XVI.

Worin der Leser um zwei Monate rückwärts und auch um neun Monate

vorwärtsgeführt wird.

Einige Wochen früher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwürdigen

Sitzung, während der es im Weldon-Institut zu so stürmischen

Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bewohner

von Philadelphia, unter den Negern wie den Weißen, eine leichter zu

constatirende, als zu beschreibende Aufregung.

Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich überall von den

unerwarteten, lärmenden Zwischenfällen der Sitzung des letzten Abends.

Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den

an sich unwahrscheinlichen Namen Robur -- Robur der Sieger! -- führen

wollte, eine Persönlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser

Nationalität hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die

Ballonisten mit gröblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der

Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die

Vorzüge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein

verächtliches Hohnlachen unter dem wildesten Getöse ausgeschlagen und

zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder

als Antwort in's Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den

Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern geräumt, verschwunden, und

trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm

entdeckt.

Natürlich waren solche Vorfälle dazu angetan, alle Zungen zu wetzen und

der Phantasie ein weites Feld zu eröffnen. Daran sollte es denn auch

weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreißig anderen Staaten der

Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht

minder erregt, wie die Neue Welt.

Wie mußte sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am

Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, daß weder der Vorsitzende, noch

der Schriftführer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen

zurückgekehrt waren, und hierbei handelte es sich um zwei geachtete,

gelehrte Männer von verhältnißmäßig hoher Stellung. Am Vorabend noch

hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Bürger, welche ruhig nach

ihrem Heim zurückzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft

kein mürrisch gerunzeltes Gesicht verbittert hätte. Sollten Sie

vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein: mindestens hatten

sie nichts geäußert, was zu diesem Glauben hätte verführen können; ja,

es war sogar besprochen worden, daß sie schon am nächsten Tage wieder

nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Plätze des

Vorsitzenden und Schriftführers bei einer außerordentlichen Sitzung

einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der Vorfälle des

letzten Abends bestimmt hatte.

Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persönlichkeiten des Staates

Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin

kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein

Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und

Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er

stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen

dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen

einzunehmen, welche irgend eine Exentricität in dem schönen Amerika

schon in helleres Licht zu setzen hinreicht.

Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch

Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung.

Vor den »Post and Telegraph offices« starke Ansammlung von Neugierigen,

um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten.

Vergebliche Liebesmühe.

Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem

Gespräch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden

Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Straße hinabwanderten, um

sich dem Fairmont-Park zuzuwenden.

Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Präsidenten noch die rechte Hand

gedrückt und sich verabschiedet mit den Worten:

"Auf morgen also!"

Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rühmte

sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal

"Auf Wiedersehen!" zugerufen hatte.

Miß Doll und Miß Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an

Onkel Prudent fesselte, konnten sich über sein Verschwinden gar nicht

beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu hören, eher

noch mehr, als gewöhnlich.

So verstrichen drei, vier, fünf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite

Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fährte der

drei Verschwundenen.

Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel

vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu führenden

Straßen ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen größerer

Bäume und dichterer Gebüsche ... erfolglos! ... Ueberall nichts!

Auf der großen Waldblöße erkannte man jedoch, daß da und dort das Gras

ganz neuerdings niedergedrückt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer

Unerklärlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des

dieselbe umschließenden Waldes Spuren eines stattgefundenen Kampfes

entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden

Collegen zu vorgerückter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke

getroffen und überfallen?

Das war ja möglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezügliche

regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in

die Hand. Man führte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schlämmte

seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angehäuften

Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht

nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer gründlichen Säuberung

gerade recht nöthig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von

Philadelphia!

Später wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen,

Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen

und republikanischen Blätter der Union -- ohne Rücksicht auf deren

Farbe -- versendet. Der »Daily Negro« das specielle Organ der schwarzen

Rasse, brachte Frycollin's Bildniß nach dessen letzter Photographie.

Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei

Abwesenden Nachricht geben könnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend

welches Anzeichen entdeckten, das auf deren Fährte zu leiten versprach.

"Fünftausend Dollars! Fünftausend Dollars jedem Bürger, der ..."

Vergeblich; die fünftausend Dollars verblieben in der Casse des

Weldon-Instituts.

"Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel

Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!"

Es versteht sich von selbst, daß der Club durch dieses unerklärliche

Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftführers in heillose

Unordnung gerieth und von vornherein sah derselbe sich durch diese

Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die früher so eifrig betriebenen

und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des

»Go a head« auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie hätten die anderen

Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begründer und Förderer dieses

Unternehmens, dem dieselben -- an Zeit und Geld -- einen Theil ihres

Vermögens geopfert hatten, sich entschließen können, ein Werk zu Ende

zu führen, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu krönen?

