Mit Entsetzen hatte Philipp den Mordanschlag gelesen. Er ging nun

gleich mit sich zu Rathe, wie er den Mördern entrinnen könne. Da er mit

dem Wirthe übereingekommen war, dessen Pferde bis nach Metz zu nehmen,

und da er nun überzeugt sein durfte, daß der Fuhrmann ein Verbündeter

der lauernden Raubmörder sei, so war es eine sehr schwierige

Aufgabe, eine andere Straße einzuschlagen, ohne die Aufmerksamkeit

der Verbündeten zu erregen, und zum Entwurfe eines neuen Mordplanes

Veranlassung zu geben. Das Schlimmste war, daß er den Weg nach Metz gar

nicht kannte, daher auch nicht wußte, ob der von Josephinen bezeichnete

Wald nahe an Nancy liege.

Der Tag war bereits angebrochen, und Philipp zu keinem festen Entschluß

gekommen. Er verließ das Bett, und sein erster Blick fiel auf eine

Karte von Frankreich, die er schon so oft überschaut hatte, ohne daran

zu denken, sich über seine Reiseroute zu orientiren. Rasch nahm er die

Karte vor und fand zu seiner großen Beruhigung, daß der gefährliche

Wald beinahe drei Meilen von Nancy entfernt, und dazwischen manches

Dorf sei. Nun war er bald mit dem Plane zu seiner Rettung im Reinen.

Schnell barg er seine Kleinodien und Goldmünzen theils in dem

Leibgurte, theils in seinem neuen Anzuge, steckte in die Seitentaschen

ein Paar recht niedliche Taschenpistolen, die ihm Josephine geschenkt,

aber im Hause zu verheimlichen gebeten hatte -- nun errieth er die

Bedeutung und den Zweck dieses Geschenkes -- packte seine früher

getragene Kleidung und die erkaufte Wäsche in einen kleinen, vom

Wirthe erhandelten Koffer, und rief nach dem Frühstücke.

Der Wirth selbst brachte es, auch die Rechnung, die gegen Philipps

Erwartung höchst mäßig war, aber doch eine bedeutende Summe betrug,

da mit der Gasthof-Rechnung auch die für Arzt und Apotheke verbunden

war. Bedeutende Auslagen voraussehend, hatte Philipp einige Tage

vor seiner Abreise mehrere der seltenen Goldmünzen bei einem Juden

um Silber-Münze umgesetzt. Er bezahlte die Rechnung, beschenkte das

servile Hauspersonal großmüthig, und hätte den Wirth gern erwürgt, denn

der Spitzbube geberdete sich beim Abschiede so demüthig und kriechend

und heuchelte solch einen Schmerz über die Abreise des verehrtesten,

unvergeßlichen Gastes, daß Philipp den Ausbruch seiner Wuth gegen den

heuchlerischen Bösewicht nur mit Mühe bezähmte.

Josephine war nicht zu sehen. Schmerzlich vermißte Philipp den

Scheideblick der holden, heißgeliebten Jungfrau, und mit einer recht

wehmüthigen Empfindung bestieg er die alte Kutsche, die jetzt mit ihm

schwerfällig dahin rumpelte.

„Halt, Kutscher, wir müssen umkehren!“ -- rief Philipp, als ein paar

Meilen zurückgelegt waren.

„Halten -- umkehren -- warum?“

„Ich habe meine Brieftasche vergessen, worin sich mein Paß und andere

höchst wichtige Papiere befinden, ohne welche ich die Reise nicht

fortsetzen kann.“

„Ei, das ist fatal. Dadurch geht nicht allein sehr viele Zeit verloren,

sondern auch die Pferde werden bei dem schlechten Wege und mit dieser

schweren Karrete so abgetrieben, daß wir heute nicht die Hälfte der

Station erreichen.“

„Weißt du bessern Rath?“

„Ja wohl, mein Herr. Wir haben noch eine kleine Strecke nach Montfort.

