viele Stunden so emsig geflickt und gestickt hatte, um am nächsten
Abend das lange geruhte Geschäft wieder aufnehmen und einige
lumpige Thaler erwerben zu können. Sie sah sich schon im Geiste als
die hochgefeierte Freundin vornehmer Damen und Herren, und eine
unversiegbare Goldquelle in ihren Säckel fließen.
„Auch mit Lips Tullian hätte ich Großes vor,“ -- fuhr Blondell fort und
füllte die Gläser -- „aber das Gewissen -- das Gewissen.“
„Du und Gewissen!“ -- lachte die Trunkene und leerte ein volles Glas in
einem Zuge -- „Was Lips Tullian von dir bereits gelernt hat, ging doch
nur aus einem Lehrer hervor, der bei solchem Unterrichte das Gewissen
bei Seite gestellt hatte.“
„Daß ich Lips Tullian mit Karten und Würfeln gewandt umgehen lehrte
-- was man in der großen Welt _corriger la fortune_[36] nennt
-- daß ich ihn im Oeffnen versiegelter Briefe und noch einigen
Kleinigkeiten unterrichtete, dessen darf ich mich als der Ausübung
einer Tugend, einer negativen, rühmen. Verliert der Spieler öfter, und
nicht unbedeutend, so kommt er zur Besinnung, und von der verderblichen
Spielleidenschaft zu einem geregelten Leben zurück, während der
Gewinnende für nichts als für die Fortsetzung des Spieles Sinn hat,
seine häuslichen Angelegenheiten, wie auch seine Gesundheit zerrüttet
und trotz des gewonnenen Geldes zum Elend herabsinkt. Ich kenne
einige, die mein kunstfertiger Lips Tullian so ausgesäckelt hat, daß
sie, sonst leidenschaftliche Spieler, jetzt Karte und Würfel auf das
unversöhnlichste hassen, und fleißige, ordnungsliebende Menschen sind.
Auch das gewandte Oeffnen fremder Briefe führt oft große Verdienste um
den Staat, um Familienwohl herbei. Dadurch wird so mancher Schleier
gelüftet, worunter staatsgefährliche Menschen gegen die Regierung,
ungetreue Beamte gegen ihre Herrschaft, liederliche Söhne und Töchter
gegen das Vermögen, gegen die Ehre und die Lebensruhe ihrer guten
Eltern machiniren. Was ferner“ --
[36] Das heißt wörtlich: Das Glück verbessern.
„Laß mich zu gelegenerer Zeit Deine sophistische Rednergabe bewundern,
und mich an Deinem frechen Witze ergötzen; nun aber sage, was Großes Du
mit Philipp vorhast.“
„Du kennst die Wittwe Lehmann und das felsenfeste Vertrauen, welches
sie, trotz der gehässigsten Einflüsterungen meiner vielen Feinde,
zu mir gefaßt hat. Vor Kurzem ererbte sie ein Gartenhäuschen in der
Rupprechtsau und will es nun für immer beziehen, aus purem Geiz, damit
sie die Miethe in der Stadt erspare. Dagegen kämpft in ihr die Sorge
für den bedeutenden Schatz, welchen sie an Diamanten, goldnen Uhren,
Ketten, seltenen Goldmünzen und Silbergeräthen besitzt, und dessen
Sicherheit sie in dem abgelegenen Gartenhäuschen zu gefährlich bedrohet
glaubt. Ihr Geiz hat ihr bisher nicht gestattet, mehr als eine alte,
begnügliche Magd zur Bedienung zu haben. Nun sucht sie, aus Furcht vor
Dieben, einen jungen, kräftigen, muthigen Burschen, der reichlichen
Lohn, die beste Pflege, aber die Verbindlichkeit haben soll, bei Tage
das Gartenhäuschen nur äußerst selten zu verlassen, und des Nachts
immer gekleidet und wachsam zu sein. Mich hat sie recht dringend
gebeten, solch einen tüchtigen Schützer in ihre Dienste zu bringen.
