Lange Zeit war schon die Zeit dahin, in deren Laufe Philipp auf

Josephinens Ankunft hoffen durfte. Mit der heißesten Sehnsucht

verlangte er nach ihr. Nur das holde Bild dieser reizenden, sittigen

Jungfrau umschwebte ihn. Er liebte sie mit der heißesten Liebe, er

ehrte in ihr seinen guten Engel, der ihn vom Rande des zeitlichen und

ewigen Verderbens mit milder Hand hinweggeführt, der ihm die heilige,

beglückende Pforte des Guten geöffnet und alle Segnungen der Tugend und

des Friedens in seine Brust gelegt hatte.

In sich versunken, das Herz voll Trauer und Wehmuth und Sehnsucht,

lehnte er eines Abends am Eingange des Gouvernement-Palastes, und

blickte mit süß-schmerzlicher Erinnerung einem vorübergehenden Mädchen

nach, das einige Aehnlichkeit mit Josephinen hatte, als er seine Hand

sanft ergriffen fühlte.

Er blickte auf, und neben ihm stand ein schlanker, hochgewachsener

Knabe, mit sonnengebräuntem Gesichte, der ihn aus den schönen, blauen

Augen recht freundlich anlächelte. Philipp beschaute den Knaben, der

ihn gestört hatte in seinen Gedanken an Josephinen, mit zürnendem

Blicke und fragte unwillig nach dessen Begehren.

„Kennst Du denn Deine Josephine nicht mehr?“ lächelte der Knabe ihm zu,

und drückte sanft seine Hand.

Das war Josephinens Stimme, es war der freundliche Blick ihres

seelenvollen Auges; das war ihre schwarze Lockenfülle, die den

schöngeformten Kopf umfloß. Aber diese dunkle Farbe des sonst in den

reinsten Alpenschnee und in Rosenblüthen getauchten Gesichtes? -- Diese

männliche Kleidung? Wäre es möglich? -- Sein Herz sagte ihm, das

Josephine ihm nahe sei, und er schrie laut auf vor Entzücken, als der

Knabe ihn tiefer in die Vorhalle des Palastes führte, an seine Brust

sank und ihn nochmals fragte: „Kennst Du Deine Josephine nicht?“

Der glückliche Philipp führte die Geliebte auf ihren Wunsch in einen

Gasthof. Da sie aber durch die fast ununterbrochene Reise, auf der sie

sich kaum einige Stunden Ruhe vergönnt hatte, noch so angegriffen war,

so bat sie Philipp, ihr einige Stunden Ruhe zu gönnen und am andern

Tage sie wieder zu besuchen, wo sie ihm dann ihre Schicksale seit ihrer

Trennung erzählen wollte.

Schon am andern Morgen flog voll Sehnsucht Philipp zu der Geliebten.

In der niedlichsten Mädchenkleidung und mit dem frischen, blühenden

Gesichte, das von der dunkeln Uebertünchung, mit welcher Josephine, zur

größern Sicherheit ihrer Reize gegen lüsterne Zudringlichkeit, Gesicht,

Hals und Hände gefärbt hatte, nicht mehr entstellt wurde, eilte sie

dem eintretenden Philipp mit offenen Armen entgegen. Sie feierten ihr

Wiedersehen mit aller Innigkeit einer tugendhaften Liebe, und als die

ersten Wallungen ihrer liebenden Herzen in sanfter Ruhe sich aufzulösen

begannen, wurde in beiden das Verlangen nach gegenseitiger Mittheilung

rege.

Josephine erzählte:

