GENAUERES ÜBER DIE BEDEUTUNG DES LEIDENS.

Bei aller Tragik vermittelt das Leiden den Genuß. Nach dem vorhin

Gesagten muß es dabei überall zunächst darauf ankommen, _was für ein

Individuum_ es ist, das leidet; andrerseits, _wie tief_ es leidet. Je

edler das Individuum ist, um so Edleres kann in ihm durch das Leiden

offenbar werden, und in seinem Werte uns zum Bewußtsein kommen. Je tiefer

das Leiden geht, um so eindringlicher wird uns jenes Edle zum Bewußtsein

gebracht. Was wollte uns das Leiden all der liebenswerten Gestalten, der

ANTIGONE, GRETCHEN, OPHELIA, DESDEMONA bedeuten, wenn nicht das Bild

ihrer Persönlichkeit, das uns durch das Leiden geoffenbart und zugleich

menschlich näher gerückt und heller erleuchtet wird, eben dies

liebenswerte wäre. Und was wären sie uns trotz ihrer Liebenswürdigkeit,

wenn uns nicht das Leiden vergegenwärtigte, was für Persönlichkeilen es

sind, in deren Dasein das Geschick so grausam eingreift, welches ganz

anderen Geschickes wert. Eine gemeine Natur, die um ihr Leben klagte, wie

ANTIGONE, oder um einen Tag, eine Stunde, einen Augenblick ihres Lebens

bettelte, wie DESDEMONA, rührte uns nicht, wie ANTIGONE und DESDEMONA uns

rühren. Das Letztere erweckte eher widrige Empfindungen. Und weder

ANTIGONEs noch DESDEMONAs Untergang würde uns zu so menschlich warmem

Anteil zwingen, wenn sie statt klagend und damit die Tiefe ihres Leidens

an den Tag legend, mit kühler Resignation dem Tode die Hand reichten.--So

wenig macht hier die Resignation und das resignierte Wegwerfen des Lebens

den eigentlichen Sinn der Tragik, daß solcher Heroismus vielmehr die

ganze Tiefe der Tragik zerstören müßte.

Im Gesagten liegt ein weiteres Moment im Grunde schon eingeschlossen. Was

für ein Individuum es ist, das leidet und wie tief es leidet,--damit

hängt unmittelbar zusammen die Art, _wie_ das Individuum leidet, wie es

das Leiden erträgt, oder sich dagegen verhält. Es offenbart sich ja vor

allem in dieser Art sich zum Leiden zu verhalten das Wesen der

Persönlichkeit; es offenbart sich darin zugleich die Tiefe des Leidens.

Auch der LAOKOON der plastischen Gruppe nimmt das Leiden nicht mit

Resignation auf sich, sondern kämpft dagegen an. Wie aber kommt gerade in

diesem Kampfe gegen das Leiden die Kraft und Tüchtigkeit der

Persönlichkeit zur Geltung. Auch hier wird uns zugleich der Wert der

Persönlichkeit und ihres Lebens dadurch eindringlicher, daß es ein

_Leiden_, daß es die drohende _Vernichtung_ ist, gegen welche die

Persönlichkeit so mächtig sich bäumt, und daß sie trotz alles Kampfes

_untergehen_ muß. Es fügt hier, wie in allen Fällen, das Bewußtsein des

Leidens und Untergangs zur Freude an der Persönlichkeit, wie wir sie auch

sonst verspüren könnten, etwas von der tieferen und wärmeren Empfindung

der Liebe und Ehrfurcht.

So untragisch das Wegwerfen des Lebens bei ANTIGONE und DESDEMONA und

nicht minder beim LAOKOON wäre, so tragisch ist es in anderen Fällen.

ROMEO muß das Leben wegwerfen, so gewiß ANTIGONE es nicht darf. Wir

kommen damit auf einen weiteren Punkt. Nicht nur, wer leidet, wie tief

das Leiden geht and wie ihm der Leidende begegnet, bestimmt die Höhe und

die Art des tragischen Genusses. Auch das ist von Bedeutung, _wovon_ oder

_worunter_ der Held leidet, was der _Gegenstand_ seines Leidens ist. Das

Leiden meinten wir, lasse die Persönlichkeit offenbar werden. Das thut

auch die Freude, der Jubel, das Lachen. "Sage mir, worüber Du lachst, und

ich will Dir sagen, wer Du bist." Doch mehr als dies alles that es der

Schmerz. Nichts läßt so sehr ins Innerste der Persönlichkeit, in den

eigentlichen Kern ihres Wesens blicken, als die Schmerzempfindung; so wie

wir in die Pflanze einschneiden, vielleicht sie zerstören müssen, um ihr

innerstes Leben zu sehen. Eben dabei aber ist es wesentlich, _was_ die

Empfindung des Schmerzes erweckt.

Dies braucht nicht überall dasselbe zu sein. Es kann je nach

Persönlichkeit und Schicksal der verschiedensten Art sein. Es ist bei

ANTIGONE und ROMEO gegensätzlicher Art. Trotzdem ist es bei beiden

positiver Faktor für unseren tragischen Genuß.