Gleich bestimmte ich in Gedanken diese Stelle für Lips Tullian. Der
Bursche ist nun 17 Jahre alt, groß und kräftig, wie ein Mann, und
im Dienste dieser furchtsamen, geistarmen Frau für uns ein reiches
Kleinod, denn seiner Gewandtheit wird es ein Leichtes sein, von Zeit zu
Zeit die Kleinodien, Goldmünzen und Silbergeräthe seiner überreichen
Herrin aus ihren altväterischen Schränken in unsere modernen wandern zu
lassen.“ --
„Diese Aufgabe möchte wohl nicht so leicht zu lösen sein, da sich von
dem Geize, von der Furcht und dem Mißtrauen der Wittwe Lehmann mit
Grund erwarten läßt, daß sie ihre festen Schränke wohl verschließt und
die Schlüssel mit großer Sorgfalt bewahret.“
„_Ma chère Caton_, es scheint, daß Du mit einer neuen
Kunstfertigkeit unseres wackern Lips Tullians noch nicht bekannt
bist. Der kluge Bursche mochte wohl recht ernst in die Zukunft seines
Lebens hinein geschauet und da erblickt haben, daß es für ihn sehr
günstig sei, sich mit fremdem Eigenthume vertraut machen zu können,
ohne die rohe Gewalt eintreten und Verdacht und Verrath sich gestalten
zu lassen. Aus diesem klugen Hinblicke erschuf sich in ihm der
Entschluß, ein Bischen im Schlosserhandwerke zu stümpern. Daher kam
seit zwei Jahren sein uns befremdender, vertrauter Umgang mit allen
Schlossergesellen von ganz Straßburg, und gleichsam tändelnd hat er
sich bei seinem häufigen, mit Unbefangenheit und wie zum Zeitvertreibe
gepflogenen Besuche der Schlosserwerkstätten so viele Kenntnisse und
Fertigkeit gesammelt, daß er vor jedem Altgesellen dieser Innung in der
Probe bestehen würde. Wie durch Zauberschläge werden die Lehmannischen
Schätze aus ihren wohlverwahrten Behältern entschweben, und sich
freundlich bei uns niederlassen!“ --
Die würdige Gattin belobte und billigte des heillosen Eheherrn
speculatives Vorhaben, aber sie hatte dem lange vermißten Rebensafte so
eifrig gehuldigt, daß Sprache und Haltung ihr zu versagen begannen und
die Trunkene ihrem armseligen Lager zuwankte.
XXXXV.
Philipps erstes Debut.
Ja, fürwahr die Hölle bindet
Fest, was einmal sie gefaßt.
Wie die Nadel, wenn sie hat
Den Magnet berührt, nach Norden
Ewig ihre Spitze drehet,
Kehrt, wer einmal bös gethan,
Ewig seinen Sinn zum Bösen.
~Müllner.~
Wittwe Lehmann konnte sich nicht satt genug schauen an dem
hochgewachsenem kraftvollen Philipp, der, von seinem Mentor vorher
bearbeitet, gar schreckliche Dinge erzählte, wie er ganz allein schon
die furchtbarsten Räuber gefangen und wie viele Einbrüche er durch
seine Gegenwehr vereitelt habe. Bei diesen Gasconaden ließ der junge
Spitzbube sein großes, feuriges Auge so gräßlich rollen, und schlug
mit den nervigen Armen so heftig um sich, daß die gute Wittwe in ihm
einen vom Himmel gesandten Schützer ihrer Habe sah, ihn auf der Stelle
unter den vortheilhaftesten Bedingnissen in ihren Dienst nahm, und dem
wortreich bedankten Freund Blondell ein Geschenk machte, welches mit
ihrem ausgezeichneten Geize in auffallendem Widerspruche stand.
In träger Unthätigkeit, gut und überreichlich mit Speise und Trank
bewirthet, und in den Nächten von Zeit zu Zeit seine Wachsamkeit
recht schlau bemerkbar machend, hatte sich Philipp in kurzer Zeit das
Vertrauen der Wittwe Lehmann begründet, und würde es auch verdient
haben, wäre sein späteres Handeln mit dem bisherigen im Einklange
gewesen.
