DIE "SITTLICHE WELTORDNUNG".

Es giebt aber einen anderen, nicht nur strengeren, sondern umfassenderen

oder weitsichtigeren und _darum_ "höheren" Standpunkt, der jene Theorie

zu rechtfertigen scheinen könnte. Suchen wir uns auch diesen Standpunkt

verständlich zu machen.

Von Natur, so etwa könnte der Vertreter dieses Standpunktes sich

vernehmen lassen, sind wir geneigt, unser sittliches Urteil zunächst auf

das Einzelne und das Individuum zu beziehen. Indem wir uns als

Persönlichkeit fühlen und uns das Recht unserer Persönlichkeit

zuschreiben, können wir nicht umhin, auch anderen das Recht ihrer

Persönlichkeit zuzuerkennen. Das Individuum, meinen wir, dürfe sich als

solches bethätigen und sein Wollen, sofern es ein an sich gutes sei,

behaupten, auch gegen die Schranken, die ihm die objektive Welt

entgegenstellt, und in leidenschaftlichem Kampfe gegen dieselben. Nicht

ihm, sondern der unvollkommenen Wirklichkeit falle die Schuld zu, wenn

das Individuum mit seinem guten Wollen in diesem Kampfe untergehe.

Aber dieser Standpunkt, so meint man, bestehe nicht vor einer höheren

Einsicht. Über dem Einzelnen stehe das Allgemeine, über dem Individuum

der Zusammenhang der Welt, über dem individuellen Wollen die objektive

Ordnung der Dinge. Nicht im Individuum, sondern im Ganzen, der Welt und

ihren Ordnungen verwirkliche sich der "Weltgeist", die "Idee", das

"Absolute". Und nur die Idee oder das Absolute habe ein absolutes Recht.

Wer sich in "einseitigem" Wollen, in einseitiger Betonung seiner

Persönlichkeit gegen die Ordnung der Dinge auflehne, lehne sich gegen die

Idee auf und verfalle in Schuld. Und diese Schuld müsse sich rächen. Die

Idee negire, die Wirklichkeit verschlinge den Schuldigen, und von

Rechtswegen. Wir mögen seine Vernichtung menschlich beklagen, aber mit

der Klage verbinde sich das erhabene und erhebende Bewußtsein von der

siegenden Allgewalt der Idee. In diesem Bewußtsein, dem ehrfurchtsvollen

Schauer vor der Idee, bestehe der Genuß der Tragödie.

Viel Wahres ohne Zweifel liegt in solchen Worten oder kann in ihnen

liegen. Viel Unwahrheit aber, viel Mißverständnis kann sich dahinter

verbergen. Und mit je größerem Pathos die Worte auftreten, um so größer

ist die Gefahr des Mißverstandes.--Andererseits fragt es sich, wie viel

von der Wahrheit, die in ihnen liegt, auf die Tragödie Anwendung findet.

Was meint man denn mit jener "objektiven Ordnung" der Dinge, deren

Verletzung Sünde sei? Ist es die Ordnung der Dinge, so wie sie ist, der

thatsächliche Bestand der Welt? Diese Ordnung der Dinge bekämpft und

verletzt jedes menschliche Wollen und Handeln, nicht nur das des

tragischen Helden. Jedes Wollen geht auf Veränderung des Weltbestandes.

Was wirklich ist, das brauchen wir nicht erst zu wollen und wollend

herbeizuführen. Die _Gesetze_ der Wirklichkeit freilich, die hebt unser

Wollen nicht auf; die aber tastet auch das Wollen des tragischen Helden

nicht an.--Wäre die objektive Ordnung so gemeint, und die Verletzung

dieser objektiven Ordnung Sünde, so wäre jedes Wollen sündhaft und

strafwürdig. Das Dasein des Individuums wäre das Nichtseinsollende. Die

"absolute" Moral schlüge in die Moral der Selbstvernichtung um.

