DIE "POETISCHE GERECHTIGKEIT".

Ich sagte schon, daß das tragische Kunstwerk, wie keine pessimistische,

so auch keine _optimistische_ Weltanschauung predige. Es hat mit beiden

gleich viel oder gleich wenig zu thun. Es giebt aber eine Theorie der

Tragödie, die optimistisch genannt werden kann, auch wohl sich selbst so

nennt und die das tragische Kunstwerk, wenngleich in anderer Weise, darum

doch nicht minder verfälscht als die besprochene pessimistische. Die

gemeinte Theorie fordert, daß das Übel, das dem Helden widerfährt,

insbesondere sein schließlicher Untergang, als "Strafe" des Bösen, als

"Sühne" für eine "Verschuldung" erscheine. Sie kennt eine überall in der

Tragödie waltende "poetische Gerechtigkeit". Daß es eine solche

Gerechtigkeit in der Welt gebe, daß alle Schuld sich auf Erden räche,

dies soll der erhebende Gedanke sein, den das Trauerspiel vergegenwärtige

und in dessen Vergegenwärtigung sein eigentlicher Sinn bestehe.

Wir fragen zunächst: _Besteht_ denn, wirklich jene Gerechtigkeit in der

Welt, rächt sich wirklich alle Schuld auf Erden? Soviel wir wissen,

nicht. Schuldige und Unschuldige gehen unter: Unschuldige und Schuldige

bleiben erhalten und freuen sich ihres Daseins. Die Besten empfinden mit

tiefem, vielleicht vernichtendem Schmerze, was die Bösen, die

Oberflächlichen, die sittlich Stumpfen gleichgiltig oder mit lächelndem

Achselzucken ansehen. Darnach ist es ein unwahrer Gedanke, den die

Tragödie vergegenwärtigt oder es ist unwahr, daß ihn die Tragödie

vergegenwärtigt.

Die Tragödie vergegenwärtigt den Gedanken nicht. Die Tragödie

vergegenwärtigt überhaupt keine allgemeine Gedanken. Sie vergegenwärtigt

nur sich selbst. MACBETHs, RICHARDs III. Schuld rächt sich; vielleicht,

obgleich wir dies einstweilen bezweifeln, auch die der ANTIGONE,

CORDELIA, OPHELIA. Aber diese Gestalten gehören, soviel ich sehe, nicht

der "Erde" an, sondern der Tragödie; nicht auf Erden, sondern in der Welt

der Phantasie, in der wir leben, wenn wir die Gestalten sehen, rächt sich

ihre Schuld. Und daß sie sich rächt, das ist kein Gedanke, sondern eine

Thatsache, die wir vor unseren Augen erleben. Nicht dazu ist die Tragödie

da, damit wir Gedanken vollziehen, sondern damit wir etwas erleben und

davon ergriffen sind.

Doch damit ist die Theorie nicht beseitigt. Den "Gedanken" sind wir los

und damit die "Weltanschauung", die in dem Glauben an jenen Gedanken

besteht, und damit ist viel gewonnen. Aber das Erlebnis, der einzelne

Fall der poetischen Gerechtigkeit, den uns die Tragödie vorführt, bleibt

bestehen oder scheint bestehen zu bleiben. Und damit bliebe für uns das

Wesentliche. Mag der "Gedanke" oder die "Weltanschauung" wahr sein oder

falsch, uns genügte der einzelne Fall, wie er auf der Bühne uns

entgegentritt. In der Welt der Wirklichkeit braucht ein solcher Fall nur

_möglich_ zu sein. Ist er zugleich auf der Bühne wirklich und beruht

darauf die Wirkung der Tragödie, so hört unser weiterer Widerspruch gegen

die Theorie auf.

Aber hier drängt sich sofort ein anderer naheliegender Einwand auf. Es

giebt außer der Tragödie andere tragische Kunstwerke. Man sollte meinen,

was den Sinn der Tragödie ausmache, müsse in irgend einer Weise auch in

sonstigen tragischen Kunstwerken vergegenwärtigt sein. Wiefern aber

leidet der LAOKOON des plastischen Bildwerks zur Strafe für eine Schuld?

Wo ist da die poetische, oder wie es hier wohl heißen müßte, "plastische"

Gerechtigkeit? Ich sehe das Leiden deutlich genug, aber woran sehe ich,

daß ihm eine Schuld voranging? Der LAOKOON des _Dichters_ mag für eine

Schuld leiden, obgleich ich nicht weiß, worin sie bestehen sollte. Aber

der LAOKOON des Dichters ist nun einmal nicht der plastische.

Dieser Thatbestand für sich allein hätte genügen müssen, die Schuld- und

Straftheorie, oder die Theorie der "poetischen Gerechtigkeit" zu Falle zu

bringen. Doch so eingewurzelte Theorien sind nicht so leicht zu fällen.