Aber nun war der bereits an Ausübung schlechter Streiche zu sehr
gewöhnte Bursche dieser Unthätigkeit überdrüssig. Er benutzte die
Morgenstunde eines Sonntags, in welcher seine Gebieterin, wie
gewöhnlich, die Kirche besuchte, und die Magd sehr beschäftigt war,
durch das offene Fenster in das Schlafgemach der Wittwe zu steigen,
den großen, wohlverwahrten Nußbaumschrank, der die reichen Schätze
enthielt, mittelst seiner Instrumente zu öffnen, und so manches
Werthvolle zu entwenden. Noch war er aus Klugheit in seinem Raube
mäßig, um die Sache nicht gleich zu auffallend zu machen.
Sei es nun, daß die Wittwe ihre Diamanten, Uhren und Ketten vom
feinsten Golde, ihre seltnen Goldmünzen und Silbergeräthe nie gezählt
hatte, oder das Entwendete nicht vermißte; es ist Thatsache, daß Lips
Tullian dreimal und immer reichhaltiger stahl und nie erscholl ein
Zetergeschrei der Beraubten, ungeachtet es eine Lieblingsunterhaltung
dieser Frau war, manche Stunde ihre Schätze zu betrachten und darin zu
kramen.
Eines Morgens wurde Lips Tullian durch ein heulendes Geschrei der Magd
aus dem Schlafe geweckt. Er eilte herbei und fand die Wittwe vor dem
geöffneten Nußbaumschranke todt niedergestreckt. Seinen raubgierigen
Augen schimmerten Edelsteine, Gold und Silber mit lockendem Glanze
entgegen; schon keimte in der schwarzen Seele des 17jährigen
Verbrechers der gräßliche Gedanke auf, die Magd zu erwürgen, und mit
diesen reichen Schätzen zu entfliehen.
Aber das gellende Geheul der treuen, untröstlichen Dienerin hatte
bereits einige Vorübergehende an das Fenster gelockt.
Unter diesen war ein Polizeibeamter, der auf der Stelle in das Gemach
trat, Philipp nach einem Arzt sandte und das Gehörige verfügte.
Der Arzt kam und erklärte einen Schlagfluß als die Ursache des
plötzlichen Todes der Wittwe Lehmann.
Es mag wohl kein Zweifel sein, daß die Unglückliche jetzt so manches
ihrer Kleinodien vermißte, strenge Heerschau hielt und vom Schrecken
über die große Anzahl der Außreißer getödtet wurde.
XXXXVI.
Die erste Gefangenschaft.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein,
Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.
~Haug.~
Es mochten schon vier Jahre nach dem Tode der Wittwe Lehmann verflossen
sein, als Lips Tullian eines Tages in einem Weinhause überreichlich dem
Weine zusprach. --
Unter den von ihm geraubten Gegenständen befanden sich Ringe mit
Diamanten, goldene Uhren, goldene Ketten und ein Paar Brustnadeln mit
guten Steinen.
So eitel Philipp seit einiger Zeit war, da er von vielen lüsternen
Frauen und Mädchen ob seiner Schönheit sich immer mehr gefeiert
sah, und so gern er sich putzte, so war er doch klug genug, nie das
Mindeste der geraubten Nippes als Schmuck an sich zu tragen, um keine
Aufmerksamkeit und keinen Argwohn zu erregen. Heute hatte er reichlich
gezecht; die Trunkenheit machte ihn jede Vorsicht vergessen und in
übermüthiger Laune zog er eine werthvolle Repetiruhr hervor, gegen
die Umhersitzenden prahlerisch sich äußernd, daß er diese Uhr um 20
Louisd’or gekauft habe, sie aber gern mit einem bedeutenden Verluste
hingeben würde, da er an ihr kein Vergnügen mehr habe.
Flüchtig blickten die Weingäste darauf hin, nur einer erbat sie sich
zum genauern Beschauen, um vielleicht einen Handel abzuschließen. Der
Gast betrachtete die Uhr mit großer Aufmerksamkeit, bot 16 Louisd’or
dafür, erklärte, nicht so viel Geld bei sich zu haben, solches aber in
kurzer Zeit zu bringen, und ersuchte den Wirth, für ihn Bürgschaft zu
leisten. Willig bürgte dieser und mit einem vornehmen Lächeln nickte
Philipp seine Einwilligung dem Gaste zu, worauf dieser schnell mit der
Uhr sich entfernte.
