Auf diese Frage kann zunächst eine Antwort gegeben werden, die nur eine
nebensächliche Wahrheit in sich schließt, aber uns doch endlich auf
festen Boden gelangen läßt. Man kennt die Freude, die vor allem Kinder
und Ungebildete am Gruseligen und Gespensterhaften, die Freude, die
rohere Naturen am Gräßlichen und Entsetzlichen haben. Diese Freude haben
wir kein Recht, so ohne weiteres zu verurteilen. Das Positive an ihr,
die Freude an dem, was aus der Alltäglichkeit des Lebens deutlich
heraustritt, nach irgend einer Richtung die Grenzen des Gewöhnlichen
überschreitet, und eben damit unsere Vorstellungsfähigkeit in besonderem
Maße faßt und in Anspruch nimmt, diese Freude ist uns allen natürlich,
und sie ist eben damit wohl berechtigt. Ihr Wert erhöht sich, wenn sie
zur Freude wird an dem, was ein gesteigertes Maß von Wollen und Können
verrät, was neue und ungeahnte Kräfte und Wirkungen, sei es Kräfte in
der Natur oder im Menschen, uns vor Augen stellt.
Eben diese Freude nun findet auch in der Tragik ihre Stelle. Die Kraft
und das gewaltige Maß sittlicher Leidenschaft in ANTIGONE gefällt; und
auch RICHARDs III. frevelhafter Trotz besitzt, soweit darin
außerordentliche Kraft menschlichen Wollens und Könnens, ungeheure
Energie der Bethätigung einer Persönlichkeit zu Tage tritt, Wert,
ästhetischen und, wenn man das Wort sittlich nicht ungebührlich enge
nimmt, sittlichen Wert. Was ihn uns verabscheuungswert macht, ist nicht
diese Kraft, sondern daß sie nicht eingedämmt und in Dienst genommen ist
von Regungen und Leidenschaften höherer, menschlicherer Art. Damit ist
doch die Schönheit und Erhabenheit nicht aufgehoben, die dieser Kraft als
solcher eignet.
Indessen die Frage ist, warum läßt das Kunstwerk, das doch nur die
Schönheit zum Zweck hat, das Erhabene in RICHARD III. derart ins Böse
verkehrt erscheinen? Warum läßt sie den Träger der reinen sittlichen
Erhabenheit in ANTIGONE dem Leiden und Untergang verfallen? Was will das
Verabscheuungswerte und Schmerzliche, das doch als solches das Gegenteil
des Schönen ist, im Kunstwerke?--Da es nicht Zweck sein kann, so muß es
Mittel sein.
Gehen wir von jetzt an Schritt für Schritt.--Ein Gegenstand, der uns lieb
war, sei beschädigt, zerstört, vernichtet; ein prächtiger Baum sei vom
Sturme geknickt, eine Gegend, die uns ans Herz gewachsen war, durch den
Krieg zertreten. Dann empfinden wir den Wert des Gegenstandes deutlicher.
Die Pracht des Baumes, das was uns die Gegend lieb und wert machte, kommt
uns zu klarerem Bewußtsein; das Bild wird erhabener oder lieblicher in
unseren Augen, als es zuvor war. So wird unser Verlust Gewinn, nicht
thatsächlich, aber für unser Empfinden. Es mischt sich in unserem Gefühl
des Bedauerns oder der Wehmut mit dem Schmerz um die Zerstörung ein
erhöhtes Bewußtsein des Wertes, ein erhöhter und, eben durch den Schmerz,
vertiefter Genuß. Die Wehmut wird zur süßen Wehmut, je mehr der Schmerz
sich mildert, und doch das Bild des Gegenstandes klar vor unseren Augen
bleibt.
Doch damit sind wir noch nicht eigentlich bei der Sache. Leblose
Gegenstände leiden nicht; sie wissen nichts von dem Geschick, das in ihr
Dasein eingriff, sie empfinden keinen Schmerz. Nur das Lebendige leidet,
Leben hat man gesagt _sei_ Leiden. Ganz sicher gilt das Umgekehrte:
Leiden ist Leben. Das Glied meines Körpers, das keinen Schmerz mehr
empfindet, erweist sich damit als abgestorben. Umgekehrt ist
Schmerzempfindung Zeichen des Lebens. Die Zufügung des Schmerzes ist
Schädigung, Vergewaltigung, kurz Negation des Lebens; die Empfindung
desselben aber ist Reaktion des Lebendigen gegen die Schädigung und
Vergewaltigung, also Lebensbethätigung, Lebensoffenbarung.--In der Kraft
und Eigenart dieser Reaktion zeigt sich die Kraft und Art des
geschädigten Lebens. Je intensiver, mannigfaltiger und feiner diese
Reaktion, also die Schmerzempfindung bei einem Wesen ist, ein umso
energischeres, reicheres und zarteres Leben offenbart sich darin.