„Ob mein Stiefvater unsere Gespräche belauscht, oder ob ihm meine

Schwermuth nach Deiner Abreise das Geheimniß meiner Liebe verrathen

hatte, kann ich nicht bestimmen. Daß er aber die feste Ueberzeugung

nährte, Dein heimliches Entweichen aus dem Gasthofe zu Montfort und

das Mißlingen seines Mordanschlages einem Winke von mir zurechnen zu

dürfen, davon belehrte mich seine harte, oft grausame Behandlung von

der Stunde an, wo der Knecht, sein Vermittler, mit der leeren Chaise

und der Nachricht von Deinem Verschwinden zurückkehrte. Durch eine

Thürspalte war ich Zeuge, wie der Stiefvater Deinen kleinen Koffer

erbrach, mit Hast nach Deinem Gelde suchte, und bei seinen getäuschten

Erwartungen gräßlich fluchte.“

„So geheim viele Schandthaten an Reisenden von meinem Stiefvater und

seinen Raubgenossen ausgeübt wurden, so entgingen sie mir doch seit

Jahren nicht. Ich rettete Manchen, den sie schon als sichere Beute

betrachteten, durch glückliche Winke; es ist mir unbegreiflich, wie

so viele Verbrechen begangen werden konnten, ohne die Aufmerksamkeit

der Behörden, ohne selbst die der gewöhnlichen rechtlichen Gäste und

der Nachbarn zu erregen. An jedem Morgen erwachte ich mit dem festen

Entschlusse, zu entfliehen, aber ich wurde zu sehr beobachtet. Die

Befürchtung von meiner Flucht war so groß, daß ich nie ausgehen durfte,

außer in die Kirche, wo die alte Base, meines Stiefvaters innigste

Vertraute, sich immer dicht anschloß; selbst in jener Stunde, wo Du an

meinem Arme in das Gotteshaus gingst, war diese schreckliche Wächterin

nur einige Schritte hinter uns, und ihre Nähe allein verhinderte mich,

Dich schon damals in der Kirche auf die drohende Gefahr aufmerksam zu

machen.“

„Hatte ich vor der Bekanntschaft mit Dir schon mit dem größten Eifer

dahin gestrebt, aus diesem Lasterhause zu entfliehen, so war nach

Deiner Abreise mein Streben noch viel eifriger. Tage und Nächte

hindurch erschöpfte ich mich im Ersinnen eines Mittels zur Flucht,

stundenlang betete ich mit der heißesten Andacht zu Gott, und Gott

erhörte mein Gebet. Die Stunde der Rettung schlug.“ --

„Nach Deiner Abreise, fast immer in meinem Zimmer eingeschlossen, von

der grundbösen Base mit Handarbeiten überhäuft, und bei dem mindesten

Versehen auf’s Grausamste mißhandelt, mußte ich vor sechs Tagen so

viele Wäsche verfertigen, daß ich voraus wußte, die ganze Nacht

hindurch nähen zu müssen. Im Eifer der Arbeit entfiel mir der Fingerhut

und rollte unter einen hohen Wandschrank, der dicht an der Mauer stand.

Ich mußte mich ganz zu Boden strecken, um den weit hingerollten

Fingerhut hervorholen zu können. Die Hand glitt mir aus und ich stieß

an hölzernes Getäfel. Im Augenblicke kam mir der Gedanke, daß dieser

Wandschrank eine Thür verberge. Aber wie sollte ich schwaches Mädchen

diesen Riesenkasten zur Seite bringen? Ich versuchte es, und durch

Gottes Hilfe gelang es mir, eine Oeffnung zu gewinnen, durch die ich

mich an die Thüre drängen konnte. Die Thüre war verschlossen, und ich

trat in eine ganz dunkle Kammer. Schnell holte ich mein Licht, fand

die Kammer leer, aber eine aufwärts führende, schmale Treppe. Ich ließ

das Licht zurück, schlich die Treppe hinauf, kam über einen langen,

verbretterten Gang, und von diesem auf einen großen Getreideboden,

welchen ich gleich als das unbewohnte Hintergebäude unseres Hauses

erkannte.

„Die Hoffnung auf die Möglichkeit, hier einen Ausgang zu finden,

ermuthigte mich, meinen Weg fortzusetzen. Der Mond, dessen Strahlen

durch die Fensteröffnungen und das zerrissene Dach drangen, ließ mich

eine Treppe finden. Leise stieg ich hinab, immer tiefer, bis ich

in ein zu ebener Erde gelegenes Gewölbe kam, das durch Eisengitter

und eine Eisenthüre nach außen verwahrt war. -- Ich stand am Grabe

meiner Hoffnungen, denn Gitter und Thüre spotteten meiner Flucht. In

der Verzweiflung faßte ich unwillkürlich ein Gitter und rüttelte

mit aller Kraft daran, und siehe: die morschen Stangen brachen. Ich

schwang mich durch die Oeffnung, und stand bald auf der Gasse, es war

grade um Mitternacht. Glücklich gelangte ich aus Nancy bis zu meiner

Amme in das Dörfchen Ribont, die mir seit dem Tode meiner Tante mein

geheimes Erbtheil aufbewahrt. Sie kleidete sich rasch an, und eilte mit

mir fort. Als der Tag anbrach, sammelte sie auf einer Wiese Kräuter,

drückte den Saft aus, und überstrich mir Gesicht, Hals und Hände.