Da bin ich bekannt, wie zu Hause. Im Augenblicke verschaffe ich

Ihnen einen sichern schnellfüßigen Boten. Bis er zurückkehrt, haben

die Pferde recht geruht, tüchtig gefressen, und wir können durch

schnelleres Fahren die versäumte Zeit leicht ersetzen. Auch werden Sie

mit einem Aufenthalte von einigen Stunden im Gasthause zu Montfort sehr

zufrieden sein; man wird trefflich bewirthet, und ein Paar Mädchen sind

da, so hübsch, so gutherzig -- Sie sollen es mir nachher wieder sagen.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn du mir für einen zuverlässigen Boten

bürgst. Fahre zu!“

Wenige Augenblicke nach der Ankunft in Montfort erschien ein als

treu und flüchtig gerühmter Bote. Philipp schrieb ein Billet an den

Schänkwirth. Der Bote trabte fort, um aus Nancy die Brieftasche zu

holen, die Philipp wohlverwahrt bei sich führte. Nun ließ sich Philipp

eine Flasche Wein geben, bestellte ein gutes Essen und befahl dem

Kutscher, den Koffer in die Schlafstube des Wirthes zu bringen, um, wie

er sagte, des werthvollen Inhaltes wegen unbesorgt sein zu dürfen. Als

die Flasche zur Hälfte geleert war, äußerte er den Wunsch, die Umgebung

von Montfort zu besehen, ließ sich vom Wirthe einen Punkt bezeichnen,

welcher die schönste Aussicht gewähre, und bat, ihn von dort abholen zu

lassen, sobald das Essen bereitet sei.

Langsam schlenderte Philipp der bezeichneten Gegend zu. Kaum sah

er sich außerhalb des Gesichtskreises des Wirthshauses, als er die

entgegengesetzte Richtung einschlug, und querfeld der Straße von

Nancy nach Toul zu eilte. In unglaublicher Schnelle hatte er die

erste Poststation erreicht, nahm auf der Stelle Courierpferde und

fuhr Tag und Nacht bis nahe an die niederländische Gränze, die er,

ohne das Grenz-Wachthaus vorübergehen zu müssen, irgend wo heimlich

überschreiten wollte, da er zu der Gültigkeit des in Nancy ihm

verschafften Passes kein rechtes Vertrauen hatte, und man in jener

Zeit auf der niederländischen Grenze die strenge Einrichtung getroffen

hatte, Jeden, dessen Paß nicht alle erforderlichen Bedingnisse

erfüllte, entweder zurückzuweisen, oder gleich zum Soldaten zu pressen.

XXXXVIII.

Die gefährliche Einsiedlerklause.

Hegt er wohl Verdacht?

Mißtraut er meinem Mitleid? -- Ja, beim Himmel,

Er thäte recht; sein Werk ist abgelaufen,

Sobald er über diese Schwelle tritt.

Die Thüre, die er freudig sich geöffnet,

Greift hinter ihm für immer in das Schloß;

Kein Weg zur Freiheit und zum Leben,

Nur schaudernd vorwärts zu der Schlachtbank.

~Th. Körner.~

„Der Allmächtige segne und beschütze Euch!“ -- sprach eine zitternde,

schwache Stimme zu Philipp, der, in sehnsuchtsvolle Erinnerung an

Josephinen versunken, mit gesenktem Kopfe dahin schritt. Er blickte

auf und sah neben sich einen Eremiten mit einem wahren Apostelkopfe,

dessen langer, eisgrauer Bart gegen die frische, gesunde Gesichtsfarbe

des Greises sonderbar abstach. Schnell griff Philipp in die Tasche,

und gab dem frommen Manne ein reichliches Geschenk. Jetzt erst bemerkte

er, daß seine Versunkenheit ihn von dem Fußpfade hinweg und in ein

schmales, von dicht bebuschten Höhen umgürtetes Thal geführt habe.

Der Abend dunkelte schon tief herein, und Philipp, müde und nach

Erfrischungen sich sehnend, fragte den Siedler, ob eine Herberge noch

fern sei, und in welcher Richtung sie liege.

