Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen

über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare

Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre

unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern

die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch

wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf

und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das

Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener

heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der

Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie

sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber

stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die

stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein

Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller

Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe

ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien

immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher

zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine,

überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich

auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften

endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn.

Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze

treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige

Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam

ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur

jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im

Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn

unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht

verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und

Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit

mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn,

um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer

gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen

der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit

noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas

von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach

einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus,

eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch

immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige

Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene

Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine

ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen

bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um

von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast

allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr,

denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so

lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der

öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die

liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so

sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher

geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und

wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause

beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft

giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die

Untugend an den Tag zu legen.

Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie

zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei

tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las

und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder

Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele

hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz

und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und

Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls

anstößig findet.

Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich

sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im

edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz,

denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der

thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche

gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann

soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen,

wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß

gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen

könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon,

und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die

edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer

verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen:

für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden

Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der

letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht

darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier

darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet,

und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im

Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für

gleichbedeutend ausgiebt.

Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich

habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so

gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für

schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen

Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere

erstrebt.

Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er

zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten

Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden

ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm

witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß

er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das

Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in

seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen

Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus

mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit

verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und

wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur

Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der

freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte.

Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu

kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern

Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das

Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was

die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich,

Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach

dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und

heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel

versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt

also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und

Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.

Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte:

Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich

und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit

Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen

das seinige vor unsre Richter.

Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich

das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre

Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die

ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie

ich sie liebe.

So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.

Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen

Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem

sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so

wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle

und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und

wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.

So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich

fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare

Sonne. --

* * * * *

Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der

Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens

herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen

bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen

des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte

Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen

durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von

den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu

dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese

heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind

zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser

Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte

Natur hin.

Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale

und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder

Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.

Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne

Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen

und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in

lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten

durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden

Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken,

-- und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel

über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und

Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen

Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste

Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen

Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem

menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht,

als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch

Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur

und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen.

Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so

liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich

auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.

Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied

aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den

Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube

erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte

sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:

Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,

Und im Sehnen Thränen uns verklären,

Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,

Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern

Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,

Alle rothen Küsse mitgebracht,

Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,

O dann saugt mit ihrem Purpurmunde

Himmels-Wollust unsre Wunde,

Sie entsaugt das Gift,

Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.

Wie die kleinen fleißgen Bienen

Gehn, um Blumenlippen zu benagen,

Wie sich Schmetterlinge jagen,

Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln

Springen, und die Lieder tönen,

Also gaukeln, flattern, funkeln

Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen

Von der schönsten einzgen Schönen,

Und in tiefer Winternacht

Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,

Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,

Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären

Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,

Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,

Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen

Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.

Erste Abtheilung.

1811.

Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die

Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt

hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk

gewesen? Wo sind die Mährchen?

Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir

wirklich Freude machen werden.

Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr

ungehalten werden soll.

Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen

eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht,

was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie

es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne

Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in

gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die

jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in

uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.

Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich

den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie

auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um

mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und

unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem

spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in

seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten

Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen

finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst

ergötzlich.

Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton

der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen

Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die

Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin.

Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.

Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein

können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen

bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und

Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein

Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit

ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle

Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den

lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.

Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des

Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem

Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon

vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele

dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren

Zusammenhanges vergessen kann.

Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese

Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können

aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten

heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren

Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der

flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will

Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,

Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,

Die reizend unterhalten und zuletzt

Wie lose Worte nur verklingend täuschen.

Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und

Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost

nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde

und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so

kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte

Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer

beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen,

von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst

durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein

gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls

behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende

hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer,

selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so

sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen

vertraut sind.

Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit

ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder

erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an.

Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel

über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick;

doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle

schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns

die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt

ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit

Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir

in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das

Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer

und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte

umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen

mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und

zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen

und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde

im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als

immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß

des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund

als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die

vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über

diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit

eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.

Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst

auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an

unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach

meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche

uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des

Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese

Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen,

welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische

erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war

natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne

und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse,

Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches

Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten

anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt.

Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche

ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in

seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten

Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt

sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen.

Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier

so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden,

sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns

nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier

eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus

ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn

so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig

Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende

Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung

verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer

Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch

schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles

erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren;

gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen,

und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der

großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze,

die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen

und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber

Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete

aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die

Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und

Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen,

so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur

abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie

des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu

unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die

unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein

sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder

aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der

regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten

mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am

Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt

sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere

Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt

werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt,

sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es

ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen

giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und

trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen

Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein

Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am

liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten

mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in

jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit,

in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf

phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das

Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft,

welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und

Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen

Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre

Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt,

Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was

unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen

begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht

erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man

könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen

(die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen,

entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden

vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.

Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen,

auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes

glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt

weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein

fügen. Doch glaub' ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche

Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.

Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle

Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der

Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche

Anlagen umarbeiten möchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie

sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur

oder natürlich sei?

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 7 / 26 段