XIII.

In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren,

ohne die Seekrankheit zu bekommen.

Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten

sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem

unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so

wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewöhnt sein

mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt.

Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.

Wohin steuerte nun der "Albatros"? Sollte er wirklich noch mehr als

eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch

irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an

Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu

gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe

an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die

Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt

mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und

wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der

Erde, wo der "Albatros" sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen

konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen

haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.

Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der

Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine

Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften

erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus

den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu

binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so

kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so

geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht

besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames

Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein

Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur?

Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso

viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß

der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.

Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller

unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich

so in's Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines

solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu

zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen

Umherfliegen verurtheilt zu sein -- mußte das den Vorsitzenden und den

Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeußerste treiben?

Inzwischen schwebte der "Albatros" am Abend des elften Juli über den

Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob

sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen

zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war

doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem

nördlichen Horizont verschwunden.

Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer

unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt.

Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser

zu sagen, "um sich", denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen

Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten

umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je

seine Grenzen erreichen könnte.

Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich

nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um in ihm

die "Angst vor der Leere" zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz

muthige Naturen nicht entziehen können.

Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten

Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine

zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.

Von den 373,895.343 Quadratkilometern[5], welche die Oberfläche der

Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es

schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe,

wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller

Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die

Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den

Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast

entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der

Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.

[5] Die Oberfläche des festen Landes beträgt 136,055,371

Quadratkilometer.

Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten

meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate,

entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen

lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen

und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen

nach der Neuen Welt zu -- wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.

Der "Albatros" versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind

mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte

sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der

transatlantischen Dampfer immer noch überholte.

Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen

Mannschaft besonders angemeldet wurde.

Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die

nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen

waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen

Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen

gebräuchlich sind.

Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große

Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige

Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so

oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht

auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm

nun einmal kein Vertrauen einflößte.

Am Morgen des 15. schwebte der "Albatros" über den Inseln Ascension und

St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich

einige Stunden lang am Horizonte zeigten.

Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand,

ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde

Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln

seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben

entweichen sehen.

Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme

des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter

höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken

können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel

vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.

War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog

und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige

Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise

allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung

gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.

Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft feine

Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte

Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche

feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß

diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren

krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten --

eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen

Ocean schwebend erhielten.

Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere

Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem

Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte

man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen

Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen

einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser

Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.

In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber

Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde

und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er

das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen

Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag

schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der

afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des

Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast

unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren

Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen

Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.

Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des

Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen

würden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli

der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem

tiefsten Winter entspricht. Wenn der "Albatros" noch weiter nach Süden

vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.

Das Meer aber "empfand das", wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte

sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen,

welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.

Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden

Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von

leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß

folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender

Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum "Albatros" hinauf,

so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen

Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur

vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern -- über Flammen

ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.

Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein,

denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen

gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte

man dieselbe nicht zuschreiben.

Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine

sehr hohe sein müsse.

Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl

dem Untergang geweiht gewesen. Der "Albatros" dagegen spielte mit Wind

und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm

nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche hinzugleiten,

so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein

aufsuchen.

Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag

dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der

Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.

Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der "Albatros", um eine günstige

Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch

hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.

Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke,

dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau

horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene

Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das

darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.

Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.

In einem Augenblick wurde der "Albatros" in den Wirbel einer riesigen

Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das

Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe

entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung

ganz eingebüßt und der Aeronef wäre in's Meer gefallen; jetzt wurde er

nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.

Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der

Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung

ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die Centrifugalkraft

wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und

mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu

fallen.

"Ruhig Blut!" rief Robur.

Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.

Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden

nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch

fest zu klammern.

Und während sich der "Albatros" in dieser Weise um sich selbst drehte,

folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die mit einer

Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig

werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen,

wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke

zerrissen zu werden.

"Einen Kanonenschuß!" rief der Ingenieur.

Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten

Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die

Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben

können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in

diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem

an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und

sofort sanken einige Tromben zusammen.

Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und

die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den

Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel

verbanden.

Endlich befreit, beeilte sich der "Albatros", um einige hundert Meter

aufzusteigen.

"Nichts zerbrochen an Bord?" fragte der Ingenieur.

-- Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu

tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten."

In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der "Albatros" in größter

Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er dem Wirbeln der

Tromben schwerlich widerstanden haben.

Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn

nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer

mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil

Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen,

beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten

die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend

anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die

Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle

Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.

Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im

Süden Land zu entdecken.

Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des

Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie

hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur

Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger

Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein

abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld

gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der

in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er,

Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und

war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch

die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen,

öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage

nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer

der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben,

wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.

"He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen

machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?

-- Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf,

der alle diese Faseleien für Ernst nahm.

-- Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer

hübschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der

Neger!"

Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte

dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte

also nur noch daran, sich zu rächen.

"Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der

Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.

-- Unmöglich, Onkel Prudent!

-- Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es

sein muß, indem er sein Leben opfert ...

-- Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als

möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles

Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es

ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der "Albatros"? ... Jetzt

fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese

Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach

denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch

über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem

Südpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wären

wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter

Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen ...

-- So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns

gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört

haben!"

Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen

aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht

anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem

Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare

Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der

Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.

Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß

sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke

gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen

Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend

Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit

finden, in die Munitionskammer einzudringen.

Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem

Gedanken, daß der "Albatros" in die Luft gesprengt werden sollte, würde

er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.

Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und

zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße.

Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit

fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb

fortwährend unter 0 Grad zurück.

Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der "Albatros"

zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean

zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den

Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich

gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen

Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und

einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im

sogenannten Hungerhafen.

Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah,

wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben,

so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darüber nicht urtheilen, da

sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.

Doch welch' Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des

südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte

Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen,

Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben

Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige

Caps und Halbinseln -- all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt

durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am

Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten

Ausläufer der Neuen Welt!

Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der "Albatros" wieder

eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel

Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in

gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick

übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in

einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.

Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder

Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.

Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete -- vorzüglich

deren mittlerer Theil -- im Sommer gezeigt, wo die Tage fünfzehn bis

sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und

Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst

jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen,

Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen,

welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen

bewohnen. Als der "Albatros" seine elektrischen Lichter erglühen ließ,

flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gänse -- hundertmal mehr,

als François Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord.

Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten

verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt

dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte

das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem

interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu

rupfen.

Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte,

auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter

See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige

Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über

dessen Oberfläche hin.

Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach

allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie

sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.

Der "Albatros" steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal

hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name

unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken

etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich

schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von

Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer

zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des

Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das

schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung

donnert.

Robur der Sieger · 第 15 / 20 题