Wie verhalten sich jetzt die Tragödien nach Art des "MACBETH" zu
"ANTIGONE" und "ROMEO"? Zunächst ist das Grundthema bei ihnen allen eines
und dasselbe. Es ist die Macht, nämlich die _innere_ Macht des Guten.
Zugleich sehen wir den Unterschied. In ANTIGONE, sagten wir, _bewährt_
sich die Macht des Guten angesichts des Leidens; in ROMEO _erweist_ sie
sich im Leiden. In MACBETH endlich kommt sie erst im Leiden zur
_Wirksamkeit_.
Wiederum, sind jene beiden darin eins, daß es in der einen, wie in der
anderen das _Übel_ ist, gegen das das Gute in der Persönlichkeit sich
behauptet, oder in dem es sich erweist. Dagegen bethätigt sich in MACBETH
die Macht des Guten gegenüber dem _Bösen_. Wir könnten danach überhaupt
Tragödien des Übels und Tragödien des Bösen unterscheiden und die beiden
als die zwei Hauptgattungen der Tragödie einander gegenüber stellen. Wir
setzen indessen lieber statt dieser beiden Namen die Namen
_Schicksalstragödie_ und _Charaktertragödie_. Nicht weil bei der
"Tragödie des Übels" der Charakter, bei der "Tragödie des Bösen" das
Schicksal keine Bedeutung hätte, sondern weil das Übel, mit dem dort das
Gute der Persönlichkeit in Konflikt gerät, für die Persönlichkeit
Schicksal ist, das Böse, gegen das hier das Gute der Persönlichkeit Macht
gewinnt, der Persönlichkeit selbst und ihrem Charakter angehört.
Aber diese Unterscheidung kann nicht als eine reinliche Scheidung der
vorhandenen Tragödien gemeint sein. So zutreffend sie ist, so wenig kann
sie die Forderung in sich schließen, daß Tragödien jederzeit entweder
nur der einen oder nur der anderen Gattung angehören. Vielmehr hindert
nichts, daß eine und dieselbe Tragödie beide Gattungen, zugleich
vergegenwärtige. Die Gleichheit des Grundthemas verbürgt die Möglichkeit
der Vereinigung. Daß die Tragödie es mit Menschen zu thun hat, in denen
Gutes und Böses sich zu mischen pflegt, daß die Größe einer edlen
Leidenschaft mit bösem Wollen sich verbinden, ja zu ihm hinführen kann,
dies läßt sogar von vornherein erwarten, daß die meisten Tragödien sich
als Vereinigungen der beiden Gattungen darstellen werden.
Darum bleibt doch der Unterscheidung ihr guter Sinn. Es genügt dafür, daß
wir solche Tragödien, die mehr der einen Gattung angehören, solchen
gegenüberstellen können, die mehr der anderen angehören, daß wir in jedem
Falle unterscheiden können, in _wiefern_ eine Tragödie der einen oder der
anderen Gattung sich zuordne. Daß wir damit zu einer reinlichen
Klassifikation der vorhandenen Tragödien nicht gelangen, darüber kann uns
der Umstand trösten, daß Tragödien auch nicht dazu da sind, um von uns
klassifiziert zu werden, daß sogar das Verständnis, auf das es beim
Kunstwerk ankommt, durch das Bestreben der Klassifikation eher verdunkelt
zu werden pflegt. Es wird erhellt durch die Erkenntnis und deutliche
Unterscheidung der Gründe, auf denen die Wirkung der Kunstwerke beruht.
Eine solche Unterscheidung der Gründe der Wirkung ist es darum, woran uns
schließlich allein gelegen ist. Mögen diese Gründe noch so sehr Hand in
Hand gehen, so bleiben sie doch verschieden.
So gehen, wenn wir ein Beispiel wollen, die eben unterschiedenen "Gründe"
der tragischen Wirkung Hand in Hand, Schicksalstragödie und
Charaktertragödie sind vereinigt in GRETCHEN. GRETCHENs Liebe und daß sie
der Macht der Verführung Raum gegeben hat, beides in Einem führt sie ins
Leiden. Sie leidet "für" ihre Liebe und für ihre "Schuld". Und indem sie
beides thut, indem die Stimme des Guten erwacht, die in ihr eine Zeitlang
zurückgedrängt war, und zugleich das "Liebe und Gute", das von vornherein
in ihr war und auch der Verirrung zu Grunde lag, jetzt erst recht
eindringlich wird, erweist sich in ihr das Gute in doppelter Art. "Sie
ist gerichtet", so meint MEPHISTO im Hinblick auf ihre Schuld und im
Einklang mit den Ästhetikern der "poetischen Gerechtigkeit". "Sie ist
gerettet," so verkündigt die Stimme von oben, für die auch in dem
"Gericht" das Sittliche der Persönlichkeit sich geoffenbart hat.
An die Vereinigung von Schicksalstragik und Charaktertragik in einer
Person, nämlich der Person des Helden, war hier zunächst gedacht. Die
Möglichkeit der Vereinigung gewinnt einen weiteren Umfang, wenn wir die
Tragödie als Ganzes ins Auge fassen und bedenken, daß in einer und
derselben Tragödie Vertretern der einen Art der Tragik Vertreter der
anderen Art gegenübertreten können. Ist die Tragik des Helden
Schicksalstragik und ist es das böse Wollen einer Persönlichkeit, wodurch
ihm das Schicksal bereitet wird, so wird diese Persönlichkeit garnicht
umhin können, zum Träger einer Art von Charaktertragik zu werden. Sie
wird es um so sicherer sein müssen, je mehr sie neben dem Helden
hervortritt. Nicht der Held macht ja die Tragödie; nicht ausschließlich,
sondern nur in erster Linie verkörpert sich in ihm ihr Sinn. Der versteht
das Kunstwerk schlecht, der immer nur vom Helden zu reden weiß und nicht
zugleich das Ganze als Ganzes faßt, als eine Einheit, in der nichts
überflüssig ist oder sein darf, nichts dem einen beherrschenden Gedanken
völlig fremd gegenüberstehen oder gar ihn verneinen darf.
So gehört zur Tragödie "ANTIGONE" KREON ebensowohl wie ANTIGONE, zur
Tragödie "MARIA STUART" ELISABETH ebensowohl wie MARIA STUART. Die innere
Macht des Guten, die in ANTIGONE sich behauptet, eben die muß in KREON
erwachen und ihm ein inneres Leiden schaffen, oder der Sinn des Ganzen,
der dort bejaht ist, ist hier verneint. Und wir fassen den Sinn der
Tragödie, der eben in der Thatsache jener inneren Macht besteht, nur
halb, wenn wir nur auf ANTIGONEs und nicht zugleich auf KREONs Leiden,
und was darin zu Tage kommt, achten. Ähnlich verhält es sich mit MARIA
STUART und ELISABETH und in vielen anderen Fällen.