„Ihr möchtet wohl, edler Herr,“ -- sprach der Eremit -- „ein paar

tüchtige Meilen zu wandern haben, bis Ihr die nächste Herberge

erreichen werdet, und dort zu übernachten darf ich Euch wohl nicht

rathen, denn die Bewirthung in dieser einsamen Waldschenke ist gar

zu armselig, und der Aufenthalt für fremde Reisende größtentheils

gefährlich, wegen des Gesindels, das mit dem Wirthe, ihrem

Spießgesellen, häufig verkehrt. Ihr habt mich so reichlich begabt und

mir, wozu ich ohnehin schon als Christ verbunden bin, dadurch die

Pflicht auferlegt, Euch nach allen meinen wenigen Kräften dienlich

zu sein. Gewähret mir, geehrtester Herr, die große Freude, Euch in

meiner nahen Klause ein weiches Lager und ein gutes Gericht bereiten

zu dürfen. Lebe auch ich nur von Wurzeln, Kräutern, Brod und Wasser,

wie mir mein Gelübde befiehlt, so kann ich doch einem werthen Gaste

guten alten Wein und eine leckere Speise auftischen. Die Edelleute in

einem weiten Umkreise beschenken mich mit den besten Lebensmitteln, da

sie wissen, daß ich, meine Gebetstunden ausgenommen, den ganzen Tag die

Gegend durchstreife, um verirrte Reisende, wandernde Handwerksbursche,

oder sonst arme Menschen, die des Weges sind, in meine Klause zu

führen, um ihnen Obdach und Labung zu geben. Laßt meine Warnung von der

Waldschenke auf dem Berge von Trillon nicht unbeachtet, meine Bitte um

Annahme eines Nachtlagers in meiner stillen Klause nicht unerfüllt. Ihr

sollt zufrieden von mir scheiden.“

Willig nahm Philipp des Siedlers Anerbieten an, und bald war die Klause

erreicht, die am Ende des kleinen, einsamen Thales tief zwischen

vorspringenden Felsen und in einem Kreise hoher, dunkler Tannen lag.

Philipp aß ein Gericht Fische und trank ein Glas Wein, wie er

vielleicht nicht besser in einem der ersten Gasthöfe gefunden hätte.

Wie Augenblicke flossen die Stunden hin, denn der Siedler, früher

ein Kriegsmann und in der Folge viele Jahre auf der See, erzählte so

angenehm, daß Philipp wünschte, die Zeit fesseln zu können, um die

anziehenden Erzählungen des lieben Greises recht lange anhören zu

können.

„Hätte ich doch bald über Eure werthe Gesellschaft die Erfüllung meiner

täglichen Pflicht vergessen,“ -- sprach der Greis, als die Nacht

einbrach, und eilte aus der Klause.

Gleich ertönte ein gellender Glockenklang. Der rückkehrende Einsiedler

bedeutete dem fragenden Philipp, daß diese Glockentöne einigen, tiefer

in den Bergen wohnenden Köhlern die Zeit zum Nachtgebete anzeige,

wie auch durch diese Glocke die Stunde der Morgen-, Mittag- und

Abendandacht bezeichnet werde.

Philipp war ein Freund von guten Weinen; er zechte tapfer und sah mit

Vergnügen, daß sein gastlicher Wirth den herrlichen Rebensaft gern und

reichlich spendete, während er selbst nur Quellwasser trank. So war die

Mitternachtstunde herangekommen, und Philipp, dem der Kopf schwer zu

werden anfing, äußerte seinen Wunsch nach einem Ruhelager.

„Dafür ist bereits gesorgt, edler Herr,“ sprach der Klausner, ergriff

die Oellampe, öffnete die Thüre einer Nebenkammer und wies auf ein

Lager von Moos hin, das nicht üppiger hatte sein können.

Von dem frommen Einsiedler mit Weihwasser besprengt und an der Stirne

gekreuzt, wankte der Trunkene dem einladenden Mooslager zu.

Plötzlich wich der Boden unter seinen Tritten, und Philipp stürzte mit

einem gräßlichen Schrei in eine Tiefe hinab. Des Siedlers gellendes

Hohngelächter begleitete den Sturz.