Vielleicht hilft man sich mit der Bemerkung, die gemeinsame Bezeichnung

plastischer und dramatischer Kunstwerke als tragischer sei völlig

zufällig, beweise darum in der That nichts für irgendwelche

Übereinstimmung in den Gründen ihrer Wirkung.

So fassen wir lieber die Tragödie direkt ins Auge. Der tragische Held

soll leiden zur Strafe für eine Schuld. Diese Behauptung nötigt die

Vertreter unserer Theorie, überall an den tragischen Helden eine "Schuld"

aufzusuchen. Es gelingt ihnen denn auch überall etwas zu finden, dem sie

diesen Namen glauben geben zu dürfen. ANTIGONE erhebt sich gegen den

Träger der socialen Ordnung; DESDEMONA versündigt sich gegen die

väterliche Autorität, sie macht keinen Versuch, BRABANTIO durch Bitten

und Thränen zur Einwilligung zu bewegen; und nun gar der Leichtsinn, das

Taschentuch zu verlieren!--EMILIA GALOTTI hat keine tatsächliche, aber

eine "Gedankenschuld" auf sich geladen.--So sehen wir, kein Unschuldiger,

nur Schuldige werden vom tragischen Geschick ereilt.

Man wird nicht umhin können, den Scharfsinn zu bewundern, der zu solchen

Schuldbeweisen aufgeboten worden ist. Im übrigen gewähren sie ein wenig

erfreuliches Schauspiel. Als ob es nicht genug wäre, daß der Dichter

seine Helden leiden läßt, werden sie nun auch noch von den Ästhetikern

mißhandelt. Man zwingt sie erbarmungslos auf die Anklagebank, um alles an

ihnen hervorzukehren, das Innerlichste und Äußerlichste, das was sie

gethan und das was sie, zwar nicht gegen ihre eigene, aber gegen des

Ästhetikers bessere Einsicht unterlassen haben, Fehler, von denen Dichter

und Kunstwerk wissen, und solche, von denen beide nichts wissen. Nachdem

so das Verborgenste ans Licht gezogen ist, "plädiert" man für und wider.

Wo der eine eine kleine Schuld findet, wittert der andere eine große; wo

der eine milde gestimmt ist, redet sich ein anderer in Entrüstung hinein.

Alle aber stimmen sie schließlich in das Schuldig ein: "Was brauchen wir

weiter Zeugnis? Weg mit ihnen."

Was aber will man denn eigentlich mit dem allem? Darum handelt es sich ja

doch nicht, ob die tragische Persönlichkeit überhaupt "unschuldig" ist,

so unschuldig, daß auch derjenige, der seiner Theorie zuliebe einen Tadel

an ihr finden muß und will, keinen zu finden vermag. Wir sind allzumal

Sünder, und die etwa ausgenommen sind, die neugeborenen Kinder oder die

Heiligen des Himmels, wird man gewiß auch in Zukunft nicht zu Helden von

Tragödien machen. Nur das kann doch die Frage sein, ob der Held eine

Schuld auf sich geladen hat, für die das Leiden, das ihn trifft, als

gerechte _Strafe_ erscheint, eine Schuld, die nur mit _Vernichtung

gesühnt_ werden kann. Und dies wiederum nicht nach einem Maßstabe, den

wir speciell für die Tragödie zurecht schneiden mögen, sondern nach

demjenigen, den unser natürliches sittliches Gefühl uns an die Hand

giebt.

Reden wir ganz speziell. Hat ein Weib, das ganz erfüllt von reinster

Bruderliebe, die heiligste Verpflichtung, die ihr diese Bruderliebe

auferlegt, festhält, trotz der Drohungen eines Tyrannen, angesichts der

Notwendigkeit elend dahinzusterben, kurz, hat ein Weib, das ebenso

handelt wie ANTIGONE, und aus ebensolcher Gesinnung, durch dies Handeln

und durch diese Gesinnung den Tod verdient, nicht irgend einen, sondern

den grausamen und schmachvollen, wie ihn ANTIGONE erleidet? Ist sie durch

unser natürliches Gefühl gerichtet, als eine, die nicht verdient,

weiterzuleben? Haben wir, wenn sie ihrem schrecklichen Schicksal

verfällt, das Bewußtsein, ihr sei recht geschehen und weiter nichts, und

ist es dieses Bewußtsein, ist es dies befriedigte "Gerechtigkeitsgefühl",

aus dem wir den erhabenen Genuß schöpfen, den uns die Tragödie gewährt?

Man rede nicht von einem höheren sittlichen Standpunkte gegenüber dem

Kunstwerk. Reiner allerdings ist der Standpunkt, wir stehen nirgends auf

einem reineren sittlichen Standpunkt als gegenüber dem tragischen

Kunstwerk. Aber er ist reiner, nicht weil er dem natürlichen Gefühl Hohn

spricht, sondern sofern er eben dies Gefühl unbeeinflußt durch

Rücksichten, wie sie der Zusammenhang der Wirklichkeit mit sich bringt,

zur Geltung kommen läßt.

Der Streit über die Tragödie · 第 5 / 17 题