In dem der "Albatros" etwas ausführt, was man vielleicht niemals dürfte
ausführen können.
Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der südlichen
Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nördlichen
Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad
überschritten, der im Norden Europas Schottland in der Höhe von
Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg durchschneidet.
Der Thermometer hielt sich auch fortwährend unter 0 Grad, so daß es
sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche Wärme etwas wohnlicher
zu machen.
Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des
südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich kürzer
wurde, da der "Albatros" einen Curs nach den Polarregionen einhielt.
Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile des
Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also
nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche Kälte. Um
ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der Eskimos und Fuegier
kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte,
konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck
ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und
eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. Uebrigens sahen sie
Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen
Drohungen, der über Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie
nicht mit einander.
Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage's heraus,
der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte -- unter der
Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich machte. Da das nicht ohne
Vortheil für ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubniß seines
Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht,
was draußen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschützt
glauben. Glich er nicht völlig dem thörichten Strauße, nicht allein
physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch
seine kindische Beschränktheit?
Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der "Albatros" sich nun
wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter über
diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols hinauswage?
Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare
Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphäre doch Allen der
Tod -- der schreckliche Tod des Erfrierens. Daß Robur es unternommen
hätte, in der warmen Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl
angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien
dies dagegen wie der Streich eines Tollhäuslers.
Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des
Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende der Neuen
Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber
freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören.
Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt
nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des fliegenden
Apparats zu beendigen?
Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen
fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem
Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner
und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der
Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags
zu erkennen.
Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu
bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso
derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des
Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, da es
darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu
erhalten.
Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.
"Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin?
-- Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel
Prudent.
-- Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit
einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern.
-- Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird
nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über die er
verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.
-- Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausführung bringen
können ... wenn er daselbst ankommt ...
-- Er wird nicht ankommen, Phil Evans!"
Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des
Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch
schwand jeder Zweifel, daß der "Albatros", nachdem er die Grenzen des
südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rückwärts steuerte.
Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, mußten
sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern
und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen
undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die
tollkühnsten Reisenden.
Gewiß hätte der "Albatros", wenn er seinen Flügelschlag beschleunigte,
diese über den Ocean aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können,
wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge -- wenn
es überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse überdeckt.
Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren
Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen
bis 60 Grad unter Null abkühlen kann.
Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, wandte
sich der "Albatros" nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer
unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlüge.
Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die
Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen
derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die zum Theil dem
Ocean den Namen des "Milchmeeres" erworben haben. In dem Halbdunkel,
welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen,
erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig
weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen
Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären.
Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen
Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer
sein können.
Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende
Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb
nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des indischen
Oceans zu begegnen.
Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich
hoch gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das
für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der
Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber
erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des
Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.
Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.
"Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont?
... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein?
-- Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.
-- Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug."
Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner
bezeichneten Punkt hinaus.
Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den
fraglichen Gegenstand.
"Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen
in demselben befinden.
-- Schiffbrüchige? rief Tom.
-- Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff
zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie
Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen.
Wohlan, es soll Niemand sagen können, der "Albatros" hätte nicht den
Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!"
Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und
der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt
er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.
Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing
und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord
befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu
handhaben.
Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor
Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon
ereilt hatte.
Ueber ihnen angekommen, ging der "Albatros" langsam nach unten. Am Heck
des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es
gehört hatte; es war die "Jeannette" von Nantes gewesen, ein
französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.
"Aoh!" rief Tom Turner.
Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig
Fuß unter ihm.
Keine Antwort.
"Schießt ein Gewehr ab!" sagte Robur.
Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich
weithin über die Oberfläche des Wassers.
Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine
Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines
Skelets ähnelte.
Als er den "Albatros" bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der
helle Schrecken.
"Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu
retten. Wer seid Ihr?"
-- Matrosen von der "Jeannette", einer Dreimastbark, deren zweiter
Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ...
mußten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ...
Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ..."
Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas
erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die
Hände nach dem Aeronef empor.
"Achtung!" rief Robur.
Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser
wurde zu dem Boote hinabgesendet.
Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast,
welche fast widerlich mit anzusehen war.
"Brot! ... Brot!" ... riefen sie.
Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven,
einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter.
Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres
Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.
"Wo sind wir denn? fragte er dann.
-- Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel,
antwortete Robur.
-- Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ...
-- Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen.
-- Wer sind Sie?
-- Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren, Euch
Hilfe zu bringen," erwiderte einfach Robur.
Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch
war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu
schleppen?
Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot
von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.
Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die
Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur
rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen
der "Jeannette", und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für
ein Wunder zu halten.
Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln
gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen,
was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der "Albatros"
steuerte wieder auf die offene See hinaus.
Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf
diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten
konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen,
es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans
das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des
ganzen Zwischenfalls zu leugnen.
Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende
Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und
wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen
Maschinen des "Albatros" ein lautes Pfeifen verursachten und diesen
merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen hätte ein Segelschiff schon
die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen. Alles
deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr
des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr
Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der
Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn
doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der
Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.
Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen
Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im
Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und
Tornado an der Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große
Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von
seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin
zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt
dieses Maelstromes der Lüfte.
Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu
entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren
Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war
keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.
In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen
zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche
hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit
rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.
"Hinauf! befahl Robur.
-- Hinauf!" wiederholte Tom Turner.
Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob
sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die
sich nach Südwesten hin senkte.
Da fiel der Barometer noch weiter -- die Quecksilbersäule sank schnell
um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende
Bewegung des "Albatros" vollständig auf.
Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge
einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und
den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.
Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube
eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser
zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das
kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage
befand sich jetzt der "Albatros".
Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit
erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die
schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem
Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer
Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwerere
Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im
Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere
nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des "Albatros"
nur in geringem Umfange unterbrachen?
Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der "Albatros" gewiß
bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen
wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern
umwerfen.
Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen.
An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans,
ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit
seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung
vernichten würde.
Da es nun dem "Albatros" nicht gelang, sich in lothrechter Richtung
diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den
verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr
Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er
die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit
fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu
entreißen?
Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten
sich zu einem furchtbaren Platzregen.
Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und
abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die
Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen
ist.
Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er
sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nördlicher und
dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch,
warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich
geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der
Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen
werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der
Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.
Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie
ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit
forttragen zu lassen, die der "Albatros" nicht überwinden und aus der
er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen
Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den
Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da
er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin
der Orkan ihn trug.
Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte
aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen
geschleudert zu werden.
Mit den ersten Stunden des Tages -- wenn man den schwachen Schein, der
den Horizont färbte, so nennen konnte -- hatte der "Albatros" vom Cap
Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über
vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.
Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die
kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um
fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich
diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete
darauf hin, daß sich der "Albatros" wie in einen Abgrund in dieselbe
stürzen müsse.
An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen
wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut
befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.
Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel
hingezogen, "verzehrte" seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze
Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine
noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl
gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure,
daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren
beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein
wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das
Steuerruder wirken zu können.
Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit
größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die
Seele des Chefs auch in ihr lebte.
Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne
alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen.
Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef
befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit
dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.
Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine
Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß
man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer
enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerszeit nicht zum
Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist,
als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in
ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet
wird.
Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen
werde. Der "Albatros" gelangte unter den 75. Grad westlicher Länge nach
dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er
wieder aus demselben heraustreten sollte?
Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die
Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht
befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der
Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten
Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren
Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.
Höchst wahrscheinlich kam der "Albatros" nahe dem Polarkreise über
einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das
Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und über das Louis
Philipp-Land, das Dumont d'Urville als äußersten Ausläufer des
unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.
An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so
arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art
Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich
führte.
Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag!
Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung
sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure
Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des
Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen "Blink" der
Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte
nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die
Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von
Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das
hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen
orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle
Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse
verschmolzen?
Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe
Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit
hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines
ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die
letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen
Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von
wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte
hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend
zu gewähren.
Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen
Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über
die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die
Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß
Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau
im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.
Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des
Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:
"Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!"
Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie
unter ihrem Eispanzer bergen mochte.
Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem
sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.
Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle,
die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt
die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es
daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.
Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der
"Albatros", wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran
unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige
Küste geworfen wird.
Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal
fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.
Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen
Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die
Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.
Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind,
der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug.
Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom "Albatros"
entfernt, zwei leuchtende Punkte.
Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der
Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.
Sollte der "Albatros" in den Flammen gleich einem riesigen
Schmetterling verbrennen?
Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der
Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des
Vulcans nicht befreien konnte, loszustürzen ... Sein Flammenbüschel
wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin
erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein
halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen
Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der
dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.
Der Orkan aber, der den "Albatros" mit sich fortriß, rettete ihn auch
vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm
niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg
frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die
centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise
weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption
begriffenen Krater hinweg.
Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen
Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht
erleuchten.
Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der
Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da
auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkettet war.
Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der "Albatros" unter dem
fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan über
die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich
hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand
seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja
der beste Pilot.
Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem,
unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105
Grad bildet.
Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu
erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der "Albatros" wurde
wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine große
Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel,
und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.
Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich
entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie
waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn
Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem
Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine
Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß
gewesen, als sie der "Albatros" unter gewöhnlichen Umständen hätte
entwickeln können.
Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete,
wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also
warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien,
um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten
dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt
nicht sichtbar.
Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben
während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.
Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen
Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er
über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der
Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu
verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz
vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem
ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich
auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und
Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.
Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.
Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den
Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger
beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu
gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien
auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren
zu können.
Der Wind hatte sich -- ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes
Vorhabens -- fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte
der "Albatros" wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen
werden.
Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes
Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der
Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte
sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter
der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der "Albatros" blieb
unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.
Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia
überhaupt mit der Erde in Berührung kam.