DIE "VORÜBERGEHENDE SCHMERZEMPFINDUNG".

So gewiß nun die vorher fertigen Weltanschauungen die ärgsten Feinde des

Verständnisses der Tragödie sind, so wenig ist damit gesagt, daß man

nicht auch durch sonstige fertige Theorien dies Verständnis hinreichend

schädigen könne. Vor allem fertige psychologische Theorien sind dafür

wohl geeignet. Ich will es nicht unterlassen ein Beispiel einer solchen

Theorie hier besonders namhaft zu machen.

Der Gedankengang der Theorie ist folgender. Sie setzt als zugestanden

voraus, daß die Freude am Tragischen auf dem gemeinsamen Boden der Freude

am Schmerz beruhe. Von da aus sucht sie nach einem allgemeinen

Zusammenhang zwischen Freude und Schmerz. Sie findet einen solchen in der

Thatsache, daß Aufhören des Schmerzes positives Wonnegefühl sei. Daraus

ergiebt sich der Schluß, daß vorübergehende Schmerzempfindung Mittel sei

zur Erzeugung der Wohlempfindung.

In verschiedener Art nun kann aus vorübergehendem Schmerz Wohlempfindung

entstehen. Auf einer ersten Stufe bin ich selbst Träger des Schmerzes.

Mein eigener Schmerz vergeht, und dies erweckt mir Freude.

Auf einer zweiten Stufe erfährt ein anderer einen körperlichen Schmerz.

Dieser Schmerz kann für mich Grund der Wohlempfindung werden nur, wenn

ich ihn mitempfinde, wenn auch mein eigener Körper von dem Schmerz

"durchschauert" wird. "Daher kommt es, daß der Indianer, der sein Opfer

martert, erst dann in Jubel ausbricht, wenn das Opfer zu wimmern und zu

schreien anfängt."

Es ist die Grausamkeitswollust, die hier erklärt werden soll. Aber es ist

leicht zu sehen, wie schon hier die Theorie zur Erklärung dessen, was sie

erklären will, unvermögend ist. Die vermeintliche Erklärung aus der

Theorie ist in Wirklichkeit eine Aufhebung der Theorie. Der Indianer

freut sich, wenn das Opfer wimmert und schreit. Das Wimmern und Schreien

ist aber gewiß nicht Zeichen des aufhörenden, sondern des jetzt erst

recht fühlbar werdenden Schmerzes. Es soll ja bewirken, daß nun auch der

Körper des Marternden vom Schmerz "durchschauert" wird. Wie ist dies

möglich, wenn nicht der Marternde daraus den höchsten Grad des Schmerzes

herausliest.--Und _indem_ der Marternde vom Schmerz durchschauert wird,

indem er also den Schmerz nachempfindet, jubelt er. Sonach ist das

_Dasein_ des Schmerzes, beim Marternden sowohl wie beim Opfer, nicht das

Entschwinden desselben, Grund des Jubels. Das Entschwinden aber müßte ihn

erzeugen, wenn die Theorie hier am Platze sein sollte.

Offenbar erklärt sich der in Rede stehende Thatbestand auf ganz andere

Weise. Es hat keinen Sinn zu sagen, der Marternde juble, weil er vom

Schmerz des Opfers durchschauert wird. Die Mitempfindung des Schmerzes

ist nun einmal nicht Freude, sondern selbst Schmerzempfindung. Und auch

der Schmerz des Opfers selbst, und abgesehen von dieser Mitempfindung,

kann nicht Gegenstand, sondern nur mittelbarer Grund der Empfindung der

Freude sein. Er ist es, sofern dem Marternden in der Wahrnehmung

desselben seine _Fähigkeit_ Schmerz _zuzufügen_, seine _Überlegenheit_

über das Opfer zum unmittelbaren Bewußtsein kommt. Physischer Schmerz ist

dasjenige, wogegen sich jedes lebende Wesen zunächst und am

allersichersten sträubt. Indem ich solchen Schmerz zufüge, erweise ich

mich somit in besonderer Weise dem fremden Wesen übermächtig oder als

Herr über dasselbe. Ich gewinne damit ein Kraft- und Selbstgefühl eigener

Art. Vollständig aber kann dies erst zur Geltung kommen, wenn ich auch

den _moralischen_ Widerstand des Opfers gebrochen, auch den Stolz oder

Trotz niedergezwungen habe, der es hindert, seinen Schmerz zu _äußern_.

