Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl

seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die

gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich

erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten

Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren,

weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die

Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle

Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken

zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen

seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine

Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf

einem festen Grunde.

Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im

Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen

erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der

Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten

Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der

Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen

Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und

gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen

Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren

Tagen verspottet hatten.

Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die

Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien

beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und

welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen

Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar

der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren

dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt

der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr

Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung,

ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel

häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.

Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in

den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor

beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen

hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch

physischen Ekel in uns zu vernichten streben.

Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein

Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer

Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt

zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.

Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur

liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.

Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den

wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts.

Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine

Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.

Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär' ich also,

daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien

ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß

in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und

natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in »den Irrungen,«

oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus

sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im

»Romeo« und dem »Oldcastle,« die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf

die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge

führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in »Was ihr wollt.« Es ist

keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei,

und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht

bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber

milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum

Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama

sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch

nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.

Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie

sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen

Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der

Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn

der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes,

welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um

nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in

angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und

muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem

allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten

Narren beschließt, wie »Viel Lärmen um nichts,« und »Wie es euch

gefällt« mit einem Tanze endigen, oder das »Wintermährchen« mit der

lebendigen Bildsäule.

Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen

lernen, als die übrigen Wissenschaften.

Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig,

als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß

unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität

obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige

Heiterkeit verbreiten.

Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende

Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl

mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter

Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im

Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses

sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach

Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher

Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton

der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam

unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft

niemals eintreten können.

Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn

ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt,

indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche

koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden

nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr

darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes

nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt,

sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes

erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar

unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller

Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen

den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.

Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und

Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche

nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon

gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist

wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte

philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und

Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn

mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig

verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde

unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die

Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt

sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut

sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst

eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf

umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und

Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als

Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.

Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein,

wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen

haben.

Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über

die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe

zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.

Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen

vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen

ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen

des Herzens.

Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß,

jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf

gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm

gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich

gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte

geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde,

Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an

einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene

Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft

und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer

Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu

werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und

mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß

noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein

glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt,

um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von

jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an

welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein

einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als

todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß,

wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote,

bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth

zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und

frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz,

schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller

Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen

Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.

Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu,

sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo

das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in

der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen

möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene

durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein

Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt,

um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der

völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.

Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens,

Michel Angelo's jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter

Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das

Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle

Propheten nur haben weissagen können.

Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des

Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt

waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der

Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese

Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle

Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind

wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen

worden.

Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen?

fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn

folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche

Leben einzulenken?

Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem,

wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da

befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten

Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.

Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so

wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall

einzulassen.

Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch

Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen

sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch

ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so

entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.

Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen

Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns

bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.

Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein

geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich,

noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger

Zeit an Lothar.

Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch,

auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht

in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen

Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und

Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so

mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.

Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen?

Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?

Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir

geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die

letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu

bringen.

Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich

wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den

verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.

Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir

sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken

und eintheilen könnte.

Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge

mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen,

und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so

gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.

Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über

die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack

zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.

Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.

Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine

chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat,

versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den

Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter

dieses Sinnes zu verachten.

Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.

Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber

bedächtig trank.

Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden

wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu

unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph

nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch

niemals ausgesendet hat.

So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen,

die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch

hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe

recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des

Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt,

ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur

dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des

Auges nie satt trinken mag?

Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der

Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen,

um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten

selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die

göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an

der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.

Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren

vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in

fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst

vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und

Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden.

Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter;

es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst

keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was

der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende

Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und

alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia,

um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der

Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden

Sehnsucht mehr die Zunge lößt.

Schon glaub' ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und

Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die

Gedanken in wilderer Geberde.

Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig

witzig, bemerkte Wilibald.

Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden

eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß

keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten

sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.

Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese

Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem

Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und

Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.

Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn

auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können,

sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück

fallen.

Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde

bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.

Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich

dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre

mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner

Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler

nannte.

O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem

sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus

einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.

Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir

dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der

Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke,

mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und

ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor,

die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den

rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit

ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter

eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne

liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner

machen: nun entdeckt' ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach

deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den

viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge

bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die

Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles

Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen,

und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg

noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so

lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die

Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur

eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden

Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo

mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im

Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die

lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches

Wohlgefallen erregen.

Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese

Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es,

im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch,

die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das

Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die

dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd

verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und

singen.

Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei

Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine

Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren

hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die

unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche

Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles

Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist

es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und

ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen

schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns

labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde,

wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen

Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und

Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen,

Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten

Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie

veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner

Einbildung schwebt.

Doch hab' ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die

Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit

hinter den Deutschen zurückstehen.

In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die

Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht

Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst

oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören,

und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das

System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären

möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im

sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht

sehr Vieles einzuwenden hätte?

Schriften 04: Phantasus 1 · 第 4 / 26 段