Bald erschien er, von einem Manne begleitet, dem er durch einen Wink
Philipp bezeichnete. Der Mann näherte sich diesem und erbat sich mit
gebieterischem Tone dessen Begleitung.
Erbleichend und mit bangen Ahnungen erkannte Philipp in dem unberufenen
Bittsteller einen gefürchteten Satelliten der Justiz. Schweigend
folgte er ihm, und sah mit Entsetzen, daß er den Weg nach dem Rathhause
geführt werde.
Er wurde auf die Wachstube gebracht und nach einer Stunde, die er unter
aufmerksamer Bewachung und dem strengen Gebote des Schweigens zubringen
mußte, ertönte eine Glocke, und auf dieses Zeichen führte ihn sein
Begleiter über eine Wendeltreppe in ein Gemach, worin er sich vor der
Stadt Oberrichter sah. Von diesem wurde er gefragt, wie er zu dieser
Uhr, die der Ober-Stadtrichter ihm vorzeigte, gekommen sei, und wie er
sie als sein rechtmäßiges Eigenthum darthun könne.
Philipp stotterte eine Erzählung hervor, die aber so lückenhaft und
an Widersprüchen so reich war, daß der den Verbrecher durchschauende
Richter ihm zu schweigen und den Eintritt des Angebers gebot.
Dieser erschien, und wiederholte seine dem Stadt-Oberrichter schon
früher vorgetragene Aussage: „Er sei, wie allgemein bekannt, ein
Uhrmacher, habe schon seit vielen Jahren die Uhren der verstorbenen
Wittwe Lehmann zu besorgen gehabt, und diese erst ein Paar Wochen vor
dem Absterben der Wittwe ausgebessert; auch wisse er, daß, nebst noch
einigen Uhren, gerade diese von den Erben vermißt werde, indem die
Wittwe Lehmann ein genaues Verzeichniß über ihre werthvollen Effekten
geführt, am Schluß jedes Monats darin jeden erkauften Gegenstand
aufgeführt, übrigens aber, wie zu allgemein bekannt sei, nie eine
einmal erkaufte Sache wieder verkauft oder vertauscht habe.“
Philipp war wieder so viel zur Besonnenheit gekommen, seine vorige
Erzählung als unwahr zu erklären und mit hartnäckiger Frechheit
zu behaupten, die Wittwe Lehmann habe ihm einige Tage vor ihrem
plötzlichen Tode diese Uhr als eine Belohnung für seine treuen Dienste
zum Geschenke gemacht. Der Stadt-Oberrichter erklärte, die Sache streng
zu untersuchen, und gebot dem Polizeidiener, Philipp in das Gefängniß
zu führen.
Der Weg dahin ging über einen langen, düstern, abgelegenen Gang.
Philipp hatte wieder seine volle Besonnenheit und seinen frühern
Muth gesammelt; es ward ihm klar, daß, einmal über die Schwelle des
Gefängnisses getreten, er nur von dieser über die des Zuchthauses
trete, daß ihn nur eine rasche That, eine schnelle Flucht retten könne.
Mit scharfem Auge maß er von der Seite seinen Begleiter, er fühlte
sich, ihm an körperlicher Kraft überlegen zu sein. Mit der schnellsten
Bewegung und mit riesiger Stärke faßte er den Arglosen an der Kehle
und warf ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß vom Kopfe und aus dem
Munde des Hingeworfenen das Blut strömend floß.
Ohne das Innere des Rathhauses zu kennen, eilte Philipp mit beflügelten
Schritten gerade zu, fand eine schmale, abwärts führende Treppe, und
am Ende derselben einen hoch umbauten Vorhof mit einem verschlossenen
Pförtchen.
Fest entschlossen, das Schloß des Pförtchens zu erbrechen, bückte
er sich eben nach einem Steine um es damit zu zertrümmern, als das
Pförtchen von außen aufgeschlossen wurde, und durch selbes eine
Weibsperson mit gefüllten Wassergefäßen eintrat. So unbefangen und
langsam, als habe er ein Recht zum Gange durch dieses Pförtchen, ging
Philipp an der Wasserträgerin vorüber, grüßte sie freundlich und schlug
das Thürchen in das Schloß. Nun eilte er im raschen Laufe dem nächsten
Thore zu, erreichte glücklich die Barriere und sagte seiner Vaterstadt
und seinen vortrefflichen Großeltern für immer Valet.