Der Spiegel des nächsten Baches zeigte mir meine Umwandlung in einen

schwarzbraunen Buben.

„Glücklich erreichten wir Resiers, wo meine Amme einen wackern

Bruder hat, dem sie mich übergab. Ich mußte einige Stunden ruhen und

Erfrischungen nehmen, dann fuhr er selbst mich mit seinen Pferden

nach Verdun. Hier erhielt ich von der treuen Seele mein Vermögen und

die Kleider ihres vor einem Jahre verstorbenen Sohnes und wurde jene

Umwandlung mit mir vorgefunden, in der Du mich fandest, als ich hierher

kam.

Von Verdun aus fuhr ich mit Postpferden bis hierher, und die Furcht,

von meinem unmenschlichen Stiefvater verfolgt zu werden, ließ mir

unterwegs keine Ruhe und Rast.“

Philipp war überaus glücklich über die Rettung der Geliebten, mit

einem unbeschreiblich süßen Gefühle hatte er Josephinens Erzählung

gehört. Der Gedanke, das Wesen seiner heißesten Liebe in seinen Armen

zu haben, und dem seligen Augenblicke entgegen sehen zu dürfen, mit

diesem süßen Wesen bald auf immer vereint zu sein, erfüllte sein Herz

mit dem höchsten Entzücken. Unter zärtlichen Küssen und mit Freude

strahlenden Augen erzählte er nun seine Schicksale. Es drängte ihn,

Josephinen recht bald ganz die Seine nennen zu können, und stellte sie

deshalb seinem Herrn, dem Gouverneur, vor, den er inständigst um seine

Unterstützung zur Erwirkung der gerichtlichen Erlaubniß, mit Josephinen

verbunden zu werden, bat. Zugleich überzeugte er diesen, daß Josephine

ein baares Vermögen von 5000 Livres und er 200 Ducaten besitze. Der

Gouverneur sicherte seine Verwendung zu und in Kurzem waren Beide

getraut.

LI.

Der Aufenthalt in Polen und Philipps erster Mord.

O ich fühl’ es, dieses Weib,

Wenn ihr sie schnell nicht meinem Blick entzieht,

Ruft Sünd’ in’s Dasein, außerordentlich,

Wie ihre Schönheit; einzig, wie sie selbst.

~Friedr. Hebbel.~

Drei Jahre hatte Philipp in Brüssel gelebt. Es waren die schönsten,

die seligsten Tage seines Lebens. Durch strenge Pflichterfüllung,

durch einen unbescholtenen Wandel hatte er sich Vertrauen und Achtung

erworben, und seine und Josephinens Liebe war so innig, und ihre Herzen

fühlten sich in einem so reinen, ununterbrochenen Genusse des innern

Friedens und der häuslichen Glückseligkeit, daß sie gar keine andern

Wünsche kannten, als daß es immer so bleiben möchte.

Jetzt starb der Gouverneur Graf von Hillmer. Sein Neffe und Erbe, ein

junger Wüstling, der in Paris, in London, in Wien sein Geld und sein

Leben verschwelgte, flog, auf die Nachricht von seines Oheims Tode,

aus Wien herbei, nahm die reiche Erbschaft in Empfang, verkaufte alle

Einrichtung, Pferde und Wagen, lohnte die Dienerschaft ab, und eilte

mit seinem, beinahe unermeßlichen Vermögen dahin, wo sich ihm die

reichsten und mannigfaltigsten Genüsse boten.

Philipp hatte sein und seiner Josephine Vermögen im Laufe dieser Zeit,

wo sich durch den Pferdehandel viel gewinnen ließ sehr vermehrt.

Philipp verstand dieses Geschäft. In zwei Jahren hatte er sein

Capital verdoppelt, und in den drei folgenden durch Unglücksfälle,

betrügerische Lieferanten, durch die Entweichung seines Hauptgläubigers

und durch ein schnell ausgebrochenes, furchtbar um sich greifendes

Feuer, welches die schönsten und theuersten seiner Pferde vernichtete,

kaum mehr so viel im Vermögen, um mit Josephinen einige Monate hindurch

ohne Nahrungssorgen leben zu können.