Aber der Schmerz verrät nicht nur das Dasein und die Art des Lebens;
vielmehr, wie nach Obigem die Zerstörung eines leblosen Objektes uns
seinen Wert besser empfinden läßt, so bringt auch die Schädigung des
Lebens, die uns im Schmerze sich kund giebt, den Wert dieses Lebens zu
deutlicherem Bewußtsein. Wir wissen nun erst, was uns das Leben und der
Träger des Lebens bedeutet. Auch hier gewinnt das Bild an Erhabenheit und
Liebenswürdigkeit. Es gewinnt nur hier um so viel mehr, je mehr von Hause
aus der Wert des Lebendigen den des Leblosen überragt.
Lebendiges und Lebloses wurden hier als sich ausschließende Gegensätze
gefaßt. Diesen Gegensatz müssen wir nachträglich in gewisser Weise wieder
zurücknehmen. Es bleibt dabei, daß Lebloses nicht leidet. Aber was leblos
ist, kann unsere Phantasie mit Leben erfüllen. Dann wird es auch in
gewisser Art leidensfähig. Die Schädigung seines Bestandes erscheint uns
gleichfalls als eine Lebensschädigung, also als ein Leiden. So ist der
Baum leblos und bleibt es; aber wir leihen ihm von unserem Leben; wir
vermenschlichen ihn. Was ihn betrifft, erscheint damit als
menschenähnliches Erleben und Leiden. Seine Verletzung oder Zerstörung
wird für uns Gegenstand nicht des gleichen, aber eines ähnlich gearteten
Interesses, wie der störende oder zerstörende Eingriff in menschliches
Dasein. Auch sein Schicksal, so können wir, dem Folgenden vorgreifend
sagen, mutet uns "tragisch" an.
Das Gefühl nun, in dem sich mit dem Weh, das die Wahrnehmung des
Schmerzes bereitet, das erhöhte Bewußtsein des Wertes verbindet, den das
geschädigte Leben besitzt, dies Gefühl können wir als _Mitleid_
bezeichnen. Dabei müssen wir aber uns bewußt bleiben, daß es unendlich
viele Arten, ich könnte besser sagen, unendlich viele Klangfarben des
Mitleids giebt. Das schmelzende, weiche, weichliche Mitleid mag man
mißachten. Es giebt aber daneben ein ernstes, erhabenes, kraftvoll
erregendes Mitleid. So verschieden die Gegenstände des Mitleides, so
verschieden ist das mit jenem Namen bezeichnete Gefühl.
Daran mag es zum Teil liegen, daß wenig menschliche Gefühle so
mißverstanden worden sind, wie das Mitleid. Diejenige Erklärung, die den
Ruhm größter Oberflächlichkeit für sich in Anspruch nehmen darf, macht
aus dem Mitleid ein Leid, das in dem Beschauer durch eine Art Resonanz
entstehe, verbunden mit dem angenehmen Bewußtsein, daß es ihm, dem
Beschauer, _besser ergehe_. Dann allerdings wäre das Mitleid grober
Egoismus. In Wahrheit ist es davon das gerade Gegenteil. Wir haben nicht
Mitleid mit dem Nichtswürdigen, von dem wir meinen, daß ihm gerade recht
geschehe. Um so sicherer mit demjenigen, den wir eines besseren Loses
wert halten. Wir haben es überall in dem Maße, als uns der Leidende,
indem wir ihn leiden sehen, und sein Leid mitempfinden, zugleich
Wertschätzung, Achtung, Liebe abzunötigen vermag. Also liegt im Mitleid
Bewußtsein des Wertes, Achtung, Liebe, nicht Bewußtsein eines
materiellen, sondern eines Persönlichkeitswertes. Und es liegt darin
erhöhtes Bewußtsein dieses Wertes, erhöht eben durch die Wahrnehmung des
Leidens, das der Persönlichkeit widerfährt. Wertbewußtsein aber ist
Genuß; Bewußtsein persönlichen Wertes Genuß der höchsten Art.
Dieses Mitleid meint LESSING, wenn er das Mitleid eine süße Qual nennt,
und als Zweck des Trauerspieles bezeichnet. "Furcht und Mitleid" sagt
sein Gewährsmann ARISTOTELES. Er meint die Furcht, daß auch uns, die
Zuschauer, ähnliches Leid treffen könne. Diese Furcht läßt LESSING in
seiner eigenen Betrachtung beiseite, und mit Recht. Denn, wie wir wissen,
nicht was uns betreffen kann, sondern was die Gestalten der Dichtung
betrifft, geht uns an, wenn wir in der Welt der Dichtung leben. Nicht
unsere Reflexionen über das, was außerhalb des Kunstwerkes liegt, können
die Wirkung des Kunstwerkes begründen, sondern nur das Kunstwerk selbst.
In der That nun ist das Mitleid die Empfindung, die angesichts _jedes_
tragischen Objektes sich in uns einstellt. Es fragt sich nur, ob das
Mitleid zur Bezeichnung jeder, auch der höchsten Art tragischer
Empfindung _genügen_ kann. Es fragt sich in jedem Falle, welcher Art das
Mitleid sein wird.--Am besten ist es, wir lassen einstweilen den Namen
dahingestellt. An dem Streit um Namen ist uns ja jedenfalls nichts
gelegen.