XXXXVII.
Josephine.
Liebe kann trösten, helfen, retten,
Liebe zersprengt die stärksten Ketten,
Stürzt die höchsten Mauern um.
~Kotzebue.~
Der Abend war hereingebrochen, und eine Postchaise mit einem Reisenden
rasselte an Philipp vorüber. Im Augenblicke hatte er sich auf das leere
Packbrett geschwungen. Von seinem Sitze aus hörte er mit geheimer
Freude, wie der Reisende den Postillon durch das Versprechen eines sehr
guten Trinkgeldes zur schnellen Fahrt ermunterte, mit der Aeußerung,
daß höchst dringende Geschäfte ihn bis zur Ankunft in Nancy nicht den
kürzesten Aufenthalt gestatteten.
Vor der nächsten Poststation sprang Philipp vom Packbrette, eilte
während des Umspannens voran, schwang sich dann wieder auf seinen
Sitz, und trieb es so bis vor die Thore von Nancy.
Unbemerkt schlich er, während der Reisende am Thore in Frage genommen
wurde, an der Wache vorüber, und spähete nun begierig nach dem
Aushängeschilde eines nahen Gasthofes, denn er hatte die wohlfeile
Fahrt auf Kosten seines Magens gemacht und war von seinem steinharten
Sitze so durchgerüttelt, daß er nur mit Mühe sich fortschleppte.
Auch im Auffinden eines für seine Lage geeigneten Gasthofes hatte ihn
das Glück begünstigt. Der Gasthof war eine Kneipe der niedrigsten
Art, wo der Wirth den Fremden nicht mit fatalen Fragen nach Paß oder
Ausweisung molestirte, sondern jedes, auch noch so verdächtigen
Zuspruchs froh war und seinen, oft von der Justiz etwas befeindeten
Gästen durch Rath und That aus allen Verlegenheiten möglichst half,
wenn er nur bei seinen Schützlingen klingende Münzen witterte.
Philipp sah in der Zechstube Gesichter, bei deren Anblick brave Leute
die Hände nicht aus der Tasche gebracht hätten. Aber Philipp fühlte
sich wohl und ruhig im Umkreise dieser Galgen-Physiognomien, deren
ähnliche er größtentheils zu seiner vertrautesten Gesellschaft in den
Straßburger Kneipen gezählt hatte. Zufrieden setzte er sich an ein
leeres Seitentischchen, forderte eine Flasche Wein, vom besten, der in
diesem Hause sich finde, bestellte ein gutes Mahl, ein eigenes Zimmer
mit Bett, und reichte dem Wirthe einen Doppel-Louis, mit dem Ansuchen,
ihm Münze zu geben, da er damit nicht versehen sei. Beim Anblicke des
blanken Goldstückes wurde der freundliche Wirth noch freundlicher und
Philipp mit der größten Aufmerksamkeit bedient.
Auf seinem Zimmer vertraute er dem Wirthe, in Paris als Offizier
bei der Garde gestanden, im Duell einen Kameraden niedergeschossen
und deswegen die Flucht ergriffen zu haben; er sei, außer diesem
Anzuge, ohne Kleider und ohne Wäsche, jedoch hinlänglich mit Gelde
versehen, um reichlich zu bezahlen, wenn ihm nur das Nöthige schnell
beigeschafft werde. Schon in einer Stunde sah sich Philipp im Besitze
eines ganz neuen, vollständigen Anzuges und feiner Leibwäsche, auch,
unter dem Namen Mengstein, mit einem Passe nach Brüssel versehen, den
ihm der Wirth durch seine geheime Verbindung mit einem geldfeilen
Sicherheitsbeamten verschafft hatte.
Alles dieses nahm eine bedeutende Summe in Anspruch, die aber für
Philipp nur eine Kleinigkeit war.