Sie mußten sich also in Geduld fassen.

Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren,

merkwürdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so

lebhaft erregt hatte.

In der That war jener geheimnißvolle Gegenstand wieder und wiederholt

wiedergesehen worden, wie er durch die höheren Schichten der Atmosphäre

schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser

auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerklärlichen

Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es hätte auch

einer außergewöhnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese

beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das

Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter

Bedingungen gesehen worden, welche seine Größe und Gestalt besser

abzuschätzen erlaubten. Zuerst in Canada über den Gebietstheilen, die

sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon am nächsten Tage

nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann später über den Ebenen

des Fernen Westens, als der "Albatros" sich an Schnelligkeit mit einem

Zuge der großen Pacific-Bahn maß.

Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewißheit

mehr; dieser Körper war kein Erzeugniß der Natur, sondern ein

Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des "Schwerer, als

die Luft". Und wenn der Schöpfer und Führer dieses Aeronefs auch für

seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte,

jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab,

weil er dieselbe so dicht über den Gebieten des Fernen Westens sehen

ließ. Die von ihm gewählte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der

Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb

vorläufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch außer Zweifel

gestellt, daß diesem Aeronef eine ganz außergewöhnliche

Fortbewegungsfähigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage später meldete

man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den

nördlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen

Rußlands.

Wer mochte nun jener kühne Mechaniker sein, der über so große bewegende

Kräfte gebot, für den weder Länder, noch Meere eine Grenze hatten, der

in der Erdatmosphäre wie in einem ihm allein zugehörigen Gebiete

schaltete und waltete? Sollte man glauben, es könne das jener Robur

sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rücksichtslos in's

Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewußten Abend erschien, um

in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu

legen?

Vielleicht kam einigen weiter blickenden Köpfen dieser Gedanke. Und --

wunderbarer Weise -- dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, daß

besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des

Schriftführers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange

stehen könnte.

Das blieb also noch weiter Geheimniß, bis eine Depesche von Frankreich

durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenundreißig

Minuten in New-York eintraf.

Und was meldete diese Depesche? Sie übermittelte den Text jenes in

Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents -- des

Schriftstückes, welches endlich enthüllte, was aus den beiden Männern

geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte.

Der Urheber der Entführung war also doch Robur, der Ingenieur, der

ausschließlich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der

Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem

Aeronef "Albatros" umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener

Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die

Lüfte entführt hatte! Und diese Personen konnte man als für immer

verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine

Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen mächtigen

Apparat zu bekämpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit

nicht zu Hilfe kamen.

Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das

Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs

erhielten davon unverzüglich Kenntniß. Nach zehn Minuten hatte ganz

Philadelphia durch seine Telephons die große Neuigkeit erfahren, binnen

einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den

zahllosen Drähten der Neuen Welt verbreitet. Man wollte noch nicht

recht daran glauben und hielt es wohl für die Mystification eines

schlechten Witzbolds -- sagten die Einen -- für ein "Einräuchern"

schlimmster Art -- meinten die Andern. Wie wäre es möglich gewesen,

diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszuführen? Wie hätte der

"Albatros" im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen können, ohne am

Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden?

Recht schön -- so lauteten die gewöhnlichen Argumente. -- Die

Ungläubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber

sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13.

Juli ging das französische Packetboot "Normandie" im Hudson vor Anker

und -- brachte die berühmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn

beförderte dieselbe in größter Eile von New-York nach Philadelphia.

Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip

hätte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu

sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran,

ohnmächtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein

Freundschaftsprieschen zugelangt! Miß Doll und Miß Mat erkannten sie

ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche

betrachtet, eines Tages auch ihre dürren Altjungfernfinger hinein zu

senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T.

Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut -- hundertmal hatten sie

dieselbe in den Händen ihres verehrten Vorsitzenden sich öffnen und

schließen sehen. Endlich hatte sie das Zeugniß aller Freunde für sich,

die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besaß, deren Name --

wie man nicht oft genug wiederholen kann -- darauf hinweist, daß ihre

Bewohner sich wie Brüder lieben.

Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr

aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern

besonders auch die von ihm herrührenden Schriftzüge des Documents

erlaubten es auch den Ungläubigsten nicht mehr mit den Achseln zu

zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte Hände erhoben

sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine

entführt, ohne daß man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien!