Aller Kleider beraubt, das Haar am Hinterhaupte von Blute triefend,

im nächtlichen Dunkel fand sich Philipp, als seine Besinnung wieder

zurückgekehrt war. Er tappte umher und überzeugte sich bald, auf dem

Grunde eines gemauerten, ausgetrockneten Brunnens zu liegen. Die Tiefe

konnte nicht beträchtlich sein, da er jedes Wort, welches über ihm

gesprochen wurde, deutlich hörte.

„Ich glaubte schon, daß Du ohne Fang heimgekehrt seist“ -- sprach ein

tiefer Baß -- „da schon die Nacht hereingebrochen war, ehe Deine Glocke

erscholl und uns das freudige Zeichen gab, einen Vogel in Deinem Garne

zu wissen.“ --

„In diesem Quartale geht das Geschäft wacker,“ -- krächzte eine

widerliche Stimme -- „das ist nun schon der dreizehnte, der bei

lebendigem Leibe uns zu lachenden Erben macht.“ --

„Aber von Allen der Ergiebigste, ein wahrer Goldvogel,“ -- fiel jetzt

die von Philipp wohlerkannte Stimme des Eremiten ein -- „denn sein

Ledergurt strotzt von goldnen Uhren, Ketten, Diamanten und Münzen,

vielleicht findet sich noch etwas in den Kleidern; ich habe mir nicht

Zeit zum Nachsuchen genommen, da ich keinen Augenblick zögern durfte,

den Fremden aus Verdün, den ich gestern hierher lockte, zu verscharren.“

„Das könnte ja jetzt auch mit diesem geschehen,“ -- bemerkte der Baß;

-- „hat er sich nicht am Brunnengesteine die Hirnschale zerschmettert,

so schlagen wir sie ihm ein, und dann Marsch unter die Erde.“

„Der Morgen ist bereits angebrochen,“ bemerkte der Eremit, „und schon

gewöhnlich um diese Zeit schnüffelt der neue Jäger von Contry, ein mir

recht fataler Kerl, in dieser Gegend umher. Führt mir auch heute das

Glück einen neuen Kunden zu, so mag er sich zum alten freundlich betten

und dann geht es mit dem Verscharren in einer Arbeit hin.“

„Jetzt bettle ich auf den Schlössern umher, um für den schwarzen

Henri und seine wackern Gesellen irgend etwas auszukundschaften, Ihr

dagegen seid regsam, Küche und Keller zu füllen; den Wein hat der

gerupfte Goldvogel bis auf die letzte Flasche verschlungen und in der

Vorrathskammer drohet den Mäusen der Hungertod.“

Die Mörder brachen auf, und bald herrschte in der Klause die tiefste

Grabesstille.

XXXXIX.

Die Rettung.

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,

Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,

Der ringt sich leicht aus mancher Fahr und Noth.

~Schiller.~

Jedes Wort dieser raub- und blutgierigen Unholde war für Philipp ein

Stück aus der Folterkammer, ein Todes-Urtheil. Aus dem nächtlichen

Dunkel dieser Wolfsgrube tauchte immer schimmernder ein scheußliches

Todtengerippe auf, und immer näher streckte sich nach ihm aus die

vernichtende Hand des gräßlichen Skelets. Er sah nicht länger die

Möglichkeit der Rettung, er sah sich nur als die sichere Beute eines

grausamen Schicksals. In dumpfer Verzweiflung, nicht mehr die Schmerzen

des wunden Hauptes fühlend, lag er in seinem engen, naßkalten Raume.

Jetzt dachte er an jene Stunde, wo er an Josephinens Arme das

Gotteshaus betreten, wo er aus der Tiefe eines reuevollen Gemüthes mit

inniger Andacht gebetet, wo er sich durch sein Gebet Trost und Kraft

und Ermuthigung von oben geholt hatte. Er warf sich rasch auf seine

Kniee, und empfahl seine Seele in die Hände des Schöpfers, und flehete

um Stärke für die nahe Stunde eines höchst leidenvollen Todes. --

Er hatte gebetet, und neue Wunderkraft floß durch sein ganzes Wesen.