Und davon giebt mir das "Wimmern und Schreien" Zeugnis.--Dies ist der

Grund, warum der Indianer erst jubelt, wenn das Opfer wimmert und

schreit. In dem jedem Menschen natürlichen und wohlberechtigten Streben

nach Erhöhung des Gefühls eigenen Könnens und eigener Macht liegt der

einzige positive Grund der Grausamkeitswollust. Wie überall, so ist auch

hier, das was der verwerflichen Handlung Positives zu Grunde liegt, an

sich nicht verwerflich; das was sie verwerflich oder moralisch häßlich

macht, ein lediglich Negatives. Es ist in unserem Falle der Mangel der

Achtung vor der fremden Persönlichkeit und ihrem unverletzten Bestande,

der _Mangel_ also an wirksamer schmerzlicher _Mitempfindung_, wenn sie

verletzt wird.

Darnach erscheint schließlich der Grund der Grausamkeitswollust als

gerade der entgegengesetzte von demjenigen, den die Theorie angiebt. Der

Indianer jubelt und kann jubeln nur darum, weil er _nicht_ in dem Maße,

wie er es sein könnte und sollte, von dem Schmerz seines Opfers

"durchschauert" wird, weil ebendeswegen der Genuß des erhöhten Macht-

oder Selbstgefühls unvermindert oder relativ unvermindert in ihm zur

Geltung kommen kann. Nur wenn man unter dem Durchschauertwerden etwas

völlig anderes versteht, als die Mitempfindung des Schmerzes, nämlich

eben die fühllose oder über das Mitgefühl siegende Genugthuung über die

eigene Überlegenheit, nur dann kann auch das _Durchschauertwerden_ als

Grund des Jubels bezeichnet werden.

Auf einer dritten Stufe der Freude am Schmerz, so erfahren wir weiter,

trete an die Stelle des Schmerz empfindenden Körpers das Bild desselben.

Hier sei die Freude am Schmerz bereits eine aesthetische. Als Beispiele

von Gegenständen solcher Freude werden die "Passions- und

Marterdarstellungen des 14. und 15. Jahrhunderts" angeführt. Sie werden,

so meint unser Aesthetiker, von diesem Standpunkt aus Gegenstand einer

milderen Beurteilung.

Auch hier muß ich bekennen durchaus nicht zu verstehen, wie die Freude am

Schmerz als eine Art des Wonnegefühls bezeichnet werden könne, das mit

dem Aufhören des Schmerzes sich verbinde. Jene bildlichen Darstellungen

_verewigen_ ja eben für unsere Betrachtung den Schmerz. Oder ist die

Meinung, der Betrachter der Darstellungen erlebe es, daß in ihm eine

schmerzliche Mitempfindung erst erweckt werde, dann schwinde? Gewiß müßte

dies der Fall sein, wenn in _ihm_ das mit dem Aufhören des Schmerzes

verbundene Wonnegefühl entstehen sollte. Wie aber sollte dies geschehen.

Ohne Zweifel schwindet unser Gefühl des Schmerzes, oder wohl auch des

Widerwillens, wenn wir uns vom Anblick der Marterdarstellungen wegwenden

und sie vergessen; und wir mögen dann ein sehr angenehmes Gefühl der

Erleichterung und Befreiung haben. Aber dies Gefühl ist doch nicht Genuß

an den _Darstellungen_.

In der That hat auch unsere Freude an jenen Passions- und

Marterdarstellungen, soweit sie vorhanden ist, einen ganz anderen Grund.

Sie ist Eines mit der Freude am Außerordentlichen, in besonderer Weise

die Phantasie Packenden und Erregenden, von der gleich die Rede sein

wird. Oder aber sie ist wirklicher tragischer Genuß, d. h. eine Art des

Genusses, die von der hier in Rede stehenden Theorie in keiner Weise

getroffen wird.