Grade in dieser Zeit hielt sich zu Brüssel der Graf Wiczenik,

ein reicher Pole, auf, der seine vielen Güter in der Gegend von

Pyzdey hatte. Er lernte Philipp kennen, überzeugte sich von seinen

Kenntnissen, und trug ihm eine Stallmeisterstelle mit einem sehr

beträchtlichem Gehalte an. Freudig ging Philipp in den Antrag ein

und sah dem Wiedergewinn seines verlornen Vermögens mit Zuversicht

entgegen, da ihm der Graf seine bedeutende jährliche Lieferung von

Remonten für die preußische leichte Reiterei gegen eine sehr mäßige

Pacht überließ.

Auch in Polens Steppen, auf dem prachtvollen, aber sehr einsam

gelegenen Schlosse des Grafen lebten Philipp und Josephine wieder so

glücklich, wie sie in Brüssel gelebt hatten.

Drei Monate lebte Philipp an der Seite seiner Gattin und in seinem

neuen Berufe auf dem gräflichen Schlosse recht froh und glücklich.

Nach und nach aber wurde Josephine betrübt und Philipp fand sie oft

mit verweinten Augen. Vergeblich bat er, ihm ihren geheimen Kummer zu

entdecken, sie erklärte dies für Heimweh nach ihrem Vaterlande und für

Launen, über die sie sich keine Rechenschaft geben könnte. In dieser

Zeit übergab ihm der Graf die Oberleitung seiner beiden Gestüte,

welcher neue Beruf seine Zeit so in Anspruch nahm, durch vieles Hin-

und Herreisen, daß er oft viele Tage und Wochen lang seine Josephine

nicht zu sehen bekam. Ihr immer zunehmend seltsames verschlossenes

und trauriges Wesen fiel ihm aber immer mehr auf und er gewann die

Ueberzeugung, daß ein tiefer, geheimer Schmerz mit scharfem Zahne an

den Fäden ihres Lebens nage. Da warf er sich vor ihr nieder und flehte

sie an mit der ganzen Gewalt seiner heißen Liebe, ihm ihr Geheimniß

zu erschließen. Nun vermochte Josephine nicht länger zu schweigen.

Mit erlöschenden Blicken vertraute sie ihm, daß Graf Wiczenik ihr

schon seit längerer Zeit entehrende Anträge mache, ja, daß er sich

erfrecht habe, sie einst in sehr früher Morgenstunde in ihrem Bette

zu überfallen, und es ihr nur geglückt sei, durch den kräftigsten

Widerstand und durch die Erscheinung der Mägde, die ihr heftiges

Geschrei um Hilfe herbei geführt habe, sich seinem wüthendem Anfalle zu

entreißen.

Starr vor Entsetzen hatte Philipp Josephinens Klage gehört; es ward

ihm jetzt klar, warum ihn der Graf so sehr mit Geschäften überhäufe --

daß es geschehe, um den lästigen Gatten zu entfernen. Sein Entsetzen

ward zum furchtbaren Zorn; er riß eine Pistole von der Wand, um den

Lüstling, der seine Ehre schänden, seine und des edelsten Weibes

Lebensruhe auf immer zerstören wollte, niederzuschießen.

In diesem verhängnißvollen Augenblicke trat der Graf in das Zimmer.

Josephine bebte vor Entsetzen zurück.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Der erste Mord.]

„Elender Wollüstling!“ brüllte der rasende Philipp, und, von seinem

Schusse getroffen, stürzte der Graf wimmernd zur Erde.[37] --

[37] Hierzu die Abbildung im 4. Heft. „Der erste Mord.“

Der Schuß rief die gesammte Dienerschaft zusammen. Beim Anblicke

des bluttriefenden, hingestreckten Gebieters bebten sie zurück in

unthätiger Erstarrung; sie erriethen schnell, was da geschehen;

Philipps todtbleiches Gesicht, das wild-glasige Auge, die losgebrannte

Pistole in der schlaff herabhängenden, zitternden Hand, sprachen die

That klar aus.