Indessen dies ist nicht die Meinung der Theorie, oder braucht sie nicht

zu sein. Nicht jedes Wollen soll sich versündigen, wohl aber dasjenige,

das seine "natürlichen und sittlichen Schranken" überschreitet. Aber was

heißt dies? Ich kann zunächst die "_natürlichen_" Schranken meines

Wollens in verschiedenem Sinne überschreiten. Ich will oder unterfange

mich zu thun, was ich nicht hinausführen kann. Wenn ich aber im Voraus

nicht weiß, oder nicht wissen kann, welche Umstände mein Wollen

durchkreuzen werden, wenn der Zufall meine Absichten scheitern

läßt?--Dann ist es lobenswert, daß ich gewollt habe, wenn und in dem

Maße, als Ziel und Motiv meines Wollens löblich waren. Oder ich vertraute

auf meine Kraft; auch solches Selbstvertrauen ist gut. Ja selbst, wenn

mich der heftige Drang eines nicht unedlen Wollens der besseren

Verstandeseinsicht zum Trotz an die Möglichkeit der Erreichung des Zieles

glauben und in diesem Glauben handeln läßt, so hat dies größeren inneren

Wert, als wenn es der kühlen Einsicht so leicht gelungen wäre mich zur

Aufgabe meines Wollens zu bringen. Der Leichtsinn freilich, der die Augen

schließt, wo die bessere Einsicht sich aufdrängt, der Übermut, das

hartnackige Festhalten des sichtlich Unmöglichen, sie verdienen Tadel.

Aber immer bleibt auch hier das gute Wollen gut. Und nicht "streng", aber

bei aller Strenge doch gerecht, sondern ungerecht wäre die Strafe, die

nur jenes Tadelnswerte ansähe und den guten Kern des Wollens, das

Treibende der guten Gesinnung für nichts achtete.

Doch in dem Falle, von dem wir ausgingen, und vielen anderen, handelt es

sich ja um kein Wollen, das in diesem Sinne seine natürlichen Schranken

überschritte. ANTIGONE will nicht, was nicht in ihrer Macht läge. Sie

will an ihrem Bruder die letzte Liebespflicht üben und sie übt sie. Nicht

minder vollbringen MARIA STUART und EMILIA GALOTTI, was sie wollen.

Nur in einem völlig anderen Sinne _stoßen_ überhaupt die genannten,

ebensogut wie alle tragischen Helden, mit Schranken ihres Wollens

_zusammen_. Indem sie ihr Wollen verwirklichen, kommen sie in Konflikt

mit der Macht des Schicksals und der Macht der Menschen, die für sie das

Schicksal bedeuten. Sie beugen sich nicht vor solcher Macht; darum gehen

sie unter. Daß sie sich nicht beugen, darin besteht ihr "Überschreiten

der natürlichen Schranken"; sie sind "unmäßig" oder "übermäßig" in ihrem

Wollen, wenn in der Geneigtheit, vor der Macht sich zu beugen, das "Maß"

besteht. ANTIGONE bleibt bei ihrer Liebe dem Tyrannen KREON zum Trotz;

darum muß sie sterben. MARIA STUART, deren Frauenwürde mit Füßen getreten

wird, richtet sich stolz auf gegen ihre Feindin und entscheidet damit ihr

Schicksal. Und auch EMILIA GALOTTI brauchte nicht zu sterben, wenn sie

nicht ihre Unschuld gegen den Prinzen, in dem sich die Macht der

Verführung mit der äußeren Macht vereinigt, aufrechterhalten wollte. Ist

solche "Unmäßigkeit" des Wollens Sünde, dann allerdings sind alle die

Genannten schuldig.--In der That ist es vielfach nichts anderes, als

diese "Unmäßigkeit", die man den tragischen Helden zur Last zu legen

weiß. Die "absolute" Moral, sie schlägt hier schließlich um in die

bekannte Moral FALSTAFFs, nur daß FALSTAFF an der Stelle des Wortes

Unmäßigkeit oder Übermaß, das weniger philosophisch klingende Wort

"Vorsicht" gebraucht, und daß bei ihm die Vorsicht nur der bessere Teil

der Tapferkeit, nicht wie hier, der bessere Teil aller Tugend überhaupt

ist.

Es ist eben die ganze Theorie der Versündigung durch Verletzung

natürlicher Schranken ein Widerspruch in sich selbst. Nicht was ist, ist

heilig, sondern was ist, wie es sein soll. Dies ist keine Wahrheit, die

man zu beweisen brauchte, sondern eine Tautologie. Nicht durch Verletzung

dessen, was ist, nur durch Verletzung dessen, was sein soll, kann ich

mich versündigen.

