TRAGÖDIE UND ERNSTES SCHAUSPIEL.

Die _innere_ Macht des Guten, so betonten wir, macht das Thema des

Trauerspiels. Damit ist doch keineswegs ausgeschlossen, daß neben der

inneren die äußere Macht des Guten in einem Trauerspiel uns

entgegentritt. Es _muß_ sogar so sein, wenn das Schicksal, das den Bösen

niederwirft und das Gute in ihm zum Siege bringt, in Gestalt einer das

Gute wollenden Persönlichkeit auf die Bühne tritt. Freilich nähert sich

das Trauerspiel in dem Maße, als diese Macht hervortritt und

_selbständige_ Bedeutung gewinnt, dem ernsten Schauspiele, in dem eben

diese Macht des Guten das eigentliche Thema bildet. So tritt in "RICHARD

III." neben dem Helden sein Gegner RICHMOND mehr und mehr in den

Vordergrund, um schließlich der eigentliche Held des Dramas zu werden.

RICHARD wird Mittel zum Zweck, Hindernis, das dazu da ist, von RICHMOND

überwunden zu werden und ihn zu verherrlichen, zugleich Folie, von der

sich die Lichtgestalt RICHMONDs glänzender abhebt.

Man wird diese Teilung des Interesses bedauern müssen, sie zugleich aber

unter den obwaltenden Umständen begreifen. RICHARD klagt sich an, er

erkennt eine über ihm stehende sittliche Macht an. Aber genügt die Art,

wie er es thut, um uns soweit mit ihm auszusöhnen, daß sein Ende für uns

Gegenstand eines, wenn auch ernsten, so doch ungetrübten, von Bitterkeit

oder Abscheu freien Genusses ist? Würde selbst ein vollkommeneres inneres

Gebrochensein, ein tiefergehendes seelisches Leiden, den Eindruck von so

viel Verworfenheit bis zu dem Grade zurückzudrängen vermögen, daß die

Genugthuung über den Sieg, den das Gute auch noch in einer _solchen_

Persönlichkeit davonzutragen vermag, in uns die herrschende Empfindung

würde? Ist das _zermalmende_ Bewußtsein der begangenen Frevel, wie wir es

von RICHARD III. fordern müßten, bei seinem Charakter überhaupt

_möglich_? Würden wir, nach dem, was wir gesehen und gehört haben, daran

glauben können?--Verneint man diese Fragen, dann muß RICHARD III.

schließlich zurücktreten, und die andere Art der Versöhnung, die im

äußeren Sieg des Guten, dem Sieg _über_ RICHARD besteht, Ersatz und

Ergänzung bieten. Dann hätte aber freilich RICHARD III. von vornherein in

höherem Grade zurücktreten und nicht als eigentlicher Held des Dramas

erscheinen müssen. Die Frage lautet eben schließlich: Ist nicht, wie ganz

gewiß in anderen Tragödien, so auch schon in RICHARD III. das Maß des

sittlich Häßlichen überschritten, das dem Helden der Tragödie, in der ja

wie in jedem Kunstwerk das Häßliche nur Mittel zum Zweck ist, zugestanden

werden darf?

Von einer doppelten Art der Versöhnung war hier die Rede. Die eine

besteht nur in uns, als unsere Versöhntheit mit dem Ausgang, insbesondere

mit dem Helden und seinem Geschick. Sie ist in diesem Sinne "subjektive"

und _nur_ subjektive Versöhnung. Das, womit wir versöhnt oder ausgesöhnt

werden müssen, ist das Übel oder das Böse, das Schicksal oder die

Persönlichkeit, oder das eine und das andere zugleich. Was uns damit

versöhnt oder aussöhnt, ist das sittlich Wertvolle in der Persönlichkeit,

das in dem Konflikt des Helden mit dem Schicksal oder mit sich selbst zu

Tage tritt. Diese Versöhnung und nur diese ist tragische Versöhnung.