Wer sähe nicht mit liebendem oder ehrfürchtigem Anteil auf die

Persönlichkeit, in der ein menschlich wertvolles Streben, eine edle

Leidenschaft solche Macht gewonnen hat, daß die Persönlichkeit, um das

Ziel ihres Strebens betrogen, des Gegenstandes der Leidenschaft beraubt,

den Tod als Erlösung begrüßt? Nicht weil die Weggabe des Lebens an sich

irgend etwas Erhebendes hätte. Wer um nichts, getrieben durch den Schmerz

um eine wertlose Sache, sein Leben wegwürfe, erschiene uns nicht groß und

erhaben, sondern jämmerlich. Sondern, weil sich in der Unmöglichkeit

weiter zu leben die Tiefe eines edeln Schmerzes, und durch ihn hindurch

die Größe einer edeln Leidenschaft kundgiebt.

Solcher Art ist der Schmerz ROMEOs. Dagegen ist, wie schon oben gesagt,

für ANTIGONE eben die Aussicht auf den Tod der Gegenstand des Schmerzes.

Sie hat ja ihr Ziel, die Erfüllung der Liebespflicht an ihrem Bruder,

erreicht. So andersgeartet aber dieser Schmerz ist, so gewiß hat doch

auch er sein menschlich Berechtigtes und menschlich Anmutendes. Es ist

etwas Schönes, ja Entzückendes um ein Menschenkind, das jung und hoffend

am Leben hängt, an das es glaubt und zu glauben sein gutes Recht hat.

Wenn nicht für eine gewisse Art "philosophischer" Reflexion, so doch für

das natürliche Gefühl, das ohne Einmischung solcher Reflexionen, von

denen nun einmal eine ANTIGONE nichts weiß, sich dem Eindruck des

Kunstwerkes hingiebt.

Darauf allein aber kommt es an. Vielleicht meint jemand, der klüger ist

als ANTIGONE, auch sie würde, wenn sie weiter lebte, Enttäuschungen

erfahren, die ihr das Leben nicht mehr so lebenswert erscheinen ließen.

Dieser Einwand wäre in aller seiner Klugheit so thöricht, wie der andere,

daß es doch für einen Menschen in der Lage ROMEOs auch solche

Verpflichtungen gebe, die ihn hindern müßten das Leben preiszugeben. Wer

so redete, mischte wiederum das Wirkliche und in der wirklichen Welt

Mögliche oder Geforderte ins Kunstwerk und zeigte, daß ihm vom Sinne des

Kunstwerkes auch noch nicht das Abc aufgegangen ist. In der Tragödie lebt

nun einmal ANTIGONE nicht weiter; und von jenen Verpflichtungen ROMEOs

ist in SHAKESPEAREs Stück keine Rede. Die Frage ist einzig: Ist ANTIGONEs

Hängen am Leben aus ihrer Persönlichkeit, ROMEOs Preisgabe des Lebens aus

der Stärke seiner Liebe begreiflich, und verspüren wir eine erhebende

Wirkung von jener Persönlichkeit und dieser edlen Leidenschaft, wenn wir

das eine und das andere, genau so wie es uns entgegentritt, und ohne alle

Nebengedanken auf uns wirken lassen. Bejahen wir diese Frage, dann ist

vielleicht weder ANTIGONE noch ROMEO in irgend welcher pessimistischen

oder optimistischen Moralvorlesung als Musterbeispiel brauchbar. Ihr Wert

im Kunstwerk wird doch dadurch um nichts verringert.

Indessen, so sehr wir berechtigt sind, was ANTIGONE leidet, und was den

Gegenstand des Schmerzes bei ROMEO bildet, nebeneinander und unter einen

Gesichtspunkt zu stellen, so wenig hat doch jenes und dieses Leiden

dieselbe Bedeutung für die Tragödie. Daß ANTIGONE dem Tode entgegengeht,

so wie sie es thut, macht sie zur tragischen Gestalt, darum noch nicht

zur tragischen Heldin. Soll sie dies sein, so muß bei ihr noch ein Moment

hinzukommen, das bei ROMEO in dem Gesagten bereits enthalten liegt.

Welches Moment dies ist, das kommt ans am leichtesten zum Bewußtsein,

wenn wir uns wiederum des Laokoonbildwerkes erinnern. Bisher konnten wir

den LAOKOON in allem mit den tragischen Helden vergleichen und in eine

Linie stellen. Auch der zuletzt hervorgehobene Faktor ist für ihn, wie

für die Helden dei Tragödie bedeutsam. Auch bei ihm ist der _Gegenstand_

des Leidens nicht unwesentlich. Es ist weder gleichgültig noch

tadelnswert, sondern schön, daß er am _Leben_ hängt und für sein _Leben_

kämpft, an dem zu hängen und für das zu kämpfen er ein Recht hat. Aber

die Laokoongruppe ist kein Drama, LAOKOON nicht Held einer Tragödie.