Es giebt aber freilich eine Stufenordnung dessen, was sein soll; ein

System einander unter- und übergeordneter sittlicher Zwecke. Ein Inhalt

meines Wollens mag an sich gut sein, aber er widerstreitet einem höheren

sittlichen Zweck; dann ist mein Wollen doch böse. Jene Stufenordnung

sittlicher Zwecke, jene Ordnung des Seinsollenden, das ist die

_sittliche_ Weltordnung. Ihr entspricht die natürliche Ordnung der Dinge,

oder sie entspricht ihr nicht. Soweit sie ihr entspricht, ist in der

natürlichen Ordnung der Dinge die "Idee" verwirklicht. Oder was sollte

die Idee anders sein, als der Inbegriff oder die Einheit des

Seinsollenden. Die Verletzung dieser sittlichen Weltordnung, oder der

natürlichen, soweit sie mit der sittlichen sich deckt, die nur ist

Auflehnung gegen die Idee und ist Sünde.

Erst von hier aus kann die Frage gestellt werden, in wiefern doch am

Ende auch das beste Wollen der tragischen Helden Verschuldung in sich

schließen könne. Zugegeben, daß ANTIGONEs Wollen auf Edles gerichtet war.

Aber hätte sie nicht durch die Rücksicht, zwar nicht auf KREONs Macht,

aber doch auf das Wohl oder die Würde des Staates, dessen Herrscher er

ist, sich abhalten lassen müssen, die Pflicht zu üben, die ihr die Liebe

and das Gebot der Götter auferlegten? Hat nicht vielleicht MARIA STUART

durch ihre Art der ELISABETH entgegenzutreten an der Zukunft ihres

Volkes, an der Weltgeschichte, der Entwickelung der Menschheit oder

dergl. sich versündigt? Und EMILIA GALOTTI und DESDEMONA? Ließe sich

nicht auch bei ihnen ein frevelhafter Eingriff in die sittliche

Weltordnung auffinden?--obgleich wir einstweilen nicht wissen, wo er

gefunden werden sollte.

Hier gilt zunächst ein Einwand: es giebt keine Pflicht, die über die

Pflicht der Aufrechterhaltung der eigenen sittlichen Persönlichkeit

ginge, keinen sittlichen Zweck, dem die eigene sittliche Würde geopfert

werden müßte, keine Forderung: Wirf dich selbst weg, damit für die Welt

Gutes daraus entstehe.

Aber dies ist uns hier nicht das Wesentlichste.--Wo ist denn in

SOPHOKLES' ANTIGONE der Staat, das Staatswohl, die Staatswürde? Wo

pflegen denn in Tragödien überhaupt die Welt, die Weltgeschichte, die

Menschheit aufzutreten? Die Frage klingt trivial. So trivial sie klingt,

so entscheidend ist sie.

Wir kommen damit von neuem auf den eigentlichen Grundirrtum aller

Weltanschauungstheorien. Das Kunstwerk, so sahen wir, repräsentiert eine

Welt für sich und nichts geht uns bei seiner Betrachtung an und kann für

seine Beurteilung in Betracht kommen, was nicht eben dieser Welt

angehört. Dabei muß es bleiben, mag nun das Nichtdazugehörige Staat,

Volk, Welt, Weltgeschichte, Weltordnung oder sonstwie heißen.

Ich suche diese Wahrheit, weil sie von so großer Wichtigkeit ist, hier

noch an einem Beispiel aus einem anderen Kunstgebiet zu illustrieren. Was

würde man sagen, wenn jemand bei der Betrachtung einer Bauernscene von

ADRIAN VAN OSTADE Reflexionen darüber anstellte, ob die Bauern auf dem

Bilde nicht besser thäten zu arbeiten und für ihr und ihrer Familie

gedeihliches Fortkommen zu sorgen, als so den Tag zu verlungern; ob sie

durch ihre Trägheit nicht Pflichten verletzen gegen ihre Dorfgemeinde,

gegen den Staat, schließlich gegen die Menschheit?--

Ich denke die Antwort wäre einfach genug. Man würde--entweder dem

Lästigen den Rücken kehren, oder ihn folgendermaßen zu belehren suchen.