Die Gesellschaft der Niagara-Fälle, deren stärkster Actionär Onkel

Prudent war, hätte beinahe ihre Geschäfte eingestellt und die

Wasserfälle geschlossen. Die »Walton Watch Company« dachte schon daran,

ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans

eingebüßt hatte.

Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar

nicht übertrieben, denn manche hirnverbrannte Köpfe, wie man deren auch

in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein,

die beiden ehrenwerthen Bürger niemals wiederzusehen.

Nachdem er über Paris hingefahren war, hörte man von dem "Albatros"

zunächst nicht weiter reden. Einige Stunden später war er über Rom

schwebend gesehen worden -- das war Alles. Bei der bekannten

Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er über Europa von Nord nach Süd

und über das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja

nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch

kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer

beobachten. Und hätten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und

Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers hätte

sich so weit und so hoch entfernt -- in "Ikarien", wie er zu sagen

pflegte -- daß Alle verzweifelt wären, deren Spur je wieder

aufzufinden.

Hier sei hinzugefügt, daß wenn seine Geschwindigkeit über dem Ufer

Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch

nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Höhen des

algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er über Timbuctu

wahrgenommen; das Observatorium dieser berühmten Stadt -- wenn sie

überhaupt ein solches besitzt -- hatte aber noch nicht Zeit gefunden,

das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den

König von Dahomey betrifft, so hätte dieser gewiß eher zehntausend

Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf kürzer

machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft

schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder fröhnt eben seiner

kleinen Eigenliebe.

Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann über den Atlantischen

Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn

kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, über die südlichsten

Landvesten und über das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen

antarktischen Gegenden aus war natürlich keine Nachricht zu erwarten.

Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rühmen, den

Aeronef nur flüchtig wieder erblickt zu haben.

Der August ging zu Ende, ohne daß sich an der Ungewißheit über das Loos

der beiden Gefangenen Robur's etwas änderte. Man fing allmählich an,

sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses

ältesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erwähnt, nicht ein

Opfer seiner Kühnheit geworden sein möge.

Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers

ohne jede Aenderung der Sachlage.

Bekanntlich gewöhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der

menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu

empfinden; man vergißt, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In

diesem Falle mußte man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer

Ehre nachsagen, daß sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer

ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Weißen und

eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entführt schienen,

denen aber keine Rückkehr durch die Bibel geweissagt war.

In Philadelphia trat das natürlich noch deutlicher zu Tage, als an

jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nähere persönliche Beziehungen

in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache

ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine

grausame Wiedervergeltung geübt. Doch war seine Rache damit gekühlt?

Würde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und

des Schriftführers vom Weldon-Institut fühlen lassen? Und wer konnte

sich gesichert wähnen gegen etwaige Angriffe jenes allmächtigen

Beherrschers des Luftmeeres?

Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel

Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der

Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht

sein.

Das Merkwürdigste an dieser Botschaft war, daß sie sich bestätigte,

obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten.

Dennoch mußte man sich der Thatsache fügen. Das waren die beiden

Verschwundenen in Person -- nicht ihre Schatten -- und auch Frycollin

war mit ihnen zurückgekehrt.

Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine

ungeheure Volksmenge strömten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle

begrüßten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und

Hipps von Hand zu Hand getragen wurden.

Hier befand sich Jem Cip, der sein Frühstück -- geröstete

Brotschnittchen mit gekochtem Lattig -- verlassen hatte, und auch

William T. Forbes nebst seinen beiden Töchtern Miß Doll und Miß Mat.

Wäre Onkel Prudent Mormone gewesen, heute hätte er sie alle Beide zu

Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die

geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat

T. Fyn und endlich die übrigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis

heutigen Tages ein Räthsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans

hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen können, welche

sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu

erdrücken drohten.

An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte

wöchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen

ihre früheren Plätze wieder einnehmen zu sehen. Da sie übrigens von

ihren Abenteuern bisher noch nichts erzählt hatten -- vielleicht hatte

der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die nöthige Zeit gewährt -- so

hoffte man auch, daß sie nun von den gehabten Eindrücken während jener

unfreiwilligen Reise berichten würden.

In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz

stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine

Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt hätten.

Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen

wollen, war Folgendes:

Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgänge in der

Nacht vom 27. zum 28. Juli zurück zu kommen; auf die kühn ausgeführte

Flucht des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut, auf

ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam,

den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschuß, auf das durchschnittene

Ankertau und den "Albatros", der damals, seiner Triebschrauben

entbehrend, durch den Südwestwind weit fortgetrieben und gleichzeitig

zu großer Höhe gewissermaßen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe

bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden.

