Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewißheit läßt.
Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fünf bis sechs
Flintenschüsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans
unterstützend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz
der Felsen geflüchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Für den
Augenblick hatten sie nichts mehr zu fürchten.
Zunächst wurde der "Albatros", während er sich gleichzeitig von der
Insel Chatam entfernte, zu einer Höhe von neunhundert Metern
emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergrößern
müssen, um nicht in's Meer zu fallen.
In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten
den ersten Ausruf ausgestoßen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn
zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschließenden
Leinwandhülle befreit und seine Fesseln gelöst. Darauf stürzte der
Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans,
fand diese aber leer.
François Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's durchsucht;
auch in dieser war Niemand mehr.
Als Robur die Ueberzeugung gewann, daß seine Gefangenen ihm entronnen
waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel
Prudent und Phil Evans' war sein Geheimniß und seine Persönlichkeit
aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt über Europa
herabgeworfenen Schriftstückes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge
gemacht, weil er annehmen durfte, daß dasselbe beim Niederfallen
überhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt lag die Sache aber ganz
anders.
Dann suchte er sich wieder zu beruhigen.
"Sie sind vorläufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel
Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen können, so werde
ich dahin zurückkehren. Ich werde sie suchen ... sie wieder einfangen
... und dann ..."
In der That konnten sich die drei Flüchtlinge noch keineswegs als
gerettet betrachten. Erlangte der "Albatros" erst seine
Manövrirfähigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der
Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen
vermochten. Schon vor Verlauf von zwölf Stunden konnten sie ungünstigen
Falles dem Ingenieur wieder in die Hände gerathen sein.
Vor Verlauf von zwölf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der
"Albatros" ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an
seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerstörungswerk mitten in der
Luft vollführen sollte?
Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise
weiter nach Nordost hin getrieben und mußte mit Sonnenaufgang die Insel
Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben.
Um gegen den Wind aufkommen zu können, hätten seine Triebschrauben,
mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein
müssen.
"Tom, rief der Ingenieur, laßt die Signallaternen so hell als möglich
leuchten.
-- Sogleich, Master Robur.
-- Und dann Alle an die Arbeit!
-- Alle!" wiederholte der Obersteuermann.
Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der
nöthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem
"Albatros" gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs
getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt hätte, die
Flüchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Triebschraube
richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst
vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher
sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit
der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise über den Stillen
Ocean und nach der Insel X ausführen könne.
Jedenfalls erschien es von Bedeutung, daß der "Albatros" nicht allzu
weit nach Nordost verschlagen würde. Leider wurde der Wind aber immer
stärker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich
nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner
Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten
geworden. Die noch an der Küste weilenden Flüchtlinge konnten sich noch
überzeugen, daß er vollständig außer Sicht gekommen war, ehe die
vorbereitete Explosion ihn in Stücke riß.
Der jetzige Zustand der Dinge flößte Robur doch einige Beunruhigung
ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzögerung nach der Insel
Chatam zurückzukehren hoffen durfte. Er entschloß sich deshalb, während
alle Hände mit der so nothwendigen Ausbesserung beschäftigt waren, sich
tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwächere
Luftströmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der "Albatros" in
diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder
eigene Kraft genug zu äußern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg
anzukämpfen.
Dieses Manöver wurde auch sogleich ausgeführt. Wenn jetzt ein Schiff in
der Nähe gewesen wäre, wie würde dessen Mannschaft erschrocken sein
beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates?
Als der "Albatros" nur noch wenige hundert Fuß über der Meeresfläche
schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten.
Leider mußte sich Robur überzeugen, daß der Wind in diesen niederen
Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch größerer
Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natürlich Gefahr,
sehr weit nach Nordost verschlagen zu werden, was die Rückkehr nach der
Insel Chatam noch mehr verzögern mußte.
Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich
mehr in den oberen Lagen der Atmosphäre zu erhalten, wo das Luftmeer in
besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der "Albatros"
stieg also wieder zu einer mittleren Höhe von dreitausend Meter empor.
Blieb er hier auch nicht stationär, so trieb er doch wenigstens nur
langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, daß er bei
Tagesanbruch und von dieser Höhe aus die Insel, deren geographische
Lage er übrigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch
werde sehen können.
Darum, ob die Flüchtlinge Seitens der Eingeborenen -- im Fall die Insel
bewohnt war -- einen freundlichen Empfang gefunden hatten, oder nicht,
machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner
hilfreich beistanden, war für ihn ziemlich belanglos. Durch die
Angriffswaffen, über die der "Albatros" verfügte, würden sie sicherlich
erschreckt und schnell zerstreut werden. Die Wiedererlangung der
Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ...
"Nun, von der Insel X entflieht Niemand!" sagte Robur.
Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in
Stand gesetzt. Es erübrigte nun bloß noch die Montirung derselben, d.
h. die gehörige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere
Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der "Albatros", den Bug nach
Südwest gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren
Triebschraube in Angriff genommen werden.
Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte,
von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken,
der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone näherte! ...