Es war, als ob eine Engelstimme ihm zuflüsterte: „Vertrau’ nebst Gott

auf dich; die Rettung ist nahe.“ -- Diese himmlische Stimme gab ihm

Muth und Kraft zu handeln. Er griff um sich her und fand so manchen

Stein der Brunnenmauer morsch. Mit rascher Hand machte er Oeffnungen,

in welche er die Füße setzen konnte. Von Stufe zu Stufe schwang er sich

höher, bis er mit dem Kopfe an die Brunnendecke stieß. Er versuchte

alle seine Kräfte, diese empor zu heben, aber ihre Schwere und

Festigkeit widerstand seinen angestrengtesten Bemühungen. Unermüdet,

das Möglichste versuchend, gelang es ihm, ganz oben am Rande einen

Stein auszubrechen. In diesem Augenblicke erfaßte seine Hand in einer

Fuge einen langen, starken, locker eingeklemmten Eisenstift. Nun ging

die Arbeit rasch vorwärts. Die ausgebrochenen Steine rollten in die

Tiefe, und bald schimmerte ihm durch die Spalten der Breterdecke Licht

entgegen. Die Decke war morsch. Durch einen kräftigen Druck sprengte

er ein Bret aus den Nägeln, und die Oeffnung hatte Raum genug, daß er

sich durchzwingen konnte. Jetzt stand er in der Mörderkammer, die sich

oft aufgethan hatte, um die Opfer der grausamsten Geldgierde in die

Grabestiefe versinken zu lassen, und die auch für ihn ihren gräßlichen

Rachen aufgesperrt hatte.

Mit verhaltenem Athem lauschend, blieb er einige Augenblicke ruhig.

Nun schlich er in das Gemach der Klause. Sein erster Blick fiel auf

eine Axt, die auf dem Tische lag. Der Besitz dieser Waffe ließ ihn

auch die allenfallsige Rückkehr des Siedlers und seiner Blutgesellen

ohne Furcht erwarten, doch eilte er, sich in Stand zu versetzen,

die Klause schnell verlassen zu können. Er war im bloßen Hemde, und

irgend eine Bekleidung war ihm vor allem das Nöthigste. Schon hatte

er die ganze Klause durchstöbert, ohne etwas zu finden, als es in der

kleinen Vorrathskammer unter seinem Tritte wie hohl erklang. Der Boden

der Kammer war mit Backsteinen gepflastert, doch schien Philipp, als

wären die Steine nicht gehörig zusammengefügt. Er sah recht genau nach

und fand eine auffallend weite Fuge. Mit Leichtigkeit hob er einen

Stein aus, dann wieder einen, dann mehrere, und sah nun im Grunde

eine verschlossene Kiste. Er sprengte sie mit der Axt, und fand nebst

verschiedenen Kleidungsstücken eine vollständige Capuzinerkutte mit

dem Gürtelstricke, ein Paar Sandalen und einen langen, falschen Bart.

Schnell entschlossen, in dieser Vermummung fortzuwandern, suchte er

nach seinen Kleidern, fand diese nicht, wohl aber einen Beutel mit Geld.

In wenigen Augenblicken war er zum Capuziner umgewandelt. Ein Brod und

ein Fläschchen mit Branntwein, das er in der Tischlade fand, waren

ihm sehr willkommen. Er steckte den Fund zu sich, schlang ein Tuch um

seine Kopfwunde, zog die Caputze darüber tief in die Augen, barg die

Axt unter den langen Mantel, trat nun, vorsichtig umherspähend, aus der

Klause und schlug seinen Weg nach dem nahen Walde ein.

Ohne zu wissen, in welcher Gegend er sei, wo zu Brüssel liege und ob

er in diesem Walde einen gebahnten Weg finden werde, eilte er immer

geradezu, fand glücklich nach ein paar Stunden einen Fahrweg, fühlte

sich aber nun von den Folgen der nächst vergangenen Ereignisse, von dem

angestrengten Gange unter der drückenden Schwere der Capuzinerkutte,

und von der Schwüle des Tages so angegriffen und ermattet, daß er in

das nächste Gebüsch am Fahrwege kroch, und bald in den tiefsten Schlaf

verfallen war.

Es begann schon zu dunkeln, als Philipp erwachte, und zwar einen

brennenden Schmerz in der Kopfwunde, sich aber sehr gestärkt fühlte.