„Bringt mich aus dieser Mordhöhle und jenen in des Thurmes tiefsten

Kerker!“ -- stöhnte der Graf seinen Dienern zu.

Auf sanften, sorglichen Händen wurde er in das Schloß getragen, Philipp

in das grauenvollste Gefängniß des Thurmes geschleppt und mit schwerer

Kette an einem Mauerringe angeschlossen.

Philipp erwartete in seinem Kerker nichts zu wissen als den Tod. Da

öffnete sich nach mehreren Wochen zur ungewöhnlichen Stunde eines

Abends seine Kerkerthüre. Nicht der Wärter, sondern ein Mann von

riesiger Gestalt und furchtbarem Aussehen trat mit einer brennenden

Fackel in das Gefängniß, löste Philipps Fessel, vertauschte dessen

beinahe vermodertes Gewand mit einem reinlichen Anzuge, verband ihm die

Augen, drohte mit dem Tode beim ersten Laute, und führte ihn ins Freie.

Ein gellender Pfiff, und ein Wagen rollte flüchtig daher.

Philipp wurde hineingehoben, und im scharfen Trabe ging es dahin.

Am zweiten Morgen erreichte Philipp auf diese seltsame Weise die

schlesische Grenze. Philipp mußte hier aussteigen. Man gab ihm einen

Beutel mit Geld und die Warnung, wenn ihm sein Leben lieb sei, nie

mehr die Grenze von Polen zu betreten. Schnell wandte der Wagen um

und rollte zurück. Bald war er den Augen des nachstarrenden Philipps

entschwunden.

In dem Geldbeutel schimmerte ihm ein Zettel entgegen, worauf er

Josephinens Schriftzüge entdeckte. Diese schrieb:

„Der Graf war nur leicht verwundet, aber schon im Augenblicke seines

Falles Dein Tod beschlossen.

Ich habe Dich gerettet, ich habe meine Tugend, meine Seligkeit, mein

Leben für Deine Freiheit hingegeben. In dem Augenblicke, als man

Deine Fesseln löste, ward ich das verzweifelnde Opfer der wildesten

Sinnlichkeit. Wenn diese Zeilen in Deiner Hand sind, habe ich bereits

vollendet. Der Dolch ist geschliffen, die Hand zuckt nach ihm. Lebe

wohl, vergieb meinem Mörder, und bete für Deine Josephine.“ --

Mit einem schrecklichen Gefühle hatte Philipp Josephinens Worte

gelesen; es war das Gefühl des heftigsten Schmerzes. Aber der Schmerz

wurde immer gewaltsamer hinweggestoßen von der Wuth der Verzweiflung.

Rasend sprang Philipp auf, warf sich auf die Kniee und schwur mit

brüllender Stimme den gräßlichen Eid: „von diesem Augenblicke an nur

dem furchtbarsten Hasse gegen die Menschheit anzugehören, und die

versengende Glut dieses Hasses und der Rachsucht in den Thränen der

Beraubten, in dem Blute der Ermordeten zu kühlen.“

Was Philipp Schönknecht geschworen, hat Lips Tullian schauderhaft

erfüllt.

LII.

Lips Tullians Befreiung.

So folge mir zur Freiheit und zum Leben --

Beginn es neu an meiner Hand.

Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben,

Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!

. . .

Wir kehren zurück in das Gefängniß, wo ganz unvermuthet Josephine ihrem

Philipp erschien[38].

[38] _pag._ 338.

Josephine öffnete ein Fläschchen, rieb Philipps Schläfe, flößte ihm

einige Tropfen ein, und bald kehrte das Bewußtsein zurück.

„Fasse Dich. Ich bin Josephine, Dein treues Weib, das gekommen ist,

Dich zu retten. Laß uns von dannen eilen!“ -- flüsterte sie dem

Zitternden zu, der seine Sinne noch nicht ganz gesammelt und noch nicht

klar aufgefaßt hatte, was da geschehe. Josephine wiederholte ihre

Worte, sie beschwor ihn, keinen Augenblick zu versäumen; mit kräftiger

Hand zog sie ihn von der Erde empor, und als der Morgen anbrach, waren

beide schon viele Meilen vom gräflichen Schlosse entfernt und eine

Gebirgsschlucht, von himmelhohen Tannen dicht umgürtet, gab für den

ersten Augenblick den Flüchtigen eine sichere Freistätte.