Die Bauern auf diesem Bilde, so würde man sagen, sind, wie du siehst,

nicht wirkliche, sondern gemalte, nicht der Welt der Wirklichkeit,

sondern der Welt des Bildes angehörige Bauern, und als solche können

sie keine Verpflichtungen verletzen, als solche, die ihnen im Bilde

entgegentreten und da von ihnen verletzt werden. So ist beispielsweise

keine Gefahr, daß sie durch ihr Gebahren irgend eine, irgendwo in der

wirklichen Welt vorhandene Dorfgemeinde schädigen. Sie können dies so

wenig, als diese Dorfgemeinde sie in ihrer Trägheit und ihrem Behagen

zu stören vermöchte. Das eine wie das andere könnte nur geschehen, wenn

auch die Dorfgemeinde auf dem Bilde gegenwärtig wäre, also Bauern und

Dorfgemeinde derselben Welt künstlerischer Darstellung angehörten, und

wenn zugleich der Konflikt zwischen beiden mitgemalt wäre, oder aus der

Darstellung ohne freie Zuthat des Beschauers einleuchtete.

Die Erde, so könnte der Belehrende verdeutlichend fortfahren, ist, wie du

weißt, vom Monde sehr weit entfernt, so weit, daß von uns Erdbewohnern

eine Berücksichtigung der Zwecke der etwaigen Mondbewohner mit Fug und

Recht nicht verlangt werden kann.

Sehr viel größer aber noch ist die Entfernung zwischen der Welt dieses

Bildes und der Welt der Wirklichkeit, oder unserer die Wirklichkeit

betreffenden Gedanken. Sie ist genau so groß, wie überhaupt die

Entfernung zwischen der Welt der Objekte, die nur in der Phantasie und

für sie existieren, von der Welt der Wirklichkeit zu sein pflegt, nämlich

unendlich groß. Es besteht eine absolute Kluft zwischen beiden Welten,

die jeden Weg zwischen ihnen und jede Wechselwirkung völlig ausschließt.

Diese Kluft ist, obgleich sie ohnehin einleuchtet, doch zum Überfluß

versinnlicht durch den Rahmen des Bildes. In den Rahmen ist das Bild

eingeschlossen, er schließt die Welt des Bildes ab. Damit ist uns gesagt,

bis wohin bei Betrachtung des Bildes unsere Gedanken reichen sollen.

Was dann das Bild wolle?--Es will behagliches, sorgloses, humorvolles

Dasein vor Augen stellen. Glück in der Beschränkung, auch wohl in der

Beschränktheit. Den Wert, den dieses Glück an sich, so wie wir es da

sehen, besitzt, nicht im Zusammenhang der Welt und Weltordnung, von dem

nun einmal hier keine Rede ist, sondern abgesehen davon, diesen Wert will

uns das Bild eindringlich machen und genießen lassen. Eben dazu ist es

da, diese Heraushebung und Isolierung zum Zweck des reinen durch keine

Weltrücksichten gestörten Genusses macht es zum Kunstwerk.--

Ganz ebenso nun, wie mit diesem Bilde, verhält es sich auch mit der

Tragödie. So wie jene OSTADEschen Bauern keine Pflichten verletzen

können, außer solchen, die ihnen im Bilde entgegentreten und da von

ihnen verletzt werden, so können sich die Personen einer Tragödie an

keinem Staat oder Volk, keiner Welt, Weltgeschichte oder Weltordnung

versündigen, außer soweit der Dichter dergleichen in der Tragödie,

in den Personen, ihren Worten und Handlungen sich verkörpern oder zur

Darstellung gelangen läßt, und sie versündigen sich dagegen immer genau

soweit, als sie eben in der Tragödie, der sie nun einmal ausschließlich

angehören, sich dagegen versündigen. Niemand fürchtet, wenn der Held auf

der Bühne Drohungen ausstößt, für die Sicherheit des Theaterpublikums und

bietet zu seinem Schutze die städtische Polizei auf. Hier ist man sich

der absoluten Trennung zwischen der Welt des Kunstwerkes und der

sonstigen Welt wohl bewußt. Man weiß, jene Welt reicht bis zur Umrahmung

der Bühne und nicht weiter. So sollte man auch nicht dem Helden Konflikte

aufbürden mit Momenten der sittlichen Weltordnung, die mit dem Kunstwerk

genau so viel zu thun haben, wie das Theaterpublikum und die städtische

Polizei.