Mit der schönen Empfindung wahrer, kindlicher Dankbarkeit gegen den

allbarmherzigen Gott warf er sich auf seine Kniee, und pries seinen

himmlischen Retter aus tiefbewegtem Herzen, gelobte alles Gute und

flehete um eine leitende, bewahrende Vaterhand auf dem Pfade der

Tugend. Unter Thränen freudiger Rührung hatte er innig gebetet. -- O,

wäre er doch immer der fromme, vertrauende, nach dem Guten strebende

Mensch geblieben! --

Nachdem sich Philipp mit Brod und Branntwein gelabt hatte, wanderte er

fort, unbekümmert, wohin dieser Fahrweg führe, da er sich kräftig genug

fühlte, bis zum ersten Orte, und wenn er auch viele Meilen entfernt

liege, ununterbrochen fortzuwandern, zumal da die liebliche Kühle

der einbrechenden Nacht und das strahlende Licht des Vollmondes die

Wanderung recht angenehm machten.

Er war lange gegangen; jetzt sah er sich am Ende des Waldes und

vor sich eine weite Fläche, von des Vollmondes magischem Lichte

überflossen, und aus den Silberwellen der Matten und Fluren schimmerte

ihm der hohe, weiße Thurm einer Kirche entgegen. Die Thurmuhr schlug,

er zählte 10 Schläge und eilte dem Orte zu. Es war das große und

volkreiche Dorf Contry, welches er betrat.

Nahe am Eingange des Dorfes kündigte sich ihm ein stattliches Gebäude

durch mehrere davor aufgefahrne Frachtwagen, und durch die Beleuchtung

und das Gelärme im Erdgeschosse als einen Gasthof an. Er trat in die

Zechstube. Wie mit einem Zauberschlage machte Philipps Eintritt alle

Schreier, Sänger und Sprecher verstummen. Alles fuhr auf, riß die Hüte

ab, und verneigte sich tief vor dem Eintretenden. Philipp konnte sich

diese allgemeine Devotion nicht erklären; er dachte im Augenblicke

nicht an seine hier hochgefeierte Capuciner-Kutte, und besann sich

erst darauf, als ihn die Wirthsleute mit einem ehrfurchtsvollen:

„Hochwürdiger Herr Pater“ begrüßten. Philipp erbat sich einen Führer

nach der Pfarre, wohin der Wirth selbst alsogleich ihn geleitete.

Mit der Predigt des nahen Sonntags beschäftigt, ging der Pfarrer

in seiner Studirstube auf und nieder, als ihm die Ankunft eines

Capuciners gemeldet wurde. Schnell eilte er dem geistlichen Mitbruder

entgegen, wurde aber sehr überrascht, da Philipp sich ihm als ein

gewöhnliches Weltkind ankündigte und sein gräßliches Abenteuer aus

der Nacht in der Mordklause erzählte. Auf der Stelle ließ der Pfarrer

den Dorfrichter rufen, und theilte ihm Philipps Aussage mit. Man kam

anfangs dahin überein, ungesäumt einen Boten mit schriftlichem Berichte

an das nächste Crimminalgericht zu senden, als sich Philipp antrug,

die Anzeige persönlich zu machen, wenn vorher seine Wunde gehörig

verbunden, er mit Speise und Trank erquickt und nach dem Sitze des

Crimminalgerichts gefahren werde.

Das Anerbieten fand Beifall. Es wurde nach dem Wundarzte geschickt,

der Dorfrichter ging, seinen eigenen Wagen mit seinen besten Pferden

bespannen zu lassen, und in der Küche wurde schnell ein gutes

Nachtessen bereitet.