Die Flüchtlinge hatten nun nichts mehr zu fürchten. Wie hätte Robur

nach der Insel zurückkehren können, da seine Schrauben noch drei bis

vier Stunden außer Stande waren, zu functioniren?

Nach Ablauf dieser Zeit aber mußte der durch die Explosion zerstörte,

"Albatros" zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein,

und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stücke

gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte.

Der entsetzliche Racheact mußte dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel

Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten,

litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen.

Phil Evans war durch die vom "Albatros" aus entsendete Kugel nur leicht

verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der

Hoffnung, Eingeborene anzutreffen.

Diese Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Etwa fünfzig halbwilde,

vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westküste Chatams.

Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten

den Flüchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als übernatürliche Wesen

verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und

brachte sie in der größten und schönsten Hütte unter. Frycollin fand

gewiß niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der

Schwarzen spielen zu können.

Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef

nicht wieder zurückkehren, und mußten daraus schließen, daß die

schreckliche Katastrophe in großer Höhe eingetreten sein werde. Nun

würde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden hören, so wenig wie

von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen

hatte.

Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Amerika

abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So

verstrich der ganze Monat August und die Flüchtlinge legten sich schon

die Frage vor, ob sie am Ende nicht bloß ein Gefängniß gegen ein

anderes eingetauscht hätten, mit dem übrigens Frycollin sich weit

besser, als mit dem "Kerker in der Luft", abzufinden schien.

Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam

Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, daß Onkel

Prudent zur Zeit der Entführung aus Philadelphia mehrere tausend

Dollars Papiergeld bei sich führte, d. h. mehr als nothwendig war, um

nach Amerika zurückkehren zu können. Nachdem sie ihren Verehrern,

welche ihnen stets den allergrößten Respect bewiesen hatten, herzlich

gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach

Aukland ein. Von ihren Schicksalen erzählten sie nichts, und nach zwei

Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an.

Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und

am 20. September landeten die Ueberlebenden vom "Albatros" nach höchst

glücklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder

ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie einen

recht anständigen Preis für ihre Plätze entrichteten, so wäre es keinem

amerikanischen Capitän jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute

zu richten.

In San Francisco benützten Onkel Prudent, sein College und der Diener

Frycollin den ersten Zug der großen Pacific-Bahn und trafen am 27.

wohlbehalten in Philadelphia ein.

Das ist der gedrängte Bericht über Alles, was seit dem Entweichen der

Flüchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und

somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftführer,

inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Plätze im Weldon-Institut

wieder einnehmen.

Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende

Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein hätte niemals ahnen lassen,

daß seit jener denkwürdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas

Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in

ihrem Leben gar nicht mit zu zählen.

Nach den ersten Begrüßungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur

eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und

ergriff er zuerst das Wort.

"Ehrenwerthe Bürger, sagte er, die Sitzung ist eröffnet."

Wahnsinniger und gewiß wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch als

etwas Außergewöhnliches nicht gelten konnte, daß eine solche

Wochenversammlung eröffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein

außergewöhnliches Gewicht, daß das durch Onkel Prudent unter Assistenz

von Phil Evans geschah.

Der Vorsitzende ließ den in Zurufen und Händeklatschen kundgegebenen

Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort:

"In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem

Meinungsaustausch (Hört! Hört!) zwischen den Vertretern der Vorder- und

der Rückenschraube für unseren Ballon, den »Go a head«. (Zeichen von

Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um

die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das

besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je

einer Triebschraube." (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.)

Das war Alles!

Ja, Alles, von der Entführung des Vorsitzenden und des Schriftführers

des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswörtchen; kein Wort über den

Ingenieur Robur und den "Albatros"; kein Wort über die Art und Weise,

wie die Gefangenen hatten entkommen können, und endlich kein Wort über

das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und

ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befürchten

wären.

Gewiß fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil

Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugeknöpft,

daß es angezeigt schien, ihre Zurückhaltung zu respectiren. Wenn sie

die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, würden sie schon allein

sprechen und Alle würden sich geehrt genug fühlen, ihnen zuzuhören.

Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimniß

verborgen liegen, das heute noch nicht enthüllt werden durfte.

Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des

Weldon-Instituts unerhörten Stillschweigen wieder das Wort.

"Meine Herren, sagte er, es erübrigt uns nun bloß noch, den Aerostaten

»Go a head«, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern,

schleunigst der Vollendung entgegen zu führen. -- Die Sitzung ist

geschlossen."

Robur der Sieger · 第 19 / 20 题