Jetzt sehen wir ein, wie es sich mit dem "höheren" Standpunkt in Wahrheit

verhält. Nicht im Leben ist unser sittliches Urteil eingeschränkt, dem

Kunstwerk gegenüber aber weltumfassend, sondern völlig umgekehrt. Im

Leben mögen und sollen wir jede Handlung hineinstellen in einen

umfassenderen Zusammenhang; wir sollen sie schließlich betrachten unter

dem Gesichtspunkte der ganzen Welt und ihrer sittlichen Ordnung. Im

Kunstwerk dagegen ist sie hineingestellt und soll darum von uns

hineingestellt werden in den Zusammenhang einer begrenzten Welt und ihrer

sittlichen Beziehungen. Dies eben ist der Unterschied zwischen der

praktisch sittlichen und der ästhetischen, darum nicht minder sittlichen

Betrachtungsweise. Keine der Betrachtungsweisen ist ohne weiteres die

"höhere". Sie sind zunächst nur verschiedene Betrachtungsweisen. Von der

Einsicht in ihre Verschiedenheit hängt in jedem Falle das Verständnis des

Kunstwerks in erster Linie ab.

Darnach lautet auch der Tragödie gegenüber jedesmal die Frage: Wie weit

reicht die in ihr dargestellte Welt? Wo und wie weit insbesondere sind in

den Personen der Tragödie Dinge, wie Staat und Volk, Welt, Weltgeschichte

und sittliche Weltordnung verkörpert? Wie verhält sich in der Tragödie

der Held zu ihnen und wie verhalten sie sich zum Helden? Daß ANTIGONE,

weit entfernt, sich gestraft zu fühlen, bis zum Tode das menschliche und

göttliche Recht ihrer Liebe behauptet, wurde schon betont. Ihre Liebe und

der Götter Gebot, das ist zunächst _ihre_ sittliche Weltordnung. Sie

verletzt das Gebot des Herrschers. Aber auch den Staat und sein

sittliches Recht? Wo ist der Staat? Wo in der Tragödie erscheint KREONs

Gebot als Ausfluss seines sittlichen Rechtes? KREON selbst erkennt, daß

er unrecht gehandelt hat. Er klagt sich deswegen an. Er beruft sich nicht

auf das Recht des Staates, das er anerkennen müsse und das auch ANTIGONE

hätte anerkennen müssen. Er beruft sich auf keine sittliche Weltordnung,

die ihn zu seiner Handlungsweise nötige. Nicht als Vertreter des Rechtes

oder der sittlichen Weltordnung hat er gehandelt, sondern als Frevler an

Recht und Sittlichkeit. Auch für ihn vertritt ANTIGONE die sittliche

Weltordnung. Also thut sie es thatsächlich, d. h. nach Meinung der

Tragödie und des Dichters; sie thut es auch für uns, wenn wir das

Kunstwerk nehmen, wie es ist.

Oder soll ANTIGONE am Schlusse der Tragödie als Närrin erscheinen, die an

ihr heiliges Recht glaubt, wo sie gefrevelt hat, und ebenso KREON als

Narr, der verzweifelt, wo er Grund hätte, erhabene Genugthuung zu

verspüren, daß er gewürdigt sei, die sittliche Weltordnung wieder ins

Gleiche zu bringen, so wie wir der Theorie zufolge Genugthuung verspüren

sollen, wenn wir diese "poetische Gerechtigkeit" auf der Bühne sich

vollziehen sehen. Ist SOPHOKLES' ANTIGONE als Posse gemeint? Will sie mit

uns, die wir doch nicht umhin können, in ANTIGONEs Klage und KREONs

Selbstanklage des Dichters Meinung und den Sinn des Kunstwerkes zu

erkennen, ihr Spiel treiben?

Die gleiche Frage ließe sich sonst stellen. Auch OTHELLO, EMILIA GALOTTI,

MARIA STUART sind Possen, der Mohr, der Prinz von Guastalla, ELISABETH,

sie sind Narren, überall treibt der Dichter, ohne es zu sagen, sein Spiel

mit uns, wenn die Selbstanklage der genannten Personen Selbstbetrug sein,

wenn ein OTHELLO gar aus sittlichem Irrtum sich selbst töten soll.

Die Genannten sind keine Narren; der Dichter treibt nicht sein Spiel mit

uns. Nur die Theorie der poetischen Gerechtigkeit macht sie zu Narren.

Nur sie treibt ihr Spiel mit uns. Die "poetische Gerechtigkeit", sie ist

in der That das Widerspiel aller Gerechtigkeit. Gott sei Dank, so müssen

wir mit LESSING sagen, daß es noch eine andere Gerechtigkeit giebt, als

die poetische.

Der Streit über die Tragödie · 第 7 / 17 题