Wäre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich beschäftigt
gewesen, so hätte doch vielleicht Einer das schwache Knistern
wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand;
vielleicht hätte er auch den Geruch verbrannten Pulvers bemerkt. Das
hätte ihn sicherlich so beunruhigt, daß er dem Ingenieur davon
Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten,
in dem der explodirende Körper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben.
Es wäre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren "Albatros" und Alle,
die er trug, zu retten.
Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig
Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach
diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschäftigung
ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Robur legte als geschickter Mechaniker persönlich Hand mit an. Er
betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlässigen, daß Alles
mit größter Sorgfalt ausgeführt wurde, da es ihm ja darauf ankam,
seines Apparates vollständig Herr zu werden. Gelang es ihm nicht, die
Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese
voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurückzukehren. Dann
wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte
dabei möglicher Weise aufgefunden werden; damit aber wäre das Ende der
Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der "Albatros" trug,
geschaffen hatten -- das Ende dieser übermenschlichen, so zu sagen
hocherhabenen Lebensweise.
Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel
nach ein Uhr.
"Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung abzuflauen
und mehr nach Westen umzuschlagen.
-- Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel
flüchtig betrachtet.
-- Er hält sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der
Obersteuermann. Außerdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter
dem "Albatros" sich senkten.
-- Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wäre es nicht
unwahrscheinlich, daß über dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir
jedoch über der Regenzone schweben, so kümmert uns das ja nicht, und
wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gestört
werden.
-- Wenn jetzt Regen fällt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz
feiner sein -- die Form der Wolken läßt das wenigstens muthmaßen -- und
höchst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald gänzlich.
-- Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir
zweckmäßiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle
erlittenen Beschädigungen auszubessern, dann können wir ja nach
Belieben manövriren, und das ist die Hauptsache."
Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet.
Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene
treibenden Batterien in Thätigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte
sich die Bewegung des "Albatros", und, den Bug nach Südwest gerichtet,
kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel
Chatam zurück.
"Tom, sagte Robur, es mögen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein,
seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich,
wie mir Compaßbeobachtungen lehrten, seitdem nicht geändert. Ich
schätze also, daß wir binnen höchstens einer Stunde die Gestade der
Insel wieder gefunden haben können.
-- Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann,
denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwölf Meter in
der Secunde vorwärts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens müßte der
"Albatros" seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen.
-- Das wäre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein
Interesse daran, noch während der Nacht einzutreffen und ungesehen an's
Land zu kommen. Die Flüchtlinge halten uns für weit nach Norden
verschlagen und sind jetzt gewiß nicht auf ihrer Hut. Wenn der
"Albatros" ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns
hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Müßten wir dann
selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen ...
-- So bleiben wir eben da, Master Robur, und hätten wir auch gegen eine
ganze Armee von Eingeborenen zu kämpfen ...
-- So kämpfen wir, Tom, kämpfen wir für unseren "Albatros"!"
Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten
zurück.
"Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen,
wir müssen bis zum Anbruch des Tages thätig sein."
Alle erklärten sich bereit.
Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen
vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgeführt waren. Es handelte
sich dabei um die gleichen Beschädigungen, die auch die nämliche
Ursache, jener Orkan bei der Fahrt über den antarktischen Continent,
veranlaßt hatte.
Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des
Aeronefs während einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine
Rückwärtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's legte der
Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in
entgegengesetztem Sinne drehen ließ, so daß der Aeronef -- um den
seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen -- "über Steuer zu gehen" anfing.
Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein
eigenthümlicher Geruch auffiel.
Es waren die in dem Kasten jetzt angehäuften Gase der Lunte, welche aus
der Cabine der Flüchtlinge hervordrangen.
"Hm ...? machte der Obersteuermann.
-- Was giebt es? fragte Robur.
-- Riechen Sie nichts? Man könnte sagen, es müsse Pulver brennen.
-- Ihr habt Recht, Tom!
-- Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff.
-- Ja ... sogar aus derselben Cabine ...
-- Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben?
-- Und wenn es nicht nur Feuer wäre? ... rief Robur. Stoßt die Thür
ein, Tom, stoßt sie ein!"
Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen,
als eine furchtbare Explosion den "Albatros" erschütterte. Die Ruffs
flogen in Stücke. Die elektrischen Lampen verlöschten, da ihnen der
Strom plötzlich fehlte, und es ward vollständig finster. Doch wenn auch
gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise
zertrümmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich
wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungestört weiter.
Pötzlich öffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten
Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in
Thätigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich
ebenso schnell nach abwärts. Fast gleichzeitig standen die hinteren
Auftriebsschrauben still und der "Albatros" stürzte in die Tiefe hinab.
Das bedeutete für die acht Männer, welche sich gleich Schiffbrüchigen
an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern.
Derselbe mußte obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere
Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete.
Da ließ sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz
außerordentliche Kaltblütigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb
weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und veränderte
sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorwärts
nach aufwärts trieb.
Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens
verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden
Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft
unterworfenen Körper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem
"Albatros" noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos in's Meer
stürzen mußten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung
inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar
werdenden Luft.
Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom "Albatros" noch
übrig war, in den Fluthen versunken.