Der Theorie zufolge aber soll eben dieser eigentlich tragische Genuß

erreicht werden auf der vierten Stufe unserer "Freude am Schmerz." Das

Besondere dieser Stufe ist, daß wir den _seelischen_ Schmerz

nachempfinden, den wir in einem Anderen vorstellen. Dieser seelische

Schmerz, so wird uns gesagt, ergreife uns am tiefsten, wenn wir für die

Persönlichkeit Sympathie empfinden. Die Wirkung werde die höchste sein,

wenn das Leiden die Folge von Situationen and Handlungen sei, die wir

auch um ihrer selbst willen als berechtigt anerkennen. "Das Mitleid würde

in diesem Falle sich jedoch zu wahrhaftem Entsetzen steigern müssen, und

die beabsichtigte Wirkung, die Befreiung von dem Schmerzgefühl, in uns

durch ein zurückbleibendes Gefühl der Bitterkeit beeinträchtigt werden,

wenn nicht das vorgestellte Leiden dadurch begründet wäre, daß auch die

Ursache, welche das Leiden zur Folge hat, an sich gleichfalls berechtigt

ist. Hierdurch erscheint das Leiden als ein zwar schmerzliches, aber

notwendiges, in seinen Gründen tiefer liegendes".

Ich frage wiederum: Wo ist das Moment, auf das für die Theorie alles

ankommt, das Verschwinden des Schmerzes? Wieso "befreit" die Tragödie vom

Schmerz? Der Held stirbt ja freilich schließlich und damit endet sein

Leid. Aber auch unser Mitleid? Ist denn nicht auch der Tod selbst,

umsomehr, je wertvoller das Dasein ist, das er endet, Gegenstand unseres

berechtigten Schmerzes? Wie werden wir von diesem Schmerz befreit? Soviel

ich sehe, einzig durch das Fallen des Vorhangs und die Rückkehr ins

Leben. Vorausgesetzt ist auch dabei noch, daß das Ende des Stücks uns das

Stück völlig vergessen läßt. Indem wir von der Tragödie erlöst sind, die

uns den Schmerz bereitete, sind wir von dem Schmerz befreit. Der Zweck

der Tragödie besteht dann darin, daß sie zu Ende geht und vergessen wird.

Der hat von der Tragödie den vollkommensten Genuß, der beim Herausgehen

aus dem Theater aus vollster Seele rufen kann: Gott sei Dank, daß das

überstanden ist.

Natürlich ist dies nicht die Meinung der Theorie. Es ist nur ihre

notwendige Konsequenz. Daß die Meinung eine völlig andere ist, zeigen die

angeführten näheren Bestimmungen, die vom Standpunkte der Theorie keinen

rechten Sinn geben. Der tragische Held soll mit den Handlungen, durch die

er sein Leiden herbeiführt, im Rechte sein, damit unsere schmerzliche

Mitempfindung sich steigere. Andererseits sollen auch diejenigen, die ihm

feindlich entgegenstehen, im Rechte sein, damit kein Gefühl der

Bitterkeit in uns zurückbleibe. Aber warum soll das Gefühl der Bitterkeit

in uns _zurückbleiben_, und nicht vielmehr, ebensowohl wie die

schmerzliche Mitempfindung weichen und dem Wohlgefühl der Befreiung

platzmachen? Wäre dies letztere der Fall, so würde das Gefühl der

Bitterkeit ja als eine wertvolle Beigabe zum Genuß der Tragödie angesehen

werden müssen. Die Theorie läßt aber nicht einsehen, wiefern beide

Gefühle hinsichtlich ihres Gehens oder Bleibens sich verschieden

verhalten sollten.

In der That verhalten sie sich nicht verschieden. D. h. die schmerzliche

Mitempfindung schwindet nicht, so wenig als die Bitterkeit schwinden

würde. Die Tragödie will uns von jener Mitempfindung so wenig befreien,

daß vielmehr die Dauer derselben Bedingung ihrer Wirkung ist. Nicht das

Aufhören des Leidens, sondern das vorhandene und von uns mitempfundene

Leiden ist in der Tragödie, wie bei jeder Tragik, der Grund unseres

Genusses. Unser Schmerz ist nicht Vorläufer dieses Genusses sondern sein

notwendiger Hintergrund.--Wir fragen jetzt: Wie ist dies möglich? Wie

kann das Schmerzliche, Schreckliche, Furchtbare erfreuen?

Der Streit über die Tragödie · 第 9 / 17 题