Von seinem Raube bei der Wittwe Lehmann hatte er blos das Silbergeräthe
an Blondell abgeliefert, gegen welchen er die Entwendung der Diamanten,
Uhren und Goldmünzen verheimlichte und dessen Begierde darnach immer
durch Verheißungen zu beschwichtigen wußte.
Er kannte sein Leben und die Gesetze zur Genüge, um zu wissen, daß
er keine Stunde sicher sei, von der Hand der Gerechtigkeit erfaßt zu
werden; er mußte jeden Augenblick einer schleunigen Flucht gewärtig und
daher im Besitze der Mittel sein, unverzüglich und in ein fernes Land
fliehen zu können. Daher trug er die geraubten Sachen immer bei sich,
theils in seinen Unterkleidern eingenäht, in einem Ledergurte, den er
um den bloßen Leib trug; nur einige der seltenen Goldmünzen hatte er,
mehrere Stunden von Straßburg und auf verschiedenen Plätzen gegen Gold
verwechselt, um sowohl für die gewohnte schwelgerische Lebensweise, als
auch für den Fall einer schnellen Flucht mit baarem Gelde versehen zu
sein.
Nur eine Nacht in Nancy zu bleiben, und dann nach den Niederlanden
zu eilen, war Philipps Entschluß, der aber an einem heftigen Fieber
scheiterte, welches ihn eine Stunde vor seiner Abreise so plötzlich und
mit solcher Gewalt ergriff, daß er ihm erliegen zu müssen befürchtete.
Beinahe einen vollen Monat mußte er ärztliche Hülfe gebrauchen, und
dann noch aus Mangel an Kräften zwei Wochen zur Erholung in dieser
Schenke weilen.
Josephine, des Wirthes Stieftochter, ein schönes, sanftes, stilles
Mädchen, pflegte des Kranken mit der liebevollsten Sorgfalt. Sie
wachte, während des gefährlichsten Zustandes, ganze Nächte an seinem
Lager, und als Philipp wieder fähig war, seine sorgliche Pflegerin
genauer zu beobachten, überzeugte er sich mit einem recht angenehmen
Gefühle immer mehr, daß diese Sorge um ihn, der thränenreiche Schmerz
bei seinen Leiden, die herzliche Freude über seine herannahende
Genesung, die innigen Blicke, mit denen ihr blaues, sanftes Auge stets
auf ihm ruhete, das Zittern ihrer Hand, wenn er sie in die seinige
schloß, und die Thränen, die, so oft er von seiner Abreise sprach, über
die erbleichenden Wangen flossen, aus einem warmen, liebenden Herzen
kamen.
Auch er fühlte von Stunde zu Stunde eine heißere Neigung für die
schöne, sanfte, liebende Josephine. Philipp hatte die Blüthen seiner
Unschuld in den Armen lüderlicher Dirnen abgestreift; aber er hatte
noch nie geliebt. Josephinens keusche, schweigende Liebe goß auch in
seine Brust dieses himmlische Gefühl, und eine bessere, immer lauter
werdende Stimme sagte ihm, daß nicht Sinnlichkeit, sondern eine
tugendhafte, innige Neigung zu einem unentweihten Wesen des Lebens
höchstes Glück sei.
Er gestand Josephinen die Gefühle seines Herzens. Mit einem süßen
Erröthen sank sie an seine Brust und das Geständniß ihrer heißen,
treuen Liebe floß über die keusche Lippe der holden Jungfrau.
Die Liebe that Wunder. Philipp, von zarter Jugend an durch schlechte
Erziehung, durch die Verführung und die verderblichen Beispiele
eines lasterhaften Blondell, durch eigene, immer mehr erwachsende
Neigung zum Bösen, schon in der Blüthe des Lebens ein Bösewicht, ein
Verbrecher, ein höchst gefährlicher Mensch, begann nun, so oft er von
Josephinens frommen, seelenvollen Augen hinweg einen Blick auf seine
Vergangenheit warf, immer mehr vor sich selbst zurück zu schaudern.