Ihr steht entgegen die objektive, die in dem Kunstwerk selbst sich

vollziehende und von uns angeschaute Versöhnung, der versöhnliche

Ausgang, die glückliche Lösung. Diese Versöhnung bildet Ziel und Sinn des

ernsten Schauspiels. Auch hier kann, wie der Konflikt, so die Versöhnung

doppelter Art sein. Der Held, der Träger des Guten, besiegt das ihm

entgegenstehende Schicksal bezw. die Bösen, die für ihn das feindliche

Schicksal repräsentieren. Das Übel wendet sich für ihn zum Guten.--Oder

er überwindet die ihm und seinem Glück entgegenstehende Bosheit oder

Schwäche der eigenen Natur. So hat selbst IPHIGENIE einen Feind im

eigenen Herzen, nämlich die Lüge, zu überwinden. Der Held überwindet das

Böse, das heißt hier nicht wie bei der Tragödie, sein besseres Ich

erwacht und kommt zur Geltung _gegenüber_ der bösen Leidenschaft und in

dem Konflikt und inneren Leiden, das ihm aus der Verwirklichung seines

leidenschaftlichen Wollens erwächst; sondern: es vernichtet das Böse, es

wird Herr darüber. Das Gute im Helden wird zum guten Wollen und zur guten

That; der Gegensatz des Bösen und Guten _entscheidet_ sich; nicht das

Böse, sondern das Gute wird schließlich _verwirklicht_: das Böse wandelt

sich in das Gute. Dieser Sieg des Guten dient dann wiederum dazu, das

böse Schicksal, nämlich dasjenige, das aus dem bösen Wollen erwuchs oder

zu erwachsen drohte, zum Guten zu wenden. So ist überall der versöhnliche

Ausgang das Ziel. Dem Guten wird, weil es da ist, oder sich sieghaft

durcharbeitet, sein verdienter Lohn. Erst, indem wir diese objektive

Versöhnung miterleben, entsteht hier das Gefühl der Versöhnung oder

unsere Versöhntheit.

Dieser Gegensatz zwischen der nur subjektiven Versöhnung der Tragödie und

der zugleich objektiven des ernsten Schauspiels läßt sich noch in anderer

Weise bezeichnen. Dort ist das Gute, ich meine das persönlich oder

sittlich Gute, an sich der Gegenstand des Genusses, hier das Gute mit

Rücksicht auf die Verwirklichung seiner Zwecke; dort handelt es sich um

das _Dasein_ des Guten, hier um seine Bethätigung, seine Leistungen,

seinen _Erfolg_. Man hat gefragt, was in der Tragödie wichtiger sei, der

Charakter oder die Handlung. In dieser Unbestimmtheit muß die Frage

abgewiesen werden. In jedem Drama muß der Charakter in Handlungen und

Erlebnissen sich bethätigen und überall müssen die Handlungen und

Erlebnisse aus einem entsprechenden Charakter begreiflich werden.

Insofern sind beide gleich wichtig. Beides ist gar nicht von einander zu

trennen. Wohl aber hat die obige Frage ihr gutes Recht, wenn sie zu

wissen verlangt, worauf die Tragödie eigentlich abziele. Die Tragödie, so

müssen wir sagen, zielt durchaus auf den Charakter ab, sie weist uns von

den Handlungen und Erlebnissen auf den Charakter, der darin sich

kundgiebt, während das ernste Schauspiel vielmehr uns vom Charakter auf

die Handlungen und Erlebnisse hinweist, die daraus fließen. Dort haben

die Handlungen und Erlebnisse Bedeutung, sofern sie uns ein Wertvolles im

Charakter enthüllen, hier soll vielmehr der Charakter die Handlungen und

Erlebnisse uns wertvoll und erfreulich machen.

Indem man diesen Gegensatz zwischen Tragödie und ernstem Schauspiel

übersah und die dem ernsten Schauspiel angehörige objektive Versöhnung,

die objektive "Lösung des Konflikts" auch von der Tragödie forderte,

mußte man zu den oben zurückgewiesenen, die Tragödie verfälschenden

Theorien gelangen. Man suchte die Lösung im Jenseits, sei es dem alles

Unrecht ausgleichenden, besseren Jenseits, sei es dem Jenseits, das mit

dem "Frieden" des Nichts gleichbedeutend ist, in jedem Falle also in

etwas, von dem der Ästhetiker allerlei wissen mag, das Kunstwerk aber

nichts weiß. Oder man suchte im Leiden und Untergang selbst die äußere

Lösung und ließ zu dem Zweck die Armen schuldig werden, die der Dichter

unschuldig hatte leiden lassen.

Allen solchen Klügeleien gegenüber müssen wir festhalten, daß in der

Tragödie der Konflikt thatsächlich _ungelöst_ bleibt. Weder ist das

Leiden selbst die Lösung noch folgt ihm die Lösung. Die Tragödie verträgt

keine äußere Lösung, weil in ihr die ganze Bedeutung des Konfliktes

darauf beruht, durch sein _Vorhandensein_ und das daraus entspringende

Leiden unmittelbar ein sittlich Schönes zu vergegenwärtigen. Daß die

Tragödie nichts weiß von glücklichem Ausgang, daß ihr der äußere Erfolg

des Handelns so garnichts bedeutet, die Begriffe der "Belohnung" des

Guten und der "Bestrafung" des Bösen im äußerlichen Sinne ihrer Natur so

völlig fremd sind, vielmehr statt dessen alles in ihr abzielt auf die

Vergegenwärtigung des Guten im Menschen, der inneren Macht dieses Guten

und des Wertes, den es _an und für sich hat_--, dieser höchste sittliche

Standpunkt ist es, der erst die Tragödie als solche konstituiert, der ihr

zugleich ihre besondere sittliche und damit ästhetische Bedeutung giebt.

Der Streit über die Tragödie · 第 14 / 17 题