Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann,

der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als

die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich

aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande

unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über

Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht

umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich,

nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! -- Sollte ein solches Gefühl

nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?

Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt

nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu

bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres

Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen,

sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod

siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser

äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt

sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als

verständlich.

Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist

doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen

vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann

ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele

fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer

noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.

Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und

Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen

und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf

diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als

Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und

beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so

vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben

der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.

Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum

ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit,

und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus

einer Welt des Traumes heraus.

So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit

der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der

Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.

Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.

Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.

Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel

und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu

wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.

Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach

meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie

nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie

ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht

das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht

herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre

Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem

Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht

von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende

selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich,

um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu

sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten

glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.

Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß

die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische

Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine

höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern;

dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur

einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen

verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich

Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung,

oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und

bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem

Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das

irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden,

anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten

Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe

abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren

Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle

des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den

Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens

darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es

gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf

die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn

die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines

Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung

täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und

traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer

ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des

Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere

Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf

eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der

Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler

diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so

wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir

im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes

Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus

dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß

unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem

irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch

gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte

haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen

oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers

Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt

hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen

Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese

Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen

ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und

feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir

können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd

beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung

schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen

Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern

das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor

den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für

diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen

regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem

Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem

Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte

Ausdruck von den Helden der Religion: »sie haben sich zu Thoren gemacht

vor der Welt,« ist vortrefflich.

Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals

angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen

erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen

können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten

Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht,

ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean

Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich

nur so wenig von ihm gefunden.

Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des

Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des

Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller

Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken

und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung

einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht

demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein

sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach

Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere

Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten

will.

Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in

das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung

geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne

alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch

Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken,

bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben

aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns

selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den

Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die

geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers

Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein

verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen

Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten

Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des

Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der

vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige

Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können,

und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die

Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.

Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu

danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die

Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch

nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch

Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.

Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben

Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles

äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens

eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann,

wohlthätig sein mag.

Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort,

da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die

Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von

uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel

talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins

von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser

Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel »Was ihr

wollt,« bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das

Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und

ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit

vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor

uns hinzustellen suchten.

Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte

Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen

übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem

Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.

Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich

übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen,

unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den

liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den

Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie

geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die

Olivia; alles übrige findet sich von selbst.

Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne

Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich

selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches

Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der

eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber,

der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte,

dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und

zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu

bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern.

Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild

eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in

hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?

Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was

du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen

Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten

Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen

ihrer Mitglieder.

Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen

beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf

dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle

Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche

Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese

nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm

ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig

lassen?

O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen

nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig

machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.

Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte

sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen

angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und

rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt

uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust

gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen

Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen,

wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript

in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man

es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o

so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch

beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in

derselben Verfassung.

Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in

einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige

Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und

übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein

wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so

manchem Jahre wieder auftreten zu lassen.

Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer

Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire

mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte

ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in

welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die

Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise

wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze

geben können.

So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer

Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und

Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen

werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden,

die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören.

Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich,

weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte.

Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die

mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben.

Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen

berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit

dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu

viele erzählt.

Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen,

antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt

haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir

keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen

werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende

Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche

nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von

den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten

vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen

-- gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren

Casti zu geschweigen -- bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von

Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn

davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen

Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.

Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth

und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt.

Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der

Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am

wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz

und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen

wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird,

und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling

sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich

lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren,

ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu

knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die

räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht

unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne

die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt,

--

^-- crow -- flowers, nettles, daisies, and long purples,^

^That liberal shepherds give a grosser name,^

^But our cold maids do dead men's fingers call them.^

Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch

dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.

So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe.

Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame

paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der

gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste

erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das

erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein.

Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen,

wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen

seine Blüte abwirft.

Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken

ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er

sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl

Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die

Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich

auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit

einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir

alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am

wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie,

wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus,

nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber

späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher

Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie,

der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem

zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem

Reinen ist alles rein.

Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers

deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der

süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen

großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die

später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch

nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele

verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten

Scherze unschuldig.

Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie

wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden

freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen

Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht,

eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe?

Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und

ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem

Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so

sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter

damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als

diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm

zusammen zu treffen scheinen.

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 6 / 26 段