln

Berauscht von ihres Othems Fächeln.

Da wandt' sich Phantasus zu mir:

Nun, Werther, wie gefällts dir hier?

Ich wollte sprechen: seeliglich

Dünkt mir dies Leben sicherlich,

Doch nahm der allergrößte Schreck

Mir plötzlich Stimm und Othem weg;

Was ich für Grott' und Berg gehalten,

Für Wald und Flur und Felsgestalten,

Das war ein einzigs großes Haupt,

Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,

Still lächelt er, daß seine Kind'

In Spielen glücklich vor ihm sind,

Er winkt, und ahndungsvolles Brausen

Wogt her in Waldes heil'gem Sausen,

Da fiel ich auf die Knie nieder,

Mir zitterten in Angst die Glieder,

Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:

Sag an, was ist das Große dort?

Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,

Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,

Das ist der Vater, unser Alter,

Heißt Pan, von allem der Erhalter. --

Ein mächt'ger Schauder faßte mich,

Mit Zittern schnell erwachte ich,

Und so bewegt von dem Gesicht

Verkünd' ichs euch, verschweig' es nicht.

* * * * *

Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber

unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen,

und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste

Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser

Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.

Der blonde Eckbert.

1796.

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den

blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von

mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an

seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und

war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn

nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib

liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen

zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe

mit keinen Kindern segnen wolle.

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah,

so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens

geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien

alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er

allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine

stille zurückhaltende Melankolie.

Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem

sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe

Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte

eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der

Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und

beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem

kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn

oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich

zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.

Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem

Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler

Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen

Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste

aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen

Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und

zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des

andern zurück schreckt.

Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem

Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die

Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der

Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume

draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den

weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu

bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und

dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging

den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit

hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der

Freunde heitrer und vertraulicher.

Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt

hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet

euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen,

die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich

wieder um den Kamin.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 8 / 26 段