Von Josephinen erfuhr er über ihre Schicksale seit seiner gewaltsamen

Entführung aus dem gräflichen Schlosse in Polen Folgendes:

Nachdem die Dienerschaft den Grafen Philipp in den Kerker abgeführt

hatte, ließ der Gerichtsbeamte Josephine in ihrem Hause streng bewachen.

Schon nach einigen Stunden herrschte wieder laute Freude in dem

Schlosse; der Arzt hatte den Ausspruch gethan, des Grafen Wunde sei

nicht tödtlich, selbst nicht gefährlich, und nach einigen Tagen die

vollkommene Genesung mit Zuversicht zu erwarten.

Die Verwundung war nicht mächtig genug, in dem strömenden Blute die

Flamme der Begierde nach Josephinens Besitz zu vernichten. Kaum hatte

der Graf das Krankenlager verlassen, als sein Erstes war, Josephinens

Wache zu entfernen, und zu ihr zu gehen. Er fand sie sehr leidend, kaum

kräftig genug, ihm entgegen zu wanken, zu seinen Füßen niederzusinken

und um Gnade für ihren Gatten zu flehen.

Rasch hob der Graf die Knieende empor, trug sie unter den süßesten

Schmeichelworten auf das Sopha, setzte sich an ihre Seite, und bot

nun alle Macht der Beredtsamkeit, alle Künste der Verführung auf, sie

für seine Wünsche geneigt zu machen. Er überreichte ihr eine Urkunde,

worin Josephine als die Herrin einer beträchtlichen Besitzung erklärt

wurde, und betheuerte mit einem feierlichen Schwure, Philipp aus dem

Gefängnisse zu entlassen und mit einer sehr reichen Summe nach dessen

Vaterlande zu senden, wenn sie nur einige Jahre mit ihm als seine

vertrauteste Freundin leben wolle. Die edle tugendhafte Frau wies jedes

Geschenk, jede noch so lockende Zusicherung mit strengem Ernste zurück;

sie flehte nur um die einzige Gnade, sie mit Philipp ohne alle Habe im

allerdürftigsten Zustande dahin ziehen zu lassen, da sie an der Seite

des geliebten Gatten das erbettelte Brod freudiger genieße, als die

leckersten Gerichte im verbrecherischen Wohlleben.

Vom Widerstande noch mehr entflammt, entschloß sich der Graf, seinen

Gerichtsbeamten, den er als einen höchst schlauen Menschen kannte,

in das Vertrauen zu ziehen, und diesen für sich handeln zu lassen.

Sogleich nachdem dies geschehen war, wurde Josephine aus ihrer

freundlichen Wohnung in ein dunkles, schauerlich einsames Gefängniß

geführt, wo sie nur eine Strohschütte, und Wasser und Brod fand.

Sie wurde vor den Gerichtsbeamten zum Verhöre geführt, und schon nach

dem dritten erklärte ihr der rauhe Richter mit zermalmender Kälte, daß

der Tod durch Henkershand das Loos ihres Gatten, jahrelanges, hartes

Gefängniß das ihrige sei, und nur Leben und Freiheit in der Hand des

gebietenden Grafen ruhe.

Vom tiefsten Schmerze ergriffen, von Leiden gefoltert, die ihre

zerfleischte Seele zu gewaltig niederdrückten, lag Josephine auf ihrer

Strohschütte, die Hände wund ringend, durch keine lindernde Thräne aus

dem erlöschenden Auge erquickt, da öffnete sich zur ungewöhnlichen

Stunde ihre Kerkerthüre, der Wächter trat ein, brachte einen Korb mit

reiner Wäsche und bat Josephinen mit freundlichen Worten, sich dieser

Wäsche zu bedienen und seiner baldigen Rückkehr zu harren. Es war

das erste Wort, das Josephine aus dem Munde ihres gefühllos-stummen

Wächters hörte; zum ersten Male seit ihrer Verhaftung empfing sie

reine Wäsche. Unter sanftem Weinen kleidete sie sich um, und ein ganz

besonderes Gefühl bewegte ihr Inneres, als der rückkehrende Wächter sie

mit freundlichem Lächeln einlud, ihm zu folgen.

