In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren,
ohne die Seekrankheit zu bekommen.
Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten
sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem
unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so
wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewöhnt sein
mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt.
Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.
Wohin steuerte nun der "Albatros"? Sollte er wirklich noch mehr als
eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch
irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an
Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu
gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe
an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die
Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt
mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und
wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der
Erde, wo der "Albatros" sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen
konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen
haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.
Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der
Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine
Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften
erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus
den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu
binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so
kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so
geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht
besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames
Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein
Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur?
Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso
viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß
der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.
Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller
unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich
so in's Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines
solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu
zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen
Umherfliegen verurtheilt zu sein -- mußte das den Vorsitzenden und den
Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeußerste treiben?
Inzwischen schwebte der "Albatros" am Abend des elften Juli über den
Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob
sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen
zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war
doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem
nördlichen Horizont verschwunden.
Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer
unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt.
Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser
zu sagen, "um sich", denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen
Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten
umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je
seine Grenzen erreichen könnte.
Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich
nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um in ihm
die "Angst vor der Leere" zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz
muthige Naturen nicht entziehen können.
Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten
Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine
zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.
Von den 373,895.343 Quadratkilometern[5], welche die Oberfläche der
Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es
schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe,
wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller
Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die
Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den
Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast
entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der
Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.
[5] Die Oberfläche des festen Landes beträgt 136,055,371
Quadratkilometer.
Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten
meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate,
entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen
lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen
und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen
nach der Neuen Welt zu -- wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.
Der "Albatros" versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind
mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte
sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der
transatlantischen Dampfer immer noch überholte.
Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen
Mannschaft besonders angemeldet wurde.
Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die
nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen
waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen
Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen
gebräuchlich sind.
Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große
Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige
Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so
oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht
auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm
nun einmal kein Vertrauen einflößte.
Am Morgen des 15. schwebte der "Albatros" über den Inseln Ascension und
St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich
einige Stunden lang am Horizonte zeigten.
Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand,
ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde
Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln
seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben
entweichen sehen.
Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme
des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter
höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken
können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel
vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.
War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog
und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige
Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise
allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung
gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.
Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft feine
Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte
Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche
feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß
diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren
krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten --
eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen
Ocean schwebend erhielten.
Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere
Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem
Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte
man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen
Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen
einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser
Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.
In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber
Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde
und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er
das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen
Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag
schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der
afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des
Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast
unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren
Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen
Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.
Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des
Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen
würden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli
der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem
tiefsten Winter entspricht. Wenn der "Albatros" noch weiter nach Süden
vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.
Das Meer aber "empfand das", wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte
sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen,
welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.
Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden
Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von
leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß
folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender
Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum "Albatros" hinauf,
so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen
Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur
vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern -- über Flammen
ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.
Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein,
denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen
gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte
man dieselbe nicht zuschreiben.
Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine
sehr hohe sein müsse.
Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl
dem Untergang geweiht gewesen. Der "Albatros" dagegen spielte mit Wind
und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm
nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche hinzugleiten,
so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein
aufsuchen.
Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag
dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der
Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.
Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der "Albatros", um eine günstige
Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch
hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.
Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke,
dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau
horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene
Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das
darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.
Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.
In einem Augenblick wurde der "Albatros" in den Wirbel einer riesigen
Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das
Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe
entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung
ganz eingebüßt und der Aeronef wäre in's Meer gefallen; jetzt wurde er
nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.
Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der
Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung
ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die Centrifugalkraft
wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und
mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu
fallen.
"Ruhig Blut!" rief Robur.
Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.
Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden
nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch
fest zu klammern.
Und während sich der "Albatros" in dieser Weise um sich selbst drehte,
folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die mit einer
Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig
werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen,
wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke
zerrissen zu werden.
"Einen Kanonenschuß!" rief der Ingenieur.
Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten
Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die
Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben
können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in
diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem
an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und
sofort sanken einige Tromben zusammen.
Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und
die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den
Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel
verbanden.
Endlich befreit, beeilte sich der "Albatros", um einige hundert Meter
aufzusteigen.
"Nichts zerbrochen an Bord?" fragte der Ingenieur.
-- Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu
tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten."
In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der "Albatros" in größter
Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er dem Wirbeln der
Tromben schwerlich widerstanden haben.
Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn
nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer
mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil
Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen,
beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten
die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend
anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die
Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle
Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.
Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im
Süden Land zu entdecken.
Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des
Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie
hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur
Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger
Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein
abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld
gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der
in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er,
Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und
war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch
die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen,
öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage
nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer
der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben,
wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.
"He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen
machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?
-- Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf,
der alle diese Faseleien für Ernst nahm.
-- Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer
hübschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der
Neger!"
Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte
dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte
also nur noch daran, sich zu rächen.
"Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der
Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.
-- Unmöglich, Onkel Prudent!
-- Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es
sein muß, indem er sein Leben opfert ...
-- Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als
möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles
Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es
ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der "Albatros"? ... Jetzt
fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese
Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach
denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch
über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem
Südpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wären
wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter
Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen ...
-- So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns
gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört
haben!"
Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen
aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht
anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem
Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare
Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der
Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.
Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß
sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke
gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen
Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend
Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit
finden, in die Munitionskammer einzudringen.
Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem
Gedanken, daß der "Albatros" in die Luft gesprengt werden sollte, würde
er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.
Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und
zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße.
Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit
fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb
fortwährend unter 0 Grad zurück.
Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der "Albatros"
zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean
zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den
Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich
gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen
Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und
einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im
sogenannten Hungerhafen.
Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah,
wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben,
so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darüber nicht urtheilen, da
sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.
Doch welch' Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des
südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte
Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen,
Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben
Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige
Caps und Halbinseln -- all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt
durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am
Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten
Ausläufer der Neuen Welt!
Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der "Albatros" wieder
eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel
Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in
gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick
übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in
einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.
Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder
Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.
Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete -- vorzüglich
deren mittlerer Theil -- im Sommer gezeigt, wo die Tage fünfzehn bis
sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und
Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst
jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen,
Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen,
welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen
bewohnen. Als der "Albatros" seine elektrischen Lichter erglühen ließ,
flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gänse -- hundertmal mehr,
als François Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord.
Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten
verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt
dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte
das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem
interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu
rupfen.
Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte,
auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter
See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige
Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über
dessen Oberfläche hin.
Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach
allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie
sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.
Der "Albatros" steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal
hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name
unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken
etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich
schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von
Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer
zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des
Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das
schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung
donnert.