Der Pfarrer wollte das Mönchskleid nicht länger am Leibe eines

Weltmenschen profanirt sehen. Philipp erhielt dafür von dem Priester

einen vollständigen, recht guten Anzug, durch den Wundarzt einen

schmerzstillenden Verband seiner Wunde, aus den schnellen Händen der

geschickten Köchin ein leckeres Mal mit trefflichem Weine, und fuhr

nach einer Stunde an der Seite des Dorfrichters dem Criminalgerichte

zu. --

Schon auf der Flucht aus der Klause war Philipp fest entschlossen,

zur Zerstörung dieser Mordhöhle das Möglichste aufzubieten. Ungeachtet

er vermuthen konnte, daß man in der Gegend umher, gewiß auch am Sitze

des Gerichtes, diese Klause, in örtlicher Beziehung wenigstens, kenne,

so wollte er doch ihres Wiederfindens recht sicher sein. Von seinem

Eintritte in den Wald an bis zur großen Buche am Fahrwege, wo er im

Gebüsche der Ruhe pflog, hatte er in kleinen Zwischenräumen die Bäume

mit seiner Axt bezeichnet. Er hatte dadurch eine sehr kluge Vorsorge

getroffen, denn der Criminalrichter wußte von keiner Siedlerhütte in

seinem ganzen Gerichtsbezirke. Ein Wagen wurde, als Philipp seine

Anzeige geschlossen hatte, schleunigst mit wohlbewaffneten Häschern

besetzt, in einer leichten Chaise fuhr der Criminalrichter mit Philipp

voran; es mußte der Weg über Contry genommen werden, da sich Philipp

von da aus am besten orientirte. Mit Tagesanbruch war die Buche am

Fahrwege erreicht. Man setzte ab; still und eilig ging es nun durch den

Wald, Philipp an der Spitze.

Der Wald war zu Ende, und die Felsengürtung sichtbar, in deren Winkel

die Klause lag. Der Criminalrichter ließ dieselbe umringen; man

sprengte die Thüre; es fand sich alles, wie Philipp angegeben hatte,

aber kein Siedler, und immer mehr die Ueberzeugung, daß der Mörder

für immer entflohen sei, denn alles, was leicht hinweg gebracht werden

konnte, war verschwunden.

Der Criminalrichter ließ den Brunnen verschütten und in die Klause

Feuer werfen. Bald war die Mordhöhle bis auf den Grund niedergebrannt.

L.

Zusammenkunft mit Josephinen.

Wo bleibst Du? -- Meine Arme strecken

Sich liebevoll nach Dir in leerer Luft,

Das Auge, das nur Deine Züge sucht,

Kehrt traurig aus der düstern Dämmrung wieder.

Was bist du für ein räthselhaft Gefühl,

Du zitternde Erwartung naher Freude.

~Th. Körner~.

Wieder unter dem Namen Mengstein erhielt Philipp von dem

Criminalrichter einen Paß nach Brüssel, auch ein bedeutendes Geschenk,

als Entschädigung für die ihm in der Klause geraubte Kleidung und

Börse, deren Inhalt er auch nicht unbedeutend angegeben hatte; er war

so klug, dem Criminalrichter den in der erbrochenen Kiste des Siedlers

gefundenen Beutel zu verheimlichen, der über 200 Dukaten enthielt.

In Brüssel angekommen, wollte er sich noch so lange nicht für irgend

etwas bestimmen, bis Josephine eingetroffen, oder ihre Ankunft nicht

mehr zu hoffen sei. Ruhig lebte er in dem kleinen Gasthofe, versah sich

mit anständiger Kleidung und feiner Wäsche, und ging nur aus, um die

Merkwürdigkeiten dieser prächtigen Stadt zu beschauen.

Auf der Reitbahn lernte der Gouverneur der Stadt, Graf ~Hiller~,

seine Kühnheit und seinen Muth bei Gelegenheit der Bändigung eines

wilden Hengstes kennen, den niemand besteigen durfte, den aber Philipp

zu seinem Willen zwang.

Der Gouverneur war entzückt hierüber und nachdem er nach Philipps

Verhältnissen geforscht hatte, bot er ihm eine Stelle als Bereiter

in seinen Diensten unter sehr günstigen Bedingungen an. Mit Freuden

ergriff Philipp die dargebotene Gelegenheit und war mit seinem Loose

ganz zufrieden, indem er durch treue Pflichterfüllung sich die

Zufriedenheit seines Gebieters und die Liebe seiner Untergebenen zu

erwerben wußte.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 18 / 20 段