Ueber den langen, gewölbten Gang hin wankte sie an seiner Seite

in ein helles, reinliches, mit Geräthen für die Bequemlichkeit

wohleingerichtetes Gemach. Von einem kleinen Tischchen am hohen

Bogenfenster winkten ihr feine Gerichte und ein Krystallbecher mit Wein

entgegen. Auf die Bitte des Wächters erquickte sie sich mit Speise und

Trank, und in diesem Augenblicke über die zu heftigen Anforderungen

der Natur ihre Lage vergessend, seit so vielen Tagen, bei fast

ungenießbarem Brod und übelriechendem Wasser, fast dem Verschmachten

nahe, würde sie Mahl und Wein mit Heißhunger verschlungen haben, wäre

nicht gerade, als sie am Tischchen sich niederließ, der Gerichtsbeamte

eingetreten, und seine Aufmerksamkeit dahin gerichtet gewesen, die

Entkräftete nur mäßig und in kleinen Zwischenräumen die lang entbehrte

Erquickung genießen zu lassen.

Der Gerichtsbeamte tröstete sie und machte ihr für ihre und ihres

Gatten baldige Begnadigung die süßesten Hoffnungen; aber schon

am andern Tage rückte derselbe mit seinen schimpflichen Anträgen

deutlicher heraus.

Mit Abscheu bebte die Tugendhafte vor dem Kuppler des lüsternen

Gebietes zurück, doch schauderte sie zusammen, als der Gerichtsbeamte

aus dem Tone der feinsten Schmeichelei in den einer kalten Härte

überging, ihr schonungslos eine Bedenkzeit nur bis zum folgenden Tag

zugestand und im Falle ihrer hartnäckigen Weigerung, die Rückkehr in

eine vieljährige Gefangenschaft bei Wasser und Brod, ein gräßliches

Leben bei Grabesstille, auf faulendem Stroh, in Gesellschaft von Unken

und Gewürme, ankündigte.

Der Morgen erschien, und mit ihm der Gerichtsbeamte. Josephine hatte

die ganze Nacht hindurch gebetet, und im Gebete sich neue Kraft zum

Kampfe für Tugend und Reinheit erholt. Als der Gerichtsbeamte in das

Gemach trat, erklärte sie ihm mit aller Würde ihrer tugendhaften Seele,

bereit zu sein in ihr Gefängniß zurück zu kehren. Schweigend hatte sie

der Beamte angehört. Auf einen Wink folgte sie ihm in einen fernen,

fast nächtlich dunkeln, grauenvollen Kerker. -- „Dieses sei von nun an

deine Wohnung, und ein Blick durch jenes Fenster überzeuge Dich, mit

der Ruhestätte Deines Mannes in recht nachbarlichem Verein zu leben!“

-- sprach der Gerichtsbeamte mit eisiger Kälte und führte sie an das

kleine, dicht vergitterte Fenster des Gefängnisses. Ein Blick durch das

Gitter, und Josephine sank mit einem gräßlichen Schrei in die Arme des

Gerichtsbeamten, und kreischte mit dem gellenden Laute des Wahnsinns:

„Für sein Leben gebe ich mich dem Grafen hin!“ Bewußtlos wurde sie

hinweggetragen.

In dem engen Hofraume vor dem Gitterfenster stand ein Mann von

gräßlicher Gestalt, die Arme nackt bis an die Schultern, ein blinkendes

Beil schwingend über Philipps Haupt, welches von einem Henkerknechte

auf einen Block niedergedrückt wurde; nahe an dem Blocke war ein

offenes Grab.

Das hatte Josephine gesehen, und den Knieenden, der einer von des

Grafen Leuten und zu diesem grausamen Trugspiele in Philipps Kleidung

vermummt war, für ihren zum nahen Tode bestimmten Gatten gehalten.

Josephine bestätigte nach Rückkehr ihrer Sinne, was sie in dem

schauderhaftesten Momente ihres Lebens gelobt hatte. Ihr wurde dagegen

Philipps Freiheit, seine Entfernung aus Polen und eine reiche Schenkung

für ihn zugesichert. Der Gerichtsbeamte zeigte ihr die Summe, die für

Philipp bestimmt war, und sie hatte Gewandtheit genug, jenen Zettel an

Philipp dem Golde unbemerkt beizufügen. --

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 19 / 20 段