Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt.
Als der "Albatros" noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte
man erkennen, daß diese Insel von mittlerer Größe war. Doch welcher
Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war
man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens
(Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange
unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun
nicht im Stande gewesen war, Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er
doch Ursache, zu glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde.
Sobald nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen
Beobachtung höchst günstige sein.
Von dieser Höhe -- von etwa fünfhundert Fuß -- aus zeigte sich die,
gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der
Form eines dreispitzigen Seesterns.
Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein
Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth
zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezüglich seiner
augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da die Gezeiten im Stillen
Ocean fast gleich Null sind.
An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen Höhe
auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war.
Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch
am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie
diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu
verbergen oder zu entfliehen.
Der "Albatros" hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unfern
derselben schlängelte sich in beschränkter Bucht ein Flüßchen durch die
Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thäler mit verschiedenen
Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und
Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also
mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft hätte Robur hier an's Land gehen
können, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der
sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des
Aeronefs zu bieten schien.
Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten
Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen
hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben
hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans vortrefflich
functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben
sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des
Auftriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das
lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.
Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar
mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln
wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die
Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.
Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom
Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für
den Fall, daß der "Albatros" aus irgend welchem Grunde genöthigt sein
könnte, vor völliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und
man schon mit diesem Propeller allein nöthigenfalls eine genügende
Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.
Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf
der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.
Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied,
nur noch hundertfünfzig Fuß über dem Erdboden zu schweben!
Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über
dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit
ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.
Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab
sich da eine
Länge von 176° 17' westlich von Greenwich,
Breite von 43° 37' südlich vom Aequator.
Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande
Viff, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln
bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade östlich von
Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen Inselhälfte Neuseelands im Süden
des Stillen Oceans.
"Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom
Turner.
-- Und wir befinden uns demnach ...?
-- Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt gegen
zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.
-- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen,
antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir leicht
widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur
geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so
schnell als möglich wieder anzulaufen.
-- Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder
aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube,
während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.
-- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren
Diener ...?
-- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie darüber sich zu
beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?"
Was war denn eigentlich diese Insel X? -- Eine in dem grenzenlosen
Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis
des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu
ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem
weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des interoceanischen
Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der
"Albatros", wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich
auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf
dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte,
eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er
denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine
strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art,
welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe zählenden
Einwohnerschaft aufgehäuft wurden.
Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht
gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu
begeben. Da hatte aber die Cyklone den "Albatros" in ihren Wirbel
gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen
verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche
Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von den Beschädigungen
seiner Triebschrauben, wäre dieser Verzögerung keine besondere
Bedeutung beizumessen gewesen.
Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war,
wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein
recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen
widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller
mechanischen Kraft des "Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu
erreichen. Bei einigermaßen guter Witterung und bei der gewöhnlichen
Fahrtgeschwindigkeit hätte das sonst nur drei bis vier Tage
beansprucht.
Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam
entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter
günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte. Er fürchtete dann
nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob,
nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren
wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf
also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den
Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen,
einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu
beginnen.
Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und
entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn
auch sogleich verfolgt.
Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die
Mannschaft des "Albatros" entschlossen an diese Arbeit.
Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt waren,
führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen
von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten.
"Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das
Leben zum Opfer zu bringen?
-- Ja, gleich Ihnen!
-- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem Robur
nichts zu hoffen haben.
-- Nichts!
-- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da der "Albatros"
noch heute spät Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen,
ohne daß unser Werk vollbracht wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur
Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft
zersprengt!
-- Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft?
-- Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um
die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die
Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.
-- So lassen Sie uns unverzüglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ...
-- Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen
wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, daß
mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht."
Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise.
Zwei Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen,
als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.
Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten
ahnen, welche Katastrophe den "Albatros" bedrohte.
Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu
schreiten:
Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer
einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des
Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers
und einer Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren
sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine
zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit der der
"Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder
begonnen, gesprengt werden sollte.
Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten
Explosionskörper.
Dieser bestand aus einer längeren Hülse, deren metallene Wand etwa ein
Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine
hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und sein
vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. Vernichtete ihn die
Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mußte der Sturz in die Tiefe
das Zerstörungswerk vollenden. Die Form und Größe der Patrone
begünstigten es übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der
Cabine so anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und
ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion
konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone
ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil
des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach
vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.
Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich
nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte
der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber
geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit seinen
Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere
Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der
gesammten Mannschaft an der Nähe der Cabine aber konnte Onkel Prudent
leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er sich zur
Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die
Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.
Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:
"Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver
mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren
Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen
sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke.
Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und
die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.
-- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans.
Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin
gelangt, mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk
zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen
eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und seine Leute in sich, daß
ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu groß erschien,
nur um den "Albatros" und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit
einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses,
ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum
Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth ließen
sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.
"Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne
ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?
-- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent.
Es dürfte zweifelhaft sein, daß Frycollin das als stichhaltigen Grund
angesehen hätte.
Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, während Phil Evans vor dem
Ruff Wache hielt.
Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschäftigt und eine
Ueberraschung vorläufig also kaum zu fürchten.
Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu
verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um
eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten
Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, daß diese
binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der Länge von
einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mußte. Er löschte
die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das
Ende derselben in das Zündhütchen ein.
Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn
Uhr Abends vollendet.
Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.
Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube
eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen,
um die jetzt falsch gebogenen Flügel abheben zu können.
Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur
Erzeugung der mechanischen Kraft des "Albatros" gehörte, hatte durch
die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier
bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.
Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit
unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger
Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen
Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach
kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür,
seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige Erholung
zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun
übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt
erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, während die Positionslaternen
dazu nur ungenügendes Licht hätten liefern können.
Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach
den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur's mußten sie
voraussetzen, daß die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht
schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der "Albatros" seine Fahrt
nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für
losgelöst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt.
Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar
nicht geahnte Wendung geben.
Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterniß schwere Wolken
nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein
leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den "Albatros" nicht von der
Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen
senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.
In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein
College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der
Auftriebsschrauben, das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und
erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.
Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:
"Es ist nun Zeit!"
Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger
Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone
gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch
auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent
zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter
das Bett zurück.
"Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten."
Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann
nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.
Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.
"Der "Albatros" schwebt noch am nämlichen Orte, sagte er leise. Die
Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren können."
Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung.
"So müssen wir die Lunte löschen, sagte er.
-- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans.
-- Uns retten?
-- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig
Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.
-- Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine Thoren, eine
so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen."
Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und
versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder
längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu können.
Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie möglichst
geräuschlos nach dem Vorderdeck.
Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht
mit ihnen veranlagen.
Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südwesten wurde
etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker,
indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in verticaler
Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten
zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Männer abzuschrecken,
die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu
wegzuwerfen.
Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt
durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Geräusch
vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die
Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war
vielmehr in Schlaf versunken.
Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine
Frycollin's, als Phil Evans plötzlich stehen blieb.
"Der Wachtposten!" sagte er.
Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte
derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser
Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden.
Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles
bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.
Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt
und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so daß er weder einen
Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.
Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch.
Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren
der Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in festem
Schlafe.
Die beiden Flüchtlinge -- denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben
-- kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. François Tapage
ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.
Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin's
nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen
Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.
"Da ist Niemand d'rin, flüsterte er.
-- Niemand ... Wo könnte er sein?" murmelte Phil Evans.
Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin
möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.
Auch hier fand sich Niemand.
"Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel
Prudent.
-- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir können
unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!"
Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit
den Händen und hielten sich auch mit den Füßen daran fest, dann glitten
sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.
Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange
gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein
Spielball der Luft zu sein!
Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem
Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein
Schatten erhob.
Das war Frycollin.
Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn
gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung
vorher zur Ausführung zu bringen.
Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel
Prudent drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren
Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.
"Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt außer dem
Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem
schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn verdient hat.
Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von jedem Versuche,
uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ...
-- Die Ehre eines solchen Mannes ..."
Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des "Albatros"
entstand eine auffällige Bewegung.
Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt
worden.
"Hierher, hierher," rief eine Stimme.
Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte
abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre
elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.
"Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner.
Die Flüchtlinge waren erkannt worden.
Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die
Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des
Ankertaues begann der "Albatros" sich der Erde zu nähern.
In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans'
vernehmen:
"Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf
dieser Insel frei zu lassen?
-- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt.
Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen
Geschoß die Schulter Phil Evans' streifte.
"Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent.
Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen,
zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich
nur noch fünfzig Fuß über der Erde.
Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen
merklich aufgefrischte Brise, die den "Albatros" in schiefer Richtung
traf, führte diesen nach Nordosten über das Meer hinaus.