Gewiß könnte er es werden. Nicht der Bildner, aber der Dichter kann ihn

dazu machen. Er stelle in LAOKOON einen Menschen dar, der ganz erfüllt

von dem Gedanken sein bedrohtes Vaterland zu retten, trotz des

Widerspruchs der Seinen, und im Kampfe mit der Ungunst des Geschickes an

seinem edlen Streben festhält und schließlich um dieses edlen Strebens

willen untergeht; und ich wüßte nicht, was ihm zum tragischen Helden

fehlen sollte.

Damit ist jenes Moment bezeichnet. Die Tragödie ist Drama. Und das Drama

hat zum wesentlichen Merkmal das Wollen und Handeln. Ein Wollen und

Handeln muß im tragischen Helden sich verwirklichen. Nicht ein beliebiges

Wollen und Handeln, sondern ein bedeutsames, die ganze Persönlichkeit des

Helden erfüllendes. Dasselbe muß einen solchen Inhalt haben, daß wir

einsehen, wie es die ganze Persönlichkeit erfüllen könne. Es muß die

Persönlichkeit erfüllen können auch insofern, als es aus ihrer innersten

Natur sich ergiebt. Eben dieses Wollen und Handeln muß in der Tragödie

zum Leiden hinführen. Es muß dasjenige sein, "_wofür_" oder "_um dessen

willen_" der Held leidet. Den LAOKOON des plastischen Kunstwerkes aber

sehen wir nur leiden, ohne daß uns zugleich ein bedeutsames Wollen und

Handeln als Grund dieses Leidens vergegenwärtigt würde.

Hiermit scheidet sich die Tragik der Tragödie von der sonstigen, nicht

oder nicht im engeren und eigentlichen Sinne dramatischen Tragik. Was sie

scheidet, ist das "Wofür", der "Grund" des Leidens in diesem besonderen,

eben näher bezeichneten Sinne des Wortes. Man mag den LAOKOON des

Bildwerkes dramatisch, dramatisch bewegt oder dramatisch lebendig nennen;

aber die Tragik ist nicht dramatisch, d. h. nicht dramatisch _begründet_.

Wie aber bei allen bisher bezeichneten und für die tragische Wirkung in

Anspruch genommenen Momenten alles darauf ankam, daß in ihnen ein

Wertvolles der Persönlichkeit offenbar werde und in seinem Wert

einleuchte, so auch hier. Auch das "Wofür" des Leidens soll uns die

Persönlichkeit wertvoll machen und dadurch den tragischen. Genuß, der

eben jederzeit Genuß eines Wertvollen in der Persönlichkeit ist,

bedingen.

Das "Wofür" meinten wir, sei ein bedeutsames Wollen und Handeln. Es ist

in den hier zunächst vorausgesetzten Fällen ein _gutes_ Wollen und

Handeln. Insoweit leuchtet ohne weiteres ein, wie es uns die

Persönlichkeit wertvoll machen könne. "Gut" ist ja gar nicht das einzelne

auf den Vollzug einer Handlung gerichtete Wollen als solches, erst recht

nicht das Handeln an und für sich, sondern beides ist gut, sofern ihm ein

gutes Motiv, ein Gutes der Gesinnung, des Charakters, kurz der

Persönlichkeit zu Grunde liegt.

Bei ANTIGONE nun ist die That, "für" welche sie leidet, die Bestattung

des Bruders, was sie dazu treibt, die Bruderliebe. Daß diese Liebe und

das Bewußtsein der Pflicht, die sie auferlegt, Stand hält angesichts des

Todes, das zeigt uns die Stärke der Liebe, und damit das erhabene Wesen

der ANTIGONE in seiner vollen Herrlichkeit.--Es braucht wohl nicht mehr

gesagt zu werden, daß die Macht der Bruderliebe in ANTIGONE um so größer

erscheinen muß--nicht je bereiter sie ist, das Leben als eitel und

wertlos wegzuwerfen, sondern je mehr sie am Leben _hängt_, und ihrer

Natur nach am Leben zu hängen berechtigt ist.

Danach fällt in ANTIGONE dasjenige, was, oder worunter sie leidet--die

Aussicht auf den Tod--und das, _wofür_ sie leidet, auseinander. Dagegen

ist bei ROMEO beides zugleich und in Einem gegeben. Er leidet für seine

Liebe; der Verlust des Gegenstandes seiner Liebe ist zugleich das, was er

erleidet. Damit haben wir zwei verschiedene Arten des Trauerspiels

gewonnen. Wir können sie auch so bezeichnen, daß wir sagen: in der einen

folge das Leiden aus der Verwirklichung eines wertvollen und erhabenen

Wollens, in der andern bestehe es in der Vereitelung eines solchen

Wollens. Diesem Unterschiede entspricht ein Unterschied in der

ästhetischen Bedeutung des Leidens. Bei ANTIGONE _behauptet_ sich das

Schöne und Gute trotz des Leidens und im Leiden; bei ROMEO _erweist_ es

sich erst im Leiden.

Der Streit über die Tragödie · 第 11 / 17 题