Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und
meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man
den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und absteigenden Park mit
allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich
schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für
meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der
Nacht fortlachen, gezittert habe.
Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus
welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege
einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der
Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm
vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das
Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen
kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir
in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den
Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese
natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen
Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann
ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein.
Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen
Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst
völlig ausgeschlossen sind.
Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und
Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und
krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang
der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen
so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit
erregen, daß unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres
wünschen kann.
Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß
nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und
auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren
Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen
Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen
und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in
die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen,
wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der
Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die
regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der
unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in
Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und
Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß
erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten
Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten
waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren
künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller
Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die
Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren
geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln,
Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln
erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen.
Der bunte grünende Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele
Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem
Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher
Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung
senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige
Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von
Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines
Wesens ewig umschlossen ist.
Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser
oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter
findet?
Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel
besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und
mißverstandenen Hanges zur Natur.
Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte
Auguste.
So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe,
die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen
erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere
Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem
barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz
ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo
Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte
Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst
seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist,
und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes
mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne
über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die
lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer
Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen,
sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit
natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als
der Schreck.
Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten
sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die
Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten
ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von
denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch
die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland
ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu
malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen
verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst
verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu
gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte,
eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf
diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom
zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja,
weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art
erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht
fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung
gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als
jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der
sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese
Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende
Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen,
Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf
ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für
einen stillen Genuß eingerichtet.
Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch,
sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren
bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern
gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich.
Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft
hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus
einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen
Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet.
Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen
dienen.
Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig
sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und
vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es
anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem
Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald
bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch
wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem
Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen
Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet.
Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du
nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts
alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich
plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben
einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus
einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die
sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und,
siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf
quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen
gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren,
eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität
wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur
der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht
wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung
der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den
Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr
recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast
zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das
Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich
widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche
Landstraße zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der
Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um
Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken.
In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie
dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der
schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und
großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in
uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und
Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und
Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit
gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller
Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen,
und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in
einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten
Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber
auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu
machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in
Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener
Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise
seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum
schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das
unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten
Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese
lieblichen Schatten besucht, müssen sich dieselben heitern Gefühle
erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft
hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften
Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende
Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres
und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes
Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird
ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit
gewiß nicht entstehn können.
Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur
noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem
ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von
Herzen!
Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit:
Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche
Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre
Nationen beneiden werden!
Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern
wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude
unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in
unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur
Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen
vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter
uns hätte verweilen sollen.
Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und
freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn
solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns
ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der
Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken.
Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und
darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen,
witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn
vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und
wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an
uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und
mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm!
Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht
gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser
Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und
geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe
sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert!
So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon
lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn
alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen:
der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb,
der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle
Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte:
ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und
Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken
edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher
gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu
unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und
Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer
Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar:
opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger
der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth
besserer Zukunft.
Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen
danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde
umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging
schweigend in den Garten.
* * * * *
Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des
Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser
Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara:
von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste
vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als
wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns
mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit
uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern,
es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum
Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein
rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von
dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen
möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an
Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz
abgelegen.
Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast
begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines
heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas
erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so
willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die
ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende
Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne
nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der
Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was
unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie
das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder
der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle
Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren
gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen
Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir
vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer
Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken der
Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur
Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte
gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten
Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und
auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals
gelingen.
Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es
sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen,
denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes
Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus.
Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und
nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand
darstellen.
Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue
Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen
ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die
wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.
Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den
Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser
Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in
den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und
Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und
Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht
der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle
Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle
Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich
begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach
Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor
gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr
nicht seitdem!
So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und
Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit
welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl
beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was
ganz gegen die Abrede war.
Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser
Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten
Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des
wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit
auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und
Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl
des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto
inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat,
und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er
wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem
kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch
lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch
aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr
als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe
empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten,
die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und
reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in
diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe
von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist
ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr
Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich
ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß
unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben
vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus
gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer
Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in
diesen Empfindungen fühl' ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und
Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem
irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein
höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes
angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich
auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte
aufrufen und erkennen müssen, da hab' ich dich erst im Triumph dem Tode
abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne
Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes
Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser
herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit
diesem Gaste sprech' ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist
toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und
menschlicher.
Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief
dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu
schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.
Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der
Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und
das uns, möcht' ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens
befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen
Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in
Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn
ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind,
und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein
Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und
Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man
antworten: »o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als
Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?«