Er fluchte der Vergangenheit, er gab sich mit heiß bereuendem Gemüthe
den tugendhaftesten Vorsätzen hin; er wankte am ersten Tage, da er
das Krankenlager verlassen konnte, an Josephinens Arm in die Kirche,
und der Verbrecher, der seit seinen Schülerjahren nie das Haus
des Herrn besucht, nie an Gott gedacht hatte, betete nun mit der
tiefsten Inbrunst, und strömende Thränen verbürgten die Innigkeit
seines Gebetes, seiner Reue, seiner frommen Entschlüsse. Mit noch nie
gefühlter Ruhe seines Innern verließ er das Gotteshaus.
Je näher der Tag seiner Abreise heranrückte, desto schwermüthiger wurde
Josephine. Laut weinend und heftig zitternd warf sie sich oft in seine
Arme. Auch Philipp war bei dem Gedanken der Trennung von Josephinen
außer sich; er fühlte ohne ihren Besitz nie glücklich werden zu können.
Doch ward ihm immer klarer, daß nicht nur der Schmerz über das nahe
Scheiden, sondern auch ein schwerdrückendes Geheimniß Josephinen so
untröstlich, und das sanfte, stille Mädchen oft wie zur wüthenden
Wahnsinnigen machte.
Dies war immer der Fall, so oft in ihrer Gegenwart der Wirth in
Philipps Stube trat. Da erbleichte sie, hörbar schlugen ihre Zähne
zusammen, gräßlich starrte sie nach dem Stiefvater hin, und schon
einigemal hatte sie ein scharfes Messer gefaßt, mit einer Heftigkeit,
mit so wilden, drohenden Geberden, die Philipp befürchten ließen, jeden
Augenblick in ihr eine Mörderin zu sehen.
Aus diesem furchtbaren Hasse gegen den Stiefvater ahnte Philipp ein
schreckliches Geheimniß; auch bemerkte er seit dem Tage seines ersten
Ausganges, daß, sobald Josephine nur einige Augenblicke bei ihm war,
der Stiefvater oder die Mutter, oder eine alte Base unter irgend einem
Vorwande eintraten; er rechnete diese Störung des Vaters oder der Base
blos einer tugendhaften Sorge für die Unschuld Josephinens zu.
In der letzten Nacht vor Philipps Abreise öffnete sich leise die Thüre.
Josephine schlich auf Socken an sein Bett, drückte ihm ein Billet in
die Hand, einen langen, heißen Kuß auf den Mund, und schlüpfte aus dem
Gemache. Philipp konnte den anbrechenden Tag nicht erwarten, er mußte
gleich mit dem Inhalte dieses Billets bekannt werden. Eilig schlug er
sich Licht an und las:
„Bei meiner heißen Liebe zu Dir, bei der Erhaltung Deines Lebens
beschwöre ich Dich, nicht auf der von Dir hier so oft besprochenen
Straße nach Brüssel zu gehen. Auf dieser Straße, im Walde von Sarlin,
lauert man Dir auf, um Dich zu tödten und auszurauben. Diese Schenke
ist die Herberge eines Raubgesindels, und mein verbrecherischer
Stiefvater das Oberhaupt. Er hat in den Stunden Deiner Krankheit, wo
Du ohne Besinnung lagst, Deine geheim bewahrten Schätze aufgespürt.
Dich im Hause zu morden, wagt man nicht; Dein Tod ist im nächsten
Walde an der Landstraße beschlossen. Um Gottes Willen, gehe nicht auf
diesem Wege nach Brüssel, sondern auf dem entgegengesetzten. Würde ich
entdeckt, die Geheimnisse dieses Hauses verrathen zu haben, so wäre
grausamer Tod mein Loos. Auch ich fliehe, um nicht länger im Kreise
dieser Unmenschen leben zu müssen. Schreibe vor Deiner Abreise nur
den Namen des Ortes, wo Du Dich einige Zeit aufhalten wirst, auf ein
Stückchen Papier und verbirg dieses im Strohe Deines Bettes. Nach
einigen Tagen folge ich Dir, um mich nie wieder von Dir zu trennen.
Ein Vermögen von 5000 Livres, welches ich von meiner Tante durch ein
geheimes Vermächtniß erhalten habe, wird für den Anfang genügen, und
Gottes Segen, Fleiß und Redlichkeit unsere Tage beglücken. Lebe wohl
und vergiß nie, daß ich nur für Dich lebe. Der Himmel schütze Dich.“ --